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taz, 23.01.2008
"Raketen sind nutzlos"
taz: Herr Barghuti, Sie haben vor mehr als 25 Jahren medical relief
mitbegründet, eine NGO, die die Gesundheitsversorgung der Palästinenser
zu verbessern sucht. Ist sie heute besser?
Mustafa Barghuti: Nein, schlechter. Ärzte werden an Checkpoints
abgewiesen, Kranke kommen nicht zu unseren Gesundheitszentren durch.
Wir haben mit der John-Hopkins-Universität aus Baltimore eine Studie
über Kindersterblichkeit in Palästina gemacht. Sie liegt bei 20 von
1.000, das heißt 20 von 1.000 Neugeborenen sterben, bevor sie ein Jahr
alt sind. Ein Fünftel dieser Babys starb wegen der Checkpoints und der
Mauer, die Israel durch Palästina baut.
Die Verschlechterung der Versorgung liegt nur an der Praxis der
israelischen Besatzung?
Nein, keineswegs. Es liegt auch an Korruption und dem ungebrochenen
Nepotismus der Autonomiebehörde. In Frankreich gibt es im
Gesundheitsministerium einen Direktor für Gesundheit - in Palästina,
einem etwas kleineren Land, gibt es 64 solcher Direktoren. Kein Wunder,
dass dort intern Desorganisation herrscht.
War das immer so?
Die Wahlen waren wirklich ein Schub gegen diesen Nepotismus. Doch der
Krieg zwischen Fatah und Hamas und die Trennung von Gaza und
Westjordanland haben eine ernsthafte Regression demokratischer Werte
mit sich gebracht.
Wie ließe sich denn die Korruption der Autonomiebehörde wirksam
bekämpfen?
Korruption ist ein Patronagesystem und Klientelismus. Der
Regierungsapparat und die internationale Hilfe werden missbraucht, um
politischen Einfluss zu sichern. Das tut nicht nur die Fatah, sondern
auch die Hamas. Was wir brauchen, ist eine transparente Verwaltung und
eine echte Gewaltenteilung.
Ein schönes Ziel. Wie wollen Sie es erreichen?
Ein Beispiel: Stipendien für Studenten werden so vergeben: Wer Fatah
ist, bekommt es - wer nicht Fatah ist, nicht. Bei der Hamas läuft es
genauso. Im Parlament habe ich vorgeschlagen, einen unabhängigen Fonds
zu gründen, der Stipendien nach Leistung vergibt. Dieses Gesetz wurde
auch verabschiedet - leider existiert der Fonds bis heute nicht, wegen
des Zusammenbruchs der Regierung.
Israel behauptet, dass Mauer und Checkpoints notwendiger Schutz sind
und dass es deswegen keine Selbstmordattentate mehr in Israel gibt.
Das sind Lügen. Fakt ist, dass das letzte Selbstmordattentat vor zwei
Jahren passierte. Seit November gilt ein Waffenstillstand, den ich
gemeinsam mit Fatah-Chef Abbas und Hamas-Chef Hanijeh ausgehandelt
habe. Dieser Waffenstillstand hielt nur zwei Monate, weil Israel seine
Angriffe fortsetzte. Israel will einen unilateralen Waffenstillstand,
der nur für die Palästinenser gilt.
Aber Hamas feuert von Gaza aus noch immer Raketen auf israelisches
Territorium ab.
Ja, stimmt. Aber Israel hat im letzten Jahr Palästina insgesamt 3.307-
mal angegriffen, mit Flugzeugen, Panzern, dem Einmarsch von Soldaten,
gezielten Tötungen. Mehr als die Hälfte der Angriffe - 1.855 - galten
dem Westjordanland, 88 Bürger wurden dort von der israelischen Armee
getötet, fast tausend verletzt. Vom Westjordanland werden keine Raketen
abgefeuert. Warum also diese Angriffe?
Sie meinen, dass nur Israel der Aggressor ist?
Ich sage, dass die Zahlen für sich sprechen. Im Jahr 2007 wurden zehn
Israelis getötet, darunter fünf Soldaten und ein Siedler. In derselben
Zeit tötete die israelische Armee 404 Palästinenser, die Hälfte davon
Zivilisten. Das ist ein Verhältnis von 1 zu 40. Von 2000 bis 2005 war
das Verhältnis noch 1 zu 4. Wer also braucht in diesem Konflikt mehr
Sicherheit? Der Besatzerstaat Israel verfügt über mehr Atomwaffen als
Frankreich, über eine größere Luftwaffe als Großbritannien und ist der
viertgrößte Waffenexporteur der Welt. Israel exportiert erfolgreich
Sicherheits- und Waffensysteme - und Palästina ist offenbar ein
brauchbares Experimentierfeld.
Was erwarten Sie von den Verhandlungen zwischen Abbas und Olmert?
Nichts. So wie alle Verhandlungen samt und sonders nichts für die
Palästinenser gebracht haben. Faktisch war es bisher so, dass die
Israelis sich fast immer genehme, schwache und überforderte
Verhandlungspartner auf der palästinensischen Seite ausgesucht haben.
