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Dr. Izzeddin Musa
Am Bonner Graben 19
53343 Wachtberg
20.01.2005
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Betrifft den Leserbrief von Oberrabbiner Moishe Arye Friedman
in Ihrer Zeitung vom 19. 1. 2005.
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte Sie um den Abdruck des folgenden Leserbriefes bitten:
Psycho-Terror des Zentralrats der Juden
Ich war sehr überrascht und hoch erfreut darüber, dass in Ihrer
Zeitung eine solche Meinung möglich ist, obgleich die Position des
Oberrabbiners in punkto Holocaust in Deutschland strafbar ist. Als
Deutscher palästinensischer Abstammung hat es mich besonders gefreut,
dass Friedman sich ein Jerusalem befreit vom Zionismus wünscht;
dies wünschen sich auch die Palästinenser. Sie hatten in Palästina
nie Probleme mit Juden bis die Zionisten ihr Kolonisierungsprojekt
in Palästina starteten. Der Spaltpilz wurde durch den zionistischen
Anspruch auf dieses Land in diese Weltregion getragen, als sie
behaupteten, die Juden bildeten nicht nur eine Religionsgemeinschaft,
sondern seien auch ein Volk. Dies ist natürlich barer Unsinn. Alle
Juden auf der Welt sind durch ihren Glauben miteinander geistig
verbunden, so wie alle Gläubigen anderer Religionsgemeinschaften auch.
Ein Volk bilden sie dadurch noch lange nicht. Die Juden Russlands,
Polens, Chinas, Argentiniens, der USA, Frankreichs, Äthiopiens,
Perus, Deutschlands, Marokkos, Syriens oder Israels sind Staatsbürger
ihres jeweiligen Landes und keine israelischen Juden - diese sind
nur Israelis. Nur die Juden in Israel bilden das jüdische Volk im
staatrechtlichen Sinne. Der Anspruch der Zionisten in Israel muss
deshalb zurückgewiesen wird, alle Juden der Welt zu vertreten und
ihnen Heimat zu bieten. Alle Juden außerhalb Israels leben in ihren
jeweiligen Heimatländern sicherer als in Israel. Zu dieser Unsicherheit
hat die Sharon-Regierung, auch Vorgängerregierungen, durch
ihrer staatsterroristischen Politik wesentlich beigetragen.
Das Hauptanliegen Oberrabbiner Moishe Friedmans, Kardinal Joachim
Meisner vor Angriffen des Zentralrates der Juden in Deutschland
in Schutz zu nehmen, ist mehr als ehrenwert. Meisner hat nicht verglichen
und schon gar nichts relativiert. Es bedarf eines orthodoxen
Juden, um die unerhörten Angriffe von Paul Spiegel auf Meisner
zurückzuweisen. Ich bin entsetzt über die Feigheit meiner deutschen
Landsleute. Was maßt sich Paul Spiegel eigentlich an? Verfügt er
über eine exklusivere Moral als andere Deutsche? Er vertritt eine
winzige Minderheit und verfügt über einen größeren Einfluss als der
Bundeskanzler. Warum weist der Regierungschef ihn nicht in seine
Schranken? Warum kommt immer Paul Spiegel oder andere Zentralratsmitglieder
in den Medien zu Wort? Warum fragt man nicht den Vorsitzenden
des Zentralrates der Muslime oder der Sinti und Roma oder
der Palästinensischen Gemeinde? Deren Mitgliederzahl ist wesentlich
höher als die der Organisation von Paul Spiegel.
Wann kapieren endlich meine deutschen Landsleute, dass sie durch
den Zentralrat moralisch erpresst werden. Oberrabbiner Friedman
hat Recht, wenn er die Deutschen dazu auffordert, ihren Nationalstolz
wiederzuentdecken. Solange ihnen dies nicht gelingt, wird
es mit der verkoksten Leitkulturdebatte und anderen unsinnigen
Konzepten nichts werden.
Mit freundlichen Grüßen
J'accuse!
Von Professor Dr. Michael Wolffsohn
Nie wieder Täter - ein deutsches Credo. Nie wieder Opfer - so
lautet die Lehre der Juden aus der Geschichte. Man ist damit
so weit auseinander wie je. Auch heute gilt: Die Juden können,
selbst wenn sie es wollten, dem Jüdisch-Sein nicht entfliehen -
denn die anderen lassen sie nicht. Herzls Einsicht spiegelt sich
in der aktuellen Debatte über Israels Sicherheitspolitik und
über das Für der Folter wider. Eine analytische und persönliche
Rückschau.
Es war einmal ein total assimilierter Jude, der 1860 in Budapest
geboren wurde, erstmals 1897 keinen Weihnachtsbaum aufstellte,
sondern Kerzen des neunarmigen Chanukka-Leuchters anzündete,
deutsch-österreichischer Patriot war und Zionist wurde - der
Zionist: Theodor Herzl. Seines hundertsten Todestages gedenken
wir in diesen Tagen.
Es war einmal ein 1947 in Israel geborener deutsch-jüdischer
Patriot, der trotzdem Zionist im Sinne fester Israel-Verbundenheit
war und es in jüngster Zeit noch mehr wurde: ich. Nicht aus
Unbescheidenheit sei hier von mir die Rede. Meine persönlichen
Erfahrungen der jüngsten Zeit verdeutlichen, wie mir scheint, die
Gegenwärtigkeit und Wirksamkeit Herzls.
