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Poonal Nr. 799
Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes
lateinamerikanischer Agenturen vom 29. April 2008
INHALT
HONDURAS
Dreifacher Mord an GewerkschafterInnen
KOLUMBIEN
Festnahme des Cousins des Präsidenten wegen Kontakten zu Paramilitärs
PERU
Ollanta Humala prangert US-Militärpräsenz im Land an
BRASILIEN
Aktionstage stärken Kampf um Agrarreform
Proteste gegen Konrad-Adenauer-Stiftung
PARAGUAY
Historischer Machtwechsel
Sojakrieg: Drei Kugeln für einen Bauernführer
HONDURAS
Dreifacher Mord an GewerkschafterInnen
Von Torge Löding
(San José, 24. April 2008, voces nuestras).- Unbekannte haben in der
Nacht des 22. April die bekannte honduranische Gewerkschafterin
Altagracia Fuentes und ihre beiden Begleiter ermordet. Die 60jährige
bekleidete unter anderem die Funktion der Generalsekretärin des
mitgliederstärktsten Gewerkschaftsverbands CTH von Honduras.
Um 23:30 Uhr war sie am 22. April mit ihrem Fahrer Juan Bautista
Aceituno und ihrer Kollegin Yolanda Virginia Sánchez von der
Lehrergewerkschaft auf der Landstraße zwischen der Industriemetropole
San Pedro Sula und dem Ort El progreso Yoro unterwegs gewesen, als ein
anderes Fahrzeug sie von hinten rammte und deren Insassen das Feuer aus
AK-47-Schnellfeuergewehren eröffneten. Sechs Insassen eines zufällig
vorbeifahrenden Wagens erlitten Verletzungen. Offenbar handelte es sich
um einen Auftragsmord, denn die persönliche Habe von Fuentes - darunter
mehr als 1000 US-Dollar Bargeld - wurde nicht angerührt, wie die
alternative Nachrichtenagentur COMUN meldet.
Fuentes kümmerte sich vor allem um den Aufbau von
Gewerkschaftsstrukturen in Billiglohn-Zuliefererfabriken, sogenannten
Maquiladoras, in San Pedro Sula,. Eine schwierige Arbeit unter größtem
Druck, von den 240 Maquilas im Großraum San Pedro Sula besitzen nur 15
eine Gewerkschaft. In Zusammenhang mit dieser Arbeit hatte Altagracia
Fuentes bereits mehrere Morddrohungen erhalten.
Vor 14 Tagen hatte die Regierung des Liberalen Manuel Zelaya Rosales
Hungerdemonstrationen, an denen in verschiedenen Städten des Landes
zehntausende Menschen teilgenommen hatten, darunter ArbeiterInnen
verschiedener Branchen, gewaltsam vom Militär niederschlagen lassen. Im
laufenden Jahr sind bereits 50 Frauen in Honduras ermordet worden, in
den vergangen fünf Jahren wurden mehr als 950 Opfer eines Gewaltdelikts.
KOLUMBIEN
Festnahme des Cousins des Präsidenten wegen Kontakten zu Paramilitärs
(Buenos Aires, 22. April 2008, púlsar).- Die Generalstaatsanwaltschaft
hat am Dienstag, den 22. April, die Festnahme von Mario Uribe Escobar,
Cousin des Präsidenten Álvaro Uribe Velez, angeordnet. Die
Justizbehörden untersuchen derzeit Mario Uribe Escobars Verbindungen zu
Führungskräften der paramilitärischen Vereinigten
Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens AUC (Autodefensas Unidas de
Colombia).
Der ehemalige Senator und Vorsitzende der Partei Demokratisches
Kolumbien PCD (Partido Colombia Democrática) wird beschuldigt, sich in
den Jahren 1998 und 2002 mit Anführern paramilitärischer Gruppen
getroffen zu haben, um in paramilitärischen Besitz befindliche
Ländereien sowie Wahlunterstützung in einzelnen Regionen zu erhalten.
Als Reaktion auf die gerichtliche Anordnung der Festnahme war Uribe
Escobar am Morgen des 22. April in die costaricanische Botschaft in
Bogotá geflüchtet, wo er politisches Asyl beantragte. Während die
Staatsanwaltschaft bekannt gab, dass die Anordnung zur Festnahme auch
nicht bei Zahlung einer Kaution ausgesetzt werden könne, versammelten
sich vor der Botschaft DemonstrantInnen, die gegen das Asylbegehren von
Uribe Escobar protestierten. Am Abend lehnte die costaricanische
Regierung das Asylgesuchen schließlich ab und der Ex-Senator wurde den
wartenden kolumbianischen Sicherheitskräften übergeben.
