Die verheimlichten Opfer
30.000, 100.000 oder mehr - wie hoch ist die Zahl der Opfer
von Krieg und Besatzung im Irak
von Joachim Guilliard
Ossietzky / ZNet Deutschland 04.03.2006
Während die Besatzungsmächte ihre im Irak gefallenen Soldaten namentlich
erfassen, machen sie keine Anstrengungen, die Zahl der irakischen
Opfer von Krieg und Besatzung zu ermitteln. "Wir zählen keine Leichen",
so die Antwort des Oberkommandierenden der US Army, Generals Tommy
Franks auf eine diesbezügliche Frage. Dem Gesundheitsministerium wurde
ausdrücklich untersagt, nach Todesursachen aufgeschlüsselte Informationen
über zivile Opfer herauszugeben. [1] Aber auch die Medien möchten
die unangenehme Wahrheit lieber im Dunkeln lassen und ignorieren
geflissentlich die fundierten Schätzungen wissenschaftlicher Untersuchungen
über die humanitären Kosten des Krieges.
Brisante Untersuchung ergab: 98.000 starben in 18 Monaten
Die bisher zielstrebigste Untersuchung war eine statistische Erhebung
im September 2004 mit deren Hilfe ein internationales Wissenschaftlerteam
die Zahl der direkten wie indirekten Opfer der Eroberung des
Landes durch die von den USA geführten "Koalition der Willigen"
schätzen konnte. Epidemiologen der Johns Hopkins School of Public
Health und Ärzte der Al-Mustansiriya Universität in Bagdad ermittelten
zu diesem Zweck Anzahl und Ursachen von Todesfällen vor und nach
der Invasion. Der Vergleich ergab, dass - selbst bei vorsichtigster
Interpretation der Daten - wahrscheinlich 98.000 irakische Zivilisten
in den ersten 18 Monaten an den Folgen des Krieges und der Besatzung
starben. Die meisten dieser Todesfälle waren auf Gewalteinwirkung
zurückzuführen, hauptsächlich auf Angriffe der US-Luftwaffe und
Artilleriefeuer der alliierten Bodentruppen. Die meisten Opfer waren
Frauen und Kinder. [2]
Die Veröffentlichung der brisanten Ergebnisse im renommierten medizinischen
Fachjournal The Lancet Ende Oktober 2004, sorgte, wie zu
erwarten, zunächst für heftigen Wirbel. Doch sogleich begann eine
massive Kampagne, um die Studie in Frage zu stellen und zu diskreditieren:
Die Stichproben seien zu klein, die Lage im Irak zu komplex,
die Daten zu wenig repräsentativ und die Studie politisch motiviert
hieß es in Washington, London und den Hauptstädten der anderen
Verbündeten, sekundiert von Falschdarstellungen und Verdrehungen in
den tonangebenden Medien. Viele lehnten, wie der britische Premier
Tony Blair, die Hochrechnung der ermittelten Zahlen auf den gesamten
Irak grundsätzlich als zu spekulativ ab und wollten nur "echte" Zahlen
gelten lassen, so als hätten sie sich noch nie auf die Ergebnisse
statistischer Erhebungen gestützt.
Probleme mit Statistik, wenn es um die Opfer der eigenen Armee geht
Dabei ist die Methode an sich unumstritten. Mehrere namhafte Wissenschaftler
überprüften die Studie und bescheinigten ihr hohe Qualität
und wissenschaftliche Korrektheit. [3] Dennoch wurde sie von fast
allen westlichen Medien rasch als "umstritten" oder "fragwürdig"
abqualifiziert, ihre unbequemen Ergebnisse wurden ad acta gelegt.
Selbst kriegskritische Zeitungen, wie der britische Independent,
weigerten sich, die Zahlen der Lancet-Studie zu akzeptieren.
[4] Die britische medienkritische Organisation Media Lens
( www.MediaLens.org ) bohrte nach und wollte von den Redakteuren
die Gründe für diese Zurückweisung wissen. Konfrontiert mit den
Expertenmeinungen, die die Stichhaltigkeit der Ergebnisse bejahten,
begründete die leitende Redakteurin für Außenpolitik, Mary Dejevsky
ihre Ablehnung damit, dass sie "persönlich" Probleme mit der
"Extrapolationstechnik" habe, auch wenn die Studie wissenschaftlich
korrekt sein möge. "Aus einer Laienperspektive" erschienen ihr
die Stichproben, auch wenn sie Standard wären, zu klein, "für
die Schlüsse, die daraus gezogen würden." Es sei gerade nach den
Erfahrungen mit den Lügen der Geheimdienste vor dem Irakkrieg,
"absolut richtig und legitim, wenn Journalisten den Maßstab des
gesunden Menschenverstandes an wissenschaftliche Argumente und
Methoden anlegen" würden.
