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Zahrat al-Aghwar
Frauenradio in Jordanien
Im November letzten Jahres ist das Community-Radio des engagierten
Frauen-Radioprojektes „Zahrat al-Aghwar“ („Blume des Jordantals“) on air
gegangen, unterstützt von der deutsch-österreichischen Hilfsorganisation
Wadi und einem bereits existierenden Community-Radio aus der Hauptstadt
Amman.
Von Anne Mollenhauer und Tamara Aqrabawe
Asma ist sehr froh, mit dabei zu sein. Sie ist 23 Jahre alt, in
Jordanien geboren, und doch besitzt sie keinen Pass. Sie wird niemals an
einer der staatlichen Universitäten einen Studienplatz erhalten, und sie
wird weder im öffentlichen noch im privaten Sektor jemals eine Arbeit
aufnehmen dürfen. Asmas ‚Verbrechen’: ihre Eltern sind 1948 aus
Palästina geflohen, Asma gilt als Palästinenserin. Bisher fühlte sie
sich von der Gesellschaft, in der sie lebt, nicht richtig akzeptiert,
denn neben staatlicher Diskriminierung bekam sie auch die im Volk nicht
unerheblichen Vorbehalte gegen Palästinenser zu spüren. Asma steckte
immer schon voller Ideen, aber sie ahnte, dass sie diese in Jordanien
nie wird realisieren können, weil ihr der Staat das Recht auf Bildung
und Auskommen kontinuierlich verwehrt. Sie absolvierte schließlich an
einer privaten Schule eine Ausbildung als Arzthelferin, obwohl der Beruf
eigentlich nicht ihren Interessen entsprach. Dann hörte sie von dem
neuen Radioprojekt und witterte darin die Chance, ihre Kreativität
endlich sinnvoll einsetzen und dabei ihre Fähigkeiten weiter entwickeln
zu können. Asma arbeitet sich nun in ihre neue Tätigkeit als Moderatorin
ein. Sie ist mit Begeisterung bei der Sache. Schon bald wird sie
gemeinsam mit ihren KollegInnen professionelle Arbeit leisten.
Asmas palästinensisches Schicksal unterscheidet sich von dem der meisten
Frauen in der Region. Und doch ist deren Lage keineswegs hoffnungsvoller.
Archaische Gesellschaft
Das Jordantal zählt zu den ärmsten Gegenden Jordaniens. Hier fehlt es an
Infrastruktur, es mangelt an Investitionen und Erwerbsmöglichkeiten.
Außerhalb der im traditionellen Familienverbund betriebenen
Landwirtschaft ist kaum Arbeit zu finden, und wenn, dann ist das Salär
recht gering. Die meisten der Bewohner vorwiegend beduinischer
Abstammung leben von Ackerbau und Viehzucht, denn die Senke hält
fruchtbaren Boden und ausreichend Wasser bereit. Die Region nördlich des
Toten Meeres ist ansonsten ein in vieler Hinsicht benachteiligter
Landstrich, in dem der Alltag von chronischem Mangel bestimmt wird. Es
fehlt neben flächendeckender Energieversorgung, ausgebauten Straßen und
anderen Verkehrswegen auch an Krankenhäusern, sozialen Einrichtungen,
Bildungseinrichtungen oder Vergnügungsstätten.
Die schlechten Lebensbedingungen wirken sich besonders auf die Situation
der Frauen negativ aus. Da armutsbedingt wenig überregionaler und
internationaler Austausch erfolgt, können traditionelle, extrem
patriarchale Strukturen überdauern. So liegt die AnalphabetInnenrate
unter Frauen doppelt so hoch wie die unter Männern. Schulbildung für
Mädchen wird für wenig relevant erachtet, da Mädchen ohnehin
üblicherweise schon im Alter von 14 bis 16 Jahren verheiratet werden und
vorher, statt die Schulbank zu drücken, bevorzugt als Haushalts- und
Erntehilfe eingesetzt werden.
Frauen im Jordantal sind traditionell nicht nur für den Haushalt und die
Kinder zuständig, sondern haben sich häufig zusätzlich um alle
landwirtschaftliche Arbeit sowie um den Verkauf der Produkte auf lokalen
Märkten zu kümmern. Manche Männer haben bis zu vier Frauen, die sie
gegen geringe Entlohnung für sich arbeiten lassen.
Eng definierte Frauenrolle
Sobald eine Frau verheiratet ist, nimmt die Produktions- und
Reproduktionsarbeit meist all ihre Kräfte in Anspruch. Sie kann sich den
umfassenden, von der Tradition gedeckten Zwängen ihrer Frauenrolle nicht
entziehen; weder, um sich – und seien es auch nur elementarste - Formen
von Bildung anzueignen, welche Grundvoraussetzung für das tätige
Infragestellen dieser Strukturen wären, noch um sich mit anderen Frauen
über ihre Situation auszutauschen und gemeinsam Handlungsstrategien zu
entwickeln.