"Wir sind ein Volk, ein Volk." In der Einleitung seines 1896
erschienenen Klassikers "Der Judenstaat" finden wir diesen
zeitlos gültigen Satz. Nicht alle Juden haben die gleiche Staatsb
ürgerschaft, und nur etwa ein Drittel aller Juden lebt heute
im "Judenstaat" Israel. Dennoch: "Wir sind ein Volk, ein Volk."
Was immer "es" ausmacht: Religion, Tradition, Geschichte, Verfolgung,
Verbundenheit, großfamiliäre "Blutsbande", Alltagsgemeinschaft
- unser Wir-Gefühl ist ebenso unbestreitbar wie die
hieraus abgeleitete Wir-Ihr-Abgrenzung. Ob religiös oder nicht,
zionistisch oder nicht, jüdisch engagiert, distanziert oder
indifferent - wir sind und bleiben Juden, ob wir es wollen oder
nicht.
Beispiele aus der Gegenwart: Wohlwollende deutsche Nichtjuden und
die meisten deutschen Nichtjuden sind heute durchaus wohlwollend
- sagen, wie wir in Deutschland lebende Juden (oder
deutsche Juden oder jüdische Deutsche oder, oder, oder), über
den jeweiligen Bundeskanzler: "Das ist unser Kanzler." Zugleich
aber sagen sie uns Juden: "euer Ministerpräsident Scharon" oder
"euer Präsident Katzav". Die meisten wohlwollenden Nichtjuden
betrachten uns gerne als Deutsche, doch Israel nennen viele von
ihnen "eure Heimat", und die vermeintlich allmächtige "US-jüdische
Lobby" ist auch in den Augen der Wohlwollenden "eure Lobby", die
(so die Wahrnehmung) die Politik von Bush und Scharon vorbehaltlos
unterstützt. Schon diese Beispiele zeigen: Auch heute ist für
Juden jeglicher jüdischer Färbung und nationalstaatlich kultureller
Prägung eine Flucht aus der nationaljüdisch-weltjüdisch-israelischen
Gemengelage unmöglich.
Zunächst wollte auch Herzl dem Jüdisch-Sein entfliehen, sogar
Massentaufen von Juden im Wiener Stephansdom hatte er als "Lösung
der Judenfrage" zunächst vorgeschlagen. Bald erkannte er die
Aussichts- und Ausweglosigkeit jeglicher Flucht oder Assimilation -
Assimilation als nicht nur äußerliche, sondern auch verinnerlichte
Totaldistanzierung von Juden und Judentum. Das assimilierte
deutsche und westeuropäische Judentum erlitt diese Erfahrung im
Holocaust.
Abgesehen von der Unmöglichkeit einer Flucht - sie wäre töricht.
Weshalb sollten wir Juden freiwillig auf eine der Hochkulturen
dieser Welt verzichten: auf unsere? Weshalb sollten wir Juden
auf unsere Religion zugunsten des Christentums oder des Islams
verzichten, die beide auf dem Judentum basieren? Weshalb sollten
wir Juden in die Welt des Abendlands fliehen, die entscheidend
jüdisch geprägt ist, auch wenn sie es nicht mehr weiß?
Ein Volk, ein Volk
Die anderen Völker, auch das deutsche Volk (das sich, politisch
korrektelnd, lieber als "Deutsche Bevölkerung" bezeichnet), auch
das "Deutsche Volk" ist heute mehr oder weniger bereit, uns zu
akzeptieren und zu integrieren. Aber dennoch bleiben wir für
Deutsche und andere Nichtjuden "die Juden", also doch Die-irgendwieAnderen.
Und wir selbst? Auch wir, seien wir noch so "deutsch" oder
"englisch" oder "amerikanisch" oder "französisch", auch wir verstehen
uns nicht zuletzt als Juden, als "Juden in Deutschland" oder
"deutsche Juden" oder "deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens".
Unser Irgendwie-Anderssein wollen wir selbst nicht ablegen, selbst
wenn es die anderen zuließen. Doch sie lassen es nicht zu, auch
unsere besten Freunde nicht, die wirklichen ebenso wie die vermeintlichen
Freunde. Wir sind wie die anderen und sind doch anders.
Wir wollen das, und die wollen das.
Fazit: 1896 war Herzls Satz "Wir sind ein Volk, ein Volk" gerade
innerjüdisch höchst umstritten. Die Geschichte hat Herzl recht
gegeben, und deshalb gilt dieser Grundsatz Herzls für uns Juden
der Diaspora ebenso wie für die Juden Israels.
Für sein Volk, unser Volk, wollte Herzl ein Land. Nicht irgendein
Land, sondern Eretz Israel, das Land Israel. Herzl dachte auch an
Argentinien, später an den Raum um El-Arisch auf der Sinai-Halbinsel,
dann auch an Uganda, weshalb manche von Herzls innerzionistischen
Kritikern seine Gegner und teilweise sogar Feinde wurden.