"Es ist verrückt," entgegnete erstaunt Les Roberts, der Leiter der
Studie, "wie sich die Einstellung zur Logik der Epidemiologie, deren
Ergebnisse bezüglich neuer Medikamente oder Gesundheitsrisiken Tag
für Tag von der Presse begeistert aufgenommen werden, radikal ändert,
wenn die Todesursache ihre Armeen sind." [5]
Mit seinen früheren Untersuchungen hatte der renommierte Epidemiologe
keine solche Probleme, im Gegenteil. In den Jahren 2000 und 2001
hatte er mit exakt derselben Methode wie im Irak Studien im Kongo
durchgeführt, um die Zahl der Opfer des Bürgerkriegs zu ermitteln.
Das Resultat war noch schockierender: Drei Millionen Menschen waren
demnach wahrscheinlich innerhalb von drei Jahren während der Kämpfe
getötet worden.Obwohl dieses Ergebnis ungleich höher war als im Irak,
wurden die Zahlen nie angezweifelt. Europäische und amerikanische
Regierungschefs zitierten sie bedenkenlos. Bis heute sind sie Basis
von Beschlüssen der EU und des UN-Sicherheitsrats. [6]
Ergebnisse der Lancet-Studie im Detail
Für die Studie im Irak hatte Roberts' Team aus 33 zufällig gewählten
Ortschaften und Stadtvierteln jeweils Gruppen von 30 benachbarten
Haushalten, sogenannte Cluster, ausgewählt und befragt. Insgesamt
7800 Iraker wurden auf diese Weise einbezogen. Die Familien wurden
gebeten, die Zahl der seit Anfang 2002 gestorbenen Angehörigen sowie
die Todesumstände zu nennen. Soweit möglich wurden die Todesfälle
anhand amtlicher Dokumente verifiziert. Die Auswertung ergab eine
erhebliche Zunahme von 46 vor auf 142 nach Beginn der Invasion. Über
die Hälfte der Toten (73) starb eines gewaltsamen Todes, 84 Prozent
davon durch Aktionen der Besatzungstruppen, überwiegend (95 Prozent)
durch Luftangriffen und Artilleriefeuer. Die Gefahr, gewaltsam zu
Tode zu kommen, war nun 58mal höher als in der Vorkriegsperiode.
Zwei Drittel der Opfer von Gewalt wurden aus dem Cluster von Falluja
gemeldet. Hier waren im April 2004 bei einem ersten Angriff USamerikanischer
Truppen auf die Stadt, mindestens 800 Bewohner ums
Leben gekommen. [7] Die Zahlen aus Falluja wurden daher als möglicherweise
untypisch für das übrige Land aus der Berechung ausgenommen.
Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung ergab sich so ein Zuwachs von
ungefähr 98.000 Toten, die Hälfte davon Opfer von Gewalt. [8] Das 95%Konfidenzintervall,
d.h. das Intervall in dem mit 95%iger Wahrscheinlichkeit
die tatsächliche Zahl liegt, reicht von 8.000 bis 194.000.
(98.000 ist dabei am wahrscheinlichsten, die obere oder untere Grenze
am unwahrscheinlichsten.) Bezieht man die Zahlen aus Falluja mit ein,
so erhöht sich Schätzung auf 285.000. "Bitte verstehen Sie, wie extrem
zurückhaltend wir waren", versuchte daher Les Roberts die Zweifler
beim Independent in einem Brief zu überzeugen. "Wir führten eine Untersuchung
durch, die ergab, dass wahrscheinlich 285.000 Menschen in
den ersten 18 Monaten aufgrund von Invasion und Besatzung starben und
meldeten als Ergebnis 100.000". [9] Opferzahlen tendenziell eher untersch
ätzt
Wissenschaftlich gesehen gab es keinen zwingenden Grund, Falluja ganz
auszunehmen. Auch wenn Falluja zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die
Stadt mit der höchsten Zahl ziviler Opfer war, so war sie dennoch nicht
untypisch. Eine ganze Reihe von Orten, wie Ramadi, Najaf, Tal Afar und
einige Stadtteile Bagdads waren ebenfalls bereits massiven Angriffen
von US-Truppen ausgesetzt gewesen, aber nicht von der Studie erfasst
worden. Kurz nach Abschluss der Studie wurde Falluja zudem durch
einen zweiten, wesentlich brutaleren Angriff von US-Truppen weitgehend
zerstört. Zahlreiche weitere Städte wurden seither von ähnlich verheerenden
militärischen Offensiven heimgesucht. Die tatsächliche Zahl
der Opfer dürfte daher wesentlich näher an den Zahlen mit, als den ohne
Berücksichtigung der Daten aus Falluja liegen.
