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Presseschau Kurdistan, 13.06.2003

Presseschau Kurdistan, 13.06.2003:

US/UN/EU/MO/NO/DE/IQ: Nach dem Krieg gegen den Irak /
TR: Die Türkei und die Korruption /
TR/GR: Athen und Ankara sprechen von gezielter Provokation / US/TR/GR: USA drohen mit Sanktionen wg. Menschenhandel /
UN/CY: Zyperns Grenze. Blauhelme bleiben /
IR: Iran unter Druck /

BRD
Rostock: BGS spürte Geschleuste auf / Soest: Asylmissbrauch aufgedeckt. Ausländeramt schiebt erneut eine türkische Familie ab / Berlin: 2. Kurdische Filmtage /

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Neue Zürcher Zeitung, 13.06.2003
«Organisierter Widerstand gegen die USA»
Amerikanische Operation gegen Guerilla-Nester im Irak

Angesichts der zunehmenden Nadelstichaktionen gegen ihre Truppen im Irak haben die Amerikaner erstmals von organisiertem Widerstand gesprochen. Obwohl die Mittel der Kämpfer bescheiden sind, rechnet Washington mit einem langfristigen Problem.

vk. Limassol, 12. Juni

Die amerikanischen Besetzungstruppen im Irak haben erstmals eingeräumt, dass sie nicht nur punktuellen Angriffen, sondern organisierten Widerstandsaktionen ausgesetzt sind. Nach eigenen Angaben haben die Amerikaner seit Ende der Kriegsoperationen vor anderthalb Monaten schon über 30 Todesopfer zu beklagen. Deshalb lancierten sie am Dienstag am Tigrisufer nördlich von Bagdad eine Grossoperation gegen Schlupfwinkel solcher Widerstandskämpfer; bis Mittwoch wurden rund 400 Verdächtige gefangen genommen. Die amerikanische Armee setzt in der
Durchsuchungsaktion in der Gegend von Balad, rund 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt, Patrouillenboote, Kampfflugzeuge und über 3000 Mann mit Panzerfahrzeugen ein. In den Verstecken fand man grosse Mengen von Waffen und Munition. Zunächst blockierten die Truppen die Fluchtwege, um dann das Gebiet zu durchkämmen. Die Schlupfwinkel in den Palmenhainen und im Uferschilf wurden durch Aufklärungsflugzeuge ausgemacht. In der Gegend von Balad und Bakuba sowie in Fallujah an der Landstrasse nach Westen werden regelmässig amerikanische Truppen angegriffen.

«Langfristiges Problem»

Der amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld sprach kürzlich vor der Presse von einem eigentlichen bewaffneten Widerstand im Irak, der auf Überbleibsel des Saddam-Regimes zurückgehe, vor allem auf die Saddam-Fedayin, Parteimilizen und die Republikanergarden. Amerikanische Offiziere im Irak räumen auch die Möglichkeit ein, es könnten islamistisch motivierte Kämpfer beteiligt sein. Die Tatsache, dass der Aufenthaltsort Saddam Husseins unbekannt ist, trägt nach Rumsfeld zur Motivierung dieser Kämpfer bei. Der Chef des Irakischen
Nationalkongresses, Jalabi, behauptete in Washington, Saddam sei vor zwei Wochen nördlich von Bagdad gesichtet worden. Saddam biete ein Kopfgeld für getötete Amerikaner an. Laut dem amerikanischen Verteidigungsminister ist der Widerstand im Norden der Hauptstadt viel zäher als im Süden, weil dort während des Kriegs kaum intensive Kämpfe stattgefunden haben und mithin die irakischen Kräfte nicht dezimiert wurden. Rumsfeld gab zu bedenken, die Sache sei nicht mit der Stationierung einiger zusätzlicher Brigaden in einigen Wochen erledigt; die Erstickung des Widerstands werde lange dauern. Amerika unterhält zurzeit 156 000 Mann im Zweistromland, die Verbündeten weitere 12 000 bis 15 000 Mann. Mehrfach beanspruchte seit Mitte Mai in Erklärungen über das Internet ein Generalkommando der irakischen Streitkräfte und des nationalen Widerstands die Urheberschaft für Nadelstichaktionen; das sieht nach einer nationalistischen Gruppe aus, die alle Gegner der Besetzer, alte Baathisten und andere, anziehen möchte.

Teufelskreis der Entwaffnungsoperationen

In Fallujah räumte neulich ein amerikanischer Offizier ein, dass er es mit einem sichtlich organisierten Widerstandskampf zu tun habe. Er könne zwar nicht herausfinden, wer die Leute seien, weil die erschossenen Kämpfer jeweils keine Papiere auf sich trügen, aber sie gäben einander mit Leuchtraketen in verschiedenen Farben Zeichen über den Vormarsch und die Stärke amerikanischer Truppen in der Stadt. Tagsüber ist Fallujah eine freundliche Stadt mit 200 000 Einwohnern, doch in der Nacht geraten die amerikanischen Patrouillen immer wieder in einen Hinterhalt; sie werden aus Gassen und von den Hausdächern mit Kalaschnikows und Panzerabwehrgranaten beschossen. Lokale Kenner führen den Extremismus in Fallujah auf jenen ersten blutigen Zusammenstoss am 29. April zurück, bei dem die Amerikaner das Feuer auf eine Demonstration eröffneten und 13 Zivilisten erschossen. Weiter seien die Bewohner der Gegend einem Ethos stolzer Stammeskrieger und auch einem Mass islamistischer Militanz verbunden.

Nach diesen Aussagen giessen die Amerikaner noch zusätzlich Öl ins Feuer mit ihren Massnahmen gegen den Widerstand. So verletzen sie mit ihrer aggressiven Durchsuchung von Wohnhäusern nach versteckten Waffen die Familiensphäre, und Leibesvisitationen der patrouillierenden Soldaten an irakischen Frauen rühren in einer traditionellen Gesellschaft an das grösste soziale Tabu. Der amerikanische Militärverwalter Bremer hat in einem Erlass bestimmt, dass sämtliche unbewilligten Waffen bis Mitte Juni abzugeben sind. Nachher werde Waffenbesitz bestraft. Der Erfolg dieser Kampagne war bisher äusserst mager, weil die Iraker sich mit persönlichen Waffen gegen Räuber und Diebe schützen wollen, die reichlich von den anarchischen Zuständen profitieren.

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Neue Zürcher Zeitung, 13.06.2003
Keine Irak-Untersuchung im amerikanischen Kongress

Washington, 12. Juni. (ap) Die Republikanische Partei hat die Forderung der Demokraten nach einer Untersuchung in der sogenannten
Kriegslügendebatte abgelehnt. Es gebe keinen Hinweis auf grundlegende Verfehlungen im Verhalten der Administration, erklärte der Vorsitzende des Geheimdienste-Ausschusses im Senat, Pat Roberts. Die Demokraten machen geltend, dass die Glaubwürdigkeit der Geheimdienste auf dem Spiel stehe, da im Irak keine Massenvernichtungswaffen gefunden worden seien. Der demokratische Senator Jay Rockefeller warf den Republikanern vor, wie Schlafwandler durch die Geschichte zu gehen. Er werde sich im Geheimdienste-Ausschuss weiter für eine formelle Untersuchung stark machen.

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Neues Deutschland, 13.6.2003
Iraker weiter im Elend?
Hannelore Hensle

Die 59-Jährige leitet die deutsche Diakonie-Katastrophenhilfe der Evangelischen Kirche und hat sich jüngst vor Ort über die Situation in Irak informiert.

ND: Zwei Monate nach dem US-Einmarsch in Bagdad interessiert sich die Öffentlichkeit vor allem für die Sicherheitslage und das Öl in Irak. Von der Situation der Menschen ist dagegen nur selten die Rede.

Hensle: Leider, obwohl hier ein Zusammenhang besteht. So gibt es vor allem in Bagdad und Umgebung tatsächlich ständig bewaffnete Überfälle. Die Besatzungsmacht will deshalb zunächst für Sicherheit und erst danach für eine umfassendere Versorgung der Iraker sorgen. Sicherheit wird es jedoch erst geben, wenn die Bevölkerung nicht nur vom Regime Hussein sondern auch aus der Armut befreit wird. Das ist bislang nur bruchstückhaft geschehen. Da ist es verständlich, wenn die Iraker immer ungeduldiger werden.

Ist die Situation überall in Irak gleich?

Genaue Informationen darüber liegen mir nicht vor. Allerdings weiß ich von unseren Partnern vor Ort, dass Trinkwasser an vielen Orten ein Problem ist. Weniger stark vom Krieg betroffen ist der mehrheitlich von Kurden bewohnte Norden Iraks. Hingegen ist die Situation in Zentralirak, vor allem um Bagdad und südöstlich der Hauptstadt, ziemlich prekär. Wenn dort nicht bald etwas geschieht, dann wird es schwer vorauszusehen, welche Entwicklung es in Irak geben wird. Die Armut weiter Teile der Bevölkerung und die politische Neuordnung hängen unmittelbar zusammen.

Fehlt es an internationaler Hilfe oder gibt es andere Gründe für diese Lage?

Es handelt sich vor allem um ein Verteilungsproblem. So wollte das UNOWeltern ährungsprogramm die Nahrungsmittelverteilung am 1. Juni wieder aufnehmen. Dabei hätte man sich auf das alte System der Verteilung im Rahmen des Food-for-Oil-Programms der Vereinten Nationen stützen können – also auf einfache Läden, in denen die Menschen früher ihre Coupons einlösten und dafür Lebensmittelrationen erhielten. Inzwischen stehen Nahrungsmittel zwar zur Verfügung, doch die Verteilung findet nicht statt. Es wird befürchtet, dass die Lager überfallen werden. Darüber hinaus sind viele Menschen seit Monaten ohne Gehalt. Was nützen gut gefüllte Märkte, wenn die Menschen nichts kaufen können? Ähnlich sieht es bei Medikamenten aus: Man weiß, dass in den Lagern der staatlichen Krankenhauszulieferbetriebe (Kimadia) Lieferungen eingetroffen sind und die Weltgesundheitsorganisation versucht, die Routine-Zuteilungen zusammen mit dem Gesundheitsministerium zu organisieren – aber auch hier hat eine Verteilung an die Kliniken noch nicht stattgefunden.

Für die Versorgung der Bevölkerung ist nach internationalem Recht die Besatzungsmacht verantwortlich. Stehlen sich die USA in Irak aus der Verantwortung?

Man würde es sich wohl zu leicht machen, diese Frage einfach mit Ja zu beantworten. Allerdings kommt die versprochene Neuordnung Iraks nur wenig voran oder, wie es ein irakischer Kollege ausdrückte: »The Americans are very slow...«

Wie unterstütz das Diakonische Werk die Menschen in Irak?

