- Wer ist der Hund? Wer ist der Schwanz?
Die Beziehung zwischen den USA und Israel
- The Israel Lobby
John Mearsheimer and Stephen Walt
http://www.giv-seiten.info/www.giv-archiv.de/Translink/
giv_texte.php?file=../2006/Maerz/060324gi.001
- Für einen klaren Gegenpol
Shraga Elam über Judeophile Attitüden in Deutschen Medien
Arne Hoffmanns Interview mit Shraga Elam
Der jüdische Autor Hajo Meyer, ein Auschwitzüberlebender, hatte
Deutschland in den dreißiger Jahren selbst erlebt. Er war kürzlich
in den palästinensischen besetzten Gebieten und musste feststellen,
dass die Situation der Palästinenser in manchem schlimmer ist als
damals die der Juden im Dritten Reich. Gideon Levi, Journalist der
israelischen "Haaretz", befand, die Situation sei zwar nicht
identisch, aber es gebe viel mehr Ähnlichkeiten zwischen der Situation
in Nazi-Deutschland und im heutigen Israel, als ihm lieb sei.
Andererseits ist die Unterstützung des deutschen Staates für israelische
Verbrechen groß. Israel hatte meines Erachtens nie ein
Recht,im Namen der Nazi-Opfer zu sprechen, und falls doch, hätte es
dieses Recht mittlerweile verspielt. Doch Deutschland gehört heute
zu den engsten Verbündeten von Israel. Die finanzielle Unterst
ützung Deutschlands hat praktisch sämtliche israelischen Aggressionen
begünstigt, da sind sich sehr viele israelische Historiker
einig. In den sechziger Jahren stand Israel am Rande des ökonomischen
Zusammenbruchs, und erst durch die Wiedergutmachungszahlungen
konnte es sich Waffen und Systeme kaufen, die die Aggressionen
bis heute ermöglicht haben. Ich will keiner neuen Kollektivschuldthese
das Wort reden, aber es muss zur Kenntnis genommen
werden, dass Deutschland Mitverantwortung für die Verbrechen an den
Palästinensern trägt.
Wer ist der Hund? Wer ist der Schwanz?
Die Beziehung zwischen den USA und Israel
23.04.2006
Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs
Für gewöhnlich erzähle ich diese Geschichten nicht, denn sie könnte
den Verdacht aufkommen lassen, ich sei paranoid.
Z.B. wurde ich vor 27 Jahren zu einer Vortragsreise in 30 amerikanische
Universitäten eingeladen, einschließlich all der berühmten wie Harvard,
Yale, Princeton, MIT, Berkeley und so weiter. Meine Gastgeberin war
die Gesellschaft für Versöhnung (Fellowship of Reconciliation), eine
geachtete nicht-jüdische Organisation, die Vorträge selbst aber wurden
unter der Schirmherrschaft der jüdischen Bet-Hillel-Rabbiner gehalten.
Bei der Ankunft am New Yorker Flughafen wurde ich von einem der
Organisatoren empfangen. "Da gibt es einen kleinen Haken", sagte
er mir, "29 der Rabbiner haben Ihren Vortrag abgesagt."
Am Ende fanden alle Vorträge statt, unter der Schirmherrschaft christlicher
Geistlicher. Als wir zu dem einen Rabbiner kamen, der meinen
Vortrag nicht abgesagt hatte, erzählte er mir das Geheimnis: die
Vorträge waren durch einen vertraulichen Brief der Anti-DiffamierungsLiga
(Anti-Defamation League, ADF), der Gedanken-Polizei des jüdischen
Establishments, verboten worden. Der wichtigste Satz blieb mir im
Gedächtnis: "Zwar kann nicht gesagt werden, daß der Knesset-Abgeordnete
Avnery ein Verräter ist, jedoch ..."
Und eine andere Geschichte aus dem wirklichen Leben: ein Jahr später
flog ich nach Washington, D.C., um die Zwei-Staaten-Lösung zu "verkaufen",
die zu jener Zeit als ausgefallene, um nicht verrückte zu
sagen, Idee betrachtet wurde. Im Laufe meines Besuches waren die
Quäker so freundlich, eine Pressekonferenz für mich zu arrangieren.
Als ich ankam, war ich sehr erstaunt. Der Raum war proppenvoll;
praktisch alle bedeutenden amerikanischen Medien waren vertreten.
Viele kamen direkt von einer Pressekonferenz mit Golda Meir, die
auch gerade in der Stadt war. Die Veranstaltung sollte wie üblich
eine Stunde dauern, aber die Journalisten ließen nicht locker.
Sie bombardierten mich weitere zwei Stunden lang mit Fragen. Offensichtlich
waren die Dinge, die ich zu sagen hatte, ihnen ziemlich
neu und interessierten sie.
Ich war neugierig, wie dies in den Medien berichtet werden würde. Und
in der Tat war die Reaktion erstaunlich: nicht ein Wort erschien in
irgendeiner Zeitung, im Radio oder im Fernsehen. Nicht ein einziges
Wort. Übrigens gab ich vor drei Jahren wieder eine Pressekonferenz -
diesmal auf dem Kapitol in Washington. Es war eine genaue Wiederholung
des letzten Males: viele Reporter, ihr offensichtliches Interesse,
die Fortsetzung der Konferenz über die angegebene Zeit hinaus - und
kein einziges Wort in den Medien.
Ich könnte noch ein paar solcher Geschichten erzählen, aber der Punkt
ist klar. Ich erzähle sie nur im Zusammenhang mit dem Skandal, der
kürzlich von zwei amerikanischen Professoren, Stephen Walt von Harvard
und John Mearsheimer von der Universität von Chicago verursacht wurde.
Sie veröffentlichten ein Forschungspapier über den Einfluß der IsraelLobby
in den Vereinigten Staaten.
