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Filmtipp: Das Tal der Woelfe

Aus "junge Welt"
v. 20.02.2006 / Feuilleton / Seite 12
http://www.jungewelt.de/2006/02-20/051.php

Das fetzt

Der türkische Actionfilm »Das Tal der Wölfe« liefert der Friedensbewegung gute Munition - und Stoff für Diskussionen

Von Jürgen Elsässer

Was ist schlecht daran, einen guten Actionfilm zu sehen, in dem einmal die Amerikaner die schlechtere Rolle haben?« Der deutsch-türkische Wortkünstler Feridun Zaimoglu ist der einzige aus dem Kulturestablishment, der den Kopf oben hält. Die deutsche Presse dagegen überbietet sich in Schmähungen: »übles Machwerk« (taz), »alle Klischees des Kampfs der Kulturen« (Tagesspiegel), »offenkundige antiwestliche und antisemitische Hetze« (FAZ), »rassistische Einstellungen« (Grünen-Abgeordneter Cem Özdemir). Der Zentralrat der Juden forderte die Kinobetreiber gar dazu auf, die Produktion nicht vorzuführen.

Im Herz der Finsternis

Die Aufregung gilt dem teuersten türkischen Film aller Zeiten. »Kurtlar Vadisi Irak - Tal der Wölfe« hat die zehn Millionen Euro Produktionskosten allerdings schon längst wieder eingespielt. Im Heimatland drängten zehn Millionen Türken schon in den ersten drei Tagen in die Kinos, in Deutschland nach dem Start am 9. Februar jeden Tag etwa 30000 - trotz einer geringen Kopienzahl von nur 65 Stück. Sie sahen packende hundert Minuten, die ganz nach der Rezeptur von Hollywood - nur eben politisch andersrum - mit wildem Geballere, sadistischen Foltereien, schmachtender Liebe und ein paar Späßeken gefüllt sind.
Der Film beginnt mit der Verhaftung einer türkischen Eliteeinheit im Nordirak kurz nach dem Sturz von Saddam Hussein. Die Soldaten werden von ihren eigenen Vebündeten, den US-Amerikanern, umzingelt und mit Säcken über den Kopf abgeführt. Der türkische Kommandeur erschießt sich aus Scham, sein Bruder zieht mit drei Freunden aus, die Schmach zu rächen. Im Zweistromland geraten sie in eine Hölle: Eine massakrierte Hochzeitsgesellschaft, eine bombardierte Moschee, brutale Razzien, schließlich Abu Ghraib als Herz der Finsternis.

Alle diese Rahmenelemente der Handlung sind tatsächlich passiert und hundertprozentig verbürgt. Mehr noch: Die Realität, etwa die echten Fotos aus Abu Ghraib, sind schlimmer als die cineastische Reprise. Der Aufschrei, der Film sei hetzerisch, kommt zumeist von Leuten, deren Geschäft die Verharmlosung der irakischen Realität ist. Auch der Vorwurf des Antisemitismus ist unzutreffend: Es gibt im Film zwar einen jüdischen Arzt, der Gefangenen Organe entnimmt und weiterverkauft. Doch er versucht, die Killer an einigen Stellen zu bremsen. Im Vergleich zu ihnen ist er eine eher harmlose Figur - nicht, wie im Klischee, der Drahtzieher, sondern eher der kleine Profiteur der US-Aggression. Wer wollte bestreiten, daß das eine recht zutreffende Allegorie des Verhältnisses zwischen den Regierungen in Jerusalem und in Washington ist?

Orientalische Party

»Im Tal der Wölfe sind nur diejenigen Brüder und Schwestern, die sich zum ethnischen Türkentum bekennen«, behauptet die FAZ. Eine glatte Lüge: Unter den vier Helden der Story ist mindestens ein Kurde, und in einer der faszinierendsten Sequenzen feiern Turkmenen, Araber und Kurden gemeinsam eine orientalische Party. Auch von Fundamentalismus keine Spur: Der Scheich warnt die Witwe eines von den Yankees Ermordeten vor einem Racheanschlag, und den Entführern eines US-amerikanischen Journalisten hält er eine Standpauke: »Wer hat euch das gelehrt? Das steht nicht im Koran! Wollt ihr werden wie die Tyrannen und Unschuldige töten?« Die vier Protagonisten ihrerseits sind gar nicht religiös: Die glattrasierten Sunnyboys lehnen lässig an ihrem Benz, wenn der Muezzin zum Gebet ruft. Doch sie haben Verständnis für und Respekt vor dem Geistlichen, spüren seine innere Stärke, stehen ihm gegen den Terror bei.

Kein Kanonenfutter

An allen diesen Punkten verbreitet der Film Inhalte, die auch der deutschen Linken gefallen müßten. An einem Punkt wird er manche provozieren: Er weist deutlich darauf hin, daß nicht die Kurden per se, wohl aber die kurdischen Parteien nichts anderes als Marionetten der US-Amerikaner sind. Gemeinsam sorgen sie für die ethnische Säuberung von Mossul und Kirkuk von Sunniten und anderen Unruhestiftern, um die Ölquellen ungestört ausbeuten zu können. Deswegen mußte die US-Armee den türkischen Einfluß im Nordirak - im kurdischen Autonomiegebiet - ausschalten. Der Film transportiert eine mächtige Botschaft: Die Türkei, während des Kalten Krieges ein NATO-Kettenhund gegen die Sowjetunion, ist nach deren Untergang zu einem Hindernis für die US-Politik geworden. Der Aggression gegen den Irak 2003 verweigerte sich Ankara. Deswegen spielen die Kriegsbrandstifter in Washington jetzt die kurdische Karte gegen die Türkei - und bekommen dabei objektiv Rückendeckung durch die Reste der PKK-freundlichen Solidaritätsbewegung hierzulande.

Jede Partei, die sich die Message dieses Filmes zu eigen macht, wird die nächsten Wahlen in der Türkei gewinnen, schrieb die Tageszeitung Hürriyet. Die Menschen zwischen Istanbul und Diyarbakir wollen offensichtlich nicht weiter das Kanonenfutter der US-Armee sein. Ihre Verwandten in Deutschland, das zeigt der Erfolg des Blockbusters, sehen das genauso. Müßte die Friedensbewegung nicht endlich versuchen, mit ihnen in direkten Kontakt zu kommen? Der Film bietet die Möglichkeit dazu. Jeder Kriegsgegner sollte ihn sehen. Jede Initiative sollte Flugblätter vor den Kinos verteilen, möglichst zweisprachig, und zu Diskussionsveranstaltungen einladen. In kleineren Städten, wo »Tal der Wölfe« nicht gezeigt wird, könnte man eigene Vorführungen organisieren - Videokopien werden sich auftreiben lassen.
Nicht immer über sie, sondern endlich mit den Moslems zu reden, sich kennenzulernen und sich durchaus auch die Meinung zu sagen - das ist das beste Mittel gegen den Kampf der Kulturen, den die Neoliberalen zur Vorbereitung des vierten Weltkriegs entfesselt haben.

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20.02.06    Gerhard Lange c/o GIV <G.LANGE@NADESHDA.org>
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