Wir haben bislang rund 800000 Euro vor allen Dingen für Nahrungsmittel- und Medikamentenhilfen aufgewendet. Außerdem haben wir mit lokalen Partnern ein Netz von Verteilzentren errichtet, die wir so lange wie nötig weiter nutzen werden.

Fragen: Tom Strohschneider

Spenden für die Diakonie Katastrophenhilfe, Postbank Stuttgart, Konto 502707, BLZ 60010070

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Süddeutsche Zeitung, 13.06.2003
Sechs Wochen nach Ende des Krieges
Gefechte im Irak flammen wieder auf
Bis zu 15 Tote bei US-Angriff auf „Ausbildungslager für Terroristen“ / Amerikanischer Hubschrauber abgeschossen

Bagdad (AP/AFP/dpa) – Zum ersten Mal seit dem Ende des Golfkriegs vor sechs Wochen haben US-Kampfflugzeuge wieder ein Ziel im Irak bombardiert. Die Jets hätten ein Ausbildungslager für Terroristen 150 Kilometer nördlich von Bagdad angegriffen, teilte das US-
Zentralkommando mit. Gleichzeitig verstärkten amerikanische Bodentruppen ihre Aktionen gegen mutmaßliche Urheber von Anschlägen. Bei der jüngsten Aktion kamen US-Angaben zufolge bis zu 15 Iraker um. Sie seien bei einer Razzia in der Stadt Duluijah 70 Kilometer nördlich von Bagdad, an der mehrere tausend US-Soldaten – unterstützt von Kampfjets und Hubschraubern – beteiligt waren, getötet worden. Wie es weiter hieß, wurden vier Amerikaner verwundet.

Zuvor waren zehn Kilometer weiter südlich nahe der Ortschaft Balad 400 Iraker festgenommen worden. Das US-Zentralkommando teilte mit, die Gefangenen würden von Ermittlern verhört, die auf Grundlage von Geheimdienst- Informationen nach bestimmten Verdächtigen suchten. Wer ungefährlich erscheine, werde entlassen, sagte Leutnant Ryan Fitzgerald. Die Region nördlich von Bagdad gehört zum so genannten Sunniten-Dreieck, dem Kernland von Saddam Husseins Baath-Partei.

Nach Angaben eines früheren Oppositionspolitikers soll der irakische Expräsident vor etwa drei Wochen in dieser Gegend gesehen worden sein. Saddam zahle eine Prämie für jeden getöteten US-Soldaten, hatte Ahmed Tschalabi, der vor kurzem in seine Heimat zurückgekehrte Führer der Exil-Organisation Irakischer Nationalkongress, in New York erklärt. Das Pentagon bestätigte diese Informationen nicht. Ein Sprecher der amerikanischen Streitkräfte in Bagdad sagte jedoch, es gebe Hinweise, dass militante Iraker finanzielle Unterstützung erhielten. Bei Festnahmen seien große Geldsummen gefunden worden.

Iraker schossen am Donnerstag im Westen des Irak einen US- Militärhubschrauber vom Typ Apache ab. Amerikanischen Angaben zufolge konnten die beiden Piloten unverletzt gerettet werden. Ebenfalls am Donnerstag stürzte über dem Irak ein amerikanisches F-16- Kampfflugzeug ab. Das US-Zentralkommando teilte mit, der Pilot habe sich mit dem Schleudersitz retten können. Als Ursache des Absturzes wurden technische Probleme genannt.

Der amerikanische Geheimdienst CIA benannte einen Sonderbeauftragten für die Suche nach den vermuteten irakischen Massenvernichtungswaffen. Es handelt sich um den 63 Jahre alten David Kay, einen früheren UN- Waffeninspektor. Er werde seinen Dienstsitz im Irak haben und dort die Suche nach den Waffen überwachen, teilte die CIA mit.

Spanien will die Truppen für die geplante polnische Besatzungszone im Irak mit 1100 Soldaten unterstützen. Dies kündigte der polnische Verteidigungsminister Jerzy Szmajdzinski am Rande eines Treffens der Nato- Verteidigungsminister in Brüssel an. Die multinationale Truppe mit insgesamt 8000 Soldaten soll vom polnischen General Andrzej Tyszkiewicz befehligt werden, zusammen mit einem Stellvertreter aus Spanien und der Ukraine. Bundesverteidigungsminister Peter Struck bekräftigte die deutsche Position, zunächst keine Truppen zur Stabilisierung des Irak zu entsenden.

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Süddeutsche Zeitung, 13.06.2003
Eine Legende kehrt zurück
Die USA haben David Kay zum Chef-Waffensucher ernannt – der ehemalige UN-Inspektor gilt als nervenstark und unkonventionell

Aus dem Misserfolg bei der Suche nach Massenvernichtungswaffen im Irak hat die US-Regierung Konsequenzen gezogen: Der ehemalige UN-Inspektor David Kay, 63, der sich zwischen 1991 und 1992 um die Geheimnisse des irakischen Atomprogramms gekümmert hat, wird in das Zweistromland zurückkehren. Er soll die Jagd der 1400 amerikanischen Sucher koordinieren und eine Art Mentor der Truppe sein. Kay wurde Mitte der Woche zum Chefberater des CIA-Chefs George Tenet in Sachen Waffensuche ernannt.

Der Texaner, der 1967 an der Columbia-Universität über den politischen Einfluss der neuen Nationen in den UN promovierte, gilt als einer der erfahrensten Waffensucher. Er stammt aus der Inspektoren-Generation, die von den Irakern ständig attackiert worden ist. In schwierigsten Situationen hat er eiserne Nerven bewiesen. Tenet erklärte, Kays „Erfahrung und sein Hintergrund“ machten ihn zur „idealen Person für diese Rolle“. Zumindest kennt er die Tricks und Kniffe der Iraker.

Unter den Kontrolleuren war Kay eine Legende: Im Konferenzraum der UN- Überwachungskommission für die Beseitigung irakischer
Massenvernichtungswaffen (Unscom) in New York wurde in den neunziger Jahren ein Lehrfilm mit Kay in der Hauptrolle gezeigt. Eine Szene zeigt, wie er im Dokumentenkeller des Nuclear Design Centre Unterlagen sichtete. Plötzlich rief er: „Okay, ich brauche jemanden an der Tür, Henry!“ Ein Bär von Inspektor sicherte fortan den Eingang, an dem Hünen kam keiner vorbei. In Falludscha, vierzig Kilometer westlich von Bagdad, wurde Kays Team 1991 von bewaffneten Offizieren empfangen. Er gab einem Inspektor die Anweisung, auf einen Wasserturm zu klettern und zu melden, was er von dort oben sehe: Eine Lastwagenkolonne setze sich in Bewegung. Der per Funk alarmierte Kay gab die Anweisung, den Konvoi zu fotografieren. Die Irakis eröffneten das Feuer auf die unbewaffneten Männer, aber die Bilder von den LKW, die Magnete zur Isotopentrennung für das Atomprogramm des Diktators wegtransportierten, hatte Kay im Kasten.

Die Frage ist nur: Gibt es im Irak noch etwas zu finden? Einige seiner ehemaligen Kollegen, zum Beispiel der bei der US-Regierung in Ungnade gefallene Kontrolleur Scott Ritter, sind fest davon überzeugt, dass – bis auf ein paar Restbestände – die Massenvernichtungswaffen im Irak zerstört worden sind.

Angesichts der Spannungen zwischen USA und UN erscheint die Wahl eines ehemaligen Kontrolleurs zum Chef-Waffensucher ungewöhnlich. Aber Kay hatte schon im Herbst die Irak-Politik Bushs gelobt und betont, der Irak sei noch immer brandgefährlich: Der Irak kenne die Geheimnisse des Atombombenbaus, schon deshalb müsse Saddam vertrieben werden. Auch lobte Kay die Kooperation mit Geheimdiensten, deren Belege allerdings keine Beweise seien. „Spione sagen nicht immer die ganze Wahrheit“, sagte Kay im Rundfunk. Er weiß, was ihn erwartet. Hans Leyendecker

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Frankfurter Rundschau, 13.06.2003
US-Jets werfen Bomben auf "Terroristencamp" in Irak
Hunderte Festnahmen nach Anschlägen auf amerikanische Truppen / Spanien hilft Polen mit mehr als 1000 Soldaten

Erstmals seit dem Ende des Golf-Kriegs haben US-Kampfflugzeuge wieder ein Ziel in Irak bombardiert. Die Jets hätten ein "Ausbildungslager für Terroristen" 150 Kilometer nördlich von Bagdad angegriffen, teilte das US-Zentralkommando am Donnerstag mit. In Westirak wurde ein USKampfhubschrauber abgeschossen. Spanien wird zur von Polen geführten Irak-Stabilisierungstruppe bis zu 1200 Soldaten beisteuern.

BAGDAD, 12. Juni (ap/dpa). Die US-Luftangriffe nördlich der Hauptstadt seien Teil der Bemühungen "zur Vernichtung von Anhängern der BaathPartei, paramilitärischer Einheiten und anderer subversiver Elemente" gewesen, erklärte die US-Armee. Am frühen Donnerstagmorgen sei es am gleichen Ort zu weiteren Gefechten zwischen Bodentruppen und bewaffneten Irakern gekommen. Dabei sei ein US-Soldat leicht verletzt worden.

Etwas weiter südlich setzten mehrere tausend Soldaten die Suche nach den Urhebern von Anschlägen auf die US-Truppen fort. Bereits am Mittwochabend waren 400 Iraker festgenommen worden. Schwerpunkt der Festnahmen war die Umgebung der Ortschaft Balad, etwa 60 Kilometer nördlich der Hauptstadt. Ein Sprecher des US-Zentralkommandos teilte mit, die Gefangenen würden von Ermittlern verhört, die auf Grundlage von Geheimdienstinformationen nach bestimmten Verdächtigen suchten. Wer ungefährlich erscheine, werde entlassen, sagte Leutnant Ryan Fitzgerald.

Das US-Zentralkommando in Kuwait veröffentlichte eine Erklärung, die allen Irakern, die zur Gewalt gegen US-Soldaten aufrufen oder für die verbotene Baath-Partei werben, mit Gefängnis droht. Mit dieser Verordnung wolle die US-Verwaltung in Irak aber nicht die Freiheit zur politischen Meinungsäußerung beschneiden.

Die zwei Piloten des in Westirak abgeschossenen US-Militärhubschraubers vom Typ Apache wurden nach US-Angaben unverletzt gerettet. Aus zunächst ungeklärten Gründen stürzte am Donnerstag in Irak auch ein amerikanisches Kampfflugzeug vom Typ F-16 ab. Der Pilot habe sich mit dem Schleudersitz gerettet.