Auf 80 Seiten - 40 davon Fußnoten und Quellenangaben - zeigen
die beiden, daß die pro-Israel-Lobby eine ungezügelte Macht in
der US-Hauptstadt ausübt, wie sie Mitglieder des Senates und des
Repräsentantenhauses terrorisiert, wie das Weiße Haus nach ihrer
Pfeife tanzt (falls ein Haus tatsächlich tanzen kann), wie die
bedeutenden Medien ihren Befehlen gehorchen und wie selbst auch
die Universitäten in Angst vor ihr leben.
Dieser Aufsatz verursachte einen Sturm. Und ich meine nicht die
voraussagbaren wilden Angriffe der "Freunde Israels" - die meisten
Politiker, Journalisten und Professoren. Sie bewarfen die Autoren
mit den all üblichen Anklagen: sie seien Antisemiten, sie ließen
"die Protokolle der Weisen von Zion" wiederaufleben und so weiter.
Es gab etwas Paradoxes in diesen Angriffen, da sie nur die Argumente
der Autoren bestätigten.
Die Debatte, die mich fasziniert, ist jedoch von anderer Art. Sie
brach zwischen hochrangigen Intellektuellen aus, vom legendären Noam
Chomsky, dem Guru der Linken in aller Welt (einschließlich Israels),
bis zu den progressiven Websites überall. Der Zankapfel: die Schlußfolgerung
des Papiers, daß die jüdisch-israelische Lobby die USAu
ßenpolitik beherrsche und sie israelischen Interessen - in krassem
Widerspruch zu den nationalen Interessen der USA selbst - unterwerfe.
Ein einschlägiger Fall: der amerikanische Angriff auf den Irak.
Chomsky und andere erhoben gegen diese Behauptung Einspruch. Sie
leugnen nicht die tatsächlichen Erkenntnisse der beiden Professoren,
sondern widersprechen ihren Schlußfolgerungen. Ihrer Ansicht nach
lenkt nicht die pro-Israel-Lobby die amerikanische Politik, sondern
die Interessen der großen Unternehmen, die das amerikanische Imperium
beherrschen und Israel für ihre eigenen selbstsüchtigen Ziele ausbeuten.
Einfach gesagt: wedelt der Hund mit seinem Schwanz, oder wedelt der
Schwanz mit dem Hund?
Ich bin nervös, mich in die Debatte solch berühmter Intellektueller
einzumischen, aber ich fühle mich trotzdem verpflichtet, meine
Ansichten dazu zu äußern.
Ich will mit dem Juden beginnen, der zum Rabbi ging und sich über
seinen Nachbarn beschwerte. "Du hast Recht", erklärte der Rabbi.
Dann kam der Nachbar und beschwerte sich über den Klageführer.
"Du hast Recht", verkündete der Rabbi. "Aber wie ist das möglich?",
rief die Ehefrau des Rabbis aus. "Es kann doch nur einer der beiden
Recht haben!" - "Und Du hast auch recht!", sagte der Rabbi.
Ich befinde mich in einer ähnlichen Situation. Ich denke, daß beide
Recht haben, (und hoffe damit, auch selbst Recht zu haben).
Die Erkenntnisse der beiden Professoren sind bis ins letzte Detail
richtig. Jeder Senator und jedes Kongreßmitglied weiß, daß Kritik
an der israelischen Regierung für ihn politischen Selbstmord bedeutet.
Zwei von ihnen, ein Senator und ein Kongreßmitglied, versuchten es -
und wurden politisch hingerichtet. Die jüdische Lobby wurde komplett
gegen sie mobilisiert und jagte sie aus dem Amt. Dies geschah vor
aller Augen, um ein öffentliches Exempel zu statuieren. Wenn die
israelische Regierung morgen ein Gesetz haben möchte, das die Zehn
Gebote für ungültig erklärt, dann würden mindestens 95 Senatoren den
Gesetzesentwurf unverzüglich unterschreiben.
Präsident Bush zum Beispiel hat sich von allen etablierten amerikanischen
Positionen, die unsern Konflikt betreffen, zurückgezogen. Er
akzeptiert automatisch die Positionen unserer Regierung, gleichgültig
wie sie sind. Fast alle amerikanischen Medien sind für Palästinenser
und israelische Friedensaktivisten verschlossen. Was die Professoren
betrifft, so wissen fast alle, welche Seite ihres Brotes mit Butter
bestrichen ist. Wenn trotz allem einer von ihnen den Mund zu öffnen
wagt und etwas gegen die israelische Politik sagt - was alle paar Jahre
einmal vorkommt - wird er unter einem Hagel von Verwünschungen begraben:
Antisemit, Holocaustleugner, Neo-Nazi.
Nebenbei gesagt, sind amerikanische Gäste in Israel, die wissen, daß
es zuhause verboten ist, über den Einfluß der jüdischen Lobby zu reden,
sprachlos, wenn sie feststellen, daß hier die Lobby ihre Macht in
Washington nicht verheimlicht, sondern offen damit angibt.
Die Frage ist deshalb nicht, ob die beiden Professoren mit ihren
Ergebnissen Recht haben. Die Frage lautet eher, welche Schluß-
folgerungen können aus ihnen gezogen werden?
Nehmen wir mal die Irakaffäre. Wer ist der Hund? Wer der Schwanz?
Die israelische Regierung betete um diesen Angriff, der die strategische
Bedrohung Israels durch den Irak vernichtete. Amerika wurde von einer
Gruppe Neo-Konservativer, fast alles Juden, die einen großen Einfluß
auf das Weiße Haus haben, in den Krieg gestoßen. Früher waren einige von
ihnen Berater von Binyamin Netanyahu gewesen.
Oberflächlich betrachtet, ein klarer Fall. Die pro-Israel-Lobby drängte
zum Krieg, Israel profitiert am meisten davon. Wenn der Krieg in einem
Desaster für Amerika endet, dann wird sicher Israel die Schuld dafür
gegeben werden.
