DIE "SCHARON DOKTRIN": DAS ISRAEL-IMPERIUM
VON CHINA UND DER UDSSR BIS KENIA UND MAROKKO
Von Zwi Timor*
- Übersetzung aus dem Hebräischen. Der Artikel erschien in der
Tel Aviver Tageszeitung AL HAMISHMAR vom 21. Dezember 1981.
In all dem Wirrwarr um die kürzlichen Maßnahmen der israelischen
Regierung ist der Vortrag übersehen worden, den Ariel Scharon
zur Eröffnung des Symposions über strategische Fragen an der Tel
Aviver Universität hätte halten sollen. Der Vortrag fiel wegen
der Parlamentsdebatte zur Golan-Annexion aus. Das Manuskript wurde
jedoch im vollen Wortlaut in MA'ARIV veröffentlicht.
Der Vortrag ist deshalb bemerkenswert, weil Verteidigungsminister
Ariel Scharon darin die Scharon Doktrin präsentiert. Aus der
Geschichte der Diplomatie ist uns die eine oder andere Doktrin
geläufig. Die erste war die Monroe Doktrin, in der vom Präsidenten
der USA erklärt wurde, daß Südamerika amerikanisches Einflußgebiet
ist, und daß die USA eine Intervention europäischer Mächte in diesem
Gebiet nicht hinnehmen werden. Die Truman Doktrin stellte nach dem
Zweiten Weltkrieg klar, daß zu den amerikanischen Einflußgebieten im
südlichen Europa Länder wie Griechenland und die Türkei gehören. Die
Breschnew Doktrin beanspruchte das Recht der UdSSR, in sozialistischen
Staaten zu intervenieren, wenn die dortigen Regime in Gefahr sind.
Alle diese Erklärungen legten Einflußgebiete der Großmächte fest.
- Scharon legte in seinem Vortrag die Sicherheitsinteressen Israels
im Rahmen zweier Bereiche dar:
- Die Konfrontation mit den Arabern.
- Die Blockierung der sowjetischen Einflußnahme.
Scharon dehnt die israelische Interventionssphäre auf Gebiete aus,
die weit jenseits der unmittelbaren sicherheitspolitischen Interessenssph
äre in den arabischen Staaten liegen. Aber lassen wir ihn
selber sprechen:
"Ich möchte einige der Auswirkungen der israelischen Sicherheitspolitik
anführen. Es sollte klar sein, daß die Sicherheitsinteressen
Israels in dem neuen strategischen Bereich, den ich soeben umrissen
habe, durch Entwicklungen und Vorgänge weit außerhalb des Gebietes der
direkten Konfrontation beeinflußt werden, dem wir in der Vergangenheit
unsere Aufmerksamkeit gewidmet haben."
Scharon stellt somit in aller Öffentlichkeit fest, daß er die israelischen
Grenzen nicht an der grünen Linie oder an den Waffenstillstandsgrenzen
zu verteidigen gedenkt, sondern "weit" jenseits des
direkten Konfrontationsgebietes. [Die "grüne Linie": Israels Grenzen
vor dem Sechstagekrieg von 1967. Mit den Waffenstillstandsgrenzen
sind die Grenzen unter Einbeziehung der damals besetzten Gebiete
gemeint - H.S.]
Bezüglich der Frage, wo die israelischen Verteidigungslinien liegen,
überläßt Scharon nichts der Phantasie, sondern nennt unmißverständliche
Details:
"Mit anderen Worten, die strategische Interessenssphäre sollte - über
die arabischen Staaten im Nahen Osten, am Mittelmeer und am Roten Meer
hinaus - Länder wie die Türkei, Iran und Pakistan, sowie Gebiete wie
den Persischen Golf und Afrika umfassen, insbesondere nördliche und
zentralafrikanische Staaten."
Scharon gestaltet das Israel-Imperium für die achtziger Jahre mit den
folgenden Grenzen: im Osten - China, im Norden - die UdSSR, im Westen -
Algerien und Marokko, und im Süden - anscheinend Kenia oder Südafrika.
Da hier von Sicherheitsinteressen die Rede ist, beabsichtigt Scharon
offenbar, diese Interessen immer dann zu verteidigen, wenn sie durch
Vorgänge in Iran, oder durch "sowjetische Intervention" in Zentralafrika,
oder sogar durch den Zusammenbruch des Regimes in Pakistan
gefährdet erscheinen.
Stellen wir uns vor, Khomeinis iranische Revolution hätte sich während
der Scharon-Ara zugetragen. Seiner Doktrin entsprechend hätte Scharon
wohl eine Fallschirmjägereinheit in Teheran operieren lassen. Heute
sieht die Sache allerdings anders aus, und gemäß ausländischen Quellen
beliefert Israel das Khomeini-Regime sogar mit Waffen und Munition.
Zur Umsetzung der Scharon Doktrin in die Tat müssen geeignete Maßnahmen
ergriffen werden. Scharon nennt sie ohne Umschweife:
"Eines ist klar: Um unsere nationale Sicherheit verteidigen zu können,
muß unsere Fähigkeit zur Aufrechterhaltung eines Machtgleichgewichtes
und einer qualitativen und technologischen Überlegenheit gegenüber
jeder überhaupt möglichen arabischen Kriegskoalition gewährleistet
werden."
Eine qualitative und technologische Überlegenheit. Um keine Fragen
offenzulassen, stellt Scharon sogleich klar, daß er eine der Grundvoraussetzungen
zur Aufrechterhaltung der israelischen Überlegenheit
darin sieht, daß "wir jeden Konfrontationsstaat oder potentiellen
Konfrontationsstaat am Zugang zu nuklearen Waffen hindern müssen."
Man muß das zweimal lesen, denn Scharon spricht nicht nur von
Konfrontationsstaaten, sondern erweitert seine Doktrin auf potentielle
Konfrontationsstaaten. Dies mag immerhin die Einbeziehung von Pakistan
in die Sphäre der israelischen Sicherheitsinteressen erklären.
Scharons Doktrin beinhaltet zweierlei Aspekte: zusammen mit den USA
sollen die gemeinsamen Interessen der freien Welt garantiert werden,
gleichzeitig aber sollen israelische Sicherheitsbelange in Gebieten
gewahrt werden, die Tausende, ja sogar Zehntausende Kilometer von
den israelischen Grenzen entfernt sind.
Die "Scharon Doktrin" wäre komisch oder jämmerlich, würde sie nicht
von dem Minister stammen, der für die israelische Armee zuständig
ist und die Befugnis hat, sie in Marsch zu setzen.
Man könnte natürlich diese Doktrin als "Tollheit" oder als "Größenwahn"
abtun, als "bar jeder Realität". Aber wir sollten uns darüber klar
sein, daß Israel, solange Ariel Scharon Verteidigungsminister ist, in
eine ganze Kette von globalen und lokalen Konflikten verwickelt werden
kann, die im Grunde keine direkten Beziehungen zu Israel haben.
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