Spanien wird die polnische Besatzungsverwaltung in Irak mit 1200 Soldaten unterstützen, wie Polens Verteidigungsminister Jerzy Szmajdzinski bei einem Treffen der Nato-Ressortchefs in Brüssel sagte. Befehligt werden die 8000 Soldaten in dem Sektor zwischen Bagdad und Basra vom polnischen General Andrzej Tyszkiewicz, mit einem Stellvertreter aus Spanien und der Ukraine. Die Ukraine stellt mit 1700 Soldaten das zweitgrößte Kontingent, hinter Polen mit 2300 Soldaten. Truppen wollen auch Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Litauen, Honduras, die Dominikanische Republik und El Salvador stellen.

Der US-Senat wird auf Druck der Demokraten hin der Frage nachgehen, ob die US-Regierung die Geheimdienste in ihrer Beurteilung der Gefahr durch irakische Massenvernichtungswaffen beeinflusst hat. Das sagte der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, der Republikaner Pat Roberts. Die Anhörung finde hinter verschlossenen Türen statt. Einen von den Demokraten geforderten formellen Untersuchungsausschuss lehnte die republikanische Mehrheit im Kongress ab.

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Die Welt, Freitag, 13. Juni 2003
"Ganz Irak ist ein Massengrab"
Die Schädelstätten der Opfer Saddam Husseins sind leichter zu finden als Massenvernichtungswaffen - Krisenherd Irak

von Christiane Buck

Hilla - Ein lautes Schluchzen erschüttert den Raum. Mohammed Marza beugt sich über eins der vielen Stoffbündel, die skelettierte Knochen, Schädel und verrottete Kleider zusammenhalten. Er schluchzt noch einmal laut auf und lässt sich dann in die Arme seines Begleiters fallen, vermutlich ein Freund. Er ist sich sicher: Dies sind die Überreste seines Bruders Ibrahim, den er seit 1991 vermisst. Ibrahim ist aus einem Massengrab in der Provinz Hilla bei Bagdad geborgen worden. Massengräber sind schrecklich, fast so schrecklich wie
Massenvernichtungswaffen - nur dass sie eben leichter zu finden sind. Sie dienen der amerikanischen Regierung nun ersatzweise als handfester Beweis dafür, wie brutal das Regime Saddam Husseins war. Und was der Ex-Diktator vielleicht hätte anrichten können, wenn die alliierten Streitkräfte keinen Regimewechsel erzwungen hätten. Auch der Sprecher des Irakischen Nationalkongresses (INC), Entifadh K. Qanbar, weicht der Frage nach der Existenz von Massenvernichtungswaffen aus und wechselt das Thema: "Ganz Irak ist ein Massengrab. Wer wissen will, wie böse Saddam wirklich war, wird diese Antwort in den Massengräbern finden."

Da liegen sie nun aufgereiht, die Opfer des Regimes, ausgerechnet im ehemaligen Konferenzraum der Baath-Partei in Hilla, rund eine Autostunde von Bagdad entfernt. Eins der nur rund ein Meter langen Stoffbündel ist geöffnet, heraus blickt ein Totenschädel mit einigen Bündeln schwarzer Haare. "Wir haben 750 Tote in verschiedenen Massengräbern gefunden", sagt Alem Said, Leiter des Islamischen Zentrums für Märtyrer. "Bei vielen waren Arme und Beine
zusammengebunden. Viele starben durch Kopfschüsse", sagt er: Offenbar wurden sie hingerichtet. Der Saal riecht streng nach
Desinfektionsmittel, das aber den süßlichen Geruch von Tod und Verwesung nicht überdecken kann.

Ibrahim trägt die Nummer 590, ist auf einer Tafel in der Lobby zu lesen. Auf zwei knappen Zeilen steht da, was ihn von anderen Toten unterscheiden könnte: Er trug ein Portemonnaie bei sich, auch einen Ausweis. 42 Jahre alt war Mohammeds Bruder Ibrahim, als Soldaten ihn im April 1991 zu Hause verhafteten. "Er hat doch niemanden etwas getan", sagt Mohammed. Trotz der Trauer wirkt er erleichtert. "Die Suche hat jetzt endlich ein Ende. Wir haben jetzt Gewissheit und können ihn nach Hause bringen", sagt er. Familienangehörige in langen traditionellen Gewändern mit schwarz-weiß karierten Kopftüchern tragen einen Holzsarg herein, in den sie behutsam die Überreste von Mohammeds Bruders legen. Dann schnallen sie den Sarg auf einen schrottreifen Toyota und fahren davon.

"Bei Ibrahim war die Identifizierung sehr einfach. Aber was ist mit den anderen, die keinen Pass haben, die nichts Außergewöhnliches bei sich trugen?", fragt etwas verzweifelt Alem. Jeder, der in das Zentrum strömt, hofft, seine Angehörigen hier zu finden. Jeder hat eine, seine Geschichte zu erzählen. Dennoch haben sie einen Aspekt gemeinsam: Alle Brüder, Söhne, Väter sind im April oder Mai 1991 verschwunden. Die Provinz Hilla gilt nach Kerbela, Nadschaf und Basra zu den Zentren der von Saddam Hussein verfolgten schiitischen Bevölkerung. Ebenso wie die Kurden im Norden wagten sie im März 1991, nach dem Ende des zweiten Golfkriegs und ausdrücklich ermutigt durch Aufrufe des damaligen amerikanischen Präsidenten George Bush, eine Revolte gegen das Regime Saddam Husseins. Der Aufstand wurde schnell und blutig von den regimetreuen Truppen niedergeschlagen. Auch Hussein Kamel Al Madschid, ein Schwiegersohn des Ex-Diktators, der später nach Jordanien flüchtete, soll damals mit einer Maschinenpistole eigenhändig Hunderte von Menschen niedergemetzelt haben. Auf die erhoffte ausländische Unterstützung haben die Aufständischen vergeblich gewartet.

Hinter einem sanften Erdhügel, etwa zehn Kilometer von der Stadt Hilla entfernt, befindet sich ein mit Maschendraht abgestecktes Feld, das an einen Friedhof erinnert. Lange Reihen von hellblauen Plastiksäcken stehen geordnet dort. In ihnen finden sich erdverkrustete Kleider, Sandalen, Papiere. "Am 28. April 2003 haben wir das Massengrab entdeckt. Hier liegen 5000 Menschen, bisher sind nur 2800 von ihnen identifiziert", erzählt Abbas Hassan. Aus seinem eigenen Dorf, das rund 15 Kilometer entfernt ist, kommen 36 der Getöteten. Er hat seinen Cousin hier gefunden. Wie das Grab entdeckt wurde? Ein alter Mann im Dorf wusste seit Jahren von den Hinrichtungen, von dem Grab, schwieg aber aus Angst vor Saddams Schergen. Erst nach dem Fall des Regimes wagte er, sein tödliches Geheimnis preiszugeben.

Die Prozedur, wenn ein Massengrab entdeckt wird, ist immer ähnlich: Die Umgebung wird mit Holzstöcken markiert, und amerikanische Soldaten des Marine-Pionierbataillons kommen mit leichten Bulldozern, um die obersten Erdschichten abzutragen. "Wir haben mit Hacken, kleinen Schaufeln weitergegraben", sagt Hassan Abbas und seufzt: "Im Dorf vermissen wir immer noch über 200 Leute."

Schon jetzt sind 70 Massengräber im Irak entdeckt worden, doch das Grauen findet kein Ende. Jede Woche werden weitere Massengräber entdeckt, die zwischen zehn und 10 000 Toten enthalten. Der dänische Experte Torben Grettermann ist überzeugt, dass dies erst der Anfang ist: "Es kann gut sein, dass wir eine Million Tote finden. In den 23 Jahren unter Saddam wurde ständig gemordet."

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Die Welt, Freitag, 13. Juni 2003
Der Sieg über Saddam war leicht - deshalb geht der Kampf weiter Auch im Irak werden Moslems zu Terror greifen

von John Keegan

London - Der Golfkrieg des Jahres 2003 war ein Krieg, auf den Saddam Hussein schlecht vorbereitet war. Seine ehedem mächtige Armee hat die Verluste, die ihr 1991 zugefügt wurden, offensichtlich nicht wettmachen können. Saddams modernste Panzer waren 15 Jahr alt, viele von ihnen konnten als Museumsstücke gelten. Seine Luftwaffe war zu unbedeutend und veraltet, um in das Kampfgeschehen einzugreifen. Die Nachteile, unter denen Saddams Armee im Feld litt, wurden dadurch verschärft, dass der Diktator offenbar keinen logischen Verteidigungsplan ausgearbeitet hatte. Der Irak ist ein schwer anzugreifendes Land, da er über starke natürliche Verteidigungsbollwerke verfügt: Im Westen versperren weite Wüstengebiete, im Osten Gebirge und im Zentrum breite Flüsse den Weg zu den Bevölkerungsschwerpunkten.

Besonders schwierig ist ein Angriff aus dem Süden, wo die alliierten Truppen einmarschierten, denn die Grenze zu Kuwait und die irakische Golfküste sind ein sehr schmaler Streifen Land, und die irakische Hauptstadt ist von hier aus mehrere Hundert Kilometer entfernt. Sobald die Invasionspläne feststanden, wäre die logische Vorgehensweise gewesen, das südliche Territorium massiv zu verminen, die Hafenanlagen zu sabotieren und vor allem die Euphrat- und Tigris-Brücken mit Sprengladungen zu versehen. Aber keine dieser Maßnahmen scheint ergriffen worden zu sein.

In einem orthodoxen Kriegsplan hätten sich die besten Truppen, nämlich die sechs Divisionen der Republikanischen Garden, den
Invasionsstreitkräften entgegenstellen müssen. Die zweite Linie, die so genannte reguläre Armee, hätte dann wo nötig verstärkend eingegriffen. Die dritte Linie - bestehend aus den paramilitärischen Fedajin- und Baath-Milizen - wären in einer solchen Strategie nur als Störtruppen zum Einsatz gekommen. In Wirklichkeit fand der Aufmarsch genau andersherum statt. Die Republikanischen Garden wurden aus der Eröffnungsschlacht herausgehalten und verharrten in ihren Stellungen bei Bagdad. Einige Divisionen der regulären Streitkräfte scheinen sich der Invasion im Süden entgegengeworfen zu haben, wurden aber schnell dezimiert. Nur paramilitärische Einheiten leisteten hartnäckig Widerstand, wofür sie jedoch nicht ausgerüstet waren.

Warum ließ Saddam die irakischen Streitkräfte nicht auf logische Weise aufmarschieren? Warum wurden so wenige Anstrengungen unternommen, die Invasoren im Süden, also in gehöriger Entfernung von den strategischen Zielen, zurückzuschlagen? Warum gab das irakische Oberkommando nicht Befehl, Barrieren und feste Verteidigungsanlagen zu errichten? Warum waren wertvolle Ziele, zum Beispiel Hafenanlagen oder die südlichen Ölfelder, nicht zerstört worden? Und warum vor allem waren keine Brücken gesprengt worden?