Wirklich? Und was ist mit dem amerikanischen Ziel, seine Hände auf
die Weltölreserven zu legen, um die Weltwirtschaft zu beherrschen? Was
mit dem Ziel, eine amerikanische Garnison im Zentrum der wichtigsten
ölproduzierenden Region, über dem irakischen Öl, zu plazieren, zwischen
dem Öl Saudi-Arabiens, des Irans und des Kaspischen Meeres? Wie ist
es mit dem immensen Einfluß der großen Öl-Gesellschaften auf die BushFamilie
? Was ist mit den großen multinationalen Unternehmen, deren
hervorstechendster Vertreter Dick Cheney ist, die hofften, hunderte
Milliarden beim "Wiederaufbau des Iraks" zu machen?
Die Lektion der Irakaffäre ist, daß die amerikanisch-israelische
Verbindung am stärksten ist, wenn es scheint, daß amerikanische und
israelische Interessen übereinstimmen (ungeachtet, ob dies auf lange
Sicht tatsächlich der Fall ist). Die Vereinigten Staaten benutzen
Israel, um den Mittleren Osten zu beherrschen, Israel benutzt die
Vereinigten Staaten, um Palästina zu beherrschen.
Wenn aber etwas Außergewöhnliches geschieht, wie die Jonathan-PollardSpionage
-Affäre oder der Verkauf eines israelischen Spionage-Flugzeugs
an China und sich so eine Kluft zwischen den Interessen beider Seiten
öffnet, dann ist Amerika fähig, Israel zu ohrfeigen.
Die amerikanisch-israelischen Beziehungen sind tatsächlich einzigartig.
Es scheint, als gäbe es dafür keinen Präzedenzfall in der Geschichte.
Es ist als hätte König Herodes Kaiser Augustus Befehle gegeben und
bestimmt, wer Mitglied des römischen Senats werden soll.
Ich denke nicht, daß dieses Phänomen allein durch wirtschaftliche
Interessen erklärt werden kann. Selbst die orthodoxesten Marxisten
müssen anerkennen, daß dies auch eine geistige Dimension hat. Es
ist kein Zufall, daß amerikanische (als auch britische) fundamentalistische
Christen die zionistische Idee erfunden haben, bevor
Theodor Herzl sich darauf stürzte. Die evangelikale Lobby ist nicht
weniger bedeutend im heutigen Washington als die jüdische. Nach
ihrer Ideologie müssen Juden das ganze Heilige Land in Besitz nehmen,
um die Wiederkunft Christi möglich zu machen (und dann - was sie
nicht laut verkünden - werden einige Juden Christen und der Rest
wird in der Schlacht von Armageddon, heute Meggido im Norden Israels,
vernichtet).
An der Basis des Phänomens liegt die unheimliche Ähnlichkeit zwischen
den beiden national-religiösen Geschichten, der amerikanische Mythos
und der israelische. In beiden haben Pioniere, die wegen ihrer
Religion verfolgt wurden, die Küsten des "Verheißenen Landes" erreicht.
Sie wurden gezwungen, sich gegen die "wilden" Einheimischen zu verteidigen,
die sie vernichten wollten. Sie erlösten das Land, brachten
die Wüste zum Blühen, schufen mit Gottes Hilfe eine blühende, demokratische
und moralisch hochstehende Gesellschaft.
Beide Gesellschaften leben in einem Zustand der Leugnung und der
unbewußten Schuldgefühle - drüben wegen des Völkermords an den
amerikanischen Ureinwohnern und der entsetzlichen Sklaverei der
Schwarzen, hier wegen der Entwurzelung des halben palästinensischen
Volkes und der Unterdrückung der anderen Hälfte. Hier wie dort
glauben die Menschen an einen ewigen Krieg zwischen den Söhnen des
Lichts und den Söhnen der Finsternis.
Jedenfalls ist die amerikanisch-israelische Symbiose einzigartig
und ein zu komplexes Phänomen, um sie als einfache Verschwörung zu
beschreiben. Ich bin sicher, daß die beiden Professoren dies auch
nicht versuchten.
Der Hund wedelt mit dem Schwanz und der Schwanz wedelt mit dem Hund.
Sie wedeln sich gegenseitig.
http://www.freace.de/artikel/200604/230406b.html
Für einen klaren Gegenpol
Shraga Elam über Judeophile Attitüden in Deutschen Medien
Arne Hoffmanns Interview mit Shraga Elam
Auf mein Buch "Warum Hohmann geht und Friedman bleibt" erhielt ich
schon kurz nach der Veröffentlichung interessierte Anfragen von
Aktivisten für Frieden und Menschenrechte im Nahen Osten. Einer davon
war der israelische Journalist Shraga Elam, der unter anderem durch
sein Werk "Hitlers Fälscher - Wie jüdische, amerikanische und Schweizer
Agenten der SS beim Falschgeldwaschen halfen" bekannt geworden
ist. Elams Vater war aus Nazi-Deutschland geflohen, wo viele seiner
Familienmitglieder umgebracht wurden; 1947 kam Elam in Haifa zur Welt.
Heute gehören zu seinen Kernthemen der israelisch-palästinensische
Konflikt sowie die historische Forschung zur Rolle von jüdischen
Organisationen und der Schweiz während der NS-Zeit. 2004 wurde Elam
mit dem renommierten australischen Journalistenpreis Gold Walkley Award
für seine Enthüllung über Schweizer Konten australischer Prominenter
bei einer Schweizer Bank ausgezeichnet. Ich nutzte die Gelegenheit
seiner Kontaktaufnahme für die Bitte um ein Interview. Ursprünglich
war das Interview für unser liberales Magazin "eigentümlich frei"
abgesprochen gewesen, leider war dort eine Veröffentlichung später
nicht mehr möglich. Jetzt wurde es in der antirassistischen Zeitschrift
"Die Brücke" veröffentlicht.
www.arendt-art.de/deutsch/palestina/Stimmen_deutsch/arne_hoffmann.htm
Arne Hoffmann: Sharons Unterstützer wie beispielsweise Henryk Broder
und Paul Spiegel können sich in den deutschen Massenmedien stark
präsentieren, während Vertreter der israelischen Friedensbewegung dort
kaum auftauchen und ihre Positionen von Pressure Groups, Journalisten
aber auch Politikern aller Parteien als antisemitisch abgewatscht
werden. Jeder, der hinzukommt, um diese Positionen zu unterstützen,
kann schon absehen, dass die Folge kein Eingehen auf seine Argumente
sein wird, sondern nur, dass man ihm selbst das Etikett des Antisemiten
anheftet. Wenn sich selbst die "taz" und die "Welt" darin einig sind,
bestimmte Aspekte in der Berichterstattung komplett auszublenden,
scheint mir eine faire öffentliche Debatte nur schwer zu erreichen.
