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Brasilien: Immer mehr Monokulturen nicht nur fuer Agrotreibstoffe / Viehwirtschaft groesster Flaechenverbraucher

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http://www.boell.de/downloads/publikationen/Boell_Thema_1_08.pdf

Böll.Thema Ausgabe 1/2008

Im Agro-Rausch

Zucker, Soja, Viehweiden - Monokulturen überziehen die brasilianische Fläche

Von Thomas Fatheuer

Besteht auch in Amazonien - wie in Indonesien - die Gefahr, dass der Regenwald dem Ausbau der Agro-Treibstoffe zum Opfer fällt? Eine verständliche Besorgnis, denn Brasilien ist weltweit der größte Hersteller von Alkohol auf Zuckerrohrbasis. Und die finanziellen Aussichten für den weiteren Ausbau sind exorbitant. Dennoch bestritt die brasilianische Regierung lange kategorisch jegliche Gefahr für den Regenwald. Noch bei einem Besuch in Brüssel im Juli 2007 erklärte Präsident Lula: "Das Anbaugebiet von Zuckerrohr liegt weit weg von Amazonien." Und weiter sagte er, dass Zuckerrohr nicht im Regenwaldgebiet wachse, weil die klimatischen Bedingungen dies nicht zuließen, die Region also nicht für den Anbau tauge.

EINER ÜBERPRÜFUNG halten diese Behauptungen nicht stand. In Amazonien wird sehr wohl Zucker angebaut, so in Presidente Figueiredo, um die Coca-Cola-Fabrik von Manaus zu beliefern. Auch die offizielle Erntestatistik führt die Zuckerproduktion in Amazonien auf. Die Regierung des Bundesstaates Acre, die von der Partei des Präsidenten gestellt wird, unterstützt aktiv den Aufbau des "Grünen Alkohols". Hier wird auf zwei Millionen Hektar Land Zuckerrohr angebaut und zu Alkohol verarbeitet. Der Ex-Gouverneur von Acre, Jorge Viana, hat bereits den Bau einer zweiten Alkoholdestillerie angekündigt. Zuckerrohr wächst also in Amazonien. Allerdings ist der Umfang bescheiden, die großen Zentren der Zuckerproduktion liegen fern von der Amazonasregion.

Dass Zuckerrohranbau und Regenwaldzerstörung in einem Atemzug genannt werden könnten, ist für die Treibstoffanbauer ein Albtraum. Sie fürchten die weltweite Empörung und das Aus für ihre Expansionspläne. So bleibt die Lage unübersichtlich. 2007 fand sich in der nationalen wie internationalen Presse die Ankündigung der Umweltministerin Marina Silva, der Zuckerrohranbau in Amazonien werde im Rahmen eines nationalen Flächennutzungsplans (Makrozonierung) verboten. Sofort erklärte Landwirtschaftsminister Stephanes, natürlich solle und könne Zuckerrohr in Amazonien angebaut werden - allerdings auf bereits abgeholzten Flächen. Inzwischen hat die Regierung angekündigt, bis Ende 2008 eine Zonierung vorzulegen, in der festgelegt wird, in welchen Gebieten Zuckerrohr angebaut werden darf. Unklar ist, ob eine solche Zonierung nur Orientierung für Investitionen ist oder ob tatsächlich der Anbau reguliert werden soll. Das allerdings würde auf erhebliche juristische Schwierigkeiten stoßen.

Doch wenn es um die Auswirkung der Agro-Treibstoffe auf die Biodiversität in Brasilien geht, kommt ein anderes Gebiet in den Blick, der Cerrado, das Savannengebiet in Zentralbrasilien, das etwa zwanzig Prozent der Fläche des Landes ausmacht. Der Cerrado galt lange Zeit als unfruchtbares Buschland, als nutzloses Gestrüpp. Dann gelang es aber - unter Mitwirkung der staatlichen Agrar-Forschungsagentur Embrapa - durch den Einsatz angepasster Düngemittel große Teile des Cerrados in nutzbare Flächen zu verwandeln. Dies war entscheidend für die Entwicklung Brasiliens zu einer "landwirtschaftlichen Supermacht " (ehemaliger US-Minister Colin L. Powell). Die Nutzbarmachung des Cerrado sei "eine der größten Errungenschaften der landwirtschaftlichen Forschung des 20. Jahrhunderts", heißt es bei der Verleihung des World Food Prize an den Wissenschaftler Edson Lobato von der Embrapa, dem brasilianischen Forschungszentrum für tropische Landwirtschaft und Viehzucht. Der Cerrado war der Hauptschauplatz für die Ausweitung des Sojaanbaus, und vieles spricht dafür, dass nun das Zuckerrohr kommt. Aber während die einen den Cerrado als neues Zentrum des Agro-Business ausbauen, haben Ökologen das Gebiet inzwischen als Flickenteppich unterschiedlicher und zum Teil extrem artenreicher Ökosysteme entdeckt, die zudem eine zentrale Bedeutung für den Wasserhaushalt haben. Lediglich gut sechs Prozent der Fläche des Cerrado stehen unter Naturschutz. "Die Abholzung in der Region Cerrado ist im Augenblick größer als die in Amazonien ", konstatiert John Buchanan von der Umweltschutzorganisation Conservation International, die sich stark für die Region engagiert. Hier konzentrieren sich die Investitionsvorhaben für den Ausbau der Alkoholproduktion. Laut Washington Post wollen George Soros, Archer Daniels Midland und Cargill in der Region investieren. "Brasilien ist das einzige Land, in dem riesige Flächen für den unmittelbaren Ausbau nachhaltiger Landwirtschaft zur Verfügung stehen. Der Cerrado ist perfekt für die Landwirtschaft - und das wird genutzt, das ist gar keine Frage", erklärt Carlo Lovatelli, Direktor des Agro-Multis "Bunge".