Die Erklärung für dieses Versagen mag darin zu finden sein, dass Saddam und seine engsten Mitarbeiter als Regierung auf augenfällige Weise abwesend waren. Militärisch jedenfalls hat die Koalition einen großen Sieg errungen, und das bei praktisch keinen eigenen Verlusten und geringen Verlusten in der irakischen Bevölkerung. Die
bevölkerungsreichen Gebiete, das Regierungsviertel in Bagdad ausgenommen, blieben unberührt. Dennoch werden sich die psychologischen Schäden für den Irak, den Nahen Osten und die moslemische Welt im Allgemeinen als sehr groß erweisen.

Der Islam erzielte seinen Anfangserfolg als selbst ernannte Weltreligion im 7. und 8. Jahrhundert durch militärische Eroberungen. Danach befestigte er seine Macht durch die Anwendung militärischer Mittel. Und militärische Stärke war es auch, die den Islam, später in der Gestalt des Osmanischen Reichs, bis zum frühen 18. Jahrhundert als wichtigste Macht der nördlichen Hemisphäre erhielt. Der folgende Abstieg des Islam verbitterte Moslems auf der ganzen Welt, vor allem aber in seinem Kernland, dem Nahen Osten. Moslems, die von der Unfehlbarkeit ihres Glaubenssystems überzeugt sind, reagieren empört und schockiert auf die Demonstration der materiellen, vor allem militärischen Überlegenheit der Ungläubigen. Die militanten islamistischen Fanatiker haben darauf nur eine Antwort: Sie propagieren die Idee, dass der militärischen Überlegenheit des Westens nur mit Terror begegnet werden kann. Nun werden sie zu neuartigen und alternativen Methoden greifen, um sich den Ungläubigen zu widersetzen.

Die westliche Zivilisation wurzelt in der Vorstellung, dass die Verbesserung des menschlichen Daseins im materiellen Fortschritt und in der Vergrößerung der individuellen Lebenschancen besteht. Dadurch ist sie jedoch schlecht vorbereitet, es mit einem Glauben aufzunehmen, der den Materialismus verdammt und das Konzept der Individualität, insbesondere der individuellen Freiheit ablehnt. Es ist gerade die Vollständigkeit der Niederlage im Irak, die bewirkt, dass der Kampf weitergeht.

  1. d. Engl. von Daniel Eckert John Keegan ist Kolumnist der britischen Tageszeitung "The Daily Telegraph" und weltweit anerkannter Verteidigungsexperte.

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Die Welt, Freitag, 13. Juni 2003
Spanien wird Truppen in den Irak schicken

von Katja Ridderbusch

Brüssel - Deutschland will sich an der Nato-Eingreiftruppe beteiligen, wenn diese ab Oktober bedingt für weltweite Interventionseinsätze bereit steht - und zwar mit "Truppenverbänden von Heer und Marine". Das sagte Bundesverteidigungsminister Peter Struck beim Treffen der NatoVerteidigungsminister in Brüssel. Die 19 Minister billigten das Konzept, das die Militärs der Allianz für die Bildung der "Nato Response Force" (NRF) ausgearbeitet hatten. Die NRF soll ab Oktober bedingt, ab 2006 voll einsetzbar sein - für Kampf- und
Antiterroreinsätze sowie für Einsätze zur Evakuierung von Zivilisten und Soldaten aus Krisengebieten. Sie soll sich aus Land-, Luft- und Seestreitkräften zusammensetzen und innerhalb von fünf Tagen einsatzbereit sein. In ihrer Anfangsphase soll die Truppe, deren Bildung die USA im Herbst vergangenen Jahres bei der Nato in Auftrag gegeben hatten, 5000 bis 7000, bei voller Einsatzbereitschaft rund 21 000 Soldaten umfassen. Die erste Ausbildung der Elitetruppe soll in Norfolk im US-Bundesstaat Virginia erfolgen. Die NRF sei "auf wirklich gutem Wege", sagte Struck. Allerdings bleibe für jeden Einsatz deutscher Soldaten in einer multinationalen Operation der Vorbehalt des Bundestagsbeschlusses bestehen. "Niemand hat die Absicht, aus der Bundeswehr eine Regierungsarmee zu machen. Sie bleibt eine Parlamentsarmee."

Der Druck der USA auf die europäischen Verbündeten, sich stärker im Irak zu engagieren, zeitigte erste Ergebnisse. Spanien, enger Verbündeter der Amerikaner während des Irak-Krieges, will sich an dem Einsatz der multinationalen Truppe unter Führung Polens im südlichen Sektor des Irak zwischen Bagdad und Basra beteiligen. Damit wird Spanien, das 1100 Soldaten entsenden will, drittgrößter Truppensteller im polnischen Sektor. Polen schickt 2200, die Ukraine 1700 Soldaten. Ergänzt wird der Verband durch 1800 Truppen aus Nicaragua, Honduras, El Salvador und der Dominikanischen Republik. Spaniens Forderung, ein rotierendes Oberkommando einzuführen, stieß in Warschau allerdings auf taube Ohren. Deutschland bleibt vorerst bei seiner abwartenden Haltung: "Erst wenn ein klarer Beschluss des UN-Sicherheitsrates vorliegt, wird Deutschland eine Beteiligung prüfen", sagte Struck in Brüssel.

Die Verteidigungsminister von elf Nato-Staaten unterzeichneten außerdem eine Absichtserklärung zum strategischen Lufttransport - und unternahmen damit einen ersten Schritt, um eine der tiefsten Lücken in den militärischen Fähigkeiten der Europäer zu schließen. Ab 2005 soll ein Chartervertrag mit der Ukraine sicherstellen, dass ständig fünf bis sechs Transportflugzeuge des Typs Antonow für Nato-Einsätze zur Verfügung stehen. Auf kanadischen Wunsch behielten sich die elf Unterzeichnerstaaten die Option offen, bei Bedarf auch den Einsatz von Transportflugzeugen des Typs Boeing C-17 zu prüfen, der vor allem von den USA benutzt wird. Die Charterlösung war in einer Arbeitsgruppe unter deutscher Federführung ausgearbeitet worden. Die Bundeswehr greift bereits bei ihrer Operation in Afghanistan auf das russische Transportflugzeug zurück. Es gebe "keine Hinweise darauf, dass die Antonow nicht sicher ist", wies Struck Bedenken zurück. Struck traf zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen mit seinem amerikanischen Ressortkollegen Donald Rumsfeld zusammen. Zwischen den Ministern herrsche ein "normales Arbeitsklima", versicherte Struck; die Spannungen, die sich während des Irak-Krieges zwischen Deutschland und Amerika aufgebaut hätten, seien "verschwunden".

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taz Nr. 7077 vom 13.6.2003
CIA ernennt Sonderbeauftragten für Irak
Ehemaliger UN-Waffeninspektor soll für die US-Regierung Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen finden

WASHINGTON afp Der US-Geheimdienst CIA hat einen Sonderbeauftragten für die Suche nach den vermuteten irakischen Massenvernichtungswaffen benannt. Wie der Geheimdienst an seinem Sitz in Langley bei Washington mitteilte, soll der 63-jährige David Kay, ein früherer UN-
Waffeninspektor, seinen Dienstsitz in Irak haben und dort die Suche nach den Waffen überwachen. Dafür steht ihm ein vom US-
Verteidigungsministerium eingesetztes Team aus 1.400 Inspektoren zur Verfügung.

Nach Ansicht der New York Times zeigt die Nominierung des
Sonderbeauftragten, dass die US-Regierung über die bislang vergebliche Suche nach den Massenvernichtungswaffen zunehmend frustriert sei. In den USA wird immer häufiger die Frage gestellt, ob die US-Regierung die Bedrohung durch Irak nicht übertrieben habe. Kay ist CIA-Direktor George Tenet unterstellt, während das 1.400-köpfige Team weiter dem Kommando des Pentagons untersteht. Laut New York Times könnte diese Konstruktion die Rivalitäten zwischen CIA und Pentagon verschärfen. Im Irak lieferten sich gestern US-Truppen Kämpfe mit Irakern, die einen Apache-Hubschrauber abschossen. Auch ein F-16-Kampfflugzeug stürzte im Irak ab.

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taz Nr. 7077 vom 13.6.2003
Razzia und Gefechte
Erste US-Luftangriffe im Irak seit dem Ende des Saddam-Regimes: US-Hubschrauber abgeschossen, US-Kampfflugzeug abgestürzt

BAGDAD/BRÜSSEL ap/afp/dpa Iraker haben am Donnerstag im Westirak einen US-Militärhubschrauber vom Typ Apache abgeschossen. Nach US-Angaben konnten die beiden Piloten unverletzt gerettet werden. Aus zunächst unbekannten Gründen stürzte auch ein F-16-Kampfflugzeug ab. Der Pilot konnte sich mit dem Schleudersitz retten.

Das US-Zentralkommando meldete unterdessen, US-amerikanische Soldaten hätten ein "Terroristen-Ausbildungslager" am Mittwoch 150 Kilometer nordwestlich von Bagdad aus der Luft angegriffen. Bei anschließenden Gefechten um das Lager sei ein Soldat leicht verletzt worden. Etwas weiter südlich setzten mehrere tausend Soldaten eine Fahndungsaktion nach den Urhebern von Anschlägen auf die US-Truppen fort. Bereits am Mittwochabend waren 397 Iraker festgenommen worden, von denen 59 wieder freigelassen wurden. Schwerpunkt der Festnahmen war die Umgebung der Ortschaft Balad, etwa 60 Kilometer nördlich der Hauptstadt.

Als weiteres Ziel nannte Leutnant Ryan Fitzgerald, ein Sprecher des USZentralkommandos, das Gebiet um die Ortschaft Duluijah, rund 70 Kilometer nördlich von Bagdad. Duluijah war während des Krieges weitgehend verschont geblieben und gilt als möglicher Zufluchtsort für Anhänger des gestürzten Staatschefs Saddam Hussein. Die Region nördlich von Bagdad gehört zum so genannten Sunniten-Dreieck, dem Kernland von Saddam Husseins Baath-Partei.

Nach Angaben eines früheren Oppositionspolitikers soll der Expräsident vor rund drei Wochen in dieser Gegend gesichtet worden sein. Saddam Hussein zahle eine Prämie für jeden getöteten US-Soldaten, hatte Ahmed Tschalabi, der vor kurzem in seine Heimat zurückgekehrte Führer der Exilorganisation Irakischer Nationalkongress, am Dienstag in New York berichtet.