Sehen Sie Wege, wie diese Einseitigkeit geknackt werden kann?
Shraga Elam: Ich befürchte, nicht so schnell. Eine wesentliche Änderung
wird erst dann eintreten, wenn Israel an Bedeutung für die USA verlieren
würde. Ich denke, dass diese enge Beziehung der entscheidende
Faktor ist. Ich weiß nicht, wie man die Medien sonst dazu bringen
kann, nicht so verlogen und heuchlerisch zu berichten. Es braucht
leider im Moment offensichtlich viel Mut, um ein Buch zu schreiben,
wie Sie es machten. Es ist in der Regel nicht sehr dienlich für die
eigene Karriere, sich in dieser Tabuzone zu bewegen. Aber wenn es mehr
und mehr Menschen wagen würden und der Druck von "unten" größer wird,
dann wird logischerweise der Druck auf die einzelnen mutigen Kritiker
kleiner.
Ein großes Problem ist, dass verschiedene Leute wie Walser oder
Möllemann sehr stark auf einem Ego-Trip sind oder waren. Walser zum
Beispiel wollte mit Jamal Karsli nicht zu tun haben und auch Möllemann
ließ ihn sehr schnell fallen. Eine Art Vernetzung und gegenseitige
Unterstützung sind enorm wichtig. Eine dritte und ganz wichtige
Voraussetzung ist, dass jeder Mensch sich fragen muss: Wo, wann und
wie viel spielen die eigenen Vorurteile eine allzu große Rolle? Eine
konstante Selbstkritik ist also notwendig. Der Vorwurf von Antisemitismus
erfolgt sowieso, und auch ich werde seit Jahren als "Selbsthasser"
"jüdischer Antisemit" usw. verleumdet. Wenn man sich aber
sicher genug ist und über eine gute Unterstützung verfügt, ist die
Sache viel einfacher. Ich glaube, dass meine Unterstützung für Jamal
Karsli ihm zwar zuerst mehr Probleme schaffte, denn Westerwelle benutze
sie, um gegen Jamal zu agieren. Danach fühlte sich Jamal aber durch
unsere fast täglichen Gespräche nicht ganz alleine gelassen, und er
ging auch in der Offensive.
Es gibt zwar sehr laute, aggressive und aktive Gruppierungen wie die
"Anti-Deutschen", die absolut borniert und religiös argumentieren
(sie beeinflussen die "taz" sehr stark und bedrängen kritische Medienschaffende),
es muss aber ein klarer Gegenpol erzeugt werden. Diese
bornierten Menschen kann man/frau nicht überzeugen, denn sie wollen
keine Gegenargumente oder Beweise hören. Es sollte ein neues MedienOrgan
geschaffen werden, wo eine sachliche Diskussion und Berichterstattung
möglich sein könnte. Diese muss gar nicht einseitig geführt
werden, sondern eher im Gegenteil: kontrovers. Ich glaube, dass es
hier eine echte Marktlücke gibt. Mit einer Möglichkeit wie dem Internet
ist die notwendige Investition nicht mehr so groß wie früher, als man/
frau direkt mit einem Printprodukt anfangen musste. Ich glaube, dass
nicht nur in diesem Bereich die Notwendigkeit für eine mutige und
freche Publikation besteht, die nicht unbedingt auf eine Links-rechtsOrientierung
zu reduzieren wäre. Eine Publikation, die fundierte und
kritische Beiträge beinhalten würde.
Arne Hoffmann: Wie kann man aber als Kritiker der israelischen
Regierungspolitik einigermaßen sicher gehen, dass die eigene
Stellungnahme nicht von Leuten missbraucht wird, denen der Frieden
im Nahen Osten und die Menschenrechte vollkommen egal sind und
die einen lediglich ins Spiel bringen, um eigene antisemitische
Agitationen vorzubereiten?
Shraga Elam: Dass Rechtsradikale und andere Rassisten meine
Argumentation benutzen könnten, stellt zwar eine Gefahr dar, die
Unterdrückung der Wahrheit ist aber noch viel, viel gefährlicher.
Denn das wachsende Unbehagen wird über kurz oder lang zu einer
großen Explosion und einem Backlash führen. Diese Zensur und
Tabuisierung verschlimmern nur die Situation. Sie versuchen, eine
sachliche und faktische Auseinandersetzung unmöglich zu machen und
schaffen damit mehr Platz für Verschwörungstheorien und andere wilde
Spekulationen, die eine Mischung aus Wahrheiten, Halbwahrheiten und
glatten Lügen sind. Dieser Punkt muss realisiert und bekannt gemacht
werden. Das kritische Feld darf nicht den Rechtsradikalen überlassen
werden. Ich baue in meinen Texten verschiedene Elemente ein, die den
Missbrauch erschweren, und mache immer deutlich, dass ich jegliche
Form von Rassismus grundsätzlich ablehne. Ich versuche aber, auch
Rechtsradikale anzusprechen, um sie mit ehrlichen Argumenten zu
überzeugen. Manchmal gelingt es mir sogar ein bisschen.
Arne Hoffmann: Warum geht Ihrer Einschätzung nach ausgerechnet in den
letzten Jahren ein Antisemitismusskandal nach dem anderen durch unsere
Medien?
