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60 Jahre Israel
Auf den Ruinen eines Volkes
Der Staat Israel konnte nur entstehen, indem die Palästinenser
für Verbrechen bezahlten, die sie nicht begangen hatten.
Eine Außenansicht von Fuad Hamdan
In diesem Monat wird der Staat Israel den 60. Jahrestag seiner Gründung
begehen, ein Ereignis, dem in vielen Ländern feierlich gedacht werden
dürfte.
Aus der Sicht der Israelis und der mit ihnen verbundenen westlichen
Länder und Menschen ist diese Staatsgründung ein Grund zum Feiern. Nach
der menschlichen und zivilisatorischen Katastrophe im Europa des 20.
Jahrhunderts konnte es unter ethisch-moralischen Aspekten keine andere
Lösung geben, als den Juden einen eigenen Staat zuzubilligen.
Der ewige europäisch-christliche Antisemitismus war auch der Grund für
die Entstehung des Zionismus, der jüdischen Nationalbewegung im Europa
des 19. Jahrhunderts, der schließlich politisch und militärisch die
Gründung des jüdischen Staates gegen den Willen der einheimischen
arabischen Bevölkerung Palästinas erzwang.
Für Europa war das Problem durch die Gründung eines jüdischen Staates
gelöst beziehungsweise ausgelagert. Aber damit begannen für andere, für
die Palästinenser, die Probleme. Die jüdische Staatsgründung markiert
den Beginn der Nakba, der palästinensischen Katastrophe.
Im Gegensatz zu Großbritannien, Frankreich und anderen Staaten, die
früher Kolonialismus in anderen Teilen der Welt betrieben, ging es den
Zionisten nicht um die Ausbeutung von Bodenschätzen und anderen
Ressourcen. Sondern sie sahen es auf den Grund und Boden der
Einheimischen ab. Die jüdische Landnahme zielte darauf, den Boden
Palästinas zu judaisieren.
Es war naiv zu glauben, die Palästinenser - oder irgendein anderes Volk
- würden dem Plan der Zionisten und der Briten zu einem jüdischen Staat
in Palästina zustimmen. Warum auch? Die Palästinenser hatten keine
Ahnung, was den Juden Europas widerfahren war. Und selbst wenn sie es
gewusst hätten: Warum hätten sie für Verbrechen bezahlen sollen, die sie
nicht begangen haben?
Nachdem die Bilder von Auschwitz bekannt wurden und jedermann das Ausmaß
der Katastrophe erkennen konnte, musste die Weltöffentlichkeit also der
Gründung eines jüdischen Staates zuzustimmen. Die Tatsache, dass dabei
einem anderen Volk Unrecht widerfahren würde, musste dabei außer Acht
gelassen werden. Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache: Die
palästinensische Tragödie ist eine Folge der jüdischen Tragödie in Europa.
Man kann es drehen und wenden wie man will, und bei aller Sympathie und
Mitgefühl für die Opfer: Der israelische Staat entstand auf den Ruinen
eines anderen Volkes. 700.000 Menschen verloren ihre Heimat, mehrere
hundert Dörfer wurden durch die jüdischen Verbände dem Erdboden
gleichgemacht. Heute würde man das ethnische Säuberung nennen.
Ein Meer aus diktatorischen und korrupten arabischen Staaten
63 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und 60 Jahre nach der israelischen
Staatsgründung gedenken und feiern Europäer sowie Nordamerikaner die
Staatsgründung Israels.
Die Nakba, die Vertreibung und Entrechtung eines ganzen Volkes, wird
verschwiegen. Im Gegenteil, man hat kein bisschen Verständnis dafür,
dass die Palästinenser sich wehren und sich mit dem an ihnen begangenen
Unrecht nicht abfinden wollen. Und doch, Unrecht bleibt Unrecht, auch
nach sechzig Jahren. Aus israelischer Perspektive sind die
Feierlichkeiten zur Staatsgründung verständlich. Nach all den
Jahrhunderten, ja: Jahrtausenden der Diskriminierung und Verfolgung
haben die Juden endlich ihren eigenen Staat.
