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10.04.2008
Quelle
Süddeutsche Zeitung, München, Seite 2
Außenansicht
Israels falsche Freunde
Die Europäer glauben, aus Sühne für den Holocaust müssten sie alle
Taten des jüdischen Staats dulden - damit schaden sie ihm
Von Henry Siegman
(Henry Siegman, früherer Direktor des American Jewish Congress, ist
Präsident des "US/MiddleEast Project". Das Institut ging
aus dem Council on Foreign Relations hervor.)
Der Gesandte des Nahost-Quartetts, Tony Blair, und Bundeskanzlerin
Angela Merkel wollen also eine weitere Friedenskonferenz organisieren,
diesmal im Juni in Berlin. Nach der langen Reihe fehlgeschlagener
Friedensinitiativen, die mindestens bis 1991, bis zur Konferenz von
Madrid, zurückreicht, fällt es schwer zu glauben, dass Staats- und
Regierungschefs tatsächlich die gleichen Fehler noch einmal begehen
wollen. Und dass sie keine Ahnung haben, warum dieser Konflikt heute
noch auswegloser erscheint als einst.
Der eigentliche Skandal ist, dass die Völkergemeinschaft zwar genau
weiß, wo die Probleme liegen, aber nicht genug Mut aufbringt, sie zu
benennen, geschweige denn sie zu lösen. Die nächste Friedenskonferenz
in Deutschland - oder in Moskau, wo die Russen sie gerne machen
würden - wird an derselben Feigheit scheitern, die auch alle
früheren Bemühungen kennzeichnete. Es wird über alles gesprochen
werden, außer über das eigentliche Problem.
Dieses Problem sieht so aus: Selbst wenn man von allen Sünden absieht,
die man den Palästinensern zuschreiben kann - ihre desaströse
Führung, der missglückte Aufbau politischer Institutionen, die
mörderische Gewalt der Widerstandsgruppen: Es gibt keine realistische
Perspektive für einen souveränen palästinensischen Staat. Und dies
vor allem deshalb, weil die zahlreichen israelischen Regierungen von
1967 bis heute nie die Absicht hatten, einen solchen Staat Wirklichkeit
werden zu lassen.
Es ist das eine, dass Israels Regierungen darauf bestehen, den
Palästinenser-Staat so lange hinauszuzögern, bis bestimmte Sicherheitsb
edürfnisse erfüllt sind. Das andere aber ist, dass eine Regierung,
die den Konflikt ernsthaft lösen wollte, niemals die Räumung und
Teilung palästinensischen Landes auf eine Weise weiterbetreiben würde,
bei der jedes Kind weiß, dass sie einen palästinensischen Staat
unmöglich macht. Angesichts der überwältigenden Ungleichheit der
Kräfte zwischen Besatzern und Besetzten wundert es wenig, dass
israelische Regierungen einen regelrechten Heißhunger auf palästinensis
ches Land entwickelt haben. Erstaunlich ist etwas anderes: dass die
Völkergemeinschaft so tut, als nehme sie Israel die Behauptung ab,
das Opfer zu sein, die von ihm besetzten Menschen aber die Aggressoren.
Deshalb erlaubt sie weiterhin die Enteignung der Palästinenser, dass
hier die Gesetze des Dschungels walten.
Solange Israel glaubt, sich mit dem Hinauszögern des Friedensprozesses
Zeit kaufen zu können, um unwiderruflich Fakten zu schaffen -
solange kann kein Friedensprozess gelingen. Und wenn die Völkergemeinsc
haft Israel weiterhin die Behauptung abkauft, sein Wunsch nach einer
Zwei-Staaten-Lösung werde durch die Palästinenser enttäuscht, wird
deren Vertreibung in der Tat unumkehrbar. Und wenn westliche Länder
vor dem Hintergrund ihrer Schuld am Holocaust glauben, ihre Hinnahme
eines solchen Ergebnisses sei ein Akt der Freundschaft mit dem
jüdischen Volk, so könnte es keinen größeren Irrtum geben. Die
Palästinenser aufzugeben, kann keine Sühne dafür sein, die Juden
Europas aufgegeben zu haben. Und es würde auch nicht der Sicherheit
des Staates Israel dienen.