Shraga Elam: Sobald die Medien negativ über die israelische Politik
berichten, wird die Antisemitismuskeule geschwungen, um von dieser
Kritik abzulenken oder sie zu ersticken. Das war so bei der Libanoninvasion
Anfang der achtziger Jahre, bei der ersten Intifada und bei
dem zweiten Golfkrieg 1990/91. Seit der zweiten Intifada ab September
2000 wird die internationale Kritik wieder heftiger, worauf die
Diskussion aufkommt: Wo liegt die Grenze zwischen berechtigter und
antisemitischer Israelkritik? Die Menschen, die Israel in Schutz
nehmen, erklären Kritik zwar für legitim, ziehen die Grenzen aber
zugleich sehr eng. Sehr schnell ist sie nicht mehr legitim. Das
Flugblatt von Jürgen Möllemann zum Beispiel kritisierte ausdrücklich
Michel Friedman und Ariel Sharon, stand aber gleichzeitig für das
Existenzrecht Israels und eine friedliche Lösung. Trotzdem wurde
es in den deutschen Medien zuerst antisemtisch, dann antiisraelisch
gennannt. Es gibt aber doch offensichtlich einen Unterschied zwischen
Israel- und Sharonkritik. Man muss kein Antizionist sein, um Sharon
zu kritisieren. Er wird von Leuten kritisert, die stramme Zionisten
sind. Hier liegt eine gewollt verzerrte Optik vor: Die einen wussten,
welche Sichtweise sie durchsetzen wollten, und die Journalisten
plapperten einfach nach. Im Produktionsdruck haben sich viele offenbar
gar nicht die Mühe gemacht, das eigentliche Faltblatt zu lesen.
Und die, die es machten, sagten zu mir: Sie haben Recht, Herr Elam,
aber das können wir nicht schreiben. Sowohl die Kritiker als auch
die Verteidiger von Israel haben ihre Vorurteile. Da gibt es viele
Politiker, die hier ein wenig opportunistisch sind. Claudia Roth und
Guido Westerwelle stechen nur heraus.
Arne Hoffmann: Jamal Karsli wurde unter anderem deshalb Antisemitismus
vorgeworfen, weil er behauptete, die zionistische Lobby habe den größten
Teil der Medienmacht in der Welt inne. Wie bewerten Sie diese Äußerung?
Shraga Elam: Karsli wurde ja zuerst wegen dem Vorwurf angegriffen, dass
die israelische Armee Nazimethoden anwende, nachdem palästinensischen
Gefangenen eine Identifikationsnummer auf den Unterarm oder die Stirn
geschrieben worden war. Dabei wurde Karslis Bewertung von seinen
Parteikollegen akzeptiert, als er noch Mitglied der Grünen war. Man
machte sie erst zum Skandal, sobald er wegen der grünen Nahostpolitik
zur FDP wechselte. Hier gab es wohl Schwierigkeiten in Deutschland,
weil man nicht darüber berichtete, dass die von Karsli angesprochene
Praktik auch innerhalb Israels von prominenten Leuten wie etwa dem
ehemaligen Minister und Holocaustüberlebenden Yosef Lapid ähnlich
kritisiert wurde. Erst später äußerte sich Karsli in einem Interview
über die zionistische Macht. Und hier muss ich differenzieren.
Unter dem Strich ist die prozionistische Haltung in den Medien schon
stark präsent. In den USA sind viele Zeitungsmacher und Zeitungsbesitzer
jüdisch, wobei es da unterschiedliche Strömungen gibt: Nicht alle Juden
sind von vorneherein pro Israel. Es gibt da einige, die sehr kritisch
eingestellt sind. Im deutschsprachigen Raum sind nicht viele jüdische
Journalisten vorhanden und mit Ausnahme von Haim Saban und Roger
Schawinski gibt es auch kaum jüdische Medienbesitzer oder wichtige
Entscheidungsträger dort. Nichtsdestotrotz ist der zionistische
Einfluss auf die Medien sehr groß. Beim Springer-Verlag etwa müssen
alle Journalisten ganz offiziell einen Vertrag unterschreiben, in
der Kritik an Israel nicht weit zu gehen. Aber ich sehe das Problem
weniger in einer zionistischen Lobby, die ist ja legitim, als vielmehr
in rassistischen Vorurteilen von Nicht-Juden. Es brauchen ja nur zehn
Leute bei einer Zeitung anzurufen, schon bekommen die Redakteure Angst
vor einer vermeintlichen machtvollen Verschwörung. Ich will Friedman
und Broder nicht in Schutz nehmen, aber das eigentliche Problem sind
die Medien, die sie so wichtig nehmen.
Eine übertrieben judeophile Haltung in den deutschen Medien geht
sehr weit: Selbst Zeitungen, die sehr weit im linken Spektrum liegen,
setzen Grenzen für die israelische Kritik, die weit über die Grenzen
in israelischen Zeitungen hinausgehen. Im Juni 2005 zum Beispiel gab
es dort einen fundierten Bericht, dem zufolge der berühmte Schriftsteller
und spätere Goethepreisträger Amos Oz in seinem Buch "Siah
Lohamim", einem Bestseller und Kultbuch der Friedensbewegung, Aussagen
israelischer Soldaten über Greueltaten im Krieg von 1967/68 zensiert
beziehungsweise gefälscht hatte, beispielsweise als diese Soldaten
israelische Verbrechen mit denen der Wehrmacht und der Gestapo verglichen.
Es gab keine deutsche Zeitung, die Interesse hatte, darüber
zu berichten, schon gar nicht im Vorfeld der Goethepreis-Verleihung
im August. Weder die FAZ noch die "junge welt". Ich glaube nicht, dass
da ein Redakteur bei Friedman oder Broder angerufen hat, ob man diese
Story bringen dürfe. Es war wohl eher die berühmte Schere im Kopf.
Dass israelische Soldaten mit Wehrmacht oder Gestapo verglichen werden:
Das darf man nicht machen.
Arne Hoffmann: Forscher der Universität Bielefeld haben vor kurzem
bei 89 Prozent aller Deutschen antisemitische Züge entdeckt. Ihrer
Argumentation zufolge ist es beispielsweise ein Zeichen für Antisemitismus,
die aktuelle israelische Politik mit dem Handeln der
Nationalsozialisten zu vergleichen, weil das die Opfer zu Tätern
stempele.
