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Vorraussichtlich 23 unabhängige Abgeordnete im türkischen Parlament
Tausend Hoffnungen Als »Festtag« bezeichnete eine Sprecherin der
kurdischen »Partei für eine Demokratische Gesellschaft « (DTP) das
Ergebnis der Parlamentswahlen in der Türkei. Vorraussichtlich 23
Unabhängige halten demnach Einzug in die »Große Nationalversammlung«
der Türkei in Ankara – eine Zahl, die zur Bildung einer eigenen
Fraktion berechtigt. Die nun gewählten Abgeordneten, die im linken
Bündnis der »Kandidaten der tausend Hoffnungen « angetreten waren,
kommen unter anderem aus den kurdischen Städten und Regionen Dersim,
Diyarbakir, Hakkari, Mersin, Mardin, Mus, Urfan, Van, Batman, Sirnak
und Bitlis. Auch in Istanbul konnten zwei unabhängige KandidatInnen die
Mehrheit in ihren Wahlkreisen gewinnen.
Vom Knast ins Parlament
Die Anzahl der weiblichen Abgeordneten im Parlament der Türkei hat sich
verdoppelt. Waren in der vergangenen Legislaturperiode 24 Frauen
vertreten, so sind es in diesem Jahr 48 von insgesamt 550 Abgeordneten.
Von den von der DTP unterstützten neun Kandidatinnen sind acht per
Direktwahl ins Parlament eingezogen. Somit hat die DTP ihr Ziel einer
Frauenquote von 40 Prozent nicht ganz erreicht: 34 Prozent – mehr als
jemals zuvor in einer Partei oder parlamentarischen Gruppe in der
politischen Geschichte der Türkei – der von der DTP unterstützten
Abgeordneten sind nach den vorläufigen Endergebnissen Frauen. Die
Ergebnisse stehen noch nicht endgültig fest, da die Wahlen in mehreren
Wahlkreisen aufgrund verschwundener Wahlurnen und weiterer
Ungereimtheiten angefochten wurden. Der Einspruch in Urfa wegen 17
verloren gegangener Wahlurnen wurde inzwischen abgelehnt.
Eine der gewählten acht Frauen ist Sebahat Tuncel, die ca. 90.000
Stimmen in Istanbul erhielt. Die Wahlen verfolgte sie im Gefängnis in
Gebze, wo sie wegen des Vorwurfs der Mitgliedschaft in der PKK in
Untersuchungshaft saß. Ihr Wahlkampf, den sie aufgrund ihrer Haft nicht
selber führen konnte, wurde von breiten Frauenkreisen unterstützt. Am
Dienstag wurde sie unter großem Jubel von 10.000 Menschen empfangen,
als sie aufgrund der gewonnenen Immunität das Gefängnis verlassen
konnte.
Eine weitere ist mit 31 Jahren die jüngste Abgeordnete im Parlament der
Türkei: Ayla Akad Ata aus Batman. Somit hat die Stadt, die stets mit
Frauenselbstmorden in die Schlagzeilen geriet, jetzt eine junge Frau
als parlamentarische Vertreterin.
Chancen auf Annäherung
Noch stehen die Panzer und Geschütze an der Grenze zum Nordirak, 150
000 Soldaten haben die türkischen Streitkräfte hier aufgeboten. Aber
dass sie im Nachbarland einmarschieren werden, ist seit der
Parlamentswahl vom Sonntag viel unwahrscheinlicher geworden. Schon seit
Monaten widersetzt sich Ministerpräsident Tayyip Erdogan dem Drängen
der Generäle und der Opposition, militärisch gegen die kurdische
Guerilla im Nordirak vorzugehen. Nach seinem triumphalen Wahlsieg kann
Erdogan gegenüber den Scharfmachern selbstbewusster auftreten. Der
Premier weiß: Der Einmarsch im Nordirak würde den Kurdenkonflikt im
eigenen Land stark anheizen.
Erdogan hat jetzt ein klares Mandat für eine neue Kurdenpolitik: Seine
AK-Partei schnitt in der kurdischen Region sehr erfolgreich ab. 2002
hatte sie dort noch 26,6 Prozent bekommen, diesmal 53,1 Prozent. In
Diyarbakir steigerte Erdogans Partei ihren Anteil von 16 auf 42 Prozent
und gewann sechs der zehn Mandate. Und mit dem Einzug kurdischer
Abgeordneter ins türkische Parlament vergrößert sich die Chance auf
einen Dialog auf palamentarischer Ebene.
Unter den neu gewählten kurdischen Abgeordneten ist auch Akin Birdal,
früher Präsident des IHD, der 1998 den Mordanschlag eines
Rechtsextremisten überlebte. Birdal will im Parlament für "Frieden
statt Kriegshetze, Recht statt militärischer Bevormundung" streiten.
Auch der DTP-Vorsitzende Ahmet Türk bekam ein Mandat in der
Nationalversammlung. "Wir wollen die Kultur des Konflikts und der
Gewalt beenden", sagt er. Schon einmal, 1991 war er Abgeordneter, wurde
aber 1994 wegen angeblicher Kontakte zur PKK zu 13 Jahren Haft
verurteilt.
(Quellen: ÖP, 24./25.7., jW, 24.7., FR, 26.7., ISKU)
Aus: Nûçe, Nr. 319, 27. Juli 2007
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