Dennoch: Uganda und alle anderen Regionen waren taktische Varianten
und nicht das strategische Ziel. Strategisches Ziel blieb Eretz
Israel.
Volk und Land waren also die zentralen Kategorien der Herzlschen
Gedanken und Taten. Damals wurde Herzl auch innerjüdisch dafür und
deswegen bekämpft, heute sind Volk und Land Israel für den Großteil
der jüdischen Gemeinschaft außerhalb und innerhalb Israels von
geradezu axiomatischer Zentralität. Sie bilden die Grundlage des
jüdischen heutigen Seins und Bewusstseins; auch für die Diasporajuden,
die nicht in Israel leben wollen, es jedoch als Lebensversicherung
betrachten und dafür ihren materiellen oder ideellen oder
materiellen und ideellen Beitrag leisten. Sie wollen ihn leisten,
weil allein diese Grundlage ihnen existentielle Sicherheit als Juden
gibt, sowohl ideell als auch materiell. Herzl lebt, weil sich seine
Sichtweise der jüdischen Welt in der jüdischen Welt und durch die
Weltgeschichte durchgesetzt hat.
Für Franz Rosenzweig, neben Martin Buber der wohl bedeutendste
jüdische Religionsphilosoph des 20. Jahrhunderts, war (in seinem
Schlüsselwerk "Der Stern der Erlösung", Erstausgabe 1921) jüdisches
Sein und Überleben nicht vom Land abhängig, sondern vom Zusammenhalt
des Volkes. Die Begriffe des großen Menschenfreundes Rosenzweig
klingen heute für Unwissende wie Vokabeln aus dem Wörterbuch
nationalsozialistischer Unmenschen. Das ist ganz und gar falsch,
erklärt aber auf einen Schlag, dass und weshalb der Abgrund zwischen
Juden und Nichtjuden "nach Auschwitz" und trotz Auschwitz auch unter
wechselseitig wohlgemeinten Vorzeichen groß ist.
Rosenzweig: "Nur das Blut gibt der Hoffnung auf die Zukunft eine
Gewähr in der Gegenwart. Jede andre, jede nicht blutmäßig sich
fortpflanzende Gemeinschaft kann, wenn sie ihr Wir für die Ewigkeit
festsetzen will, es nur so tun, da; sie ihm einen Platz in der
Zukunft sichert; alle blutlose Ewigkeit gründet sich auf den Willen
und die Hoffnung." Allein die "Blutgemeinschaft", also das Volk als
blutsverwandte, biologisch nationale Gemeinschaft, so Rosenzweig,
gewähre "Ewigkeit".
Der Philosoph weiter: Eine solche "Blutsgemeinschaft" brauche "den
Geist nicht zu bemühen; in der natürlichen Fortpflanzung des Leibes
hat sie die Gewähr ihrer Ewigkeit". Blut ohne Geist, Blut statt
Geist, also jüdisches Dasein rein biologisch und ohne inhaltliches
Sein? Sollte Rosenzweig das wirklich gemeint haben? Nur so viel:
Das allein wäre an inhaltlich Jüdischem zu wenig, weil biologistisch.
Bei der Person Rosenzweig fehlten diese Inhalte gewiß nicht, für das
jüdische Kollektiv reicht die "Stimme des Blutes" nicht. Sie formuliert
keine Inhalte und wirkt deshalb blutleer.
Für heutige Köpfe und Herzen, jüdisch oder nicht, sind solche ums
Blut kreisenden Worte und Gedanken eine Ungeheuerlichkeit, sie
klingen nach "Blut und Boden", also nach Nationalsozialismus.
Irrtum! Erstens meint Rosenzweig mit "Blut" nichts anderes als den
Umstand, daß wir Juden mehr als nur gedanklich eine Art Großfamilie
sind. Wenn und wo "Blut" verbindet, ist man miteinander verwandt,
und weil verwandt, auch miteinander verbunden, ob man will oder
nicht. Zweitens meint Rosenzweig nicht "Blut und Boden". Ganz im
Gegenteil. Er meint, daß die Verwandtschaft der Juden auch ohne
Boden, ohne Land, Verwandtschaft bleibt. Für die anderen "Völker
der Welt" gelte, so Rosenzweig wörtlich: "Am Boden und seiner
Herrschaft, dem Gebiet, klammert sich ihr Wille zur Ewigkeit fest.
Um die Erde der Heimat fließt das Blut ihrer Söhne; denn sie trauen
nicht der Gemeinschaft des Bluts, die nicht verankert wäre in dem
festen Grund der Erde." Anders die Juden, nach Rosenzweig: "Wir
allein vertrauen dem Blut und ließen das Land."
Und das Land Israel, Eretz Israel? Rosenzweig antwortet: Es sei
"im tiefsten Sinn" nur als "Land der Sehnsucht", als - "heiliges
Land" zu verstehen. Und wenn Juden im Heiligen Land leben, so
sei es doch Gottes Land, das dem "unbefangenen Zugriff" aller
Menschen einschließlich der Juden verwehrt bleibe. Das alles ist
klarer, als es klingt. Rosenzweig wollte folgendes sagen: Wir
Juden sind eine große Familie, "wir Juden sind ein Volk, ein Volk",
doch wir brauchen kein Land, um Juden zu sein, zu bleiben, zu überleben.