Shraga Elam: Es kommt darauf an, vor welchen Hintergründen man das
macht. Ich denke, ein Vergleich ist eine legitime Praxis für jede
historische Forschung. Wenn man das verböte, könnte man jede historische
Forschung geradezu vergessen. Und auch das Anzweifeln von Fakten
ist immer legitim. Die Frage geht nach den Motiven. Handelt es sich
zum Beispiel um einen Versuch der Bewältigung von Schuldgefühlen,
die ohnehin keine reale Grundlage haben? Schließlich ist Sippenhaft
juristisch nicht haltbar. - Wie dem auch sei: Als NS-Verbrechen werden
häufig nur Auschwitz und die systematische Massenvernichtung wahrgenommen.
Dabei wird übersehen, dass sich die antijüdische NS-Politik in
mehrere Phasen gliederte. Von 1933 bis 1938 ging es darum, die Juden
sozusagen "freiwillig" zu vertreiben: ihnen nahezulegen auszuwandern,
mit ihrem Ausschluss aus der Öffentlichkeit, der Beschlagnahme von
ihrem Besitz usw. Ich will das nicht verharmlosen, aber damals war die
physische Vernichtung von Juden kein konkretes und operatives Thema.
Zwischen 1938 und 1941 ging es über zur aktiven Vertreibung und erst
ab 1941/1942 begann die systematische Vernichtung. Wenn man jetzt
von "Nazimethoden" spricht, muss man konkretisieren, welche Phase und
welche Methoden man meint. Selbstverständlich existieren in Israel
keine Gaskammern. "Noch nicht" kann man vielleicht mit der früheren
israelischen Bildungsministerin Shulamith Aloni sagen. Aber wenn man
das heutige Israel mit dem Deutschland zwischen 1933 und 1938 vergleicht,
kann man bestimmte Ähnlichkeiten erkennen. Es gibt auch
Äußerungen von israelischen Politikern, die man genauso hätte im
Nazideutschland hören können. Im August 2002 definierte der damalige
israelische Generalstabschef die palästinensische Bedrohung als
Krebsgeschwür und das israelische Vorgehen als Chemotherapie, was
er später mehrmals wiederholte. Dieser Sprachgebrauch hätte auch von
Hitler oder Himmler stammen können. Man darf diesen Vergleich also
nicht nur ziehen, ich würde sagen: Man muss ihn ziehen. Ich weiß
nicht, wie gut die Bielefelder Befragten über die Vorgänge in Israel
informiert sind. Die meisten Menschen sind wohl weder Nahost- noch
Geschichtsexperten, aber sie haben den Eindruck, da laufen Verbrechen,
sehen rein gefühlsmäßig keine Unterschiede und haben damit grundsätzlich
Recht. Solche Antworten müssen von Fall zu Fall anhand von
zusätzlichen Fragen ausgewertet werden. Erst dann kann man eventuell
feststellen, ob hier anti-jüdische Vorurteile hineinspielen. Diese
einseitige Interpretation ist ein zusätzlicher Beweis, dass solche
Meinungsumfragen mehr über die Forscher und ihre eigene Vorurteile
aussagen als über diejenigen der Befragten
Es gibt ein antideutsches, rassistisches Interpretationsmuster,
wonach die NS-Verbrechen nicht nur quantitativ, sondern auch
qualitativ etwas völlig Einmaliges seien, und das ist nicht so.
Diese Verbrechen wurden von Menschen begangen, und gewisse Prozesse
können sich überall ereignen. Die deutschen Soldaten waren keine
Bewohner eines anderen Planeten. Ich war selbst als Soldat in drei
Kriegen und kann sagen, da passieren im Krieg überall ähnliche
Sachen. Dass man es nicht mit einem genetischen Erbgut der Deutschen
zu tun hat, wie manche Publikationen eigentlich suggerieren, kann
durch eine einfache und zuverlässige Umfrage über den Stellenwert
von Militarismus demonstriert werden. Militarismus wird heute weit
negativer in Deutschland bewertet als in Israel.
Arne Hoffmann: Ist Ihre Bewertung des israelischen Vorgehens eine
Einzelmeinung von Ihnen oder wird sie von anderen geteilt?
Shraga Elam: Sie wird von so einigen Leuten getragen. Der jüdische
Autor Hajo Meyer, ein Auschwitzüberlebender, hatte Deutschland in
den dreißiger Jahren selbst erlebt. Er war kürzlich in den palästinensischen
besetzten Gebieten und musste feststellen, dass die
Situation der Palästinenser in manchem schlimmer ist als damals die
der Juden im Dritten Reich. Gideon Levi, Journalist der israelischen
"Haaretz", befand, die Situation sei zwar nicht identisch, aber es
gebe viel mehr Ähnlichkeiten zwischen der Situation in Nazi-Deutschland
und im heutigen Israel, als ihm lieb sei. Wenn es von palästinensischer
Seite ein Mega-Attentat mit hunderten von Toten gäbe, müsste man mit
massiven israelischen Reaktionen rechnen, die bis hin zu einer blutigen
Massenvertreibung gehen könnten. Hinzu kommt die jetzt schon enorm
große Zahl der Palästinenser, die bis heute gestorben sind - nicht in
militärischen Auseinandersetzungen, sondern etwa durch Mangelernährung
oder Probleme mit der medizinischen Versorgung. Geschätzte 20.000 Tote
dürften eher die Untergrenze darstellen. Nur wegen seiner Abhängigkeit
von den USA kann es sich das heutige Israel nicht so leicht leisten
wie damals Nazideutschland, schon kleinste "Provokationen", also
den geringsten Widerstand, als Vorwand für ganz scharfe Maßnahmen zu
verwenden.
Arne Hoffmann: Wenn man hierzulande über israelische Täterschaft zu
sprechen versucht, erfolgt als Einwand relativ zügig, das vertausche
Opfer mit Tätern und sei insofern antisemitisch. Inzwischen hat Henryk
Broder die Argumentation gewechselt: Es sei richtig, dass Israel heute
mehr in der Rolle des Täters als der des Opfers ist - Täter hätten
eine längere Lebenserwartung und mehr Spaß.
