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Brasilien blockiert Bancosur: Welthandel mit Naturressourcen soll regionale Vormacht staerken

04.09.2007, jornada.unam.mx - zit.n. zmag.de

Brasilien ist ein Problem

von Raùl Zibechi

In den letzten Tagen zeigten gleich zwei renommierte linke Ökonomen (Oscar Ugarteche und Eric Toussaint) mit dem Finger auf die brasilianische Regierung unter Luiz Ignacio Lula da Silva. Diese sei verantwortlich für die Verzögerung der Bancosur (Bank des Südens). So wurde enthüllt, dass hinter all den Deklarationen für eine regionale Integration Interessen in Verbindung mit multinationalen Konzerne stecken und eine bedeutsame Rolle spielen. Diese Interessen blocken die von der großen Mehrheit in Südamerika unterstützten Absichten Venezuelas und Ecuadors ab.

In seinem Artikel 'Brazil versus Bancosur' schreibt der Peruaner Oscar Ugarteche sehr deutlich: Alles, was fehle, sei der politische Wille. Die technischen Probleme für eine solche Bank seien gelöst. Die Bank habe sogar schon ihre Statuten. "Der Hauptwiderstand der brasilianischen Regierung gegen die regionale Architektur basiert darauf, dass sie (die Regierung) wollte, dass Bancosur die IIRSA (Regionale Südamerikanische Infrastrukturinitiative) finanziert". Die Regierung Lula hat die IIRSA - eine Reihe von Infrastrukturmaßnahmen, die den Handel zwischen Pazifik und Atlantik ankurbeln sollen -, zum Kern ihrer Regionalpolitik gemacht. Ziel ist es, Naturressourcen billiger und schneller auf dem Ersten Weltmarkt anbieten zu können.

Brasilien hat keinen Bedarf an einer Regionalbank, die als
Entwicklungsagentur fungiert, Brasilien verfügt bereits über eine solche Bank - die National Social and Economic Development Bank. Diese hat mehr Ressourcen, um in der Region zu investieren als die Inter-American Development Bank und die Weltbank. Aus diesem Grunde, so Ugarteche, tue Brasilien alles, um die Gründung der Bancosur, die eigentlich im Juli in Venezuela stattfinden sollte, hinauszuzögern: Letztendlich, so der Ökonom Ugarteche, diene "der Widerstand gegen eine südamerikanische Finanzarchitektur dem Status quo, nämlich den diskreditierten Finanzinstitutionen, die durch das US-Schatzamt und Washington geschwächt sind".

Der Belgier Eric Toussaint ist Präsident des 'Committee for the Annulment of Third World Debt' (Komitee zur Annullierung der Schulden der Dritten Welt). In einem Interview argumentiert er: "Brasilien unterstützt die Initiative Bancosur nicht, weil es sie für seine wirtschaftlich mächtigen Projekte nicht benötigt". Formell allerdings beteilige sich die Regierung Lula an der Initiative, "weil Brasilien an Dominanz einbüßen könnte, falls die Bank gegründet wird, es kann nicht außen vor bleiben." Toussaint zieht das Fazit: Hugo Chavez, Rafael Correa und Evo Morales wollen die Bancosur so schnell wie möglich auf den Weg bringen, doch "Brasilien versucht sie hinauszuzögern".

Das Thema ist von Bedeutung und eher von Langzeitstrategien abhängig als vom politischen Willen Einzelner. Brasilien will in Südamerika Globalmacht werden. Dazu muss es sich die Führungsposition in der Region sichern, und eines der Instrumente hierzu ist IIRSA (siehe oben). Hauptprofiteur - im doppelten Sinne - der IIRSA-Initiativen wäre die Bourgeoisie von Sao Paolo, zum einen, weil IIRSA den schnellen Transport von Handelsgütern Richtung Norden gewährleisten soll, zum anderen, weil die meisten Baufirmen für dieses gigantische Projekt aus Brasilien kämen. IIRSA ist jedoch nicht Lulas Kreation sondern die der Vorgängerregierung unter Fernando Henrique Cardoso. Lula beschränkt sich darauf, das Projekt fortzusetzen und zu intensivieren.