Die geradezu uneingeschränkten Bekundungen der Unterstützung durch
Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sind nach den Worten
des Publizisten John Vinocur "der Versuch, Israel zur Mäßigung mit
einer Botschaft zwischen den Zeilen anzuhalten, nämlich: Die EU ist
nicht oder nicht mehr euer reflexhafter Widersacher." Aber die
Erwartung, unkritische Unterstützung werde zu einer größeren
Bereitschaft Israels führen, für den Frieden Risiken auf sich zu
nehmen, steht im Widerspruch zur Geschichte dieses Konflikts. Diese
hat vielmehr gezeigt: Je kleiner der Widerspruch ist, den Israel von
seinen Freunden im Westen erhält, desto kompromissloser wird sein
Verhalten gegenüber den Palästinensern. Und genauso reagierte Premier
Ehud Olmert auf die Erklärungen von Sarkozy und Merkel: Er kündigte
neue Bauprojekte in Ostjerusalem an und genehmigte damit Wohnungsprojek
te, die frühere Regierungen wegen ihrer negativen Wirkungen auf ein
Friedensabkommen eingefroren hatten. Zudem erklärte Verteidigungsminist
er Ehud Barak kurz nach Merkels Abreise im März, dass er die 500
Kontrollpunkte und Straßensperren nicht auflösen werde, die ein
Gedeihen der palästinensischen Wirtschaft verhindern - was
Israel schon wiederholt versprochen und ebenso wiederholt nicht
erfüllt hatte. Welche Hoffnung die Palästinenser auch immer gehabt
haben mögen, nachdem ihnen die internationale Gebergemeinschaft im
Dezember mehr als sieben Milliarden Dollar zugesagt hatte: Mit Baraks
Ankündigung wurde sie zerstört. Die Geberländer, von der Privatwirtscha
ft gar nicht zu reden, werden unter diesen Umständen dem schlechten
Geld nicht auch noch gutes hinterherwerfen; das haben sie früher
schon oft genug getan.
Was von den Staats- und Regierungschefs nun verlangt wird, sind keine
weiteren Friedenskonferenzen oder clevere Korrekturen früherer
Erklärungen - sondern der moralische und politische Mut, ihre
Kollaboration mit jenem Riesenschwindel zu beenden, zu dem der
Friedensprozess geworden ist. Selbstverständlich muss die palästinensis
che Gewalt verurteilt und gestoppt werden, vor allem, wenn sie
Zivilisten trifft. Auf der anderen Seite aber: Barrikaden und
Checkpoints der Armee, Kampfhubschrauber und Düsenjäger, gezielte
Ermordungen und militärische Übergriffe, ganz zu schweigen vom
massiven Diebstahl palästinensischen Lands. Ist es nicht vollkommen
unehrlich, so zu tun, als wäre Israels Besetzung nicht selbst ein
unerbittlicher Akt der Gewalt gegen drei Millionen palästinensische
Zivilisten? Könnte die Besetzung auch nur einen Tag länger währen,
wenn Israel seine Gewalt aufgeben würde?
Dessen Pläne für das Westjordanland sind nicht viel anders als die
der arabischen Streitkräfte, als sie 1948 den Staat Israel angriffen &
#8211; ihr Ziel war die Annullierung des UN-Teilungsplans von 1947.
Dieses Problem muss beim Namen genannt werden (und das ist etwas
völlig anderes als so hohle Statements wie: "Siedlungen helfen nicht
dem Frieden"). Und es muss gemeinsam gegen einen Kolonialismus
vorgegangen werden, der den einstigen noblen jüdischen Befreiungskampf
entwertet. Oder die Teilnehmer von Friedenskonferenzen, egal welch
guter Absicht, sind nur Staffage bei einer grausamen Täuschung.
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