Nein, hatte Herzl früher gesagt und bis heute nicht nur wegen des
Holocaust recht behalten: Ohne jüdisches Land kein jüdisches Volk,
kein jüdisches Überleben, weil ohne jüdisches Land jüdisches Blut
ungehindert, unbehindert, ungesühnt und ungestraft vergossen wird.
Schon vor dem millionenfachen Judenmord hat Herzl "Nie wieder!"
gesagt. Nie wieder Opfer! Die meisten Juden haben seit 1896, seit
dem Erscheinen von Herzls "Judenstaat", trotz Franz Rosenzweig und
"nach Auschwitz" aus der Geschichte eines gelernt: Nur als Volk
und mit Land für unser Volk können wir als Juden überleben, in
Israel und in der Diaspora. Noch einmal: "Der Judenstaat", Israel,
ist unsere Lebensversicherung. Herzl sei Dank. Vor allem deshalb
gilt: Herzl lebt. Er lebt in uns, und er lebte für uns.
"Die Notlage der Juden wird niemand leugnen." So beginnt das
Kapitel "Die Judenfrage" in Herzls "Judenstaat", eines Buches,
das in einer Zeit wilder und brutaler Judenverfolgungen und
diskriminierungen entstand. Diese Antisemitismen waren auch zu
Herzls Zeit nicht auf Österreich, Deutschland, Rumänien, Russland
und Frankreich begrenzt, wo Herzl 1894/95 den Prozeß gegen Alfred
Dreyfus miterlebte und miterlitt. "Man wird uns nicht in Ruhe
lassen", so Herzl im "Judenstaat". Die Not war damals groß, sie
wurde von 1933 bis 1945 unendlich größer. Doch selbst "durch Druck
und Verfolgung sind wir nicht zu vertilgen", hatte Herzl in der
Einleitung des Judenstaates vorhergesagt. Vor seinem Kampf hätte
es Hitler lesen sollen. Er hätte uns Juden, den Deutschen, der
Welt, auch sich selbst Höllisches erspart.
Schon vor der Schoa hatte Herzl, ebenfalls in seinem prophetischen
und (anders als "Altneuland") auch heute gut lesbaren Buch "Der
Judenstaat", geschrieben: "Die lange Verfolgung hat unsere Nerven
überreizt." Nach Auschwitz sind unsere Nerven, auch die Nerven der
jüdischen Nach-Holocaust-Generationen, "überreizt", in Israel und
in der Diaspora. Deshalb haben die meisten heutigen Juden Herzls
"Nie wieder!", das er allein politisch und diplomatisch und somit
gewaltlos sichern wollte, um die militärische Komponente erweitert.
Sie haben Herzl nicht verändert, sondern dem Fortgang der inzwischen
noch mehr blutgetränkten jüdischen und israelischen Geschichte
angepaßt. Der neujüdische Konsens billigt daher die Gewaltkomponente
nicht nur reaktiv, sondern notfalls auch präventiv, also vorwegnehmend.
Für den politischen Zweck unseres Überlebens, in Notwehr,
befürworten wir die Androhung und notfalls, notfalls, notfalls die
Anwendung von Gewalt, also auch Krieg. Und die Gewalt des Terrors
beantworten wir mit Gegengewalt, was wir für legitim halten; legitim,
als "gerechtfertigt" beziehungsweise "vertretbar oder "befürwortbar".
Was legitim beziehungsweise vertretbar ist, ist denkbar, muß oder
darf aber nicht unbedingt machbar oder erlaubt sein. Anders formuliert:
Was legitim ist, ist weder automatisch legal, also Rechtens
und dem geltenden Recht entsprechend. Und was eine Gesellschaft
oder ein Staat möglicherweise rechtfertigt, ist noch lange kein
geltendes Recht. Das ist vereinfacht, der neujüdische, Nach-Herzlsche
Konsens, die Mehrheitsmeinung.
Dieser heutigen jüdischen Mehrheitsmeinung widerspricht die
gegenwärtige Mehrheitsmeinung der Nichtjuden fundamental, besonders
in Deutschland. Ich habe das während der zurückliegenden Wochen
hautnah und geradezu unter die Haut gehend erfahren müssen, nachdem
ich im Zusammenhang mit der Bekämpfung des internationalen Terrors
jene neujüdische Mehrheitsmeinung zumindest zu bedenken gab.
"Die Deutschen", jawohl, die meisten Deutschen, also "die"
Deutschen, sagen nach dem Holocaust auch "Nie wieder!". Doch
sie meinen: "Nie wieder Täter!". Deshalb lehnen sie Gewalt als
Mittel der Politik kategorisch ab. Das ist ebenso verständlich
wie sympathisch und bringt sie uns näher. Meinen sie, hoffen sie.
Das Gegenteil ist der Fall. Wie die Deutschen aus ihrer Geschichte
lernten, nie wieder Täter sein und Gewalt anwenden zu wollen, so
haben wir Juden gelernt, daß wir Gewalt anwenden müssen, um nicht
und nie wieder Opfer zu sein. Wieder, doch unter ganz anderen
Vorzeichen, verstehen "die Deutschen" unsere jüdische Welt nicht
mehr - und wir nicht die Welt der Deutschen. Jede Seite hat aus
ihrer Geschichte die Schlußfolgerungen gezogen - und wieder sind
wir so weit voneinander entfernt wie zuvor, wie zu Herzls Zeiten.