Es gab zudem auch Extremwerte in die andere Richtung. Im kurdischen
Autonomiegebiet hatte die Sterblichkeit kaum zugenommen, in Sulaymaniya
war sie sogar gesunken. Um eine realistischere Schätzung für den
übrigen Irak zu erhalten, hätte man daher den kurdischen Teil separat
auswerten müssen.
[Angesichts der von Provinz zu Provinz stark abweichenden Verhältnisse
sind nach Meinung einiger Experten die angewandten klassischen, auf der
Annahme einer "Normalverteilung" der ermittelten Werte [10] beruhenden,
statistischen Methoden zu ungenau. Pierre Sprey, statistischer Berater
der US-amerikanischen Zeitschrift Counterpunch, hat die Daten der
Studie mit Verfahren, die keine Annahmen über die Verteilung machen,
durchgerechnet und kam zum Ergebnis, dass die Zahl der Opfer von Krieg
und Besatzung (ohne Berücksichtigung von Falluja) in den ersten 18
Monaten eher bei 150.000 liegen dürfte, mit 95%-iger Wahrscheinlichkeit
zwischen 53.000 und 279.000 und mit 80%-iger Wahrscheinlichkeit
zwischen 78.000 und 229.000.]
Tendenziell unterschätzt werden die wahren Todesziffern unter anderem
auch dadurch, dass bei der Erhebung der Todeszahlen, die Opfer aus
denjenigen Familien nicht erfasst werden konnten, die durch einen
Bombenangriff vollständig ausgelöscht wurden oder deren Überlebende
sämtlich weggezogen sind. In Falluja waren 23 von 52 besuchten Haushalten
verlassen vorgefunden worden. Nachbarn berichteten zwar von
vielen Toten in diesen Familien, konnten aber keine genauen Zahlen
angeben.
Es gibt keinen Grund zu der Annahme, die Situation im Irak habe sich
mittlerweile verbessert. Im Gegenteil: Die Zahl der indirekten Opfer
dürfte weiter gestiegen sein. Es steht zu befürchten, daß nun, knapp
drei Jahre nach Beginn des Krieges, zwischen 200.000 und 500.000
Iraker die fragwürdige "Befreiung" durch die US-geführten Truppen mit
ihrem Leben bezahlen mussten. [11] Nicht vergessen sollte man dabei,
dass die Sterblichkeit sich im Irak schon durch das Embargo bereits
stark erhöhte hatte.
Übereinstimmung, nicht Gegensatz - die Lancet-Studie im Vergleich
mit anderen Untersuchungen
Iraqi Body Count
Konfrontiert mit den Ergebnissen der Lancet-Studie griffen Politiker
und Medien auf die zuvor ebenfalls als überhöht geschmähten Zahlen des
britischen "Iraqi Body Count"-Projekts ( IBC, www.iraqbodycount.org )
zurück, die deutlich niedriger liegen. Die Wissenschaftler des IBC
bemühen sich seit Kriegsbeginn, die Zahl der durch militärische Gewalt
getöteten Zivilisten zu erfassen, indem sie Angaben aus renommierten
englischsprachigen und öffentlich zugänglichen Quellen sammeln und
abgleichen. Als "Maximum" veröffentlicht IBC die Summe der Fälle,
die von mindestens zwei unabhängigen Quellen berichtet wurden, als
"Minimum" gilt die Summe der jeweils kleineren Zahl bei abweichenden
Meldungen. Anfang Februar 2006 betrug das Minimum 28.400 und das
Maximum 32.000 zivile Tote. Das Body Count Team selbst sieht keinen
Widerspruch zwischen seinen Zahlen und denen der Lancet-Studie: "Unser
Maximum bezieht sich auf Todesfälle, über die berichtet wurde und die
daher nur ein Teil der tatsächlichen Todesfälle sein können, es sei
denn, man nimmt an, daß jeder Tod gemeldet worden ist. Es ist wahrscheinlich,
daß über viele, wenn nicht über die meisten zivilen Opfer
in den Medien nicht berichtet wird." [12] Tatsächlich gehen gerade
in den heißen Kampfzonen die meisten Todesfälle unter, da unter dem
Feuer der Besatzungstruppen die wenigsten Opfer in Krankenhäuser oder
Leichenhallen gebracht werden können und die Angehörigen oft gezwungen
sind, ihre Toten in nächster Nähe zu bestatten.