Das ist kurzsichtig. Nur wenn Israel starke Verhandlungspartner
akzeptiert, die für ganz Palästina sprechen, werden sie wirklich einen
dauerhaften Frieden bekommen. Dafür wird Israel aber viel mehr
Konzessionen machen müssen als bislang. Aber wer ist denn schon Abbas?
Ein kleiner Herrscher in einem Bantustan. Wer ist Hanijeh, der in Gaza
regiert? Auch nur ein Herrscher in einem isolierten Bantustan. Was sind
das für Regierende, die ohne Genehmigung des israelischen Militärs
nicht von Ramallah nach Bethlehem fahren können?
US-Präsident George W. Bush hat Israel aufgefordert, die "Outposts",
seine illegalen Siedlungen im Westjordanland, zu schließen. Ist das
kein Schritt nach vorne?
In den Outposts, die auch Israel für illegal hält, leben etwa 3.000
Siedler. Doch in den Siedlungen, die Israel im Westjordanland und in
Ostjerusalem gebaut hat, leben 447.000 Siedler in 133 Siedlungen. Ich
denke, wir werden erleben, dass die Auflösung von ein paar kleinen
Outposts als großes Zugeständnis Israels verkauft wird - während die
großen Siedlungen im Westjordanland weiter wachsen.
Was erwarten Sie von der EU?
Die EU könnte erklären, dass sie ökonomische Assoziationsverträge mit
Israel an eine Bedingung knüpft: den Stopp des Siedlungsbaus. Nicht den
Rückbau, nur den Stopp. Ist das zu viel verlangt? Die 560 Checkpoints,
Mauer und Siedlungen im Westjordanland bilden ein System von Apartheid.
Israel will uns einen Staat anbieten, der keiner ist. Von mir aus kann
ein palästinensischer Staat entmilitarisiert sein, wenn es
internationale Garantien gibt. Aber ein Bantustan, in dem wir Bürger
zweiter Klasse sind, ist inakzeptabel.
Glauben Sie, dass Apartheid die richtige Metapher für die Lage in
Palästina ist?
Ich weiß, dass Apartheid ein harter Ausdruck ist. Aber es ist so: Das
jährliche Durchschnittseinkommen eines Israelis liegt bei 24.500
Dollar, im Westjordanland beträgt es 1.000 Dollar, in Gaza 800.
Trotzdem sind wir durch Verträge verpflichtet, Produkte zu israelischen
Marktpreisen zu kaufen, denn es gibt eine Marktunion. Wir sind
verpflichtet, alle unsere Steuern an Israel zu entrichten - Israel kann
entscheiden, ob es uns das Geld wiedergibt oder nicht. So wurde die
letzte palästinensische Regierung abserviert - Israel hat einfach das
Geld einbehalten. Und: Wir dürfen nur 50 Kubikmeter Wasser verbrauchen,
israelische Siedler dürfen 2.400 Kubikmeter verbrauchen, von unserem
Wasser wohlgemerkt. Wirklich krass aber ist, dass wir unser eigenes
Wasser Israel auch noch abkaufen müssen. Wir zahlen 5 Schekel (ca. 1
Euro) per Einheit, Israelis zahlen 2,4 Schekel. Wir zahlen 13 Schekel
für Strom, Israelis 6,3. Wie nennen Sie das, wenn nicht Apartheid? Und
wenn Sie das nicht überzeugt, schauen Sie sich eine Landkarte des
Westjordanlands an: ein von Siedlungen, Straßen und der Mauer
zerfurchtes Gebiet. Sieht verdächtig aus wie ein Bantustan, oder?
Sehen Sie keinen Unterschied zwischen der Rassentrennung in Südafrika
und der israelischen Besatzungspraxis?
Doch, die Bantustans in Südafrika waren größer. Was mich zornig macht,
ist, dass all dies schon seit langem bekannt ist. Aber es interessiert
die globalen Medien nicht. Es gibt eine Selbstzensur und man will sich
nicht mit der israelischen Lobby anlegen. Und es hat sich die falsche
Ansicht durchgesetzt, dass sich in diesem Konflikt zwei gleichwertige
Kontrahenten gegenüberstehen, die beide gleichermaßen schuld sind. So
ist es nicht. Es geht hier um die längste Besatzung in der Moderne.
Wie könnte der Konflikt gelöst werden?
Das Einzige, was Israel stoppen wird, ist gewaltfreier Widerstand gegen
die Besatzung. Gewalt hilft uns nicht. Raketen sind nutzlos. Jeder
militärische Angriff von palästinensischer Seite, selbst wenn er
gerechtfertigt sein sollte, ist selbstzerstörerisch und schädlich für
unseren Kampf. Zweitens müssen wir eine starke internationale
Solidarität schaffen - für Palästina und gegen Apartheid. Das Vorbild
kann der Kampf in Südafrika sein.
Und für diesen gewaltfreien Kampf finden Sie in Palästina genug
Mitstreiter?