Shraga Elam: (lacht) Naja, Broder ist ein Einzel-Schreibtischtäter und
ein bisschen ein Spaßvogel. Den darf man nicht so wahnsinnig seriös
betrachten. Was dahinter steckt, das ist eine jüdische Haltung, die
man in gewissen Kreisen aus Israel hört: Ja, die Welt hat uns lieber
als Opfer denn als Täter, aber wir wollen nicht mehr Opfer sein.
Selbstverständlich können die Opfer von gestern die Täter von heute
werden. Denken Sie an Gewaltopfer in der Familie, an Menschen, die
sexuell missbraucht wurden - diese geben die erfahrene Gewalt häufig an
ihre Kinder weiter. Die Gewaltopfer haben ihr schlimmes Schicksal dann
nicht richtig bewältigt. Ich glaube aber nicht, dass ein Richter solche
Täter freispricht, nach dem Motto: Weil sie selbst Gewalt erlebt haben,
dürfen sie ihre eigenen Kinder auch missbrauchen. Das geht nicht.
Arne Hoffmann: Viele Journalisten betrachten den Abzug Israels aus
Gaza als ein sehr positives Zeichen für einen Wandel seiner AntiPal
ästinenser-Politik.
Shraga Elam: Viele gehen sehr stark mit ihren Hoffnungen statt mit
kühlen Analysen an die Sache heran. Warum hat Sharon diesen Schritt
getan? Er war in einer sehr bedrängten Lage wegen Korruptionsvorw
ürfen gegen ihn und seine Familie, die durch alle israelischen Medien
gingen. Die Untersuchungen laufen noch. Sharon musste diese Sache
neutralisieren. Er kommt damit Forderungen aus der Arbeiterpartei nach
mit dem Wunsch, man möge ihn dafür wegen dieser Korruptionssache in
Ruhe lassen. Diese Rechnung ist größtenteils aufgegangen. Dies obwohl
die Opposition zum Rückzug aus dem rechtsradikalen Lager sehr groß war.
Es gab Prognosen, die ich auch teilte, dass Israel dadurch an den Rand
eines Bürgerkrieges geraten können hätte. Erstaunlicherwise lief der
Abzug relativ problemlos ab, die rechtsradikale Opposition wurde immer
schwächer. Man rätselt immer noch warum. Sharon hat offensichtlich
eine klare Absprache mit der rechtsradikalen Siedlerbewegung gebrochen,
dass es keine weiteren wesentlichen Konzessionen geben würde. Bei der
Westbank, wo sich größere Siedlungen befinden, würde dasselbe nicht
funktionieren. Was sich in Gaza abspielt, ist auch für die Palästinenser
kein gangbarer Weg: Das Ghetto ist ein bisschen größer geworden, aber
die Belagerung ging nicht zurück und der Druck auf die palästinensische
Gesellschaft wurde sogar noch größer. Die Situation ist sehr labil. Die
israelische Armee wartet nur auf palästinensische Aktionen, um wieder
in Gaza einzufallen. Die Verbände stehen bereits. Das einzige, was das
momentan verhindert, ist Druck aus den USA. Aber das Ganze könnte man
mit einem dieser Tänze vergleichen, wo man einen Schritt zurück tut, um
dann drei vorwärts zu machen.
Arne Hoffmann: Sie haben ja die heftigen Anfeindungen gegen Sie erwähnt.
Ich kenne das selbst auch - wegen meines Buches wurde ich zuletzt in
einer Internet-Diskussion von Leuten, die es alle nicht gelesen hatten,
als Rechtsradikaler und Neonazi beschimpft. Als ein Diskussionsteilnehmer
einwandte, vielleicht sollte man doch wenigstens mal einen Blick
in dieses Werk werfen, über das man sich so ereifere, wurde ihm vorgeworfen,
wenn er so etwas läse, sei er offenbar genauso ein Faschist
wie ich. Wie ist hierzulande ein Diskussionsklima entstanden, in dem es
schon tabu ist, die Stichhaltigkeit gewagter Vorurteile zu überprüfen?
Shraga Elam: Es gibt sehr viel Propaganda in Deutschland. Diese ganze
Holocaustkultur kommt bei vielen Leuten sehr gut an. Einige machen das
aus opportunistischen Gründen mit, andere glauben das einfach. 1994
lief im Kino "Schindlers Liste". Der Film hatte mit der Buchvorlage
wenig zu tun und wurde in Israel mehrheitlich als Verkitschung gesehen.
Kein deutscher Journalist hätte ein solches Urteil gewagt. Die Leute,
die diesen Film damals als Jugendliche gesehen haben, sind heute
erwachsen. Auch die Werke von Goldhagen und anderen hatten ihre Wirkung.
Rassistische Voruteile gegen die Deutschen werden verinnerlicht, und
da gibt es eine reiche Kultur. Bei Antideutschen kommt es manchmal zu
abstrusen Schlussfolgerungen. Da argumentieren linke Deutsche, warum
sie Sharon als Linke und Sozialisten unterstützen. Sie wissen, dass
Sharon nicht links ist, aber "unbewusst" sei er doch ein Spielzeug der
kommunistischen Revolution. Viele Menschen werden durch die Medien und
durch die Schule geprägt, andere schwimmen einfach mit dem Strom. Wenn
Sie in diesem System Karriere machen möchten, wird Ihnen Ihr Buch zurzeit
nicht wahnsinnig helfen.
Arne Hoffmann: Wie, glauben Sie, wird sich diese Debatte in den nächsten
Jahren entwickeln? Sie scheinen zu befürchten, dass die Art, wie hierzulande
über Antisemitismus gesprochen wird, den Juden langfristig eher
schaden wird?
Shraga Elam: Auch kurzfristig. Mehr Juden müssen realisieren, dass
Israel für sie eine große Bedrohung darstellt und keinen richtigen
Schutz bietet. Sie beschäftigen sich ja auch in Ihrem Buch mit der
Frage, wie verbreitet heute Judenhass ist, ob er wächst oder stagniert.