Mit dem Fall Uribe Escobar könnte die Zahl der wegen Verbindungen zum
Paramilitarismus verhafteten Ex-Parlamentarier auf 33 ansteigen.
Uribe Escobar hatte seinen Sitz im Senat im Oktober letzten Jahres wegen
den Untersuchungen der Generalstaatsanwaltschaft aufgeben müssen. Er ist
einer von insgesamt
63 Funktionären und ehemaligen Parlamentariern, gegen die wegen
Verbindungen zur AUC ermittelt wird. 54 von ihnen sind Mitglieder der
Regierungskoalition im Parlament, die den Präsidenten Uribe Velez
unterstützt. Dieser bekundete in einer kurzen Pressemitteilung seinen
"Schmerz" angesichts der Verhaftung seines Cousins.
PERU
Ollanta Humala prangert US-Militärpräsenz im Land an
(Buenos Aires, 22. April 2008, púlsar-poonal).- Ollanta Humala, der
Vorsitzende der oppositionellen Nationalistischen Partei Perus PNP
(Partido Nacionalista Peruano), hat vor der fortbestehenden Anwesenheit
von US-Militärkräften im Land gewarnt. Er wies darauf hin, dass die USA
recht bald anstreben würden, Zentren für militärische Operationen in
Peru einzurichten.
Seit einem Jahr bestehen im Andenland vereinfachte Regelungen für die
Anwesenheit ausländischer militärischer Kräfte. Der peruanische Kongress
kann sich zum Aufenthaltsbegehren ausländischer Militärangehöriger nur
noch äußern, wenn diese mit Bewaffnung ins Land einreisen wollen. Führen
die Angehörigen ausländischer Streitkräfte jedoch keine Waffen bei sich,
bedarf es lediglich einer ministeriellen Resolution.
Nach den Worten von Ollanta Humala stellt diese Situation eine weit
geöffnete Tür für das Ansinnen der USA dar, den Plan Colombia auf
weitere Gebiete des südamerikanischen Kontinentes auszudehnen. Humala
verwies darauf, dass das US-Militär strategische Punkte im peruanischen
Amazonasgebiet besetzen wolle. Zudem, so der Vorsitzende der PNP weiter,
wären die bestehenden gesetzlichen Regelungen über die Einreise
ausländischer Militärkräfte unbegrenzt gültig, womit in Peru eine
permanente Präsenz von Militärkräften anderer Nationen zugelassen würde.
Gestützt werden Humalas Aussagen zur US-Präsenz von der mexikanischen
Ökonomin Ana Esther Ceceña. Sie arbeitet mit in der Kampagne zur
Demilitarisierung der Amerikas CADA (Campaña por la Desmilitarización de
las Américas) und hatte bereits in der Vergangenheit darauf hingewiesen,
dass es den USA darauf ankommen werde, ihre Position und Präsenz in Peru
zu verstärken. Denn, so Ana Ceceña, ihre Militärsbasis am Panamakanal
hätten die USA bereits verloren, und die Basis im ecuadorianischen Manta
würden sie im kommenden Jahr verlieren. Es sei daher ein wesentliches
Ziel der Bush-Regierung, Perus Präsident Alan García als Verbündeten zu
gewinnen, um die Kontrolle über die Region aufrecht zu erhalten, so die
mexikanische Ökonomin.
Ende April gab es erste Zahlen zur Anwesenheit von US-Militärkräften in
Peru im laufenden Jahr. Der seit Dezember 2007 amtierende peruanische
Verteidigungsminister, Antero Flores-Aráoz, gab bekannt, dass sich bis
zum jetzigen Zeitpunkt 31 US-Militärangehörige im peruanischen
Amazonasgebiet aufgehalten hätten. Flores-Aráoz führte aus, dass der
peruanische Kongress bereits grünes Licht für die Anwesenheit von
bewaffneten US-Marine- und Landstreitkräften für den Juli des laufenden
Jahres auf der Militärbasis in Iquitos gegeben habe.
