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Psycho-Terror des Zentralrats der Juden // J'accuse! // Es geschiht ihnen recht // Ein Dreyfus in der Bundeswehr - MICHAEL WOLFFSOHN KLAGT AN

Dr. Izzeddin Musa
Am Bonner Graben 19
53343 Wachtberg

20.01.2005

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Betrifft den Leserbrief von Oberrabbiner Moishe Arye Friedman in Ihrer Zeitung vom 19. 1. 2005.

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte Sie um den Abdruck des folgenden Leserbriefes bitten:

Psycho-Terror des Zentralrats der Juden

Ich war sehr überrascht und hoch erfreut darüber, dass in Ihrer Zeitung eine solche Meinung möglich ist, obgleich die Position des Oberrabbiners in punkto Holocaust in Deutschland strafbar ist. Als Deutscher palästinensischer Abstammung hat es mich besonders gefreut, dass Friedman sich ein Jerusalem befreit vom Zionismus wünscht; dies wünschen sich auch die Palästinenser. Sie hatten in Palästina nie Probleme mit Juden bis die Zionisten ihr Kolonisierungsprojekt in Palästina starteten. Der Spaltpilz wurde durch den zionistischen Anspruch auf dieses Land in diese Weltregion getragen, als sie behaupteten, die Juden bildeten nicht nur eine Religionsgemeinschaft, sondern seien auch ein Volk. Dies ist natürlich barer Unsinn. Alle Juden auf der Welt sind durch ihren Glauben miteinander geistig verbunden, so wie alle Gläubigen anderer Religionsgemeinschaften auch. Ein Volk bilden sie dadurch noch lange nicht. Die Juden Russlands, Polens, Chinas, Argentiniens, der USA, Frankreichs, Äthiopiens, Perus, Deutschlands, Marokkos, Syriens oder Israels sind Staatsbürger ihres jeweiligen Landes und keine israelischen Juden - diese sind nur Israelis. Nur die Juden in Israel bilden das jüdische Volk im staatrechtlichen Sinne. Der Anspruch der Zionisten in Israel muss deshalb zurückgewiesen wird, alle Juden der Welt zu vertreten und ihnen Heimat zu bieten. Alle Juden außerhalb Israels leben in ihren jeweiligen Heimatländern sicherer als in Israel. Zu dieser Unsicherheit hat die Sharon-Regierung, auch Vorgängerregierungen, durch ihrer staatsterroristischen Politik wesentlich beigetragen.

Das Hauptanliegen Oberrabbiner Moishe Friedmans, Kardinal Joachim Meisner vor Angriffen des Zentralrates der Juden in Deutschland in Schutz zu nehmen, ist mehr als ehrenwert. Meisner hat nicht verglichen und schon gar nichts relativiert. Es bedarf eines orthodoxen Juden, um die unerhörten Angriffe von Paul Spiegel auf Meisner zurückzuweisen. Ich bin entsetzt über die Feigheit meiner deutschen Landsleute. Was maßt sich Paul Spiegel eigentlich an? Verfügt er über eine exklusivere Moral als andere Deutsche? Er vertritt eine winzige Minderheit und verfügt über einen größeren Einfluss als der Bundeskanzler. Warum weist der Regierungschef ihn nicht in seine Schranken? Warum kommt immer Paul Spiegel oder andere Zentralratsmitglieder in den Medien zu Wort? Warum fragt man nicht den Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime oder der Sinti und Roma oder der Palästinensischen Gemeinde? Deren Mitgliederzahl ist wesentlich höher als die der Organisation von Paul Spiegel.

Wann kapieren endlich meine deutschen Landsleute, dass sie durch den Zentralrat moralisch erpresst werden. Oberrabbiner Friedman hat Recht, wenn er die Deutschen dazu auffordert, ihren Nationalstolz wiederzuentdecken. Solange ihnen dies nicht gelingt, wird es mit der verkoksten Leitkulturdebatte und anderen unsinnigen Konzepten nichts werden.

Mit freundlichen Grüßen


J'accuse!

Von Professor Dr. Michael Wolffsohn

Nie wieder Täter - ein deutsches Credo. Nie wieder Opfer - so lautet die Lehre der Juden aus der Geschichte. Man ist damit so weit auseinander wie je. Auch heute gilt: Die Juden können, selbst wenn sie es wollten, dem Jüdisch-Sein nicht entfliehen - denn die anderen lassen sie nicht. Herzls Einsicht spiegelt sich in der aktuellen Debatte über Israels Sicherheitspolitik und über das Für der Folter wider. Eine analytische und persönliche Rückschau.

Es war einmal ein total assimilierter Jude, der 1860 in Budapest geboren wurde, erstmals 1897 keinen Weihnachtsbaum aufstellte, sondern Kerzen des neunarmigen Chanukka-Leuchters anzündete, deutsch-österreichischer Patriot war und Zionist wurde - der Zionist: Theodor Herzl. Seines hundertsten Todestages gedenken wir in diesen Tagen.