DIE VERTEIDIGER DER AGRO-TREIBSTOFFE sehen in all dem kein Problem. Etwa sieben Millionen Hektar Land sind mit Zuckerrohr bepflanzt. Das ist weitaus weniger Fläche, als derzeit für Soja genutzt wird, das mit fast 22 Millionen Hektar Anbaufläche nach wie vor das wichtigste landwirtschaftliche Produkt Brasiliens ist. Die gesamte landwirtschaftliche Anbaufläche Brasiliens summiert sich auf 62 Millionen Hektar.

Der größte Flächenverbrauch geht allerdings auf Kosten der Viehwirtschaft. Etwa 200 Millionen Hektar werden als Weide genutzt. Viele dieser Viehweiden sind angeblich degradiert und sollen durch Zuckerrohr ersetzt werden. So müsse kein einziger Baum gefällt werden. Was sich in der Theorie gut anhört, ist durch die Wirklichkeit nicht belegt. Die Sojaproduktion ist dafür ein Lehrstück. Der Anbau hat sich durchaus in die Ökosysteme des Cerrado und des Regenwaldes ausgedehnt und nicht vorwiegend auf degradierten Weideflächen. Zwar ist in den Gebieten mit der intensivsten landwirtschaftlichen Produktion die Zahl der Weideflächen leicht zurückgegangen, dafür hat sie sich im Norden ausgedehnt.

Es ist aber nicht allein - und im Augenblick auch nicht vorrangig - die Ausdehnung des Zuckerrohres, welche die Artenvielfalt bedroht. Es ist die konzertierte Ausdehnung industrieller Landwirtschaft, die immer weiter in die sensiblen Ökosysteme vordrängt. Zuckerrohr, Soja, Eukalyptus und Baumwolle breiten sich rasant aus. Diese Dynamik ist es, die den Verteidigern der Artenvielfalt in Brasilien Sorge bereitet. Roberto Rodrigues, ehemaliger Landwirtschaftsminister und inzwischen der aktivste Lobbyist für Agro-Treibstoffe, jedenfalls sieht deren Rolle positiv: "Heute werden die Biotreibstoffe nicht mehr als Bedrohung angesehen, sondern als eine sinnvolle Möglichkeit, das Imperium des Erdöls zu verlängern."


König Maggi

"Diese Geschichte mit dem Wald hat doch nicht die geringste Zukunft". Dieser Satz stammt von Blairo Borges Maggi, dem größten Sojaproduzenten Brasiliens, dessen Imperium auf Zerstörung und Degradierung der Umwelt aufgebaut ist.

Maggi wurde in einer Kleinstadt im Hinterland des Bundesstaates Paraná geboren, von dort zog er aus, Sojabaron und einer der einflussreichsten Politiker des Landes zu werden. 2003 wurde er als Kandidat der PPS, der früheren kommunistischen Partei, zum Gouverneur des Bundesstaates Mato Grosso gewählt. Dann wechselte er zu einer Kleinpartei, die Präsident Lula unterstützt und Teil des Regierungsbündnisses ist. 2006 wählte man ihn mit großer Mehrheit wieder.

Als Agraringenieur, Freimaurer und Chef der von seinem Vater gegründeten Maggi-Gruppe pflanzt er seit fast dreißig Jahren in Mato Grosso Soja an. Heute gilt er als der größte Sojaproduzent der Welt, fünf Prozent der gesamten brasilianischen Jahresproduktion stammen von ihm. Greenpeace verlieh ihm die "Goldene Kettensäge", weil er am meisten zur Zerstörung des Amazonas beigetragen hätte.

Maggi ist berühmt für seine kernigen Aussagen, die sich herzlich wenig um den Diskurs der Nachhaltigkeit kümmern. "Für mich ist ein Anstieg der Abholzung um vierzig Prozent gar nichts. Ich fühle mich überhaupt nicht schuldig für das, was wir mit der Sojaproduktion tun. Wir reden hier von einer Fläche so groß wie Europa, die noch kaum angerührt wurde. Deswegen gibt es keinen Grund zur Sorge." In jüngster Zeit sind seine Sprüche etwas milder geworden, er ist dazu übergegangen, lediglich das "verfassungsmäßige Recht auf Abholzung" zu verteidigen - Landbesitzer in Amazonien müssen achtzig Prozent des Waldes erhalten, zwanzig dürfen sie abholzen.

Blairo Maggi ist einer der Verantwortlichen für das Vordringen des Agro-Business in die Amazonasregion. Diese Entwicklung ist nicht nur auf die Macht seiner Firma zurückzuführen, sondern auch auf seine Position als Gouverneur. Er hat nicht nur die Abholzung vorangetrieben, er fördert zudem den Bau von Straßen, Wasserstraßen und Häfen im Inneren Amazoniens. So ebnet er den Weg für weitere Sojaproduzenten und große Viehzüchter, alle auf der Suche nach einem Reichtum, der seinem gleicht.

Von Sabrina Petry


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In: "Biodiversität - Bedrohung und Erhalt", Böll.Thema Ausgabe 1/2008

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09.03.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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