Nein, einen neuen Holocaust müssen wir nicht befürchten; Kritik,
Entfremdung, Verärgerung, Haß aber durchaus. Sicher ist sicher,
und daher ist Israel für uns als Juden sicher, wenngleich nicht
als Staat, der nach wie vor existentiell gefährdet ist und tödlich
bedroht wird.
Ob Gewalt, nur Volk oder Volk und Land, diese drei Kategorien des
Herzlschen sowie des neu-jüdischen Seins und Bewußtseins entfernen
und entfremden uns von den meisten Nichtjuden, besonders in Deutschland.
Die meisten nichtjüdischen Deutschen haben nämlich aus derselben
Geschichte, doch natürlich aus ganz anderer Perspektive über
"Volk und Land" und Gewalt dies gelernt: Volk und Land und Gewalt
als zentrale Kategorien garantieren nicht das Überleben, sondern die
Vernichtung von Völkern.
Daß wir die Welt anders sehen und fest daran glauben, unser und der
Welt Überleben anders als sie zu sichern, empört immer mehr Nichtjuden
in der westlichen Welt, besonders in Deutschland. Das ist in
ihren Augen bestenfalls verständlich, doch im Kern verwerflich. Noch
verwerflicher ist in ihren Augen die Tatsache, daß für Israelis und
Diasporajuden die Vereinigten Staaten der einzige verläßliche Partner
in unserem Überlebenskampf sind. Ob Truman oder Kennedy, Nixon,
Clinton, Bush senior oder Bush junior, amerikanische Präsidenten
kommen und gehen, auch die von ihnen gelösten oder verursachten
Probleme - unsere unumstößliche Verbundenheit bleibt. Auch deswegen
sind wir in einem bestenfalls gaullistischen, schröderisch-fastwilhelminisch
antiamerikanischen Westeuropa mit unserer Weltsicht
Fremdkörper.
Sie meinen es wirklich gut
Nicht nur Empörung, auch Haß ernten wir dafür. Israel und Scharon
gegenüber ist der Haß, jenseits legitimer Kritik, offen, gegenüber
deutschen Juden, die Israels Haltung wenigstens analytisch erklären,
ist der Haß verdeckt, doch vorhanden. Ich habe es in den vergangenen
Wochen erlebt.
Herr Westerwelle nimmt mir übel, daß ich im Jahre 2002 den Juden
empfohlen hatte, nicht die FDP zu wählen. Warum? Wegen ihres
antijüdischen Neuzugangs Karsli und wegen der antisemitischen
Anti-Friedman-Anti-Scharon-Kampagne von Jürgen Möllemann, bei der
Westerwelle zunächst bedenklich passiv geblieben war.
Die PDS hat mein Buch "Die Deutschland-Akte" und Forschungsergebnisse
meiner Doktoranden nicht vergessen, die erstmals und systematisch
die antisemitische Juden- und Israel-Politik der DDR
dokumentierten und analysierten.
Die SPD verübelte mir besonders, daß ich öffentlich die Frage
gestellt habe, warum die Bundesregierung am Vorabend des IrakKrieges
2003 trotz gegenteiliger Analysen des Budesnachrichtendienstes
so sicher war, Saddam hätte keine Massenvernichtungswaffen.
Woher wußte die Bundesregierung mehr als ihr Nachrichtendienst?
Oder urteilte sie, möglicherweise nicht einmal falsch, aus dem
Bauch heraus, gegen den eigenen BND, den man gegenwärtig für
teures Geld von Pullach nach Berlin umziehen läßt?
Ein Jahr nach dem Irak-Krieg hatte ich, Hans Magnus Enzensberger
ähnlich (bekanntlich ein Nichtjude), den Waffengang positiv
bilanziert: Saddam, der blutrünstige Diktator verjagt; Libyen
rüstet atomar, biologisch und chemisch ab; der Iran läßt über
nukleare Abrüstung, wie Nordkorea, erstmals mit sich reden.
Daß sich Bundesaußenminister Joseph ("Joschka") Fischer wie sonst
kaum jemand in Deutschland für Israel engagiert, weiß ich, schätze
ich, schätzen wir Juden. Trotzdem darf, ja muß man auch darauf
hinweisen, daß jemand, der vor rund dreißig Jahren auf einen am
Boden liegenden Polizisten brutal einschlug, heute als Personifizierung
von Recht, Moral und polizeilich staatlicher Bekämpfung
rechtsextremistischer und anderer Gewalttäter nicht sonderlich
überzeugend ist. Weshalb? Weil die Botschaft an die gegenwärtigen
Nazis lautet: heute Gewalttäter, morgen oder übermorgen Bundesminister.
Gerade als deutscher Jude darf man auch erwähnen und,
wie ich, herausfinden, daß derselbe Joseph Fischer 1969 bei der PLO
in Algier Jassir Arafats Vernichtungsaufruf gegen Israel bejubelt
hatte und nun, gut und schön, Wiedergutmachung leistet. Unter grünen
Vorzeichen kopiert Joseph Fischer den einst braunen Staatssekretär
der Adenauer-Ära, Hans Globke: projüdische und proisraelische Politik
als Wiedergutmachung des vorangegangenen Kontrastprogramms.