[Media Lens und andere Kritiker werfen den Leuten von IBC allerdings
vor, wenig dagegen zu tun, dass ihre Zahlen in der breiten Öffentlichkeit
als die zuverlässigste Schätzung der Opferzahlen gewertet
werden. Im Gegenteil, durch entsprechende Formulierungen in ihren
Pressemitteilungen und Berichten legen sie selbst nahe, dass die
tatsächliche Zahl ziviler Opfer zwischen ihrem Minimum und Maximum
liege. "24.865 Zivilisten wurden in den ersten beiden Jahren getötet"
schreiben sie beispielsweise in ihrem "Dossier über zivile Opfer in
Irak 2003-2005". Korrekt wäre die Aussage, dass diese Zahl von westlichen
Medien berichtet wurde. Auch mit der Angabe von exakt "24.865"
statt "ungefähr 25.000" wird eine falsche Genauigkeit vorgegaukelt.
Dadurch trage IBC, trotz guter Absichten, mehr zur Verschleierung als
zur Aufklärung über die Zahl der Opfer bei. [13]
Die Sprecher von IBC vermeiden direkte Kritik an den statistischen
Erhebungen, betonen aber sehr, dass sie nicht schätzen oder hochrechnen,
sondern nur tatsächliche Sterbefälle erfassen. Viel Wert
legen sie auch darauf, dass nur sie zwischen zivilen Toten und
Kombattanten unterscheiden würden. Nun ist bereits ihre Einteilung
etwas fragwürdig, die irakische Polizisten, Rekruten der neuen Armee
und Angehörige ausländischer Sicherheitsfirmen als "Zivilisten"
einstuft. Unklar ist auch, auf welcher Basis sie irakische Zivilisten
und Widerstandskämpfer unterscheiden wollen. Die meisten westlichen
Medien übernehmen die Angaben der US-Armee, die ihre Opfer in der
Regel als feindliche Kämpfer charakterisiert. Arabischsprachige Medien
wiederum werden per se nicht ausgewertet, obwohl sie meist die einzigen
sind, deren Journalisten aus Kampfzonen berichten.
Will man die humanitären Kosten des Krieges abschätzen, ist die
Beschränkung auf zivile Opfer ohnehin recht willkürlich. Auch
die anderen könnten noch am Leben sein, wären die USA und ihre
Verbündeten zu Hause geblieben.
Eine wesentliche Tatsache wird von IBC ebenso eindeutig wie von
der Lancet-Studie belegt: Nicht Terroristen und Widerstandsgruppen,
sondern die Besatzungstruppen sind für den größten Teil der
gewaltsamen Todesfälle verantwortlich. Nach den Daten von IBC waren
sie in 37 bis 42 Prozent der Fälle die Täter. 36 Prozent der Opfer
gingen auf das Konto von Kriminellen und nur 9,5 Prozent auf das
von Besatzungsgegner sowie Terroristen. [14]
UNDP Studie "Iraqi Living Conditions Survey 2004"
Eine weitere Studie, die eine Schätzung der Opfer des Krieges
lieferte ist eine im April 2005 veröffentlichte Untersuchung des
UNO-Entwicklungsprogramms UNDP über die aktuellen Lebensbedingungen
im Irak. Diese, ebenfalls auf Cluster-Stichproben basierende Studie
schätzte die Zahl der "kriegsbezogenen" Todesfälle zwischen März
2003 und April 2004 auf 24.000.
Da in diese Untersuchung 21.668 Haushalte einbezogen wurden,
erscheint diese Schätzung mit einem 95%-Konfidenzintervall
von 18.000 bis 29.000 zunächst präziser als die Lancet-Studie.