Zudem spielt Gewalt gegen die Frau oft eine nicht unbedeutende Rolle im
Familienleben, denn weder die Frau noch ihr Mann haben jemals
Lösungswege für familiäre und partnerschaftliche Konflikte kennen
gelernt. Und eine Frau zählt oft nicht viel. Fawiza, die aus der Gegend
kommt, erklärt es mit viel sagender Deutlichkeit: „Hier gibt es keine
Frauenrechte. Ich habe keine juristischen Rechte und auch keine
sozialen, etwa auf Bildung. Ich kann nicht einmal meine Meinung sagen.“
Viele Frauen bleiben unter diesen Bedingungen ihr Leben lang
AnalphabetInnen und bewegen sich ausschließlich im eng gesteckten,
rechtlosen Rahmen ihrer Familie. Dafür sorgt neben dem repressiven
familiären Milieu auch die ländliche, patriarchal geprägte
Infrastruktur: Frauen stehen kaum öffentliche Räume zur Verfügung, in
denen ein Informationsaustausch stattfinden könnte. So erreichen
wichtige Informationen zu sozialen, gesundheitlichen oder rechtlichen
Fragen die Frauen nicht. Besonders vor dem Hintergrund häuslicher Gewalt
bis hin zu so genannten „Ehrenmorden“ ist es erschreckend, dass Frauen
oft nicht einmal wissen, dass ihnen gegebenenfalls rechtlicher Beistand
zustünde.
Konzept Community-Radio
Community-Radios haben sich bereits seit Jahrzehnten in vielen Ländern
der Welt als wirksames Mittel zur Thematisierung und Bekämpfung
gesellschaftlicher und politischer Missstände bewährt. Das Medium eignet
sich schließlich ideal, um arme und benachteiligte Bevölkerungen zu
erreichen, denn die Geräte sind fast überall vorhanden und können in
Gegenden, die nicht ans Stromnetz angeschlossen sind, auch mit Batterie
betrieben werden. Im Gegensatz zur Zeitung können mit dem Radio auch
AnalphabetInnen erreicht werden. Zudem lässt sich ein Radio sehr
flexibel nutzen und beispielsweise auch während der Arbeit hören.
Im Nahen Osten ist das jordanische Frauenradio allerdings eines der
ersten seiner Art. Vor Kurzem erst wurden in Jordanien rechtliche
Hindernisse für die Errichtung privater Sender beseitigt. Jordanien
nimmt dabei neben dem Irak eine Vorreiterrolle in der Region ein.
Community-Radios arbeiten auf unabhängiger, nichtkommerzieller Basis.
Sie wirken lokal und können sich damit ganz gezielt den vor Ort akuten
Problemstellungen und Bedürfnissen widmen. Im Allgemeinen finden solche
kleinen, lokalen Radios großen Anklang bei der Bevölkerung, denn sie
sprechen gerade Menschen auf dem Lande viel direkter an als etwa die
großen kommerziellen Sender, die vergleichsweise aus einer fremden Welt
berichten.
So war das auch im Jordantal. Nur für die staatlichen Organe, so hört
man, war es gelegentlich noch eine ungewohnte Situation, sich mit einem
freien Radiosender konfrontiert zu sehen.
Radio als Emanzipationsmotor
Die RadiomacherInnen verfolgen mehrere Ziele. Im Vordergrund steht das
‚Empowerment’, die Stärkung der Frauen auf verschiedenen Ebenen. Das
Radio möchte den Frauen des Tals eine Stimme geben. Dazu gehört die
Verbreitung unabhängiger und aktueller Nachrichten, die auf die Region
zugeschnitten sind, sowie die Thematisierung verschiedener, speziell für
die Frauen relevanten Fragen, wie etwa Schwangerschaft und Geburt,
Partnerschaft und Sexualität, Gesundheit und Frauenrechte. Doch das
Empowerment beginnt schon im eigenen Team. Die erste große
Herausforderung war der Widerstand der Familien der jungen Frauen, die
wie Asma am Projekt teilnehmen. Die Frauen wollten gern in Amman Kurse
besuchen und an Konferenzen teilnehmen, doch ihre Familien erschwerten
dies erheblich.
Das Radio soll auch als Plattform für eine weiter gehende überregionale
und internationale Vernetzung fungieren. Ein ganz besonderer Schritt in
dieser Richtung war die im November in Amman ausgerichtete
internationale Konferenz der Community-Radios „Amarc9“. Zum ersten Mal
fand dieses Treffen in einem arabischen Land statt. Das Radioteam aus
dem Jordantal konnte an Workshops und technischen Seminaren teilnehmen
und verfügt nun über zahlreiche internationale Kontakte. Allgemein
sollen Vernetzungen auf globaler wie auf lokaler Ebene Frauen einbinden
und sie ermutigen, sich aktiv in öffentliche Debatten einzubringen,
welche sonst in aller Regel von Männern dominiertes Terrain sind.
Natürlich soll das Radio nicht zuletzt MacherInnen wie HörerInnen Spaß
bereiten. Das Team hat den Anspruch, mit seinem Programm etwas Farbe,
Freude und Unterhaltung in den oftmals monotonen Alltag der Frauen des
Jordantals zu bringen.
Zu den Autorinnen:
Anne Mollenhauer ist seit 1993 Vorsitzende von Wadi e.V. und Tamara
Aqrabawe arbeitet für die jordanische NGO AmanNet und ist verantwortlich
für die Implemetierung des Frauenradios.
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