Es war einmal ein 1947 in Israel geborener deutsch-jüdischer Patriot, der trotzdem Zionist im Sinne fester Israel-Verbundenheit war und es in jüngster Zeit noch mehr wurde: ich. Nicht aus Unbescheidenheit sei hier von mir die Rede. Meine persönlichen Erfahrungen der jüngsten Zeit verdeutlichen, wie mir scheint, die Gegenwärtigkeit und Wirksamkeit Herzls.

"Wir sind ein Volk, ein Volk." In der Einleitung seines 1896 erschienenen Klassikers "Der Judenstaat" finden wir diesen zeitlos gültigen Satz. Nicht alle Juden haben die gleiche Staatsb ürgerschaft, und nur etwa ein Drittel aller Juden lebt heute im "Judenstaat" Israel. Dennoch: "Wir sind ein Volk, ein Volk." Was immer "es" ausmacht: Religion, Tradition, Geschichte, Verfolgung, Verbundenheit, großfamiliäre "Blutsbande", Alltagsgemeinschaft - unser Wir-Gefühl ist ebenso unbestreitbar wie die hieraus abgeleitete Wir-Ihr-Abgrenzung. Ob religiös oder nicht, zionistisch oder nicht, jüdisch engagiert, distanziert oder indifferent - wir sind und bleiben Juden, ob wir es wollen oder nicht.

Beispiele aus der Gegenwart: Wohlwollende deutsche Nichtjuden und die meisten deutschen Nichtjuden sind heute durchaus wohlwollend - sagen, wie wir in Deutschland lebende Juden (oder deutsche Juden oder jüdische Deutsche oder, oder, oder), über den jeweiligen Bundeskanzler: "Das ist unser Kanzler." Zugleich aber sagen sie uns Juden: "euer Ministerpräsident Scharon" oder "euer Präsident Katzav". Die meisten wohlwollenden Nichtjuden betrachten uns gerne als Deutsche, doch Israel nennen viele von ihnen "eure Heimat", und die vermeintlich allmächtige "US-jüdische Lobby" ist auch in den Augen der Wohlwollenden "eure Lobby", die (so die Wahrnehmung) die Politik von Bush und Scharon vorbehaltlos unterstützt. Schon diese Beispiele zeigen: Auch heute ist für Juden jeglicher jüdischer Färbung und nationalstaatlich kultureller Prägung eine Flucht aus der nationaljüdisch-weltjüdisch-israelischen Gemengelage unmöglich.

Zunächst wollte auch Herzl dem Jüdisch-Sein entfliehen, sogar Massentaufen von Juden im Wiener Stephansdom hatte er als "Lösung der Judenfrage" zunächst vorgeschlagen. Bald erkannte er die Aussichts- und Ausweglosigkeit jeglicher Flucht oder Assimilation - Assimilation als nicht nur äußerliche, sondern auch verinnerlichte Totaldistanzierung von Juden und Judentum. Das assimilierte deutsche und westeuropäische Judentum erlitt diese Erfahrung im Holocaust.

Abgesehen von der Unmöglichkeit einer Flucht - sie wäre töricht. Weshalb sollten wir Juden freiwillig auf eine der Hochkulturen dieser Welt verzichten: auf unsere? Weshalb sollten wir Juden auf unsere Religion zugunsten des Christentums oder des Islams verzichten, die beide auf dem Judentum basieren? Weshalb sollten wir Juden in die Welt des Abendlands fliehen, die entscheidend jüdisch geprägt ist, auch wenn sie es nicht mehr weiß?

Ein Volk, ein Volk

Die anderen Völker, auch das deutsche Volk (das sich, politisch korrektelnd, lieber als "Deutsche Bevölkerung" bezeichnet), auch das "Deutsche Volk" ist heute mehr oder weniger bereit, uns zu akzeptieren und zu integrieren. Aber dennoch bleiben wir für Deutsche und andere Nichtjuden "die Juden", also doch Die-irgendwieAnderen. Und wir selbst? Auch wir, seien wir noch so "deutsch" oder "englisch" oder "amerikanisch" oder "französisch", auch wir verstehen uns nicht zuletzt als Juden, als "Juden in Deutschland" oder "deutsche Juden" oder "deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens".

Unser Irgendwie-Anderssein wollen wir selbst nicht ablegen, selbst wenn es die anderen zuließen. Doch sie lassen es nicht zu, auch unsere besten Freunde nicht, die wirklichen ebenso wie die vermeintlichen Freunde. Wir sind wie die anderen und sind doch anders. Wir wollen das, und die wollen das.

Fazit: 1896 war Herzls Satz "Wir sind ein Volk, ein Volk" gerade innerjüdisch höchst umstritten. Die Geschichte hat Herzl recht gegeben, und deshalb gilt dieser Grundsatz Herzls für uns Juden der Diaspora ebenso wie für die Juden Israels.

Für sein Volk, unser Volk, wollte Herzl ein Land. Nicht irgendein Land, sondern Eretz Israel, das Land Israel. Herzl dachte auch an Argentinien, später an den Raum um El-Arisch auf der Sinai-Halbinsel, dann auch an Uganda, weshalb manche von Herzls innerzionistischen Kritikern seine Gegner und teilweise sogar Feinde wurden. Dennoch: Uganda und alle anderen Regionen waren taktische Varianten und nicht das strategische Ziel. Strategisches Ziel blieb Eretz Israel.