Anderseits wurde "kriegsbezogen" sehr eng auf Opfer unmittelbarer
Kampfhandlungen beschränkt, es wurde kein Vergleich der Sterblichkeit
vor und nach der Invasion durchgeführt. Im Vordergrund stand die
Erhebung der Lebensbedingungen im Irak, die Erfassung der Todesfälle
nach Kriegsbeginn geschah eher nebenher. [15] Eine Nacherhebung zur
Überprüfung der ermittelten Kindersterblichkeit ergab in der Tat,
dass eine große Zahl von Fällen bei der ersten Befragung nicht erfasst
worden war. Unverständlich ist, warum bei der zweiten Befragung nicht
gleich auch die Todesfälle unter Erwachsenen überprüft wurden. [16]
Doch auch so widersprechen sich die Studien keineswegs, im Gegenteil.
Beschränkt man sich bei der Lancet-Studie auf die Todesfälle durch
direkte militärische Gewalt, ohne Falluja, und rechnet die Zahlen der
UNDP-Studie (deren Daten vor dem Angriff auf Falluja erhoben wurden)
auf 18 Monate hoch, so ergeben beide Studien für diesen Zeitraum etwa
33.000 Opfer des Krieges. [17]
Nicht sehen, nicht hören, nicht sprechen
Obwohl Les Roberts und viele seiner Kollegen die Zweifel der Redakteure
des Independent und anderer Zeitungen geduldig widerlegten, blieben
diese bei ihrer Ablehnung. Indepedent-Redakteurin Mary Dejevsky
antwortete Roberts, sie verstehe seine Argumente, halte aber an ihrer
Position fest, "daß Extrapolation, auch wenn wissenschaftlich und gut
durchdacht, kein Ersatz für reale Zahlen" sei. Ihr sei bewußt, daß es
solche "realen" Zahlen nicht gebe. Doch Schätzwerte durch Extrapolation
ließen zu viel Raum für Zweifel und seien daher "angreifbar durch
Regierungssprecher, die versuchen, sie zu diskreditieren".
Für Dejevsky und vieler ihrer Kollegen, passt die Höhe der Opferzahl
nicht in das Bild, dass sie sich von der Situation im Irak auf Basis
der gängigen Berichterstattung machen. Dabei gab die Führung der USArmy
im Sommer letzten Jahres an, nach Ende der Hauptkampfhandlungen
50.000 "Aufständische" getötet zu haben. [18] Und nach einer im Juli
2004 im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie gaben
116 von 894 (13,5%) aus dem Irak zurückkehrenden Soldaten der US-Army
an, in ihrem 8-monatigen Einsatz persönlich für den Tod von Zivilisten
verantwortlich geworden zu sein. Von 815 Marines bestätigten sogar
219 oder 27,6 Prozent, Zivilisten getötet zu haben. [19] Auch wenn
sich mehrere Soldaten für den Tod eines Opfers verantwortlich fühlen
können und viele andere sicherlich mehr als einen Zivilisten töteten
so kann man für eine grobe Abschätzung von einem Toten pro Soldat
ausgehen. Rechnet man dies auf die Gesamtstärke der US-Truppen von
durchschnittlich 130.000 hoch, knapp 30.000 davon Marines, [20] so
müsste man von ca. 21.000 getöteten Zivilisten in den ersten acht
Monaten ausgehen. Selbst bei gleichbleibendem Niveau der Kämpfe wären
dies knapp 48.000 in 18 Monaten und damit durchaus in der Größenordnung
der Lancet-Studie. [21]
Statt sich scheu vor möglichen Angriffen der britischen Regierung
zu schützen, hätte Mary Dejevsky besser auf den berühmten Nahostkorrespondenten
des Blattes, Robert Fisk, gehört, der regelmäßig über
die Zunahme der Opfer von Gewalt berichtete. Im September 2005 hatte
Fisk dem städtischen Leichenschauhaus von Bagdad erneut einen Besuch
abgestattet. Um 9 Uhr waren bereits die Leichen von 9 Menschen,
eingeliefert worden, die gewaltsam ums Leben gekommen waren. Bis zum
Mittag waren es 26 Leichen gewesen. Als ihm Zugang zum Computer der
Leichenhalle gewährt wurde, entdeckte er, dass im Juli 2005 allein