Zu Gast in Peru war unter anderem auch der Oberkommandierende des
Südkommandos der US-Streitkräfte, James Stavridis. Gegenüber der
peruanischen Tageszeitung La Primera vermied er letzte Woche eine
Aussage, ob Peru und die USA noch im Dezember des laufenden Jahres ein
gemeinsames Koordinationszentrum für den Anti-Drogenkampf einrichten
wollen. Stavridis sagte, sein Land wolle in Peru keine Militärbasis
einrichten, es gäbe diesbezüglich keine Unterhaltungen. Gemäß Stavridis
steht eine Verlagerung der Militärbasis in Manta nach El Salvador, nicht
jedoch nach Peru an.
Während sich James Stavridis dazu nicht äußern wollte, ist die
Einrichtung eines Koordinationszentrums für den Anti-Drogenkampf in Peru
für Ricardo Soberón, Forscher und Spezialist zur Drogenthematik am
niederländischen Transnational Institute (TNI), längst beschlossene
Sache. Soberón beruft sich auf Dokumente über die US-Strategie im
Anti-Drogenkampf aus diesem Jahr und auf Unterlagen des Südkommandos der
US-Streitkräfte, in denen davon gesprochen wird, Koordinationszentren
für den Anti-Drogenkampf zu installieren. Ricardo Soberón erwartet
zudem, dass die wegfallende US-Basis in Manta durch eine Basis in der
peruanischen Region Loreto - Hauptstadt der Region ist Iquitos - ersetzt
wird. Als einen wesentlichen Grund nennt er klare militär-strategische
US-Interessen: Eine Militärbasis in der Region Loreto sei mit Blick auf
die Regionen des Kontinentes, deren Politik den USA besonderes
Kopfzerbrechen bereiten - Venezuela, Bolivien und Ecuador -, strategisch
sehr günstig gelegen.
Unterdessen autorisierte am Donnerstag vergangener Woche
Verteidigungsminister Ántero Flores-Aráoz per ministerieller Resolution
den Zutritt für US-Militärpersonal bis zum 30. September 2008. Das
Personal der US-Streitkräfte wird unter anderem vier Hubschrauber vom
Typ Chinook begleiten und betreiben, die im Rahmen der gemeinsamen
binationalen Übung "Nuevos Horizontes 2008" in der Region Ayacucho zum
Einsatz kommen sollen. "Nuevos Horizontes" umfasst zivil-humanitäre
Aktivitäten des Südkommandos der US-Streitkräfte.
BRASILIEN
Aktionstage stärken Kampf um Agrarreform
(Rio de Janeiro, 24. April 2008, púlsar).- Nach einer Vielzahl von
Protestaktionen in 16 brasilianischen Bundesstaat vergangene Woche,
können die Landlosenbewegung MST und andere soziale Bewegungen die
Früchte der politischen Mobilisierung im Rahmen des "Roten Aprils" ernten.
Die Bundesregierung hat die Forderungen der AktivistInnen
entgegengenommen und einige Zusagen gemacht. Zum Beispiel versprach das
Ministerium für Stadtentwicklung, ein neues Programm zum Wohnungsbau in
ländlichen Gebieten ins Leben zu rufen. Das Ministerium räumte ein, dass
von den 160 Millionen Reais, die für diesen Zweck in 2007 vorgesehen
waren, lediglich 40 Millionen ausgegeben wurden.
Die Agrarreformbehörde INCRA ihrerseits sagte zu, im laufenden Jahr die
Ansiedlung von 100.000 Familien zu ermöglichen. Derzeit ist die
Ansiedlung von 150.000 Familien, die auf besetztem Land wohnen, die
wichtigste Forderung des MST im Kontext der Agrarreform.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Übereinstimmung zwischen den
Vorschlägen bezüglich eines Landwirtschaftsmodells der sozialen
Bewegungen und den Vorstellungen der UNO im Kontext von Lösungsansätzen
der momentanen Krise der Lebensmittelpreise. Laut eines Artikels des
Direktors des UN-Agrarprogramms FAO kann lediglich ein nachhaltiges
Agrarmodell die Nahrungsmittelsicherheit sichern. Jacques Diouf
verteidigt die "Etablierung von Strategien und Programmen, die eine
nachhaltige Agrarwirtschaft, ländliche Entwicklung und
Nahrungssicherheit fördern".
Nach Meinung des MST-Koordinators José Batista bietet die Bewegung
konkrete Lösungen an. "Wir haben einen konkreten Vorschlag bezüglich der
Krise der Preiserhöhung bei Lebensmitteln. Es gibt 150.000 landlose
Familien, die Land brauchen, um zu produzieren."