Es ist wichtig, die brasilianische Strategie zu erkennen. In seinem aktuellen Buch (1) erläutert Brasiliens Außenminister Nummer Zwei, Samuel Pinheiro Guimaraes, die langfristigen Zielsetzungen seines Landes: "Brasiliens Anspruch auf Großmachtstellung sollte nicht als Utopie verstanden werden, sondern als notwendiges nationales Ziel. Es nicht umzusetzen, käme einem Scheitern an der Aufgabe der Umsetzung künftiger Herausforderungen gleich und würde daher rasch zu einer Zeit großer Instabilität führen (und zu einem eventuellen internen Konflikt)". Eine der maßgeblichen Herausforderungen hängt mit der Verteilung des Reichtums in Brasilien zusammen. Brasilien gilt als "Weltmeister der Ungleichheit". Guimaraes schreibt, Südamerika sei "die Schlüsselregion und Grundlage für Brasiliens globale Strategie".

Weil der Diplomat Guimaraes so klare Worte findet, können wir begreifen, welche Art von Integration Brasilien vorschwebt. Die Bourgeoisie des Landes operiert nicht anders als zuzeiten der Anfänge des Imperialismus: Um eine Neuverteilung des Reichtums zu vermeiden, musste man in die ärmsten Regionen des Landes expandieren, wo sich zusätzliche Profite erwirtschaften ließen. Tut die heutige Elite Brasiliens nicht dasselbe? Schon jetzt dominieren deren Firmen in den Ländern Bolivien, Uruguay, Paraguay, Ecuador und Argentinien wichtige Produktionssparten und die natürlichen Ressourcen, oder etwa nicht?

Ugarteche schreibt, Brasilien habe heute die einmalige Chance: Die US-Regierung von George W. Bush sei geschwächt und nicht in der Lage, eine autonome südamerikanische Integration in die Dollarzone aufzuhalten. Es wäre jedoch nicht das erstemal, dass ein Land dieses Kontinents der Supermacht Amerika in die Hände spielte. Brasilien wäre allerdings das erste Land mit einer Regierung, die sich selbst als "links" bezeichnet, die das Gängelband dieser Abhängigkeit fester zurren hilft. Aus diesem Grunde kommt einer offenen Debatte höchste Priorität bei. Aus elementaren diplomatischen Rücksichten können die Regierungen der Region nicht mit dem Finger auf die Regierungen eines anderen Landes zeigen. Anders sieht es mit uns aus: Wir dürfen die Augen nicht verschließen vor diesen beiden unterschiedlichen Wegen, die in entgegengesetzter Richtung verlaufen.

Natürlich befindet sich Brasilien in einer sehr schwierigen Situation. Vor allem ist die Situation der Bewegungen schwierig. Sie sind die einzigen, die überhaupt noch existieren. Im März war Bush bei Lula und erhielt grünes Licht für die Äthanol-Option. Damit wurde für die Multis gleichsam der Weg zum Amazonas und auf das Farmland der Familienbetriebe freigemacht. Aus diesem Grunde ist es interessant, wenn europäische Intellektuelle, wie Toni Negri (der sich auf einer Tour durch mehrere Länder der Region befindet), argumentieren, alle progressiven Regierungen (in der Region) befänden sich auf demselben Kurs, da sie den Mulitlateralismus stärkten. Das stimmt zwar, ist aber eine eurozentrische Sichtweise. Derzeit ist echter Multilateralismus auf dem Kontinent nur dadurch zu erreichen, dass man eine Integration unterstützt, die die Hegemonie der USA herausfordern kann, und nicht eine, die diese unterstützt.

(1) "Desafios brasileiros na era dos gigantes", Contraponto , 2006

Orginalartikel:
Brasil como problema
www.jornada.unam.mx/2007/09/01/index.php?section=opinion&article=026a1mun

Copyleft der Übersetzung auf Englisch bei Tortilla con Sal
www.zmag.org/content/showarticle.cfm?SectionID=48&ItemID=13693

Übersetzt von: Andrea Noll
http://zmag.de/artikel/brasilien-ist-ein-problem

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