Man hatte also gute Gründe, gegen mich als Ruhestörer, jüdisch oder
nicht (wenngleich vor allem jüdisch motiviert), vorzugehen und meinen
Kopf zu fordern, meine beamtete Professur einzufordern, also meine
und meiner Familie Existenzgrundlage zu zerstören. Wie befruchtend
Juden als Ruhestörer in Deutschland für Deutschland wirkten, wird
in der deutschen Wiedergutmachungslitanei stets besungen. Dieses
Hohelied wird aber nur toten Juden gesungen. Lebende Ruhestörer,
Juden oder Nichtjuden, stören eben und müssen mundtot gemacht
werden, gegebenenfalls indem ein oder zwei Sätze manipulativ aus
dem Zusammenhang gerissen und der Bevölkerung eingehämmert werden.
Eine Hetzjagd begann, und dabei waren die Jäger bereit, sich sogar
über Artikel 5 des Grundgesetzes hinwegzusetzen, der die Meinungsfreiheit
sowie die Freiheit von Forschung und Lehre garantiert.
Diese gilt für Professoren an Universitäten der Bundeswehr wie für
jeden anderen Professor. Für Ewige Nazis und Islamisten war jene
letztlich gesetzeswidrige Treibjagd in den erwünschten existentiellen
Abgrund eine willkommene Gelegenheit, mich mit Liebesbekundungen
einschließlich zahlreicher Morddrohungen und vulgärer Antisemitismen
zu beglücken. Die besorgten Sicherheitsorgane kontaktierten mich
von sich aus. Sie löffelten pflichtbewußt die Suppe aus, die ihnen
pflichtvergessen, gedankenlos, doch gezielt die Spitzen des deutschen
Staates aufgetischt hatten.
Anders als zu Herzls Zeiten oder gar im "Dritten Reich" strömte mir
aus der nichtjüdischen Bevölkerung trotz und wegen der manipulativen
Treibjagd eine große Welle der Sympathie entgegen. Von Bekannten
und Unbekannten erhielt ich mehr als tausend Zuschriften, Anrufe,
Danksagungen. Umfragen, neue wie ältere, dokumentieren breite
Zustimmung in der Bevölkerung. Ich habe, wir Juden haben es heute
besser als Herzl. Den neuen Deutschen, dem neuen Deutschland sei
dafür Dank.
Aber - und das war bislang einzigartig in der bundesdeutschen
Geschichte: Angehörige der Bundesregierung geben einen ihrer Bürger,
zumal einen jüdischen, regelrecht zum Abschuß frei. Einen jüdischen
Bürger, der 1970, im Anschluß an seinen freiwilligen Wehrdienst in
Israel, aus dem "Judenstaat" nach Deutschland zurückkehrte. Dieser
jüdische Rückwanderer, der sich mehrfach und öffentlich als deutschj
üdischer Patriot bezeichnet hatte, dürfte er sich zudem als deutscher
Beamter auf die Fürsorgepflicht seines Dienstherrn, in diesem Falle
des Bundesverteidigungsministers, verlassen können? Nichts davon
war zu spüren. Braune und islamistische Terroristen fühlten sich von
echten deutschen Demokraten ermutigt. Das habe er nicht ahnen können,
erklärte mir Bundesverteidigungsminister Struck in unserem Gespräch,
zu dem er mich eingeladen und nicht, wie von ihm und den Medien
verbreitet, "einbestellt" hatte. Er hätte es wissen müssen, entgegnete
ich, weil er als Politiker seine Gesellschaft kennen und steuern
müsse. Auch er erhalte ständig Morddrohungen, wiegelte Struck ab.
Nein, Struck und die meisten meiner Kritiker sind keine Antisemiten.
Sie meinen es wirklich gut mit uns Juden im allgemeinen und dem
"Judenstaat" im besonderen. Peter Struck oder Joschka Fischer
sind Freunde Israels und Judenfreunde. Sie organisieren mit oder
ohne die OSZE eine Demonstration und Konferenz nach der anderen
gegen Antisemitismus, über und für uns Juden. Aber sie verstehen
uns und unsere Gefährdung offenbar trotzdem nicht. Sie "wissen
nicht, was sie tun".
Angesichts dieses seltsamen, wohlgemeinten, doch wie ein Bumerang
wirkenden Schutzes wurde mir klarer denn je: Nur Israel verleiht
uns Juden Sicherheit als Juden. Gewiß, in Israel können wir Opfer
von Terror und Krieg werden. Aber dort kennt jede Regierung, mit
und ohne Scharon, wenigstens die Geister, die uns gefährlich sind
und werden können.