Einer der Gründe, der für die weltweite Inflation der Preise im Bereich
der Nahrungsmittel verantwortlich gemacht wird, ist das kapitalistische
Agrarexportmodell. Deren RepräsentantInnen wittern mittlerweile größere
Gewinnchancen in der Produktion von Agrotreibstoffen als in der von
Lebensmitteln.
BRASILIEN
Proteste gegen Konrad-Adenauer-Stiftung
(Rio de Janeiro, 23. April 2008, púlsar).- Die Einladung des
Verantwortlichen für das Massaker von Eldorado dos Carajás (siehe Poonal
Nr. 789) als Gastredner einer Veranstaltung der CDU-nahen Konrad
Adenauer Stiftung (KAS) in Berlin, hat eine Protestwelle unter
MenschenrechrsaktivistInnen in Brasilien ausgelöst.
Die Landpastorale CPT schickte einen offenen Brief an die Stiftung und
verlangte eine Erklärung, warum just Paulo Celso Pinheiro Sette-Câmara
zu dem Seminar eingeladen werde. Sette-Câmara war der Sekretär für
innere Sicherheit des nordbrasilianischen Bundesstaates Pará zur Zeit
des Massakers vor 12 Jahren. Nach Ansicht der AktivistInnen hat er
persönlich den Befehl zur gewaltsamen Auflösung einer friedlichen
Demonstration an die Militärpolizei gegeben. Die Folgen dieses
Einsatzbefehls sind weltweit bekannt: 19 unbewaffnete landlose Bauern
wurden getötet, viele weitere zum Teil schwer verletzt.
PARAGUAY
Historischer Machtwechsel
Von Stella Calloni
(Montevideo, 22. April 2008, recosur).- Bei den paraguayischen
Präsidentschaftswahlen am 20.April hat Fernando Lugo, der "Bischof der
Armen", einen historischen Sieg errungen. Ihm gelang es, mit 40 Prozent
der auf ihn entfallenden Wählerstimmen (bei einer Wahlbeteiligung von 65
Prozent), der mehr als 60 Jahre währende Hegemonie der Colorado-Partei
ein Ende zu setzen. In die Regierungszeit der Colorado-Partei fiel auch
die Diktatur des Generals Alfredo Stroessner, der das Land von 1954-1989
regierte.
Der ehemalige katholische Bischof Lugo setzte sich mit seinem Wahlsieg
auch gegen die Versuche durch, ihn durch die absurden Anschuldigungen zu
diskreditieren, er gehöre zur von den USA so bezeichneten"Achse des
Bösen" in Lateinamerika. Darunter zählt die Regierung Bush
Guerrillagruppen in Lateinamerika und einige Präsidenten in der Region
(v.a. Hugo Chávez).
Lugos Triumph vollzieht sich in einem Land, in dem die Präsenz der USA
immer schon bedeutsam war: Seit der Stroessner-Diktatur, als Paraguay
einen Sitz der CIA beherbergte, bis in die letzten Jahre. So beschloss
der Kongress Paraguays im Jahr 2005 die Immunität für US-Truppen im
Land. Paraguay besitzt eine militärische Infrastruktur, die von den USA
für jedwede Aktion in der Region genutzt werden kann.
So bringt der Triumph Lugos nicht nur Auswirkungen für das Innere des
Landes mit sich, sondern stärkt auch die Ansätze zur regionalen
Integration, die sich in einem wichtigen Moment befinden.
In seinen ersten Worten nach der Wahl wies Lugo darauf hin, dass es sehr
schwierig sein würde, die Strukturen eines absolut regierenden
Herrschaftsapparates aufzubrechen. Korruption sei im ganzen Land
chronisch und durchziehe alle Teile der Gesellschaft.
Obwohl die Diktatur Stroessners durch einen Militärputsch 1989 beendet
wurde, kam es danach zu keinem wirklichen Wandel. Dass das so war, dafür
hatte auch Washington gesorgt. Aber die Erleichterung über das
Verschwinden des Diktators hat 1989 einem Volk, dass in einem der
furchtbarsten Systeme der Region isoliert und unterdrückt war, die Türen
geöffnet.
