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fairunterwegs | 06. September 2007
Weltgrösstes Tourismusprojekt in Brasilien auf Tremembe-Gebiet
Cidade Nova Atlântida, Neu-Atlantis: So heißt das größte Tourismusprojekt in
der Geschichte Brasiliens, das rund 15 Milliarden US-Dollar kosten soll.
Investor ist die spanisch-brasilianische Firmengruppe namens Nova Atlântida.
14 Hotels, 13 Resorts, sechs Ferienapartmentblocks, fünf Yachthäfen und
insgesamt acht Golfplätze will das spanisch-brasilianische Konsortium Nova
Atlântida in der Gemeinde Itapipoca, etwa 150 Kilometer nördlich von
Fortaleza, der Hauptstadt des nordostbrasilianischen Bundesstaates Ceará
errichten. Problem: Der von Nova Atlântida beanspruchte 3100 Hektar große
Küstenabschnitt ist Lebensraum von Tremembé-Indianern, die ihr Land nicht
für das Tourismusprojekt hergeben wollen - und schon gar nicht kostenlos.
Informationen der staatlichen Indianerschutzbehörde FUNAI zufolge leben in
dem von Nova Atlântida beanspruchten Gebiet 120 Tremembé-Familien. Schon
seit 2002 versucht die Firmengruppe die Indios von ihrem Land zu vertreiben,
sagt der Koordinator der FUNAI von Ceará, Oliviera Júnior. Nova Atlântida
behauptet, sie habe das Land bereits 1978 rechtmäßig erworben. Und damals
habe es keine Indios in diesem Gebiet gegeben. Nicht Nova Atlântida sei also
der Aggressor, sondern die Tremembé-Familien, die sich erst später illegal
auf dem Land niedergelassen hätten und eigentlich gar keine Indios seien,
sondern lediglich »landlose« Brasilianer.
Francisco Veríssimo, einer der Tremembé-Ältesten allerdings versichert: »Ich
bin hier geboren und zähle heute 73 Jahre. Meine Eltern und Großeltern sind
ebenfalls hier geboren. Wir leben hier von der Jagd, dem Anbau von Maniok
und dem Fischen wie unsere Vorfahren.« Auch der Geograph Jeovah Meireles von
der Universität Ceará bestätigt die traditionellen Landrechte der Tremembé
von Sao Jose und Buriti. Mit seinem Urteil hat sich der Wissenschaftler
allerdings in die »Schusslinie« von Nova Atlântida gebracht. Doch in einem
offenen Brief unterstützen über 240 Institutionen, Wissenschaftler und
Journalisten die Position Meireles. Zu den Unterstützern des
Wissenschaftlers zählt der ehemalige Swissair-Geschäftsführer René Schärer,
der seit 1992 in Ceará lebt, und dort sowohl das Instituto Terramar zur
Unterstützung der traditionellen Fischer und Küstenbewohner als auch das
alternative Tourismusprojekt »prainha do canto verde« gegründet hat. René
Schärer: »Hier im Staat Ceará ist es noch üblich, dass die vermögende Klasse
sich als Besitzer des Staates aufführt und sich kaum um den Schutz der
traditionellen Küstenbevölkerung kümmert. Sie befiehlt und zerstört, sei es
um an der Garnelenzucht, der Fischerei, am Tourismus oder an anderen
Geschäften, egal was, zu verdienen.«
Spuren in die Schweiz
Die Arbeiten an der Touristenstadt hätten schon vor zwei Jahren beginnen
sollen. 2004 verfügte das Justizministerium aber die Einstellung der
Arbeiten aufgrund neuer Fakten, die bei der Abnahme der
Umweltverträglichkeitsprüfung noch nicht vorgelegen hätten. Bei diesen
Fakten, so bestätigt das Sekretariat der Umweltbehörde in Cearà, handelt es
sich um die Präsenz der Tremembé. Ein abschliessendes Urteil zum
Landkonflikt steht noch aus.
Gegen Ripoll Mari, den Präsidenten von Neu-Atlantis, laufen in Brasilien von
Seiten der Behörde zur Kontrolle finanzieller Aktivitäten, einer Abteilung
der Steuerbehörde, Untersuchungen wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung
und Geldwäscherei. Dem Verdacht, dass Ripoll Mari Gelder der italienischen
Mafia über in die Schweiz transferiert und mit einem gigantischen
Tourismusprojekt waschen will, ging von 16 Jahren auch die
Mafia-Ermittlungsbehörde der Schweiz nach. Als Verdeckter Ermittler
arbeitete 1991 Fausto Cattaneo. Das Schweizer Justizministerium pfiff aber
den Polizeiermittler zurück, stellte die Untersuchung ein und verwies auf
Unregelmässigkeiten bei Cattaneos Ermittlung. Cattaneo erklärte damals in
einem Interview, der Verbindungsmann zu Ripoll Mari habe ihm vom Plan eines
Neu-Atlantis in Mato Grosso erzählt, einem Tourismusprojekt, mit dem die
Mafia Geld waschen wolle. Seiner Meinung nach diente der Entscheid des
Justizministeriums der Deckung der mafiösen Kriminellen rund um
Neu-Atlantis. Heute lebt Cattaneo in Bern und will den Fall Neu-Atlantis
nicht kommentieren.
Aber nicht nur bei den Finanzen ist die Schweiz mit im Geschäft:
Entwicklungsfirma für das Vorhaben ist SOAR BAU - mit Hauptsitz in
Zürich-Zollikon. Deren Verwaltungsratspräsident Walter Hediger bestätigt,
dass SOAR BAU finanziell bei der Planung an Neu-Atlantis beteiligt ist und
dort auch gerne eigene Projekte realisieren möchte. Doch wisse er weder von
einem Landkonflikt mit den Tremembé noch von Untersuchungen rund um den
Präsidenten von Neu-Atlantis wegen Geldwäscherei. "Nova Atlântida ist eine
ausgesprochen seriös und kompetent arbeitende Firma. Ich kann mir nicht
vorstellen, dass sie in solche Sachen verwickelt ist", erklärte Walter
Hediger gegenüber dem arbeitskreis tourismus & entwicklung.
Nina Sahdeva, akte, Basel
mailto:info@akte.ch
Kategorie:
Brennpunkt Tourismus, Förderung & Megaprojekte
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