Volk und Land waren also die zentralen Kategorien der Herzlschen Gedanken und Taten. Damals wurde Herzl auch innerjüdisch dafür und deswegen bekämpft, heute sind Volk und Land Israel für den Großteil der jüdischen Gemeinschaft außerhalb und innerhalb Israels von geradezu axiomatischer Zentralität. Sie bilden die Grundlage des jüdischen heutigen Seins und Bewusstseins; auch für die Diasporajuden, die nicht in Israel leben wollen, es jedoch als Lebensversicherung betrachten und dafür ihren materiellen oder ideellen oder materiellen und ideellen Beitrag leisten. Sie wollen ihn leisten, weil allein diese Grundlage ihnen existentielle Sicherheit als Juden gibt, sowohl ideell als auch materiell. Herzl lebt, weil sich seine Sichtweise der jüdischen Welt in der jüdischen Welt und durch die Weltgeschichte durchgesetzt hat.

Für Franz Rosenzweig, neben Martin Buber der wohl bedeutendste jüdische Religionsphilosoph des 20. Jahrhunderts, war (in seinem Schlüsselwerk "Der Stern der Erlösung", Erstausgabe 1921) jüdisches Sein und Überleben nicht vom Land abhängig, sondern vom Zusammenhalt des Volkes. Die Begriffe des großen Menschenfreundes Rosenzweig klingen heute für Unwissende wie Vokabeln aus dem Wörterbuch nationalsozialistischer Unmenschen. Das ist ganz und gar falsch, erklärt aber auf einen Schlag, dass und weshalb der Abgrund zwischen Juden und Nichtjuden "nach Auschwitz" und trotz Auschwitz auch unter wechselseitig wohlgemeinten Vorzeichen groß ist.

Rosenzweig: "Nur das Blut gibt der Hoffnung auf die Zukunft eine Gewähr in der Gegenwart. Jede andre, jede nicht blutmäßig sich fortpflanzende Gemeinschaft kann, wenn sie ihr Wir für die Ewigkeit festsetzen will, es nur so tun, da; sie ihm einen Platz in der Zukunft sichert; alle blutlose Ewigkeit gründet sich auf den Willen und die Hoffnung." Allein die "Blutgemeinschaft", also das Volk als blutsverwandte, biologisch nationale Gemeinschaft, so Rosenzweig, gewähre "Ewigkeit".

Der Philosoph weiter: Eine solche "Blutsgemeinschaft" brauche "den Geist nicht zu bemühen; in der natürlichen Fortpflanzung des Leibes hat sie die Gewähr ihrer Ewigkeit". Blut ohne Geist, Blut statt Geist, also jüdisches Dasein rein biologisch und ohne inhaltliches Sein? Sollte Rosenzweig das wirklich gemeint haben? Nur so viel: Das allein wäre an inhaltlich Jüdischem zu wenig, weil biologistisch. Bei der Person Rosenzweig fehlten diese Inhalte gewiß nicht, für das jüdische Kollektiv reicht die "Stimme des Blutes" nicht. Sie formuliert keine Inhalte und wirkt deshalb blutleer.

Für heutige Köpfe und Herzen, jüdisch oder nicht, sind solche ums Blut kreisenden Worte und Gedanken eine Ungeheuerlichkeit, sie klingen nach "Blut und Boden", also nach Nationalsozialismus. Irrtum! Erstens meint Rosenzweig mit "Blut" nichts anderes als den Umstand, daß wir Juden mehr als nur gedanklich eine Art Großfamilie sind. Wenn und wo "Blut" verbindet, ist man miteinander verwandt, und weil verwandt, auch miteinander verbunden, ob man will oder nicht. Zweitens meint Rosenzweig nicht "Blut und Boden". Ganz im Gegenteil. Er meint, daß die Verwandtschaft der Juden auch ohne Boden, ohne Land, Verwandtschaft bleibt. Für die anderen "Völker der Welt" gelte, so Rosenzweig wörtlich: "Am Boden und seiner Herrschaft, dem Gebiet, klammert sich ihr Wille zur Ewigkeit fest. Um die Erde der Heimat fließt das Blut ihrer Söhne; denn sie trauen nicht der Gemeinschaft des Bluts, die nicht verankert wäre in dem festen Grund der Erde." Anders die Juden, nach Rosenzweig: "Wir allein vertrauen dem Blut und ließen das Land."

Und das Land Israel, Eretz Israel? Rosenzweig antwortet: Es sei "im tiefsten Sinn" nur als "Land der Sehnsucht", als - "heiliges Land" zu verstehen. Und wenn Juden im Heiligen Land leben, so sei es doch Gottes Land, das dem "unbefangenen Zugriff" aller Menschen einschließlich der Juden verwehrt bleibe. Das alles ist klarer, als es klingt. Rosenzweig wollte folgendes sagen: Wir Juden sind eine große Familie, "wir Juden sind ein Volk, ein Volk", doch wir brauchen kein Land, um Juden zu sein, zu bleiben, zu überleben.