Aber ja. Der gewaltfreie Widerstand wächst. In Bilin haben die
regelmäßigen Proteste gegen die Mauer angefangen. Mittlerweile gibt es
15 Orte, in denen dasselbe geschieht. Ich habe sogar vor Hamas-Leuten
über gewaltfreien Widerstand geredet.
Reden Sie sich die Lage in Palästina nicht schön? Viele sind doch
resigniert und politikmüde - vor allem seit dem Krieg zwischen Fatah
und Hamas.
Ja, die Palästinenser sind erschöpft. Wegen der Besatzung, wegen der
wirtschaftlichen Malaise. Das stimmt. Aber Gewaltfreiheit hat
Konjunkturen - und auch eine Geschichte in Palästina. Sie war das
bestimmende Konzept der ersten Intifada 1987. Damals hat die
Intervention der PLO von außen sie zerstört. Die autokratische Führung
hat die gewaltfreien Bewegungen erstickt. Die Autokraten setzen auf
Militär, weil Militär einfach zu kontrollieren ist, populäre
gewaltfreie Bewegungen hingegen fußen auf demokratischer Beteiligung.
Deshalb fürchten autokratische Organisationen sie.
Wir treffen uns hier in Ramallah, knapp zwanzig Kilometer entfernt von
Jerusalem. Dürfen Sie nach Jerusalem?
Nein. Wohl weil ich dort geboren bin.
Wann waren Sie zum letzten Mal dort?
Neulich, illegal allerdings. Die Republik Italien wollte mir einen
Orden verleihen. Ich wurde eingeladen, um ihn entgegenzunehmen. Das
Konsulat fragte, ob ich jemand mitbringen wollte. Ja, noch 14 Personen.
So ersuchte das Konsulat beim israelischen Militär um 15 Genehmigungen
nach. Sie bekamen 14 - für alle außer für mich.
Und dann?
Dann war ich wütend. Ich bin in Jerusalem geboren und habe dort 14
Jahre als Arzt gearbeitet. Sie haben kein Recht, mich so zu
schikanieren. Ich habe mich an dem Abend durch den Checkpoint
geschmuggelt. Sie sehen: Die Mauer ist völlig sinnlos. Wer sie wirklich
überwinden will, schafft das.
Haben Sie denn noch politische Partner in Israel, mit denen Sie reden?
Ja, klar. Die Friedensbewegung, Politiker wie Jossie Belin von Meretz,
auch Politiker der Arbeitspartei.
Ist die israelische Linke mächtiger oder machtloser als früher?
Machtloser, definitiv. Aber die Dinge ändern sich. Ich glaube, wir
müssen den Israelis den Spiegel vorhalten. Und auf dem Spiegel steht:
Apartheid. Und wie in Südafrika wird sich am Ende etwas fundamental
ändern. Es wird lange dauern, es werden viele kleine Schritte nötig
sein. Wir werden uns um internationale Solidarität bemühen. Und als
Allerletzte werden, wie in Südafrika, die USA ihre Haltung ändern
Aber es gibt hier keinen ANC.
Die Geschichte wiederholt sich nicht exakt. Es gibt hier etwas
Ähnliches wie den ANC, wenn auch zersplittert in verschiedene Gruppen.
Wir müssen allerdings die PLO aus der Kooperation mit den Besatzern
herauslösen. Auch das wird passieren. Am Ende werden wir uns
durchsetzen.
INTERVIEW: KARIN GABBERT STEFAN REINECKE
+ + +
DIE BLOCKADE
Seit Beginn der Abriegelung des Gazastreifens am Freitag hat Israel
gestern eine einmalige Lieferung von Treibstoff und Medikamenten
gestattet. So hatten 800.000 Palästinenser in Gaza wieder Strom. Nach
den Worten von Israels Ministerpräsident Ehud Olmert soll die Blockade
erst aufgehoben werden, wenn militante Palästinenser den Beschuss
Israels einstellen. Am Dienstagmorgen schlugen erneut vier aus dem
Gazastreifen abgefeuerte Kassam-Raketen im israelischen Grenzgebiet
ein.
Am Dienstagnachmittag geriet die Lage in Gaza zeitweise außer
Kontrolle. Tausend Palästinenser stürmten den Grenzposten Rafah,
dutzende drangen auf die ägyptische Seite vor. Auf beiden Seiten fielen
Schüsse. Der UN-Sicherheitsrat sollte am Nachmittag in New York auf
Antrag arabischer UN-Botschafter zu einer Dringlichkeitssitzung
zusammenkommen. Israel möge aufgefordert werden, die Blockade zu
beenden. DPA, AFP
+ + +
MUSTAFA BARGHUTI, 53, ist Arzt und wohl der wichtigste unabhängige
Politiker in Palästina, der weder zur Hamas noch zur Fatah gehört.
Anfang der 90er-Jahre war er Unterhändler für die Palästinenser in
Madrid, der letzten gemeinsamen Regierung von Fatah und Hamas gehörte
er als Informationsminister an. Bei der Präsidentschaftswahl 2005
verlor er mit 19,5 Prozent der Stimmen gegen den Fatah-Kandidaten
Mahmud Abbas.
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