Unterdessen hat die spanische Regierung gestern beschlossen, sich mit bis zu 1.200 Soldaten auf der Seite Polens an den
Stabilisierungstruppen im Irak beteiligen. Das gab der spanische Verteidigungsminister Federico Trillo am Rande einer Nato-Sitzung in Brüssel bekannt. Unter polnischem Kommando würden sich auch Honduras, Nicaragua, El Salvador und die Dominikanische Republik beteiligen.

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junge Welt vom 13.06.2003
Rüdiger Göbel
USA bomben wieder
Militäroperation gegen Widerstandsgruppen im Irak. Mehr als 400 Verhaftungen

Die Besatzungstruppen im Irak haben eine großangelegte Militäroperation zur Aufstandsbekämpfung gestartet. Dabei kam es zum ersten Mal seit dem von US-Präsident George W. Bush proklamierten »Ende größerer Kampfhandlungen« am 1. Mai wieder zu Bombardierungen. An dem Einsatz auf einer Tigris-Halbinsel 150 Kilometer nordöstlich der irakischen Hauptstadt Bagdad sind alle Waffengattungen der US-Streitmacht beteiligt: Patrouillenboote, Kampfhubschrauber und Flugzeuge sowie Bodentruppen. Ziel der seit Montag andauernden Aktion sei es, die Baath-Partei von Saddam Hussein, paramilitärische Gruppen und andere »subversive Elemente« zu vernichten, so ein Sprecher des USZentralkommandos am Donnerstag.

»Zehn bis 15 Iraker« seien bei einer Razzia in der Stadt Duluijah 70 Kilometer nördlich von Bagdad »getötet worden«. Auf US-Seite habe es vier Verletzte gegeben, als mehrere tausend US-Soldaten unterstützt von Kampfjets und Hubschraubern die Gegend durchkämmten. Bereits am Mittwoch abend waren zehn Kilometer weiter südlich, in der Umgebung der Ortschaft Balad, 400 Iraker festgenommen worden. Ein Sprecher des USZentralkommandos teilte mit, die Gefangenen würden »von Ermittlern verhört«, die auf Grundlage von Geheimdienstinformationen nach »bestimmten Verdächtigen« suchten. Derweil dauerten die Gefechte zwischen Bodentruppen und bewaffneten Widerstandsgruppen im Norden Iraks am Donnerstag an, so das Zentralkommando.

Hintergrund der Counterinsurgency-Operation sind die anhaltenden Aktivitäten gegen die Besatzungstruppen. Regelmäßig sind die US-Truppen im Irak Ziel von Selbstmordanschlägen und militärisch organisierten Angriffen. Allein in den vergangenen Tagen mußte das US-Zentralkommando Attacken auf Stellungen in Kaim, Kut, Falludscha, Tikrit und Bagdad einräumen. Am Donnerstag wurde im Westen des Irak ein US-
Militärhubschrauber vom Typ Apache abgeschossen. Wie das amerikanische Zentralkommando in Kuwait mitteilte, konnten die beiden Piloten unverletzt geborgen werden. Die Besatzungen von zwei weiteren ApacheHubschrauber hätten sich anschließend in der Umgebung des Absturzortes Gefechte mit irakischen Kämpfern geliefert. Seit dem 1. Mai als inoffiziellem Kriegsende wurden mehr als 40 US-Soldaten im Irak getötet.

Dem »Iraqi Resistance Report« vom 11. Juni zufolge gibt es landesweit militärisch effiziente Aktivitäten gegen die US-Präsenz im Zweistromland (www.freearabvoice.org). »Die Widerstandskämpfer zwingen die Amerikaner zu weiterem Leid. In jeder Stadt, in jedem Bezirk, in jeder Straße, auf jedem Quadratmeter Land des großen Irak bebt die Erde wie ein Vulkan, Bäume und Steine erklären den Widerstand. Die Sprache ist verstummt: Sie macht dem Pfeifen der Kugeln Platz, die die Schädel der Amerikaner zertrümmern, und dem Donnerschlag der Bomben, die Körper für Körper zerreißen«, heißt es einleitend im jüngsten Bericht der AlFaruq -Brigaden im Irak.

Dem lyrisch gehaltenen Auftakt folgen militärisch detaillierte Beschreibungen der Widerstandsaktivitäten. Demnach haben irakische Spezialeinheiten drei US-Marineboote, die amerikanische Ölexperten transportierten, auf dem Weg vom Hafen Al Bakr nach Al Fao mit modifizierten französischen MM33-Boden-Boden-Raketen zerstört. In einer großangelegten Operation wollen die Widerstandskräfte auf dem Internationalen Flughafen von Bagdad auch eine Transportmaschine der US-Streitkräfte beschossen haben. Den Befehl dazu habe Saddam Hussein persönlich gegeben. Tatsächlich ist der Flughafen für den
nichtmilitärischen Verkehr aufgrund der Gefahrenlage bis heute gesperrt.

Dem Bericht zufolge haben Scharfschützen der Al-Faruq-Brigaden an verschiedenen Orten amerikanische Truppen angegriffen und dabei mehrere Soldaten getötet. »Märtyrer«, sprich Selbstmordattentäter, hätten sich zudem mit US-Geheimdienstmitarbeitern in der Nähe der Atomanlage Tuwaitha bei Bagdad in die Luft gesprengt. Im Nordirak seien mehrfach Versorgungseinheiten attackiert worden. Ziel all dieser Aktivitäten sei die Verbreitung von Panik und die psychologische Zerrüttung der Besatzungstruppen. »Die kommenden Tage werden den Kreuzzugstruppen weitere Überraschungen bringen«, bekräftigten die irakischen Widerstandsgruppen.

Man passe sich der militärischen Lage an: Wenn die US-Armee einen Teil ihrer Kräfte nach Falludscha im Westen des Landes verlege, weil die Besatzungstruppen dort mehrfach unter Beschuß gerieten, würden die AlFaruq -Brigaden die verbliebenen US-Soldaten im Osten des Irak angreifen. Wenn das US-Zentralkommando mehr Soldaten in den Süden schicke, würden die Widerstandskräfte im Nordirak aktiv. So sei das ganze Land in einen Schauplatz militärischer Angriffe und »hit and run«-Aktionen verwandelt worden. Am 7. Juni hatte das Generalkommando der irakischen bewaffneten Truppen, gebildet aus Al-Faruq-Brigaden, die Saddam-Fedajin und die Al-Hussein-Einheiten, in einer gemeinsamen Erklärung erklärt, daß der Widerstand fortgesetzt werde, bis der Irak wieder befreit und die Besatzer vertrieben seien.

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junge Welt vom 13.06.2003
Rainer Rupp
OPEC ohne Irak
Beziehungen auf Eis: Erdölkartell verlangt international anerkannte Regierung in Bagdad

Noch vor kurzem hatte die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) damit gerechnet, daß ihre Produktionsquoten wegen des Wiederauftritts des Irak auf dem Weltölmarkt gedrosselt werden müßten. Angesichts steigenden Ölpreise und der anhaltenden Unsicherheiten im Irak entschied die OPEC am Mittwoch in Katar jedoch, das derzeitige Produktionsniveau unverändert bei 25.4 Millionen Barrel am Tag zu belassen. Irak sei »wegen technischer Probleme in seinen Plänen zurückgeworfen worden«, erklärte OPEC-Präsident Abdullah al-Attiyah.

Vor dem US-Krieg hatten Ölexperten bereits wenige Wochen nach der geplanten Eroberung der Landes eine Schwemme irakischen Öls auf dem Weltmarkt erwartet. Aber nichts dergleichen geschah. Zwar hatten die US-Krieger ihren Befehl erfüllt und das irakische Ölministerium sofort nach der Eroberung Bagdads scharf bewacht, weshalb es als einziges staatliches Gebäude vor Plünderung und Zerstörungen verschont blieb. Aber die Förder- und Pumpanlagen ebenfalls zu bewachen, daran hatten die Eroberer nicht gedacht. So war nach kurzer Zeit aus den Förderanlagen alles geklaut worden, was nicht niet- und nagelfest war, von elektrischen Kabeln und Relais bis hin zu Generatoren und Pumpen.

In der Zwischenzeit war der irakische Platz am OPEC-Tisch leer geblieben. Und das soll auch so bleiben, solange der Irak unter fremder, US-geführter Besatzung steht. »Bevor Irak nicht durch eine international anerkannte Regierung vertreten ist, können wir keine Beziehungen zum Irak haben. Das ist der Konsens hier«, sagte der venezuelanische Ölminister Rafael Ramirez.

Das bedeute nicht, daß »wir Irak nicht in der Organisation haben wollen«, unterstrich Ramirez. Auch für die Iraker sei es wichtig, im OPEC-Kartell zu bleiben, um so »einen vernünftigen Preis für ihr Öl zu erzielen«. Den Erzeugerländern »vernünftige Preise« für ihre Rohstoffe zu zahlen, ist jedoch nicht im Interesse der USA. Der vom Pentagon eingesetzte Chefberater im irakischen Ölministerium, der ehemalige Manager des Ölmultis Shell, Phillip Carroll, hatte bereits am 16. Mai gegenüber der Washington Post angedeutet, »daß es im besten Interesse des Irak« sei, die Förderquoten der OPEC komplett zu ignorieren oder die Organisation ganz zu verlassen.

Bereits vor dem US-Eroberungskrieg spielte es in den Strategien eine wichtige Rolle, daß durch einen »Regimewechsel« im Irak das Angebot auf dem internationalen Ölmarkt rasch um 200 bis 250 Prozent erhöht und der Weltmarktpreis dadurch gesenkt werden könnte – mit zerstörerischen Wirkungen auf die OPEC. Ihre Zerschlagung oder zumindest Schwächung gehören seit eh und je zu den Zielen der USA. Auch Saudi-Arabien würde seine Schlüsselrolle verlieren und sich noch stärker als bisher den Wünschen der USA fügen müssen. Andere OPEC-Staaten hätten keine Wahl, als sich dieser Machtlogik zu unterwerfen, wenn die USA den irakischen Ölhahn nach Belieben öffnen könnten.

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Süddeutsche Zeitung, 13.06.2003
Die Türkei und die Korruption
Schnurgerade, teure Kurven

Von Christiane Schlötzer

Istanbul, 12. Juni – Der Tee wird in der Türkei in zarten Tulpengläsern serviert, auch zwei Stück Zucker dazu sind üblich. Ungewöhnlich dagegen ist, dass die dünnen Gläser von einem Mann aufgetragen werden, in dessen Hosenbund eine dicke 9-Millimeter-Pistole steckt. Der Herr mit der Waffe aber ist nicht nur für den Tee zuständig. Er ist auch Türöffner und Wächter für einen Mann, der seine Besucher hinter einer grauen Istanbuler Bürofassade empfängt. Vor genau zwei Jahren war dies noch anders. Da saß Saadettin Tantan als Innenminister in Ankara, in einem Haus voller Helfer. Der Mann galt als Superpolizist. Aber plötzlich ward er entlassen, weil er sein Amt zu ernst nahm: Tantan bekämpfte die türkische Korruption und machte sich damit mehr Feinde als Freunde.