Und es ist dies der einzige demokratische Staat in dieser Weltregion, er
ist umgeben von einem Meer aus diktatorischen und korrupten arabischen
Staaten. Obwohl sich das Land quasi permanent im Kriegszustand befindet,
waren die Bürgerrechte der jüdischen Israelis nie gefährdet.
Davon können die arabischen Menschen, egal ob in Ägypten, Syrien,
Tunesien oder Saudi-Arabien, nur träumen. Die israelische Armee ist dazu
da, den israelischen Staat gegen Feinde von außen zu schützen. Die
arabischen Armeen sind dazu da, die Regimes vor der eigenen Bevölkerung
zu schützen. Nur kann dieser Unterschied nicht dazu führen, dass man dem
einen, demokratisch organisierten Volk einen Freibrief zur Unterdrückung
und Entrechtung eines anderen Volkes ausstellt.
Vom kleinen David zum atomaren Monster
Die israelische Staatsgründung ist, man muss es neidlos anerkennen, eine
gigantische Leistung der zionistischen Bewegung. Noch gigantischer war
und ist aber ihre propagandistische Leistung. Ihr ist es stets gelungen,
sich der Weltöffentlichkeit als Opfer zu präsentieren - und die
eigentlichen Opfer dieser Staatsgründung als Täter hinzustellen.
Heute noch glaubt eine große Mehrheit in Europa und Nordamerika, der
Staat Israel sei schwach und werde von seinen arabischen Nachbarn
bedroht. Die Legende vom kleinen David, Israel, das sich permanent im
Kampf gegen den großen Goliath, die Araber, zu behaupten habe - diese
Legende hat sich in vielen Köpfen verfestigt. Fakt ist: Dieser Staat ist
mit Abstand die stärkste und zugleich aggressivste Militärmacht in der
Region. Der kleine David hat sich längst zu einem atomaren Monster
entwickelt.
Die Nachbarn, einschließlich der meisten Palästinenser, haben sich wohl
oder übel mit diesem Staat abgefunden und betteln seit Jahren unentwegt
um Frieden. Die Arabische Liga hat im März 2002 und im Frühjahr 2007
einen Friedensplan vorgelegt, der die Anerkennung Israels in den Grenzen
vor dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 vorsieht. Die von den Arabern damit
dargebotene Hand wurde von Israel jedoch ausgeschlagen.
"Die Apartheid ist zurückgekehrt"
Die israelische Politik gegenüber der palästinensischen Bevölkerung
erinnert stark an das Apartheidsystem, das die weiße Minderheit nach dem
Zweiten Weltkrieg für fast ein halbes Jahrhundert in Südafrika
errichtete. Heute gibt es viele Parallelen zwischen dem jüdischen Staat
und dem Apartheidregime in Südafrika. Um sich dies vor Augen zu führen,
muss man einfach "Weiß" durch "Jüdisch" beziehungsweise Hautfarbe durch
Religion ersetzen.
Erzbischof Desmond Tutu, der Friedensnobelpreisträger aus Südafrika,
sagte: "Meine Besuche im Heiligen Land erinnern mich so sehr an
Südafrika. Die Apartheid ist zurückgekehrt, samt Mauer und Bantustans."
Letzteres war die Bezeichnung der südafrikanischen Regierung für die von
ihr geschaffenen Homelands, der Reservate für die Schwarzen. Das
Apartheidregime in Südafrika konnte nur durch Boykott der
Weltgemeinschaft besiegt und beendet werden.
Fuad Hamdan wurde 1951 in einem Flüchtlingslager geboren. Das Dorf
seiner Eltern war 1948 von der israelischen Armee zerstört worden. Er
leitet das Dritte-Welt-Zentrum in München.
Aus: Süddeutsche Zeitung, 06.05.2008
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