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Frankfurter Rundschau, 25.11.2004
Tödlicher Ehrenkodex
Im Südosten der Türkei häufen sich angebliche Selbstmorde von Frauen -
viel spricht dafür, dass sie getötet wurden
VON GERD HÖHLER (ISTANBUL)
Batman ist eine trostlose Provinzstadt in der Südosttürkei. Vom
Kurdenkrieg, der 15 Jahre lang die Region verwüstete und Millionen
Menschen aus der Region vertrieb, hat sich Batman nie erholt. Seit
einiger Zeit aber ist der Ort zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt.
Batman wird die "Stadt der Selbstmorde" genannt.
Rund 150 mal im vorigen Jahr versuchten sich hier Menschen das Leben zu
nehmen, jedem dritten gelingt es. Über 70 Prozent der Opfer sind
weiblich. Nirgendwo in der Türkei werden so viele Selbstmorde unter
jungen Frauen registriert wie im Südosten des Landes. Längst ist der
Verdacht aufgekommen, dass es sich in vielen dieser Fälle um Morde
handeln könnte. Junge Mädchen müssen sterben, weil sie gegen den
strengen Ehrenkodex ihrer Familien verstoßen.
Berichte über Morddrohungen
Die Sozialarbeiterin Nebahat Akkoc hat seit Ende der 90er Jahre in den
südostanatolischen Städten Batman, Diyarbakir, Kiziltepe und Bingöl
Frauenzentren gegründet. Ein Teil ihrer Arbeit besteht darin, in
Interviews mit Frauen möglichst viel über deren Lebenssituation zu
erfahren. Über 5000 solcher Gespräche hat Nebahat Akkoc geführt, knapp
2000 davon systematisch ausgewertet. 15 Prozent der befragten Frauen
berichteten von Morddrohungen, aber nur sieben Prozent trugen sich mit
Selbstmordgedanken. "Wir glauben, dass es sich in der Mehrzahl der
Selbstmord-Fälle in Wirklichkeit um Morde handelt", sagt Akkoc.
Dabei geht es meist um die Familienehre. Frauen, die diese Ehre
"beschmutzten", würden oft zum Selbstmord gedrängt oder von männlichen
Familienmitgliedern umgebracht, wenn sie die Selbsttötung verweigerten,
glaubt Nebahat Akkoc. "In den meisten Fällen sprangen die Frauen von
Balkonen oder tranken Gift - aber sprangen sie wirklich oder wurden sie
gestoßen? Tranken sie das Gift aus eigenem Entschluss oder wurde es
ihnen eingeflößt?" Bei den so genannten Ehrenmorden gehe es nicht immer
um Liebe und Sexualität, sagt die Frauenrechtlerin Akkoc. "Manche
Familien verhängen schon wegen eines unerlaubten Kino-Besuchs gegen
eine Tochter die Todesstrafe".
Die Befragung gibt ein erschreckendes Bild von den Lebensverhältnissen
der Frauen in der überwiegend kurdisch besiedelten Südosttürkei. 99
Prozent der interviewten Frauen sind psychischer, 57 Prozent physischer
Gewalt ausgesetzt. 19 Prozent sind Opfer von Inzest, acht Prozent
wurden vergewaltigt. Obwohl gesetzlich verboten, ist die Vielehe an der
Tagesordnung. Obwohl es gesetzlich verboten ist, werden hier immer noch
kleine Mädchen, manche erst zwölf oder 13 Jahre alt, für ein
stattliches Brautgeld verheiratet.
Ausbrechen ist schwierig
Frauen und Mädchen, die sich nicht den Regeln des strengen Ehrenkodex
unterwerfen oder später aus arrangierten Ehen auszubrechen versuchen,
riskieren ihr Leben. Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen
werden in der Türkei pro Jahr mindestens 200 Ehrenmorde begangen. Nicht
nur eine Liebesaffäre kann tödlich sein, auch eine Vergewaltigung. Der
Verlust der Jungfräulichkeit, auch unverschuldet, gilt als Ehrverlust
für die Familie, der nur durch den Tod der Frau wettgemacht werden
kann. Oft beauftragt die Familie mit der Vollstreckung des Todesurteils
ein minderjähriges Mitglied, das nicht bestraft werden kann. Für
Volljährige sahen die Gesetze bisher bei Ehrenmorden strafmildernde
Umstände vor. So konnten sich die Täter auf "rechtswidrige Provokation"
berufen.
Die Ende September vom türkischen Parlament verabschiedete
Strafrechtsreform versucht, damit Schluss zu machen. "Morde aus
Gewohnheitsrecht" gelten nun immerhin als "Totschlag in besonders
schwerem Fall" - wenigstens ein Fortschritt, meint die in der Türkei
arbeitende deutsche Frauenrechtlerin Karin Ronge: "Diese Neudefinition
schließt zwar nicht alle Morde aus Ehre ein, stellt aber auch so
bereits eine bedeutende Verbesserung dar". Wie sich die
Gesetzesänderung in der Rechtsprechung auswirken wird, bleibt
allerdings abzuwarten.
Kasten: Aktionstag
Jedes Jahr am 25. November prangern Frauengruppen und
Menschenrechtsorganisationen in vielen Ländern Gewalt gegen Frauen an,
1999 wurde der Aktionstag von den Vereinten Nationen anerkannt. Die
Frauen beklagen Misshandlungen und Vergewaltigungen in der Familie, in
Kriegen und auf der Flucht.
Der Protest richtet sich auch gegen die Benachteiligung vieler Mädchen
und Frauen beim Zugang zu Lebensmitteln und Gesundheitsdiensten. In
Deutschland fliehen jährlich rund 45 000 Frauen vor gewalttätigen
Männern in ein Frauenhaus. epd
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