Tausende von Aktenblättern hatte Tantan zusammengetragen, über Regierungsgeschäfte mit überteuertem russischem Gas, Schwarzgeld und Schwarzbauten. „Operation Spinnennetz“ und „Aktion Walfisch“ nannte er seine Fischzüge im trüben Wasser. Aber dann verschwand die ganze AktenBeute in tiefen Schubladen – und der Minister in der Versenkung. Nun jedoch sitzt ein einsamer Tantan in seinem Istanbuler Büro und kann jeden Tag im Fernsehen sehen und in den Zeitungen lesen, wie seine Akten wieder an die Oberfläche schwimmen, mitten in Ankara, in einem Untersuchungsausschuss des Parlaments. Und was da mit zweijähriger Verspätung zu Tage tritt, macht verständlicher, warum der türkische Staat heute so arm ist.

Der Polizist Serafettin Bural, unter Tantan Chef einer Truppe gegen die Organisierte Kriminalität, hat vor dem Ausschuss schon ausgesagt. Seitdem ist etwa bekannt, dass die häufigen Stromausfälle in der Türkei weniger mit technischen Problemen zu tun haben. Gas-Einkäufe in Russland zu überhöhten Preisen sollten begründet werden. Auf 3,5 Milliarden Dollar Verlust für den Staat bezifferte Bural die von seiner Einheit untersuchten Fälle, wobei der Polizist das gesamte KorruptionsGeb äude mit einem Hochhaus verglich. „Wir erreichten nur den dritten Stock.“ 670 weitere Firmen standen auf Burals Liste. Auf 56 Milliarden US-Dollar schätzte er den Schaden durch all die Betrügereien, die er gerne noch durchleuchtet hätte. „Aber dann wurden wir gestoppt.“

Der Polizist sagte auch, wer ihn behinderte. „Der Bruder eines berühmten Politikers, im dritten Stock trafen wir Turgut Yilmaz.“ Der Unternehmer Turgut Yilmaz ist einer der Großen der Energiebranche. Sein Bruder Mesut Yilmaz war bis November 2002 Vizepremier und über Jahrzehnte einer der in Europa bekanntesten türkischen Politiker. Ankaras Energieministerium war 15 Jahre fast durchweg in der Hand der Mutterlandspartei ANAP, an deren Spitze Yilmaz stand. Auch ExInnenminister Tantan gehörte der ANAP an, bevor Yilmaz ihn entließ. Bei den Parlamentswahlen im November 2002 flog die ANAP aus dem Parlament, wie alle alten Regierungsparteien. So endete der Schutz für die alten Freunde. Aber ihre Macht haben sie nicht völlig verloren, wie eine Vorsichtsmaßnahme des Untersuchungsausschusses ahnen lässt. Dessen Chef, Azmi Ates, bat alle Abgeordneten, die Mobiltelefone vor dem Saal zu lassen. Es habe eine Warnung des Geheimdienstes gegeben, so Ates, dass die Abgeordneten über ihre Handys von „verschiedenen Kreisen“ abgehört würden.

Ausschuss-Vorsitzender Ates gehört der Regierungspartei AKP von Tayyip Erdogan an. Die hat die Wahlen auch mit dem Versprechen gewonnen, die Korruption zu bekämpfen. Nun hetzt die Parlamentskommission durch die Akten, weil die dafür von der Verfassung knapp bemessene Zeit von drei Monaten praktisch schon ausgeschöpft ist. Doch neben den Akten gibt es noch die vielen Zeugen, am heutigen Freitag ist Mesut Yilmaz dran.

Und was sagt Ex-Minister Tantan zur neuen Hatz gegen Milliarden- Hinterzieher? Der Mann ist bitter geworden. Er traut auch der neuen Regierung nicht, weil sie dort, wo es um die eigene Klientel geht, etwa bei den illegalen Bauten in den Armeleutevierteln, schon Amnestien verspricht. Die Justiz sollte die AKP stärken, fordert Tantan. Die Kommission hält er eher für eine Show. Show-Qualität hat das Gremium, denn der Erfindungsreichtum der Korruptions-Barone ist schier unbegrenzt. Sogar schnurgerade Straßen wurden von Firmen als Kurven abgerechnet, weil die teurer sind.

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Neue Zürcher Zeitung, 13.06.2003
Kühle Winde über der Ägäis
Athen und Ankara sprechen von gezielter Provokation

Ein Luftzwischenfall zwischen türkischen Kampfbombern und einem griechischen Passagierflugzeug über der östlichen Ägäis Anfang dieser Woche hat die Beziehungen der zwei Nachbarstaaten spürbar abgekühlt. Es droht eine Abkehr von der freundschaftlichen Atmosphäre der letzten Jahre.

it. Istanbul, 12. Juni

Harsche Worte werden seit Beginn dieser Woche zwischen der griechischen Regierung und dem türkischen Generalstab gewechselt. Falls die Türkei Mitglied der EU werden wolle, habe ihre Führung die internationalen Regeln zu respektieren, warnte der griechische Ministerpräsident Kostas Simitis in heftigem Tonfall und beschuldigte die türkische Luftwaffe, den griechischen Luftraum massiv zu verletzen. Der türkische Generalstab erwiderte genauso gereizt und sprach von einer «gezielten, künstlichen Provokation» aus Athen.

Rückfall in die Polemik

Die gegenseitigen Anschuldigungen gehen auf einen Luftzwischenfall mit einem griechischen Passagierflugzeug über der Ostägäis letzten Montag zurück. Nach Angaben des griechischen Aussenministeriums waren zwei türkische Kampfbomber näher als zehn Kilometer an eine Maschine der Olympic Airways herangeflogen, worauf das automatische Anti-KollisionsSystem des Flugzeugs aktiviert wurde. Der griechische
Verteidigungsminister Jiannos Papantoniou empörte sich über die «verstärkte Aggression und die Provokationen durch die türkischen Streitkräfte». Laut seinem Ministerium wurden im letzten Jahr 220 Prozent mehr Verletzungen des griechischen Luftraums durch türkische Militärflugzeuge verzeichnet als im Vorjahr. In den letzten drei Tagen sollen drei griechische Passagierflugzeuge von türkischen Kampfbombern auf ihrem Flug gestört worden sein.

Der türkische Generalstab wies Athens Anschuldigungen als «völlig falsch» zurück. «In einer Entfernung von zehn Kilometern an einem zivilen Flugzeug vorbeizufliegen, ist weder eine Rechtsverletzung noch eine Störung», hiess es in Ankara. Mit solchen Vorwürfen verfolge Griechenland das Ziel, den Streit um die Hoheitsrechte in der Ägäis vor die Europäische Union zu bringen. Nun spricht die türkische Presse von einer «systematischen antitürkischen Kampagne Athens» mit dem Ziel, den Weg der Türkei in die EU zu blockieren. In der griechischen Presse wiederum ist die Rede von einer «Atmosphäre unerklärten Kriegs» über der Ägäis.

Neu belebter Streit um die Ägäis

Inzwischen zeichnet sich beiderseits der Ägäis eine Abkehr von der freundschaftlichen Atmosphäre ab, die nach den schweren Erdbeben in der Türkei und Griechenland 1999 eingeleitet worden war. Wie der griechische Regierungschef Simitis am Mittwoch erklärte, will er allerdings beim EU-Gipfel in Saloniki nächste Woche das Thema Türkei nicht anschneiden. Ankara hoffte ausgerechnet aus Saloniki eine ermunternde Botschaft zur Entwicklung der Beziehungen mit der EU zu erhalten. Andererseits hat der türkische Generalstab klargemacht, dass die Türkei als griechischen Luftraum nur eine 6-Meilen-Zone akzeptiere. Türkische Kampfflugzeuge würden den Raum ausserhalb dieser Zone ohne Restriktionen benützen. Athen beansprucht aber eine 10-Meilen-Zone als griechischen Luftraum. Beiderseits der Ägäis ist ein Rückfall in die Polemik der achtziger Jahre kaum zu überhören.

Dabei hatte die Regierung Simitis die Bemühungen des türkischen Regierungschefs Tayyip Recep Erdogan auf eine Annäherung der Türkei mit der EU voll unterstützt und gehofft, mit einem EU-Kandidaten die gegenseitigen Konflikte am Verhandlungstisch lösen zu können. Seit kurzem macht sich in Athen aber die Überzeugung breit, dass das türkische Militär die Annäherung an Europa nicht wünsche. Der griechische Verteidigungsminister Papantoniou sagte, es sei nicht klar, wer in der Türkei die Macht ausübe. Die Regierung in Ankara hüllt sich in der ganzen Affäre in Schweigen.

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taz Nr. 7077 vom 13.6.2003
USA drohen mit Sanktionen

WASHINGTON afp Die USA haben die Türkei, Griechenland und 13 weitere Staaten wegen umzureichender Maßnahmen gegen Menschenhandel angeprangert. Sollten diese Länder nicht bis zum 1. Oktober den Kampf gegen Menschenschmuggler aufnehmen, werde Washington ihnen Finanzhilfen für militärische Zwecke sowie Bildungs- und Kulturprojekte streichen, erklärte das US-Außenministerium am Mittwoch bei der Vorstellung des Jahresberichts zum Menschenhandel. Jedes Jahr würden weltweit bis zu 900.000 Menschen Opfer von Menschenhändlern. Rund 20.000 würden in die USA eingeschmuggelt, betonte US-Außenminister Colin Powell.

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taz Nr. 7077 vom 13.6.2003
ZYPERNS GRENZE
Blauhelme bleiben

Der UN-Sicherheitsrat hat das Mandat für Friedenstruppen auf Zypern erneuert. Danach überwachen die 1.228 Blauhelme die Waffenruhe zwischen griechischen und türkischen Zyprern noch bis zum 15. Dezember. Zugleich wurde die Zahl der UN-Zivilpolizisten erhöht. (dpa)

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Frankfurter Rundschau, 13.06.2003
Prompt droht Ayatollah Khamenei den "Söldnern des Feindes"
Irans geistliches Oberhaupt wirft den USA vor, die Studenten aufgehetzt zu haben / Auch Präsident Khatami unter Druck

Irans geistliches Oberhaupt Ayatollah Ali Khamenei hat die USA beschuldigt, die jüngsten Straßenproteste in Teheran angezettelt zu haben. In der Nacht zum Donnerstag protestierten erneut tausende Studenten gegen das Regime der Mullahs, aber auch gegen den bisher erfolglosen Reform-Präsidenten Mohammad Khatami.