Meiner Ansicht nach nehmen antijüdische Erscheinungen und Gefühle zu prim
är als Reaktion auf die israelische Politik und die Arroganz von
verschiedenen jüdischen Exponenten wie Michel Friedman. Nun ist der
Einfluss einzelner jüdischer Organisationen vor allem nach dem Sieg
Israels im Krieg von 1967 gewachsen, nachdem Israel ein wichtiger
Machtfaktor für die USA geworden ist. Nicht zufälligerweise hat sich
danach auch die ganze Holocaustkultur viel stärker ausgeprägt. Aber
solche Bündnisse sind immer befristet. Heute können jüdische Organisationen
die US-Politik noch stark beeinflussen, aber es könnte bald
zu einer Wende kommen. Ich sehe zwei mögliche Szenarien. Das eine:
Die Schlappe im Irak wird für die Bush-Administration so unerträglich,
dass diese behaupten könnte, die Juden oder Israel seien Schuld daran,
dass es diesen Krieg überhaupt gegeben hat. Das andere Szenario wäre,
dass sich die Situation in Israel wirklich zu einer bürgerkriegsähnlichen
Lage zuspitzt. Die Gewaltbereitschaft innerhalb der israelischen
Gesellschaft ist enorm groß: Auch auf der privaten Ebene, in der
Familie und auf der Straße wird häufig große Gewalt angewendet. Es
könnte zu einem großen Gewaltausbruch kommen. Wenn das stattfindet,
egal vor welchem Hintergrund, wäre Israel für die USA als Partner
nicht mehr so interessant. Das wiederum dürfte einen enormen Rattenschwanz
nach sich ziehen. Plötzlich wäre aus dem Ballon der jüdischen
Lobby - und mehr als ein Ballon ist es nicht - die Luft draußen. Die
ganze Welt macht jetzt einen Kniefall, die UNO will einen Holocausttag
einführen, aber das beruht nicht auf einer festen Einsicht, dass die
Judenvernichtung in der Tat das schlimmste Verbrechen aller Zeiten
war. Vielmehr ist es ganz klar politisches Kalkül, hier bestimmte
Konzessionen zu machen. Wenn das politische Klima sich plötzlich
ändern würde, wäre auch die internationale Haltung ganz anders. Wenn
das passieren würde, könnten die vorhandenen unterdrückten Aggressionen
vieler Menschen gegen Juden zum Ausdruck kommen. Leute wie Spiegel
und Friedman realisieren das nicht so richtig. Man kann hier von der
Arroganz der Macht sprechen. Dass diese Macht auf wackligen Füßen steht
und sich ihre Arroganz gegen sie selbst auswirken könnte, halten diese
Leute offenbar kaum für denkbar.
Arne Hoffmann: Was würden Sie einem Deutschen empfehlen, der die
israelische Friedensbewegung unterstützen und dazu beitragen möchte,
Menschenrechtsverletzungen im Nahen Osten zu verhindern?
Shraga Elam: Es gibt hier kein einfaches Patentrezept, das ist klar.
Jeder muss für sich entscheiden, wieviel Energie er in diese Sache
investieren will. Man kann sagen: In Deutschland gibt es mit Arbeitslosigkeit,
Sozialabbau und Rassismus genug Probleme. Andererseits ist
die Unterstützung des deutschen Staates für israelische Verbrechen
groß. Israel hatte meines Erachtens nie ein Recht, im Namen der NaziOpfer
zu sprechen, und falls doch, hätte es dieses Recht mittlerweile
verspielt. Doch Deutschland gehört heute zu den engsten Verbündeten
von Israel. Die finanzielle Unterstützung Deutschlands hat praktisch
sämtliche israelischen Aggressionen begünstigt, da sind sich sehr viele
israelische Historiker einig. In den sechziger Jahren stand Israel
am Rande des ökonomischen Zusammenbruchs, und erst durch die Wiedergutmachungszahlungen
konnte es sich Waffen und Systeme kaufen, die
die Aggressionen bis heute ermöglicht haben. Ich will keiner neuen
Kollektivschuldthese das Wort reden, aber es muss zur Kenntnis genommen
werden, dass Deutschland Mitverantwortung für die Verbrechen an den
Palästinensern trägt. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich kenne viele
Leute, die sich engagieren, die übers Internet Informationen verteilen,
Protestaktionen und Demonstrationen in Zusammenarbeit mit israelischen
oder palästinensischen Gruppen veranstalten oder einfach gegen Medienberichte
protestieren, die ihnen nicht gefallen. Bei einer entsprechend
großen Anzahl zeigt das durchaus Wirkung.
Arne Hoffmann: Wo kann man sich zum Thema weiterinformieren?
Shraga Elam: (lacht) Man sagt ja, Wissen sei Macht. Ich habe den
Eindruck, Wissen ist nur bei den Mächtigen Macht. Bei den Machtlosen
bedeutet Wissen eher Ohnmacht. Aber ich stelle Ihnen gerne ein paar
Links zusammen:
www.arendt-art.de/deutsch/palestina/index.html
www.zmag.de/index.php
www.freunde-palaestinas.de
www.steinbergrecherche.com
www.haaretz.com (englisch)
Die Brücke
Forum für antirassistische Politik und Kultur
Nr. 2 Apri-Mai-Juni 2006
http://www.arendt-art.de/deutsch/palestina/Stimmen_deutsch/
hoffmann_arne_interview_shraga_elam.htm
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>> Kasnazaniya / Casnazaniyyah: http://video.giv-seiten.info <<·
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>> Further Informations about Iraq and Palestine: <<·
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>> GIV-Page : http://giv.giv-seiten.info <<·
>> Iraq-Page : http://irak.giv-seiten.info <<·
>> Jemen-Page : http://jemen.giv-seiten.info <<·
>> Jordanien-Page : http://jordanien.giv-seiten.info <<·
>> GIV-Archiv : http://archiv.giv-seiten.info <<·
>> GIV-Archiv : http://www.giv-archiv.de <<·
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