Das galt dem Juden
Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Jerzy Montag bilanzierte die
"Folterdebatte" über meine Person und sprach von einer Verleumdungskampagne,
die immer deutlicher antisemitische Züge trage. Man kann
die bittere Einschätzung Jerzy Montags mühelos belegen: Von der
Legitimität der Folter gegen, ich vereinfache, einen Terroristen
mit "tickender Bombe" hatte schon der bedeutende deutsche Soziologe
Niklas Luhmann 1992 in seiner berühmten "Heidelberger Vorlesung"
gesprochen. Die wichtigste Kommentierung des Grundgesetzes ist der
sogenannte "Maunz-Dürig-Herzog". In der neuesten Auflage aus dem
Jahre 2004 wird sogar Artikel 1 des Grundgesetzes, der unantastbaren
Würde des Menschen geltend, für Notsituationen relativiert. Folter
als Notwehr wird nicht nur legitimiert, sondern quasi legalisiert.
Bundesinnenminister Otto Schily ist sogar bereit, die Todessehnsucht
von Terroristen zu erfüllen: Wenn sie den Tod wollten, könnten sie
ihn haben.
Die meisten meiner Jäger haben am 18. Juni 2004 (zu Recht und
dankenswerterweise) das "Luftsicherheitsgesetz" und das Gesetz
zur nachträglichen Sicherungsverwahrung im Bundestag verabschiedet.
Das alles betrifft Legalität und geht erheblich weiter als mein
Nachdenken über die Legitimität der Folter in Notwehrsituationen.
Mein Nachdenken steht in der ethischen Tradition des Abendlands.
Ich nenne die Stichworte: Tyrannenmord, Widerstandsrecht (Artikel
20 Absatz 4 Grundgesetz), finaler Rettungsschuß. Gibt es Denkverbote
in Deutschland?
Mein Nachdenken wird auch von der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz,
gestützt. Auch deshalb standen in den vergangenen Wochen
zahlreiche in- und ausländische Rabbiner an meiner Seite, auch der
Zentralrat der Juden in Deutschland sowie weite Teile der diasporaj
üdischen und israelischjüdischen Gemeinschaft. Erwähnen und danken
möchte ich auch zahlreichen christlichen Geistlichen und Theologen,
allen voran dem Katholiken Eugen Biser und dem Protestanten Richard
Schröder, die meine Gedanken zur Folter bei extremer Notwehr verstanden
und auch christlich zu- oder einordnen konnten.
Kaum jemand hat sich über jene Gedanken und Handlungen der erwähnten
Nichtjuden aufgeregt. Nur mein Nachdenken löste eine Haupt- und
Staatsaktion aus. Warum? Wenn ich nur als Jude und weil Jude jene
Kampagne überstehen konnte, wie sehr ernst zu nehmende Persönlichkeiten
schrieben, gibt es nur einen Grund: Die Kampagne zielte auf
den Juden, einen Juden, der grundsätzlich und eindeutig proisraelisch
ist, wenngleich durchaus punktuell Israel-kritisch; einen Juden,
der grundsätzlich ein Freund und nur punktuell ein Kritiker der
Vereinigten Staaten ist. Jeder Nichtjude konnte unbehelligt Thesen
vertreten und sogar Gesetze beschließen die meinen nur nachdenkenden
Gedanken entsprachen. Keinem der erwähnten Nichtjuden, der sie
vortrug, wurde ein Haar gekrümmt, kein Hahn krähte, die Sache wurde
diskutiert, nicht die Person als Person attackiert, ich wurde verfolgt.
Das kann nur dem Juden gegolten haben.
Mein deutschjüdischer Patriotismus? Über den vergeblichen
Patriotismus der Juden in nicht-jüdischen Staaten hatte Herzl
einleitend im "Judenstaat" geschrieben: "Vergebens sind wir
treue und an manchen Orten sogar überschwengliche Patrioten ...
vergebens bemühen wir uns, den Ruhm unserer Vaterländer in Künsten
und Wissenschaft, ihren Reichtum durch Handel und Verkehr zu
erhöhen. In unseren Vaterländern, in denen wir ja auch schon seit
Jahrhunderten wohnen, werden wir als Fremdlinge ausgeschrieen."
Für Herzl war die "Judenfrage" weder eine soziale noch religiöse,
sondern eine "nationale Frage". Man wird in seine Nation hineingeboren,
lateinisch "natus". Die Judenfrage betrifft unser jüdisches
Dasein, den Alltag, unser erlebtes Wir-Gefühl. Unser jüdisches Sein,
unser lebendiges, selbstbestimmt inhaltliches Wir-Gefühl, werden
wir ohne unsere Religion, jüdische Kultur, Philosophie und Tradition
nicht ausfüllen, weil die Stimme des Blutes und negative Fremdbestimmung
durch Verfolgung substantiell blutleer bleiben.
Mit oder ohne selbstbestimmte jüdische Inhalte: Die Flucht von
Juden aus Judentum und jüdischer Gemeinschaft bleibt im jüdischen
Dasein, wie Herzl zu Recht sah und sagte, ausgeschlossen, und
lebende jüdische Ruhestörer sind auszuschließen, so die Sicht der
nichtantisemitischen nicht-jüdischen Entscheidungsträger, oder gar
abzuschießen, so die ewige Sicht der Ewigen Antisemiten.
Daran hat sich seit Herzl nichts geändert. Das beklagen wir, das
beklage ich, und deshalb klage ich an, wie Herzls Zeitgenosse
Emile Zola am 13. Januar 1898 im Zusammenhang mit der DreyfusAff
äre. ,J'accuse...!" Ich klage an.