Von Rolf Paasch (Berlin)

Nach den ersten kleinen Protesten am Dienstag, die sich noch gegen die Privatisierung einiger Hochschulen richteten, hatten in den USA ansässige Exil-Sender die iranische Bevölkerung aufgerufen, auf die Straße zu gehen. Am Mittwoch sendeten Fernsehkanäle der iranischen Opposition von Kalifornien aus weitere Aufrufe zum Protest. Sie forderten die Teheraner Studenten auf, sich vor den Wohnheimen auf dem Campus zu versammeln. In der Nacht zum Donnerstag dann fuhren Demonstranten im Autokorso durch Teheran. Polizei und religiösen Schlägertrupps gelang es, die hupenden Protestierer vom
Universitätsgelände fern zu halten.

Der Campus war schon einmal vor sechs Monaten Ausgangspunkt großer Studentenproteste. Damals hatte es einen Toten und hunderte Verletzte gegeben. Auch diesmal befürchten einige Studentenführer eine Eskalation durch ein brutales Eingreifen der Ordnungshüter.

Wie ernst das Regime die Studentenproteste nimmt, zeigt die prompte Reaktion von Khamenei. Der geistliche Führer erklärte am Donnerstag im Staatsfernsehen, Iran werde "rücksichtslos" gegen die "Unruhestifter" vorgehen, die er als "Söldner des Feindes" bezeichnete. Die USA, so Khamenei, könnten das Regime der Islamischen Republik nicht militärisch beseitigen. Deswegen versuche Washington, "eine Kluft zwischen Regime und Bevölkerung zu schaffen". Zugleich forderte Khamenei seine Anhänger auf, sich nicht an Zusammenstößen mit Demonstranten zu beteiligen.

Die Auseinandersetzungen zwischen dem Mullah-Regime und den Studenten kommen zu einem für Iran und die iranisch-amerikanischen Beziehungen höchst prekären Zeitpunkt. Erst vor wenigen Tagen hatte der religiöse Wächterrat erneut einen Gesetzentwurf der Reformer abgelehnt, der die Macht der religiösen Institutionen zu Gunsten des Parlaments beschnitten hätte. Nach fünf Jahren der Frustration und des Misserfolgs waren die Gesetzentwürfe der letzte Versuch von Staatspräsident Khatami gewesen, der systematischen Sabotage seiner Reformbemühungen im Parlament durch die nicht gewählten Aufsichtsgremien des Mullah-Regimes ein Ende zu setzen.

Mehr als einmal hatte der Staatspräsident in diesem Konflikt mit seinem Rücktritt gedroht. Zum ersten Mal forderten jetzt die Demonstranten neben dem obligatorischen "Tod der Diktatur" auch den Rücktritt des mit seinen Reformen gescheiterten Präsidenten.

Zusätzlich steht das Regime unter starkem Druck der Regierung von USPr äsident George W. Bush, die nach dem Sturz Saddam Husseins jetzt auch in Teheran einen "Regimewechsel" anstrebt. Am kommenden Montag wird die Internationale Atomenergie-Organisation Iran beschuldigen, den Kontrolleuren meldepflichtige Uran-Importe und Atomanlagen verheimlicht zu haben. Erst am Mittwoch hatte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in Garmisch-Partenkirchen erklärt, Iran werde wahrscheinlich "in relativ kurzer Zeit über Nuklearwaffen verfügen". Zugleich unterstützt das Pentagon iranische Exil-Gruppen wie die des SchahSohnes Reza Pahlawi, dessen monarchistischer Satellitenkanal aus Los Angeles Aufrufe zu Protesten ausstrahlt.

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Frankfurter Rundschau, 13.06.2003
kommentar
Verzweifelte Studenten

Von Karl Grobe

Dem ungewählten Machthaber in Teheran ist der Fall klar. Wenn mehrere Tausendschaften seiner Untertanen gegen das System demonstrieren, können es nur notorisch Unzufriedene, Abenteurer und Söldner der Amerikaner sein. Die Kundgebungen würden ohnehin nur von "ein paar Kerlen an der Straßenecke" abgehalten, diagnostiziert der Ayatollah Ali Khamenei. Feindliche Agenten, kleine radikale Minderheit - eine bekannte Agitprop-Leier.

Die Wirklichkeit dürfte etwas anders aussehen, als der geistliche Führer sie darstellt. Die Unzufriedenheit mit dem religiös verbrämten Kastenregime der Mullahs sucht nach Möglichkeiten, das Regime zu verändern - und dies nicht mehr in der Hoffnung auf Wandel durch einen ohnehin nicht sehr freien Wahlprozess. Den letzten lokalen Wahlen sind diejenigen ferngeblieben, die zweimal faktisch gegen die Kleriker gestimmt haben - mit dem Votum für Präsident Mohammed Khatami, der sie dann sehr enttäuscht hat. Sie privatisieren die Abkehr vom Regime durch kalkulierten Protest gegen die Kleiderordnung und indem sie anderen als den regime-treuen Medien Gehör schenken. Dies betrifft den am Aufstieg gehemmten Mittelstand, ein urbanes Publikum.

Die seit Mittwoch wieder demonstrierenden Studenten sind dessen nächste Generation, die daran verzweifelt, zur funktionalen Elite werden zu können. Sie sind klug genug, sich nicht auf fremde Inspiration und Intervention zu verlassen. Und die USA wären klug, dies zu begreifen. Eine Intervention würde, nach Afghanistan und Irak, in der nächsten Enttäuschung, vielleicht Konfrontation enden.

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taz Nr. 7077 vom 13.6.2003, nicht in taz-Ffm
Chamenei droht Kritikern
Irans oberster Ajatollah droht demonstrierenden Studenten indirekt mit dem Einsatz von Gewalt

TEHERAN ap Nach zweitägigen Studentenprotesten hat der geistliche Führer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, harte Schritte gegen die Demonstranten angedroht. In einer Rede vor Anhängern, die auch im staatlichen TV und Radio übertragen wurde, bezog sich Chamenei auf die Unruhen im Jahr 1999, als Sicherheitskräfte und Anhänger des Ajatollahs mit harter Hand gegen demonstrierende Studenten vorgingen. Damals kam mindestens ein Student ums Leben.

Am Mittwochabend hatten in Teheran erneut rund 300 Studenten gegen die konservative geistliche Führung protestiert, wobei es zu Auschreitungen kam. Polizei sowie Anhänger der klerikalen Führung verfolgten Demonstranten mit Motorrädern und schlugen mit Stöcken auf sie ein. Auslöser der Demonstration waren Proteste an der Universität von Teheran gegen die geplante Privatisierung einiger Hochschulen.

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taz Nr. 7077 vom 13.6.2003, Seite 7
IRAN UNTER DRUCK

Mohammed Chatami, Präsident des Iran und Reformer, ist gescheitert: am Grundwiderspruch des als Gottesstaat und Republik zugleich konzipierten Staatswesens und an seiner eigenen Politik. Der zunehmende Druck der USA könnte jetzt die gesamte Demokratiebewegung zum Stillstand bringen

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taz Nr. 7077 vom 13.6.2003, Seite 7
Irans Reformer ohne Ausweg

von BAHMAN NIRUMAND

In der zweiten Nacht in Folge haben tausende Iraner in Teheran demonstriert. Die Proteste richteten sich hauptsächlich gegen das religiöse Oberhaupt im Iran, Ajatollah Chamenei. "Tod für Chamenei", riefen die Demonstranten auf dem Uni-Gelände von Teheran. Aber auch der Rücktritt von Staatspäsident Mohammed Chatami wurde gefordert. Viele Iraner sind enttäuscht von ihm, dem Mann, auf dem die Reformhoffnungen ruhten.

"Iran befindet sich am Rande des Abgrunds", schrieben unlängst schon 127 Parlamentsabgeordnete in einem offenen Brief an Revolutionsführer Ali Chamenei. Die Gefahr, die nicht nur die Staatsordnung der Islamischen Republik, sondern sogar die Souveränität des Landes bedrohe, sei noch nie so stark gewesen. In ungewöhnlicher Offenheit und Schärfe beklagen die Unterzeichner, die der Reformfraktion angehören, dass einige Gruppen seit Jahren das Ziel verfolgen, durch
Mordattentate, Niederschlagung von Studentenprotesten, Verbot von kritischen Zeitungen und Zeitschriften und durch Willkürurteile der Justiz die Errungenschaften der Reformbewegung zunichte zu machen. Der Wächterrat (siehe Kasten) habe durch seine Blockadepolitik Parlament und Regierung praktisch lahm gelegt. Das Vorgehen der Justiz, die die Speerspitze der Reformgegner bilde, könne nicht mehr geduldet werden.

Retten, was zu retten ist

Der Brief gehört zu den verzweifelten Anstrengungen der Reformfraktion, zu retten, was noch zu retten ist. Denn der Versuch von Staatspräsident Mohammed Chatami, der vor sechs Jahren mit dem Anspruch angetreten war, das System im Rahmen bestehender Machtverhältnisse zu reformieren und eine zivile Gesellschaft zu schaffen, ist so gut wie gescheitert.

Die Gründe dafür liegen nicht allein in dem unnachgiebigen Widerstand der Konservativen, sondern auch darin, dass weder der Präsident noch die Reformer, die im Parlament die Mehrheit bilden, es gewagt haben, die Heiligtümer des Systems anzutasten.

Chatamis großes Verdienst ist, dass er beharrlich auf der Notwendigkeit von Reformen bestand und damit die Widersprüche des Systems auf die Spitze getrieben hat. Unter seiner Regierung ist das Land nach innen und außen weitaus offener geworden. Obwohl Terror und Unterdrückung fortdauern, ist die Angst vor den Machthabern verschwunden. Chatami ist kein Revolutionär, nicht einmal ein konsequenter Liberaler. Er bekennt sich zu der Verfassung der Islamischen Republik, deren Substanz das System der Welajat-i-Fakih, der absoluten Herrschaft der Geistlichkeit, bildet. Sein Ziel ist zwar eine zivile pluralistische Gesellschaft, er will aber gleichzeitig den Gottesstaat bewahren. Genau an diesem Widerspruch ist er gescheitert.

Der Widerspruch zwischen einem Gottesstaat, der seine Befehle von Gott empfängt, und einer Republik, die nach dem Willen des Volkes handelt, nagt seit der Gründung der Islamischen Republik an der Substanz des Staates. Zwar werden Präsident und Parlament vom Volk gewählt, ihnen gegenüber steht jedoch das System der Welajat-i-Fakih, das durch den Wächterrat, die Justiz, durch militärische und paramilitärische Organisationen, religiöse Stiftungen und nicht zuletzt durch die Instanz des Revolutionsführers Politik und Wirtschaft völlig beherrscht.

Was sich im Augenblick im Iran vollzieht, ist ein qualvoller Prozess, weitaus wichtiger als die Bewegung, die zum Sturz der Monarchie geführt hat. Es geht um die Neugeburt eines säkularen Staates, um den Sprung von der Tradition in die Moderne. Gelingt er, hat dies für die islamische Welt weitreichende Folgen.