Nein, hatte Herzl früher gesagt und bis heute nicht nur wegen des Holocaust recht behalten: Ohne jüdisches Land kein jüdisches Volk, kein jüdisches Überleben, weil ohne jüdisches Land jüdisches Blut ungehindert, unbehindert, ungesühnt und ungestraft vergossen wird.

Schon vor dem millionenfachen Judenmord hat Herzl "Nie wieder!" gesagt. Nie wieder Opfer! Die meisten Juden haben seit 1896, seit dem Erscheinen von Herzls "Judenstaat", trotz Franz Rosenzweig und "nach Auschwitz" aus der Geschichte eines gelernt: Nur als Volk und mit Land für unser Volk können wir als Juden überleben, in Israel und in der Diaspora. Noch einmal: "Der Judenstaat", Israel, ist unsere Lebensversicherung. Herzl sei Dank. Vor allem deshalb gilt: Herzl lebt. Er lebt in uns, und er lebte für uns.

"Die Notlage der Juden wird niemand leugnen." So beginnt das Kapitel "Die Judenfrage" in Herzls "Judenstaat", eines Buches, das in einer Zeit wilder und brutaler Judenverfolgungen und diskriminierungen entstand. Diese Antisemitismen waren auch zu Herzls Zeit nicht auf Österreich, Deutschland, Rumänien, Russland und Frankreich begrenzt, wo Herzl 1894/95 den Prozeß gegen Alfred Dreyfus miterlebte und miterlitt. "Man wird uns nicht in Ruhe lassen", so Herzl im "Judenstaat". Die Not war damals groß, sie wurde von 1933 bis 1945 unendlich größer. Doch selbst "durch Druck und Verfolgung sind wir nicht zu vertilgen", hatte Herzl in der Einleitung des Judenstaates vorhergesagt. Vor seinem Kampf hätte es Hitler lesen sollen. Er hätte uns Juden, den Deutschen, der Welt, auch sich selbst Höllisches erspart.

Schon vor der Schoa hatte Herzl, ebenfalls in seinem prophetischen und (anders als "Altneuland") auch heute gut lesbaren Buch "Der Judenstaat", geschrieben: "Die lange Verfolgung hat unsere Nerven überreizt." Nach Auschwitz sind unsere Nerven, auch die Nerven der jüdischen Nach-Holocaust-Generationen, "überreizt", in Israel und in der Diaspora. Deshalb haben die meisten heutigen Juden Herzls "Nie wieder!", das er allein politisch und diplomatisch und somit gewaltlos sichern wollte, um die militärische Komponente erweitert. Sie haben Herzl nicht verändert, sondern dem Fortgang der inzwischen noch mehr blutgetränkten jüdischen und israelischen Geschichte angepaßt. Der neujüdische Konsens billigt daher die Gewaltkomponente nicht nur reaktiv, sondern notfalls auch präventiv, also vorwegnehmend. Für den politischen Zweck unseres Überlebens, in Notwehr, befürworten wir die Androhung und notfalls, notfalls, notfalls die Anwendung von Gewalt, also auch Krieg. Und die Gewalt des Terrors beantworten wir mit Gegengewalt, was wir für legitim halten; legitim, als "gerechtfertigt" beziehungsweise "vertretbar oder "befürwortbar".

Was legitim beziehungsweise vertretbar ist, ist denkbar, muß oder darf aber nicht unbedingt machbar oder erlaubt sein. Anders formuliert: Was legitim ist, ist weder automatisch legal, also Rechtens und dem geltenden Recht entsprechend. Und was eine Gesellschaft oder ein Staat möglicherweise rechtfertigt, ist noch lange kein geltendes Recht. Das ist vereinfacht, der neujüdische, Nach-Herzlsche Konsens, die Mehrheitsmeinung.

Dieser heutigen jüdischen Mehrheitsmeinung widerspricht die gegenwärtige Mehrheitsmeinung der Nichtjuden fundamental, besonders in Deutschland. Ich habe das während der zurückliegenden Wochen hautnah und geradezu unter die Haut gehend erfahren müssen, nachdem ich im Zusammenhang mit der Bekämpfung des internationalen Terrors jene neujüdische Mehrheitsmeinung zumindest zu bedenken gab.

"Die Deutschen", jawohl, die meisten Deutschen, also "die" Deutschen, sagen nach dem Holocaust auch "Nie wieder!". Doch sie meinen: "Nie wieder Täter!". Deshalb lehnen sie Gewalt als Mittel der Politik kategorisch ab. Das ist ebenso verständlich wie sympathisch und bringt sie uns näher. Meinen sie, hoffen sie. Das Gegenteil ist der Fall. Wie die Deutschen aus ihrer Geschichte lernten, nie wieder Täter sein und Gewalt anwenden zu wollen, so haben wir Juden gelernt, daß wir Gewalt anwenden müssen, um nicht und nie wieder Opfer zu sein. Wieder, doch unter ganz anderen Vorzeichen, verstehen "die Deutschen" unsere jüdische Welt nicht mehr - und wir nicht die Welt der Deutschen. Jede Seite hat aus ihrer Geschichte die Schlußfolgerungen gezogen - und wieder sind wir so weit voneinander entfernt wie zuvor, wie zu Herzls Zeiten. Nein, einen neuen Holocaust müssen wir nicht befürchten; Kritik, Entfremdung, Verärgerung, Haß aber durchaus. Sicher ist sicher, und daher ist Israel für uns als Juden sicher, wenngleich nicht als Staat, der nach wie vor existentiell gefährdet ist und tödlich bedroht wird.