Paraguay war das Opfer von Vergessen und Gleichgültigkeit. Daher gab es
kaum Analysen darüber, wie sich die Colorado-Partei in ihren internen
Streitigkeiten nach 1989, die zahlreiche Leben gekostet haben,
aufbrauchte. Auch nahm man keine wirkliche Notiz vom Ausmaß der
Forderungen nach Gerechtigkeit, die Familienangehörige von Opfern und
Überlebende der langen Jahres des Horrors stellten. Nur manchmal
richtete sich der Blick auf dieses kleine Land, z.B. dann, wenn es um
die Verstrickungen Paraguays in die südamerikaweit koordinierte
Operation Cóndor ging. Doch der humanitäre Kampf für Gerechtigkeit hat
Grenzen überschritten und half den verschiedenen Sektoren im Kampf um
ihre Forderungen und auf ihrem Weg, so dass die Angst überwunden wurde.
Neue ProtagonistInnen eroberten die Szenerie. So waren die Bewegungen
der Kleinbauern und Indígenas, der Frauen, der Obdachlosen und anderer
entscheidend für Lugos Triumph.
Und Lugo ist sich der Bedeutung dieser ProtagonistInnen bewusst. Er
verkündete, dass die, die seinen Wahlsieg ermöglicht hätten, diejenigen
seien, "die jahrelang in diesem Land gekämpft haben". Dieser Kampf hat
Opfer gefordert, u.a. 200 tote Kleinbauern und viele, die wegen ihrer
sozialen Forderungen verfolgt werden.
Lugo muss das Aufbrechen der alten Strukturen angehen. Er muss Gesetze
einer Revision unterziehen, die in den letzten Jahren verabschiedet
worden sind und die u.a. die Schaffung von paramilitärischen Kräften
ermöglichten, die im Land schon Angriffe ausführen. Lugo muss gegen die
Armut kämpfen, die mehr als 60 Prozent der Menschen gefangen hält. So
wird er sich mit den neuen und alten Gruppen der politischen,
ökonomischen und militärischen Macht und mit den Feudalherren, die aus
der alten und neuen Korruption entstanden sind, anlegen müssen. Er wird
gegen alte und neue Mafiagruppen kämpfen müssen.
Auch in der Außenpolitik, wo Lugo schon Gespräche mit den Regierungen
von Brasilien und Argentinien begonnen hat, muss Lugo tätig werden. Zum
Beispiel um die ungerechten und korrupten Abkommen über die Staudämme
von Itaupú oder Yaceritá rückgängig zu machen. Lugo hat zudem schon
gesagt, dass sein Land gleichberechtigt an der regionalen Integration
teilnehmen werde. Paraguay sei dafür bereit.
Der erste Teile eines Traumes ist in Erfüllung gegangen. Aber die
Kräfte, die sich vereinigt haben, um Lugo zum Sieg zu verhelfen, werden
sich ihre Einigkeit bewahren und Geduld und Willenskraft zum schwierigen
Ausgleich beweisen müssen. Das in einem Land, das mehr als 60 Jahre auf
diesen Tag gewartet hat.
Lateinamerika feiert einen weiteren historischen Tag und für Paraguay
ist jetzt die Solidarität der Region und der Welt gegenüber einem Volk,
dass aus dem Vergessen hervor getreten ist, überlebenswichtig.
PARAGUAY
Sojakrieg: Drei Kugeln für einen Bauernführer
Von Malu Vázquez, Arturo Peña und Mathias Hohmann
(Asunción, 28. April 2008, npl).- Die Bevölkerung von Paraguay hat zwar
am 20. April Fernando Lugo als zukünftigen Präsidenten für einen
möglichen Weg des Wandels gewählt. Doch wandelt sich leider nicht alles
über Nacht. Der zentrale Konflikt im Land des "Wassers, dass zum Wasser
geht" (so die Bedeutung von Paraguay auf Guaraní), besteht zwischen
einer kleinbäuerlichen, die Existenz sichernden Landwirtschaft und einem
auf den Export orientierten Sojaanbau.
Während mit der Sojaproduktion wenige InvestorInnen und Unternehmen
riesige Landflächen für sich beanspruchen, vertreiben sie gewaltsam
viele Kleinbauern und -bäuerinnen, machen sie landlos und nehmen ihnen
damit die Ernährungsgrundlage. Dass dieser Konflikt anhält und dem
angestrebten Wandel im Land noch viele Steine in den Weg legen wird,
zeigen nicht zuletzt die drei Kugeln, die Don Pedro Silva am
Freitagabend vergangener Woche (25.4.) trafen.
Benigno Acosta, Schwiegersohn von Don Pedro Silva, erzählt: "Am
Freitagnachmittag letzter Woche fuhren zwei fremde Jugendliche mehrfach
am Haus von Don Pedro vorbei. Sie hielten schließlich an, erbaten sich
Werkzeuge, um das Motorrad zu reparieren und verschwanden wieder. [...]