Betrachtet man die politische Bühne Irans, sieht man auf der einen Seite Islamisten diverser Schattierungen, die mit aller Gewalt jede Veränderung und jeden Fortschritt zu verhindern versuchen, auf der anderen Seite die überwiegende Mehrheit des Volkes, die dem islamischen Staat den Rücken gekehrt hat und nach Freiheit ruft.

Dazwischen steht ein machtloser Präsident, der vor den Konsequenzen seiner eigenen Worte zurückschreckt. Er hat es nie gewagt, die von den Konservativen gesetzte rote Linie zu überschreiten. Zudem haben er und der Kreis um ihn es versäumt, die zivile Bewegung durch Verstärkung von regierungsunabhängigen Organisationen, Gewerkschaften und Verbänden oder gar Parteien zu fördern. Das Volk wurde immer wieder zur Teilnahme an Wahlen mobilisiert und danach nach Hause geschickt. Chatami hat sich meist mit schönen Worten begnügt und Hoffnungen geweckt, ohne Taten folgen zu lassen.

Schließlich, von allen Seiten bedrängt, hat er im vergangenen November seine wohl letzten Trümpfe auf den Tisch gelegt. Es waren zwei Gesetzesvorlagen. Eine sollte dem Wächterrat die Praxis untersagen, bei Parlamentswahlen Kandidaten aus ideologisch-politischen Gründen auszusieben. Diese Gesetzesinitiative gewinnt vor den Parlamentswahlen im Frühjahr 2004 an Bedeutung. Die Konservativen machen keinen Hehl daraus, dass sie entschlossen sind, bei diesen Wahlen alles daran zu setzen, um die Mehrheit der Reformer zu brechen und das Parlament zurückzuerobern.

Beim zweiten Entwurf geht es um die Machtbefugnisse des
Staatspräsidenten. Er soll das Recht erhalten, auf die Einhaltung der Verfassung zu achten, im Falle einer Missachtung die Entscheidung aufzuheben und die Entscheider zur Verantwortung zu ziehen. Die Brisanz des Entwurfs liegt darin, dass er dem Präsidenten unter anderem das Recht einräumt, Gerichtsentscheidungen, wie Urteile gegen die liberale Presse, aufzuheben.

Die Diskussion über die beiden Entwürfe wurde so hochgeschraubt, dass sie allgemein als schicksalsbestimmend für die Reformbewegung eingestuft wurden. Chatami deutete an, dass er im Falle einer Ablehnung sein Amt niederlegen würde. Denn ein machtloser Präsident sei überflüssig, sagte er. Auch zahlreiche Mitglieder der Reformfraktion bekundeten ihre Absicht, im Falle des Scheiterns der Gesetze abzutreten.

Chatami resigniert

Wie erwartet, lehnte der Wächterrat beide Gesetze ab. Chatamis Reaktion darauf: Er habe, sagte er, ein Minimum an Forderungen gestellt. Sollten diese nicht akzeptiert werden, sei der Staatspräsident völlig ohne Nutzen. Welche Konsequenzen er aus dieser richtigen Schlussfolgerung ziehen wird, sagte er nicht.

Die innenpolitische Ausweglosigkeit wiegt umso schwerer, da das Land ernsten Bedrohungen von außen ausgesetzt ist. Spätestens mit dem Irakkrieg haben die Machthaber in Iran begriffen, dass die Attacken aus Washington nicht leere Worte sind.

Diese Attacken haben sich in den letzten Wochen verschärft. Zu den alten, bekannten Vorwürfen sind neue hinzugekommen. Die US-Regierung wirft Iran vor, Mitgliedern von al-Qaida Zuflucht gewährt zu haben, die Anschläge in Riad seien von Iran aus geplant worden, und Iran sei dabei, sowohl den Friedenprozess zwischen Israel und Palästina als auch den im Irak zu sabotieren. Die psychologische Kriegsführung ist in vollem Gange. Mehrere Fernseh- und Rundfunksender versuchen rund um die Uhr das iranische Volk, besonders Jugendliche, zum Widerstand zu ermuntern. Oppositionelle Gruppen im Ausland, insbesondere die Monarchisten, erhalten aus Washington politische und großzügige finanzielle Unterstützung.

Die USA geben unverblümt zu, dass sie einen Regimewechsel in Iran vorbereiten. Sollte das Erfolg haben, wären die Folgen für das Land verheerend. Denn eine solche Einmischung würde den Prozess der Demokratisierung, der inzwischen die gesamte Gesellschaft erfasst hat, um Jahre zurückwerfen. Wie in keinem islamischen Land hat in Iran eine radikale und tief greifende Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, Tradition, auch der Religion stattgefunden. Iran könnte der gesamten islamischen Welt als Vorbild dienen. Das mögliche Scheitern Chatamis bedeutet nicht, dass die Demokratiebewegung gescheitert ist. Im Gegenteil, diese Bewegung hat Chatami längst überholt. Was sie zum Stillstand oder gar Scheitern bringen könnte, wäre ein Angriff von außen.

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taz Nr. 7077 vom 13.6.2003, Seite 7
hintergrund
Der Wächterrat

Der Wächterrat ist eines der wichtigsten Instrumente in der Hand der Konservativen. Er besteht aus zwölf Mitgliedern. Die Hälfte davon sind Geistliche, direkt vom Revolutionsführer ernannt. Weitere sechs Mitglieder sind Rechtsgelehrte. Sie werden vom Justizchef vorgeschlagen und vom Parlament bestätigt. Der Justizchef seinerseits wird vom Revolutionsführer ernannt.

Der Wächterrat hat drei Hauptaufgaben: Er kommentiert die Verfassung, überwacht die Parlamentswahlen und prüft alle vom Parlament verabschiedeten Gesetze nach ihrer Übereinstimmung mit der Verfassung und den Grundsätzen des Islams. Seit der Amtsübernahme Chatamis hat der Wächterrat jedes Gesetz, das auf ernsthafte Reformen abzielte, zurückgewiesen. Umstritten ist, ob der Wächterrat dazu befugt ist, über die Eignung von Kandidaten bei Parlamentswahlen zu entscheiden. Dieses Recht hat der Wächterrat bisher für sich in Anspruch genommen und dadurch die Wahl von Kandidaten, die ihm ideologisch nicht genehm waren, verhindert. BN

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Ostsee Zeitung, 13.6.2003
BGS spürte Geschleuste auf

Seehafen (OZ) Im Rostocker Seehafen entdeckten Beamte des
Bundesgrenzschutzes bei einer Kontrolle eines aus Verona in Italien kommenden Güterzuges einen nicht ordnungsgemäß verplombten Container.

Mit Spezialtechnik stellten die Beamten im Inneren des Containers einen sehr hohen Kohlendioxyd-Gehalt fest. Nach dem Öffnen des Containers fanden die Beamten hinter der aus Gartengrillöfen bestehenden Ladung fünf Männer.

Nach den bisherigen Ermittlungen handelt es sich bei den Geschleusten um drei irakische und zwei iranische Kurden im Alter von 22 bis 34 Jahren. Über die Ostsee sollten sie, so die Erkenntnisse, mit einem Fährschiff nach Schweden ausgeschleust werden. Die Ermittlungen dauern zum Zeitpunkt noch an, teilt das Bundesgrenzschutzamt Rostock mit.

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Der Patriot, 13.06.2003
Asylmissbrauch aufgedeckt
Ausländeramt des Kreises Soest schiebt erneut eine türkische Familie ab

KREIS SOEST. "Staatsangehörigkeit ungeklärt" - dieser Vermerk stand über 15 Jahre lang auf den Akten der angeblich libanesischen Familie. Heute, so der Kreis, sei klar: "Die Lücken in den Lebensläufen des Ehepaars und seiner sieben Kinder gründeten auf Täuschungen." Nach jahrelanger Ermittlungsarbeit schob die Kreisverwaltung gestern zunächst die Ehefrau und ihre Kinder via Flughafen Düsseldorf in ihre Heimat ab. Urkundenfälschung und Betrug - insgesamt 188 000 Euro Sozialhilfe flossen an die Familie - wies der Kreis der Sippe nach. Bislang hat die Kreis-Ausländerbehörde mehr als 80 Türken mit gefälschter libanesischer Biografie, die insgesamt rund zwei Millionen Euro zu Unrecht kassierten, in ihr Ursprungsland zurückgeschickt.

Die gestern abgeschobene Familie stammt aus dem arabisch sprechenden Südosten der Türkei, so die Kreisverwaltung. Unter falschen Namen seien die damals noch kinderlosen Eheleute 1986 und 1988 eingereist und hätten sich als Kurden aus dem Libanon ausgegeben. "Da die Staatsangehörigkeit dieser Volksgruppe als ungeklärt gilt, war eine Rückführung nicht möglich - es fehlten Papiere wie Ausweise oder Geburtsurkunden, die zur Ausstellung der notwendigen Heimreisedokumente nötig sind", hieß es beim Kreis. Somit mussten die türkischen Eheleute und ihre Kinder in Deutschland bleiben. Erst eine konzertierte Spurensuche von Staatsanwaltschaft, Kripo und Ausländerbehörde habe die wahre Identität der Familie aufgedeckt.

Die entscheidenden Indizien habe vorher der Datenabgleich mit türkischen Meldeämtern geliefert. Die Ermittlungen der türkischen Behörden hätten weiter ergeben, dass der Ehemann und Familienvater seinen Wehrdienst in der Türkei nicht angetreten habe. Folge sei seine Entlassung aus der türkischen Staatsbürgerschaft gewesen; somit seien vorerst nur die Frau und ihre Kinder abgeschoben worden. Das KreisAusl änderamt forderte den Mann auf, alle Formalitäten mit seinen Heimatbehörden zu klären, damit er seiner Familie in die Türkei nachreisen könne.

Die Frau habe Unterstützung durch die begleitenden Beamten sowie die Deutsche Vertretung in Istanbul erhalten. Ein Handgeld verschaffe ihr die Möglichkeit, zu ihren Verwandten in der Türkei weiterzureisen.

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taz Berlin lokal Nr. 7077 vom 13.6.2003
Betr.: 2. Kurdische Filmtage

Mehr als 50 Filme aller Gattungen werden in den nächsten Tagen bei den 2. Kurdischen Filmtagen zu sehen sein. Eröffnet wird das Festival heute im Filmkunsthaus Babylon mit dem neuesten Film von Yüksel Yavuz ("Aprilkinder"), der in "Kleine Freiheit" (Foto) die Geschichte eines jungen illegalen Einwanderers in Hamburg erzählt, der nicht nur von der Polizei, sondern auch vom Anpassungsdruck seines familiären Umfelds geplagt wird.

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13.06.03    Maurice Merlin <m.merlin@epost.de>
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