Ob Gewalt, nur Volk oder Volk und Land, diese drei Kategorien des Herzlschen sowie des neu-jüdischen Seins und Bewußtseins entfernen und entfremden uns von den meisten Nichtjuden, besonders in Deutschland. Die meisten nichtjüdischen Deutschen haben nämlich aus derselben Geschichte, doch natürlich aus ganz anderer Perspektive über "Volk und Land" und Gewalt dies gelernt: Volk und Land und Gewalt als zentrale Kategorien garantieren nicht das Überleben, sondern die Vernichtung von Völkern.

Daß wir die Welt anders sehen und fest daran glauben, unser und der Welt Überleben anders als sie zu sichern, empört immer mehr Nichtjuden in der westlichen Welt, besonders in Deutschland. Das ist in ihren Augen bestenfalls verständlich, doch im Kern verwerflich. Noch verwerflicher ist in ihren Augen die Tatsache, daß für Israelis und Diasporajuden die Vereinigten Staaten der einzige verläßliche Partner in unserem Überlebenskampf sind. Ob Truman oder Kennedy, Nixon, Clinton, Bush senior oder Bush junior, amerikanische Präsidenten kommen und gehen, auch die von ihnen gelösten oder verursachten Probleme - unsere unumstößliche Verbundenheit bleibt. Auch deswegen sind wir in einem bestenfalls gaullistischen, schröderisch-fastwilhelminisch antiamerikanischen Westeuropa mit unserer Weltsicht Fremdkörper.

Sie meinen es wirklich gut

Nicht nur Empörung, auch Haß ernten wir dafür. Israel und Scharon gegenüber ist der Haß, jenseits legitimer Kritik, offen, gegenüber deutschen Juden, die Israels Haltung wenigstens analytisch erklären, ist der Haß verdeckt, doch vorhanden. Ich habe es in den vergangenen Wochen erlebt.

Herr Westerwelle nimmt mir übel, daß ich im Jahre 2002 den Juden empfohlen hatte, nicht die FDP zu wählen. Warum? Wegen ihres antijüdischen Neuzugangs Karsli und wegen der antisemitischen Anti-Friedman-Anti-Scharon-Kampagne von Jürgen Möllemann, bei der Westerwelle zunächst bedenklich passiv geblieben war.

Die PDS hat mein Buch "Die Deutschland-Akte" und Forschungsergebnisse meiner Doktoranden nicht vergessen, die erstmals und systematisch die antisemitische Juden- und Israel-Politik der DDR dokumentierten und analysierten.

Die SPD verübelte mir besonders, daß ich öffentlich die Frage gestellt habe, warum die Bundesregierung am Vorabend des IrakKrieges 2003 trotz gegenteiliger Analysen des Budesnachrichtendienstes so sicher war, Saddam hätte keine Massenvernichtungswaffen.

Woher wußte die Bundesregierung mehr als ihr Nachrichtendienst? Oder urteilte sie, möglicherweise nicht einmal falsch, aus dem Bauch heraus, gegen den eigenen BND, den man gegenwärtig für teures Geld von Pullach nach Berlin umziehen läßt?

Ein Jahr nach dem Irak-Krieg hatte ich, Hans Magnus Enzensberger ähnlich (bekanntlich ein Nichtjude), den Waffengang positiv bilanziert: Saddam, der blutrünstige Diktator verjagt; Libyen rüstet atomar, biologisch und chemisch ab; der Iran läßt über nukleare Abrüstung, wie Nordkorea, erstmals mit sich reden.

Daß sich Bundesaußenminister Joseph ("Joschka") Fischer wie sonst kaum jemand in Deutschland für Israel engagiert, weiß ich, schätze ich, schätzen wir Juden. Trotzdem darf, ja muß man auch darauf hinweisen, daß jemand, der vor rund dreißig Jahren auf einen am Boden liegenden Polizisten brutal einschlug, heute als Personifizierung von Recht, Moral und polizeilich staatlicher Bekämpfung rechtsextremistischer und anderer Gewalttäter nicht sonderlich überzeugend ist. Weshalb? Weil die Botschaft an die gegenwärtigen Nazis lautet: heute Gewalttäter, morgen oder übermorgen Bundesminister. Gerade als deutscher Jude darf man auch erwähnen und, wie ich, herausfinden, daß derselbe Joseph Fischer 1969 bei der PLO in Algier Jassir Arafats Vernichtungsaufruf gegen Israel bejubelt hatte und nun, gut und schön, Wiedergutmachung leistet. Unter grünen Vorzeichen kopiert Joseph Fischer den einst braunen Staatssekretär der Adenauer-Ära, Hans Globke: projüdische und proisraelische Politik als Wiedergutmachung des vorangegangenen Kontrastprogramms.