in Bagdad 1.100 Iraker getötet worden waren. Vor der Invasion waren
es durchschnittlich 20 gewesen, im August 2003 bereits 518. Wenn man
nur die aktuelle Zahl auf den ganzen Irak hochrechne, so Fisk, komme
man auf weit über 3.000 im Monat. "Die Zahlen, die von 100.000 zivilen
Opfern sprechen, sind also nicht gerade übertrieben. Aber niemand will
darüber berichten." [22]
Ein Menschheitsverbrechen
Indem die Zahlen systematisch heruntergespielt werden, bleiben sie
unter einem Niveau, ab dem sie als wirkliches Verbrechen wahrgenommen
werden. Während die westliche Welt zehntausend Tote im Jahr als
bedauerliche Begleiterscheinungen des Krieges offensichtlich toleriert,
würde die Anerkennung von 200.000 oder gar 500.000 Opfern sicherlich
für eine größere Empörung sorgen und müsste der Irakkrieg weithin als
Menschheitsverbrechen gelten. Aktuell hat der Internationale Strafgerichtshof
die Aufnahme offizieller Ermittlungen über Verbrechen der
Besatzungstruppen im Irak abgelehnt. Sein Chefankläger Luis MorenoOcampo
gab dafür am 9. Februar 2006 unter anderem die Begründung,
im Irak handele es sich um nur wenige Fälle im Vergleich zu Hunderttausenden
Opfern anderer Konflikte, um die er sich kümmern müsse. [23]
Wie sagte doch Harold Pinter bei seiner Rede bei der Verleihung des
Nobelpreises: "Wie viele Menschen muss man töten, bis man sich die
Bezeichnung Massenmörder verdient hat."
Fussnoten
1 'Pentagon Suppresses Details of Civilian Casualties,
Says Expert", Independent, 31.10.2004 und ,Iraq's
Health Ministry ordered to stop counting civilian dead
from war", USA Today, 10.12.2003
http://www.commondreams.org/headlines04/1031-01.htm
http://www.usatoday.com/news/world/iraq/2003-12-10-iraq-civilians_x.htm
2 Les Roberts, Riyadh Lafta, Richard Garfield, Jamal
Khudhairi, Gilbert Burnham, Mortality before and after
the 2003 invasion of Iraq", The Lancet, 29.10.2004, siehe
auch: J. Guilliard, "Krieg und Besatzung töteten hundertbis
zweihunderttausend Menschen im Irak", 03.11. 2004
http://linkinghub.elsevier.com/retrieve/pii/S0140673604174412
3 siehe z.B. Stephen Soldz, ,100,000 Iraqis Dead: Should We
Believe It?" ZNet, 03.11.2004
http://www.zmag.org/content/print_article.cfm?itemID=6565§ionID=15
4 siehe z.B. Patrick Cockburn, "Terrified US soldiers are still
killing civilians with impunity," The Independent on Sunday,
24.4.2005
http://www.informationclearinghouse.info/article8641.htm
5 "Burying the Lancet - An Exchange Between The Independent And
Lancet Author Les Roberts, MediaLens, 5.9.2005
http://www.medialens.org/alerts/05/050905_burying_the_lancet_part1.php
6 "Burying the Lancet .." a.a.O.
7 "No Longer Unknowable: Falluja's April Civilian Toll is 600",
IBC Press Release9, 26.10.2004, Pepe Escobar "The real fury
of Fallujah", Asia Times, 10.11.2004
http://www.atimes.com/atimes/Middle_East/FK10Ak04.html
8 Ohne Falluja bleiben noch 89 Todesfälle, 43 mehr als in den
15 Monaten vor dem Krieg. Vernachlässigt man die leicht unterschiedlichen
Zeiträume, so bedeutet jeder zusätzliche Todesfall
unter den rund 8.000 in die Studie einbezogenen Irakern, ca.
3.000 Todesfälle in der Gesamtbevölkerung von ca. 24,4 Millionen.
Das ergibt bei rund 40 zusätzlichen Todesfälle in der Studie
120.000. Berücksichtigt man den Unterschied der Zeiträume, so
erhält man ungefähr 15/18 * 120.000 = 100.000. Die Zahl der
gewaltsamen Todesfälle nahm (ohne Falluja) von 1 auf 21 zu, das
entspricht hochgerechnet 15/18 * 60.000 = 50.000.