- Der Verfasser lehrt Geschichte an der Universität der
Bundeswehr München.
E-Paper
http://www.faz.net/IN/INtemplates/faznet/default.asp?tpl=e...
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.06.2004 Seite 6
Hier mein abgedruckter Leserbrief auf die Unverschämtheiten:
Es geschiht ihnen recht
Die Abreibung, die Professor Dr. Michael Wolffsohn der deutschen
politischen Klasse und den Deutschen im allgemeinen erteilt
(,,J'cause!", F.A.Z. vom 25 Juni 2004), geschiht ihnen recht. Ich
als Deutsch-Palästinenser fühle mich davon jedoch nicht betroffen.
Mein Volk hat Israel und den Zionismus immer so gesehen, wie er
seinem Wesen nach ist: brutal, expansiv und menschenverachtend.
Die Deutschen hingegen hängen aus falsch verstandenen Schuldgef
ühlen einem romantischem Israel-Bild an, das es in der Realität
gar nicht gibt. Ich den Deutschen nur empfehlen, endlich den
Kriechgang aufzugeben und aufrechten Hauptes diesen Unverschämtheiten
Wolffsohns entgegenzutreten. Besonders die Ohrfeige hat
gesessen. Ist er es doch, der gegenüber Israels brutaler Unterdr
ückungspolitik nie ein Wort der Kritik gefunden gefunden hat.
Dr. Izzeddin Musa, Wachtberg
Hier ein Artikel von Ludwig Watzal zum selben Thema in
"Freitag" veröffentlicht:
Ludwig Watzal
Ein Dreyfus in der Bundeswehr
MICHAEL WOLFFSOHN KLAGT AN
Gibt es in der Bundesrepublik Deutschland politische Tendenzen, die
ein "J.accuse!" rechtfertigen? Michael Wolffsohn, Zeithistoriker
an der Universität der Bundeswehr, glaubt es jedenfalls und hat der
deutschen Gesellschaft seine Anklage entgegen geschleudert (s. FAZ
vom 25. Juni). Zur Erinnerung: 1894 wurde Albert Dreyfus, Hauptmann
der französischen Armee, aufgrund seiner jüdischen Herkunft wegen
Hochverrats zu lebenslanger Verbannung verurteilt. Der Schriftsteller
Émile Zola sah sich damals veranlasst, seinem Land in Form eines
"J.accuse!" den Spiegel vorzuhalten. Wolffsohn will nun Dreyfus und
Zola in Personalunion sein - eine beachtliche Hybris. Sollte man von
einem Historiker mehr Differenzierungsvermögen erwarten dürfen?
Wolffsohn hatte bei "Maischberger" in einem ntv-Interview Folter im
Kampf gegen den Terrorismus gerechtfertigt, und dies auf Nachfrage
der verdutzten Interviewerin auch in seiner Rolle als Hochschullehrer
bei der Bundeswehr bejaht. Verteidigungsminister Struck,
sein Dienstvorgesetzter, bat ihn daraufhin zu einem Gespräch, das
folgenlos blieb. Nach dem Gespräch legte Wolffsohn nach: Er sehe
sich als Opfer einer "manipulativen Treibjagd", zu der angeblich
von regierungsamtlicher Seite geblasen worden sei.
Nichts von alledem trifft zu. Weder wurde er wegen eines dienstrechtlichen
Fehlverhaltens disziplinarisch verfolgt, noch wurde
er als deutscher Staatsbürger jüdischer Herkunft angegriffen. Mit
diesem Vorwurf wird eine Ebene der Auseinandersetzung ins Spiel
gebracht, die fatale Folgen haben kann.
Der Kläger hat ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und geht mit
seinen Gegnern nicht zimperlich um. Er klagt nicht nur alle
deutschen "Nichtjuden" an, sondern auch die "nicht-antisemitischen
nichtjüdischen Entscheidungsträger" der rot-grünen
Bundesregierung. Dabei wird Außenminister Fischer die fragwürdige
Ehre eines neuzeitlichen Globke zuteil. Ein wirklich paradoxer
Vergleich, ausgerechnet Fischer in dieser Weise anzugreifen, der
sich in seinem Pro-Israelismus von kaum einem anderen Politiker
überbieten lässt. Selbst die kleine FDP und die PDS bekommen ihr
Fett ab. Auffällig ist, dass die CDU/CSU ungeschoren bleibt. Von
dieser Seite befürchtet der Historiker absolut nichts, was Anlass
zu einem "J`accuse" sein könnte, auch keine Reden von Martin
Hohmann.
Was Wolffsohn völlig ausblendet: Nicht auf ihn findet eine
"Treibjagd" statt, sondern auf alles Arabische und Muslimische,
besonders seit dem 11. September 2001. Nicht Michael Wolffsohn
ist als jüdischer Mitbürger "regelrecht zum Abschuss" freigegeben,
sondern die Palästinenser in den von Israel besetzen Gebieten,
und das im wörtlichen Sinne. Diesen Umstand hätte der Professor
kritisieren und nicht legitimieren sollen. Der kulturelle und
politische Schaden für das deutsch-jüdische Verhältnis, den er
durch sein ahistorisches "J.accuse" angerichtet hat, ist noch gar
nicht abzusehen.
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