Man hatte also gute Gründe, gegen mich als Ruhestörer, jüdisch oder nicht (wenngleich vor allem jüdisch motiviert), vorzugehen und meinen Kopf zu fordern, meine beamtete Professur einzufordern, also meine und meiner Familie Existenzgrundlage zu zerstören. Wie befruchtend Juden als Ruhestörer in Deutschland für Deutschland wirkten, wird in der deutschen Wiedergutmachungslitanei stets besungen. Dieses Hohelied wird aber nur toten Juden gesungen. Lebende Ruhestörer, Juden oder Nichtjuden, stören eben und müssen mundtot gemacht werden, gegebenenfalls indem ein oder zwei Sätze manipulativ aus dem Zusammenhang gerissen und der Bevölkerung eingehämmert werden. Eine Hetzjagd begann, und dabei waren die Jäger bereit, sich sogar über Artikel 5 des Grundgesetzes hinwegzusetzen, der die Meinungsfreiheit sowie die Freiheit von Forschung und Lehre garantiert. Diese gilt für Professoren an Universitäten der Bundeswehr wie für jeden anderen Professor. Für Ewige Nazis und Islamisten war jene letztlich gesetzeswidrige Treibjagd in den erwünschten existentiellen Abgrund eine willkommene Gelegenheit, mich mit Liebesbekundungen einschließlich zahlreicher Morddrohungen und vulgärer Antisemitismen zu beglücken. Die besorgten Sicherheitsorgane kontaktierten mich von sich aus. Sie löffelten pflichtbewußt die Suppe aus, die ihnen pflichtvergessen, gedankenlos, doch gezielt die Spitzen des deutschen Staates aufgetischt hatten.

Anders als zu Herzls Zeiten oder gar im "Dritten Reich" strömte mir aus der nichtjüdischen Bevölkerung trotz und wegen der manipulativen Treibjagd eine große Welle der Sympathie entgegen. Von Bekannten und Unbekannten erhielt ich mehr als tausend Zuschriften, Anrufe, Danksagungen. Umfragen, neue wie ältere, dokumentieren breite Zustimmung in der Bevölkerung. Ich habe, wir Juden haben es heute besser als Herzl. Den neuen Deutschen, dem neuen Deutschland sei dafür Dank.

Aber - und das war bislang einzigartig in der bundesdeutschen Geschichte: Angehörige der Bundesregierung geben einen ihrer Bürger, zumal einen jüdischen, regelrecht zum Abschuß frei. Einen jüdischen Bürger, der 1970, im Anschluß an seinen freiwilligen Wehrdienst in Israel, aus dem "Judenstaat" nach Deutschland zurückkehrte. Dieser jüdische Rückwanderer, der sich mehrfach und öffentlich als deutschj üdischer Patriot bezeichnet hatte, dürfte er sich zudem als deutscher Beamter auf die Fürsorgepflicht seines Dienstherrn, in diesem Falle des Bundesverteidigungsministers, verlassen können? Nichts davon war zu spüren. Braune und islamistische Terroristen fühlten sich von echten deutschen Demokraten ermutigt. Das habe er nicht ahnen können, erklärte mir Bundesverteidigungsminister Struck in unserem Gespräch, zu dem er mich eingeladen und nicht, wie von ihm und den Medien verbreitet, "einbestellt" hatte. Er hätte es wissen müssen, entgegnete ich, weil er als Politiker seine Gesellschaft kennen und steuern müsse. Auch er erhalte ständig Morddrohungen, wiegelte Struck ab.

Nein, Struck und die meisten meiner Kritiker sind keine Antisemiten. Sie meinen es wirklich gut mit uns Juden im allgemeinen und dem "Judenstaat" im besonderen. Peter Struck oder Joschka Fischer sind Freunde Israels und Judenfreunde. Sie organisieren mit oder ohne die OSZE eine Demonstration und Konferenz nach der anderen gegen Antisemitismus, über und für uns Juden. Aber sie verstehen uns und unsere Gefährdung offenbar trotzdem nicht. Sie "wissen nicht, was sie tun".

Angesichts dieses seltsamen, wohlgemeinten, doch wie ein Bumerang wirkenden Schutzes wurde mir klarer denn je: Nur Israel verleiht uns Juden Sicherheit als Juden. Gewiß, in Israel können wir Opfer von Terror und Krieg werden. Aber dort kennt jede Regierung, mit und ohne Scharon, wenigstens die Geister, die uns gefährlich sind und werden können.

Das galt dem Juden

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Jerzy Montag bilanzierte die "Folterdebatte" über meine Person und sprach von einer Verleumdungskampagne, die immer deutlicher antisemitische Züge trage. Man kann die bittere Einschätzung Jerzy Montags mühelos belegen: Von der Legitimität der Folter gegen, ich vereinfache, einen Terroristen mit "tickender Bombe" hatte schon der bedeutende deutsche Soziologe Niklas Luhmann 1992 in seiner berühmten "Heidelberger Vorlesung" gesprochen. Die wichtigste Kommentierung des Grundgesetzes ist der sogenannte "Maunz-Dürig-Herzog". In der neuesten Auflage aus dem Jahre 2004 wird sogar Artikel 1 des Grundgesetzes, der unantastbaren Würde des Menschen geltend, für Notsituationen relativiert. Folter als Notwehr wird nicht nur legitimiert, sondern quasi legalisiert. Bundesinnenminister Otto Schily ist sogar bereit, die Todessehnsucht von Terroristen zu erfüllen: Wenn sie den Tod wollten, könnten sie ihn haben.