9 Andrew Cockburn, ,How Many Iraqis Have Died Since the US Invasion
in 2003?", Counterpunch, 9.1.2006
http://www.counterpunch.org/andrew01092006.html
10 Bei der Normalverteilung wird davon ausgegangen, dass sich der
gesuchte Gesamtwert als Durchschnitt der Stichprobenwerte bestimmen
lässt, die symmetrisch auf beiden Seiten des Mittelwertes verteilt
liegen, mit umso geringer Wahrscheinlichkeit, je weiter sie von
ihm abweichen. Die Breite der Streuung der Einzelwerte ist das Maß
für die Genauigkeit des Ergebnisses. Werden Extremwerte gefunden,
die sehr stark vom Mittelwert abweichen, so erhalten diese ein
überproportionales Gewicht und verschlechtern die Genauigkeit der
Schätzung.
11 Andrew Cockburn, a.a.O.
12 IBC, "Frequently asked Questions", http://www.iraqbodycount.org
13 Stephen Soldz, "When Promoting Truth Obscures the Truth: More on
Iraqi Body Count and Iraqi Deaths", ZNet, 5.2.2006, David Edwards,
"Paved With Good Intentions", MediaLens/ZNet, 27.1.2006
http://www.zmag.org/content/showarticle.cfm?SectionID=15&ItemID=9660
14 IBC, "A Dossier of Civilian Casualties in Iraq 2003-2005",
Juli 2005 http://www.iraqbodycount.net/press/pr12.php
15 "Iraqi Living Conditions Survey 2004 - Vol II Analytical Report",
UNDP, April 2005
http://www.iq.undp.org/ILCS/PDF/Analytical%20Report%20-%20English.pdf
16 Milan Rai, "Iraq Mortality", IraqMortality.org, 14 October 2005
http://iraqmortality.org/iraq-mortality?PHPSESSID= 2c28d36025795ee
3b1c5c307ba57c3bf#nh3
17 Von den 21 gewaltsamen Todesfällen ohne Falluja waren 9 auf
militärische Angriffe der Besatzungstruppen und 2 auf Widerstandsgruppen
zurückzuführen. Rechnet man diese 11 gemäß des
Anteils der einbezogenen ca.8.000 Iraker zur Gesamtbevölkerung
von 24 Mio. hoch (1/3.000), so erhält man 33.000. (siehe hierzu
auch Tim Lambert "Breakdown of violent deaths in Lancet study",
9.12.2004, "Lancet Study Vindicated", 14.5.2005)
http://timlambert.org/2004/12/lancet11/
http://timlambert.org/2005/05/lancet34/
18 "Analysis: Iraq statistics tell grim story", UPI, 8.8.2005
http://www.wpherald.com/storyview.php?StoryID=20050808-124515-9860r
19 "Combat Duty in Iraq and Afghanistan, Mental Health Problems,
and Barriers to Care", New England Journal of Medicine, 1.7.2004
http://content.nejm.org/cgi/content/full/351/1/13
20 "US Forces Order of Battle", Globalsecurity.org
http://www.globalsecurity.org/military/ops/iraq_orbat.htm
21 "Counting the dead in Iraq", Interview mit Les Roberts, Socialist
Worker, 23.4.2005
http://www.socialistworker.co.uk/article.php4?article_id=6271
22 'Mäusejournalismus' im Irak - Robert Fisk über die katastrophale
Sicherheitslage", Freace.de, 22.10.2005
http://www.freace.de/artikel/200510/221005a.html
23 Antwort des Chef-Anklägers des IstGH, Luis Moreno-Ocampo, an
Anzeigeerstatter v. 9.2.2006,
http://www.icc-cpi.int/library/organs/otp/OTP_letter_to_ senders_
re_Iraq_9_February_2006.pdf
siehe auch die kommentierende Zusammenfassung von Peter Strutynski,
'Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) lehnt
eine Anklage gegen Streitkräfte der Kriegsallianz im Irak ab"
http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Irak/icc.html
http://www.zmag.de/artikel.php?id=1763
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>> Iraq-Page : http://irak.giv-seiten.info <<·
>> Jemen-Page : http://jemen.giv-seiten.info <<·
>> Jordanien-Page : http://jordanien.giv-seiten.info <<·
>> GIV-Archiv : http://archiv.giv-seiten.info <<·
>> GIV-Archiv : http://www.giv-archiv.de <<·
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