Als sich die Familie gegen 19 Uhr zum Abendessen begab, kehrten die
beiden Jugendlichen zurück. Sie haben das Haus durch den hinteren Teil
betreten, schossen mehrfach auf Don Pedro und flüchteten."
Don Pedro Silva ist, wie man sagt "ein Brot Gottes" ("un pan de Dios").
Er lebt mit seiner Familie in der Gemeinde Ybype im Distrikt Lima des
Departements San Pedro. Er ist seit vielen Jahren ein Kämpfer: als
aktiver Bauernführer, als Präsident des Nachbarschaftskomitees und als
Mitglied der Koordination zur Verteidigung der Souveränität des
Departements San Pedro. Treffen müssen organisiert und die Bevölkerung
mobilisiert werden im Kampf gegen eine vorrückende Sojaanbaufront, die
auf genetisch manipulierte Pflanzen setzt - mitsamt ihren negativen
Begleiterscheinungen. Es sind die Agrochemikalien, die Umwelt und
Gesundheit der vor Ort lebenden Menschen beeinträchtigen. Es ist die
Monokultur des Sojaanbaus, die eine kleinbäuerliche und vielfältige
landwirtschaftliche Produktion und ihre Strukturen verdrängt und zerstört.
Mit seiner Familie lebt Pedro Silva von dem, was seine Landflächen
produzieren: ein wenig Getreide, Pampelmusen, Bananen. Diese
Landflächen und die Ortschaft sind bereits von Sojapflanzungen
umzingelt. Praktisch die Hälfte der EinwohnerInnen der Gemeinde hat
diese bereits verlassen, hat den Ort und das einstmals bewirtschaftete
Land aufgeben müssen. Viele sind aber auch noch da. Sie bleiben (noch)
stark und widerstehen dem Druck, der auf sie ausgeübt wird, damit sie
ihre Landflächen verkaufen. Der Druck kommt von den Sojabauern oder von
den Handlangern, die von den Sojabauern geschickt werden. Auch Don Pedro
Silva bekam diesen Druck zu spüren und sprach bereits im vergangenen
Jahr von der Furcht und den Ängsten, die dieser Druck für ihn und seine
Familie bedeuten. Diese Ängste waren nicht unbegründet.
Pedro Silva wurde am vergangenen Freitag Opfer von drei Kugeln. Sie
trafen ihn in den Magen, Brust und Arm. Über mehrere Stationen wurde er
in ein Krankenhaus in der Hauptstadt Asunción gebracht und dort am
vergangenen Samstag operiert. Sein Zustand ist zwar stabil, aber
weiterhin kritisch.
Die beiden Täter wurden mittlerweile gefunden, von der Polizei verhaftet
und von der Familie von Don Pedro identifiziert. Es sind zwei junge
Brasilianer, die über keine Dokumente verfügen. Die Bevölkerung von
Yvypé sorgt sich nun, dass die beiden durch einen Staatsanwalt auf
freien Fuß gesetzt werden könnten. Sie fordert, dass sie bis zu einem
Gerichtsprozess, der die Hintergründe des Attentats klären soll, in Haft
bleiben sollen. Die Angst ist groß vor den Einflussmöglichkeiten der
Sojabauern.
Für Elvio Romero, Stadtrat und Vorsitzender des Distriktes Lima in San
Pedro ist der Anschlag auf Pedro Silva eine klare Attacke der
Sojabauern. Romero sagt, dass "die Sojabauern damit die in Yvypé
angreifen wollen, die sich bisher ihrem Druck nicht gebeugt haben."
Ein Zeichen der Stärke setzte Yvypé erst im Januar dieses Jahres. Die
EinwohnerInnen verhinderten in friedlicher Weise und trotz massiver
Polizeipräsenz, dass auf den an ihre Häuser und Landflächen angrenzenden
Sojafeldern eine Besprühung mit Agrochemikalien durchgeführt wurde.
Anmerkungen: Mehr Informationen zur Sojaproblematik finden sich im
Internet (auf Spanisch) unter: www.lasojamata.org. Ein halbstündiger
Film von Malu Vázquez und Arturo Peña dokumentiert die Situation in
verschiedenen Ortschaften des Departements San Pedro und enthält auch
Interviewsequenzen mit Don Pedro Silva. Der Film hat deutsche Untertitel
und ist einzusehen unter:
http://video.google.com/videoplay?docidf54204055724459404
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