Die meisten meiner Jäger haben am 18. Juni 2004 (zu Recht und dankenswerterweise) das "Luftsicherheitsgesetz" und das Gesetz zur nachträglichen Sicherungsverwahrung im Bundestag verabschiedet. Das alles betrifft Legalität und geht erheblich weiter als mein Nachdenken über die Legitimität der Folter in Notwehrsituationen. Mein Nachdenken steht in der ethischen Tradition des Abendlands. Ich nenne die Stichworte: Tyrannenmord, Widerstandsrecht (Artikel 20 Absatz 4 Grundgesetz), finaler Rettungsschuß. Gibt es Denkverbote in Deutschland?

Mein Nachdenken wird auch von der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, gestützt. Auch deshalb standen in den vergangenen Wochen zahlreiche in- und ausländische Rabbiner an meiner Seite, auch der Zentralrat der Juden in Deutschland sowie weite Teile der diasporaj üdischen und israelischjüdischen Gemeinschaft. Erwähnen und danken möchte ich auch zahlreichen christlichen Geistlichen und Theologen, allen voran dem Katholiken Eugen Biser und dem Protestanten Richard Schröder, die meine Gedanken zur Folter bei extremer Notwehr verstanden und auch christlich zu- oder einordnen konnten.

Kaum jemand hat sich über jene Gedanken und Handlungen der erwähnten Nichtjuden aufgeregt. Nur mein Nachdenken löste eine Haupt- und Staatsaktion aus. Warum? Wenn ich nur als Jude und weil Jude jene Kampagne überstehen konnte, wie sehr ernst zu nehmende Persönlichkeiten schrieben, gibt es nur einen Grund: Die Kampagne zielte auf den Juden, einen Juden, der grundsätzlich und eindeutig proisraelisch ist, wenngleich durchaus punktuell Israel-kritisch; einen Juden, der grundsätzlich ein Freund und nur punktuell ein Kritiker der Vereinigten Staaten ist. Jeder Nichtjude konnte unbehelligt Thesen vertreten und sogar Gesetze beschließen die meinen nur nachdenkenden Gedanken entsprachen. Keinem der erwähnten Nichtjuden, der sie vortrug, wurde ein Haar gekrümmt, kein Hahn krähte, die Sache wurde diskutiert, nicht die Person als Person attackiert, ich wurde verfolgt. Das kann nur dem Juden gegolten haben.

Mein deutschjüdischer Patriotismus? Über den vergeblichen
Patriotismus der Juden in nicht-jüdischen Staaten hatte Herzl einleitend im "Judenstaat" geschrieben: "Vergebens sind wir treue und an manchen Orten sogar überschwengliche Patrioten ... vergebens bemühen wir uns, den Ruhm unserer Vaterländer in Künsten und Wissenschaft, ihren Reichtum durch Handel und Verkehr zu erhöhen. In unseren Vaterländern, in denen wir ja auch schon seit Jahrhunderten wohnen, werden wir als Fremdlinge ausgeschrieen."

Für Herzl war die "Judenfrage" weder eine soziale noch religiöse, sondern eine "nationale Frage". Man wird in seine Nation hineingeboren, lateinisch "natus". Die Judenfrage betrifft unser jüdisches Dasein, den Alltag, unser erlebtes Wir-Gefühl. Unser jüdisches Sein, unser lebendiges, selbstbestimmt inhaltliches Wir-Gefühl, werden wir ohne unsere Religion, jüdische Kultur, Philosophie und Tradition nicht ausfüllen, weil die Stimme des Blutes und negative Fremdbestimmung durch Verfolgung substantiell blutleer bleiben.

Mit oder ohne selbstbestimmte jüdische Inhalte: Die Flucht von Juden aus Judentum und jüdischer Gemeinschaft bleibt im jüdischen Dasein, wie Herzl zu Recht sah und sagte, ausgeschlossen, und lebende jüdische Ruhestörer sind auszuschließen, so die Sicht der nichtantisemitischen nicht-jüdischen Entscheidungsträger, oder gar abzuschießen, so die ewige Sicht der Ewigen Antisemiten.

Daran hat sich seit Herzl nichts geändert. Das beklagen wir, das beklage ich, und deshalb klage ich an, wie Herzls Zeitgenosse Emile Zola am 13. Januar 1898 im Zusammenhang mit der DreyfusAff äre. ,J'accuse...!" Ich klage an.

  • Der Verfasser lehrt Geschichte an der Universität der Bundeswehr München.

E-Paper
http://www.faz.net/IN/INtemplates/faznet/default.asp?tpl=e...

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.06.2004 Seite 6


Hier mein abgedruckter Leserbrief auf die Unverschämtheiten:

Es geschiht ihnen recht

Die Abreibung, die Professor Dr. Michael Wolffsohn der deutschen politischen Klasse und den Deutschen im allgemeinen erteilt (,,J'cause!", F.A.Z. vom 25 Juni 2004), geschiht ihnen recht. Ich als Deutsch-Palästinenser fühle mich davon jedoch nicht betroffen. Mein Volk hat Israel und den Zionismus immer so gesehen, wie er seinem Wesen nach ist: brutal, expansiv und menschenverachtend. Die Deutschen hingegen hängen aus falsch verstandenen Schuldgef ühlen einem romantischem Israel-Bild an, das es in der Realität gar nicht gibt. Ich den Deutschen nur empfehlen, endlich den Kriechgang aufzugeben und aufrechten Hauptes diesen Unverschämtheiten Wolffsohns entgegenzutreten. Besonders die Ohrfeige hat gesessen. Ist er es doch, der gegenüber Israels brutaler Unterdr ückungspolitik nie ein Wort der Kritik gefunden gefunden hat.

Dr. Izzeddin Musa, Wachtberg


Hier ein Artikel von Ludwig Watzal zum selben Thema in
"Freitag" veröffentlicht:

Ludwig Watzal

Ein Dreyfus in der Bundeswehr

MICHAEL WOLFFSOHN KLAGT AN

Gibt es in der Bundesrepublik Deutschland politische Tendenzen, die ein "J.accuse!" rechtfertigen? Michael Wolffsohn, Zeithistoriker an der Universität der Bundeswehr, glaubt es jedenfalls und hat der deutschen Gesellschaft seine Anklage entgegen geschleudert (s. FAZ vom 25. Juni). Zur Erinnerung: 1894 wurde Albert Dreyfus, Hauptmann der französischen Armee, aufgrund seiner jüdischen Herkunft wegen Hochverrats zu lebenslanger Verbannung verurteilt. Der Schriftsteller Émile Zola sah sich damals veranlasst, seinem Land in Form eines "J.accuse!" den Spiegel vorzuhalten. Wolffsohn will nun Dreyfus und Zola in Personalunion sein - eine beachtliche Hybris. Sollte man von einem Historiker mehr Differenzierungsvermögen erwarten dürfen?

Wolffsohn hatte bei "Maischberger" in einem ntv-Interview Folter im Kampf gegen den Terrorismus gerechtfertigt, und dies auf Nachfrage der verdutzten Interviewerin auch in seiner Rolle als Hochschullehrer bei der Bundeswehr bejaht. Verteidigungsminister Struck, sein Dienstvorgesetzter, bat ihn daraufhin zu einem Gespräch, das folgenlos blieb. Nach dem Gespräch legte Wolffsohn nach: Er sehe sich als Opfer einer "manipulativen Treibjagd", zu der angeblich von regierungsamtlicher Seite geblasen worden sei.

Nichts von alledem trifft zu. Weder wurde er wegen eines dienstrechtlichen Fehlverhaltens disziplinarisch verfolgt, noch wurde er als deutscher Staatsbürger jüdischer Herkunft angegriffen. Mit diesem Vorwurf wird eine Ebene der Auseinandersetzung ins Spiel gebracht, die fatale Folgen haben kann.

Der Kläger hat ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und geht mit seinen Gegnern nicht zimperlich um. Er klagt nicht nur alle deutschen "Nichtjuden" an, sondern auch die "nicht-antisemitischen nichtjüdischen Entscheidungsträger" der rot-grünen Bundesregierung. Dabei wird Außenminister Fischer die fragwürdige Ehre eines neuzeitlichen Globke zuteil. Ein wirklich paradoxer Vergleich, ausgerechnet Fischer in dieser Weise anzugreifen, der sich in seinem Pro-Israelismus von kaum einem anderen Politiker überbieten lässt. Selbst die kleine FDP und die PDS bekommen ihr Fett ab. Auffällig ist, dass die CDU/CSU ungeschoren bleibt. Von dieser Seite befürchtet der Historiker absolut nichts, was Anlass zu einem "J`accuse" sein könnte, auch keine Reden von Martin Hohmann.

Was Wolffsohn völlig ausblendet: Nicht auf ihn findet eine "Treibjagd" statt, sondern auf alles Arabische und Muslimische, besonders seit dem 11. September 2001. Nicht Michael Wolffsohn ist als jüdischer Mitbürger "regelrecht zum Abschuss" freigegeben, sondern die Palästinenser in den von Israel besetzen Gebieten, und das im wörtlichen Sinne. Diesen Umstand hätte der Professor kritisieren und nicht legitimieren sollen. Der kulturelle und politische Schaden für das deutsch-jüdische Verhältnis, den er durch sein ahistorisches "J.accuse" angerichtet hat, ist noch gar nicht abzusehen.

>>>-----------------------------------------------------------------<<< >> GIV Mailinglist : http://mailing.giv-seiten.info << >>>-----------------------------------------------------------------<<< http://www.giv-seiten.info/www.giv-archiv.de/2002/Oktober/021031GI.010

>> Kasnazaniya / Casnazaniyyah: http://video.giv-seiten.info << >>>-----------------------------------------------------------------<<<

  >>  Further Informations about Iraq and Palestine:                 <<
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26.01.05    Gerhard Lange c/o GIV <G.LANGE@NADESHDA.org>
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