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Fw: [h-d-s] Der Kampf um den goldenen Kaefig (Satire)

Lindora
Der Kampf um den goldenen Käfig

Geld stinkt nicht, es riecht nach "Cool Water" von Davidoff. Manchmal auch nach "Chanel Nr. 5". Der Duft des Reichtums hing schwer im Raum: die Eigentümerversammlung war in vollem Gange.

"Lassen Sie mich den aktuellen Sicherheitsbericht also in wenigen Worten zusammenfassen. Kurzfristig brauchen wir mehr und besser ausgebildetes Security-Personal, mittelfristig einen Wachturm an der Südmauer. Elektrifizierter Stacheldraht kann jedoch keine dauerhafte Lösung sein. Auf lange Sicht werden wir um Selbstschussanlagen mit Bewegungsmeldern auf keinen Fall herumkommen."

Zustimmendes Nicken, grimmige Entschlossenheit auf allen Gesichtern. Der Vorsitzende des Verwaltungsbeirats wusste, wovon er sprach. Fraglos ein verantwortungsbewusster Mann; ein Deutscher in Costa Rica war ja immer eine gute Wahl. Da wusste man gleich, woran man war: zielstrebig, korrekt, diszipliniert. Was für ein Gegensatz zu den Ticos mit ihrer laschen Lebenseinstellung! "Tranquilo", war ihre Lösung für nahezu alle Probleme. "Tranquilo", nur die Ruhe - na, klar. Die Einheimischen waren die Krankheit an der ganz Lateinamerika litt, Herr Steininger die Medizin.

"Natürlich werden die Rücklagen nicht für alle erforderlichen Investitionen ausreichen. Wie Sie sich gewiss erinnern, waren die zusätzlichen Kameras letztes Jahr nicht ganz billig. Aber hat sich die Anschaffung nicht gelohnt? Schlafen wir jetzt nicht alle besser?"

Guter Schlaf ist ein kostspieliger Luxus, wenn man im Bewusstsein ständiger Bedrohung lebt. So gesehen mag eine Überwachungsanlage zwar teurer kommen als eine Klinikpackung Valium, aber man muss schließlich auch an die Kinder denken.

"Lindora ist mehr als nur ein Condominio, das dürfen wir nie aus den Augen verlieren. Lindora ist nicht einfach nur eine Wohnanlage, es ist unser sicherer Hafen in einem stürmischen Meer der Gewalt. Unser Exil des Anstands in einem Land, das moralisch und wirtschaftlich mehr und mehr vor die Hunde geht. Lindora ist unsere Heimat in der Fremde. Und die müssen wir schützen, auch wenn das ein paar Dollar kostet!"

Zaghafter Applaus. Steiningers poetischer Patriotismus hatte durchaus Anhänger unter den Villenbesitzern, aber von zusätzlichen Ausgaben hielt man generell nicht viel. Bei der Abstimmung votierten die Anwesenden trotzdem mit großer Mehrheit für die Neuanschaffungen. Herr Steininger konnte sich beruhigt den weniger dringlichen Themen zuwenden.

"Ich bedanke mich für Ihre Weitsicht. Was die zu erwartende Höhe der anfallenden Umlagen betrifft, informiere ich Sie, sobald Kostenvoranschläge vorliegen. Kommen wir nun zu einer Sache, die uns alle sehr bewegt hat. Conzuela, wie geht es deinem Jungen denn jetzt?"

Ganz hinten im Raum erhob sich eine schlanke Frau schwerfällig von ihrem Stuhl. Ihr Gesicht war vom vielen Weinen verquollen. Dass Conzuela Escaban eine hübsche, lebenslustige Person von noch nicht einmal dreißig Jahren war, ließ sich kaum erkennen - sie sah aus wie sechzig. Die Köpfe der Eigentümer wandten sich um und schnell wieder ab. Wer blickt dem Leid schon gerne direkt in die Augen?

"Muchas gracias, Don Steininger. Meinem Manuel geht es schon besser. Die Ärzte konnten das rechte Auge retten. Der Doktor sagt auch, dass Manuel irgendwann wieder laufen kann. Ich bin allen hier so dankbar, dass man mir den Kredit für die Krankenhauskosten gewährt hat."

Die Frau blieb unschlüssig stehen und blickte auf die nackten Zehen in ihren Sandalen. Dadurch verpasste sie das gütige Lächeln im Gesicht des Redners.

"Das war doch selbstverständlich, Conzuela. Wir alle kennen dich als zuverlässige Reinigungskraft. Und ich spreche sicher für alle Anwesenden, wenn ich dir hiermit nochmals versichere, wie leid mir der Unfall mit deinem Jungen tut. Aber, Conzuela, die Schuld an dem schrecklichen Unglück trägst letzten Endes alleine du. Du wusstest doch sehr genau, dass der Spielplatz nicht von Kindern des Personals betreten werden darf. Was hatte Manuel um diese Zeit überhaupt in der Anlage verloren?"

Die Mutter wand sich unter dem nun strengen Blick des Mannes. Der Tadel traf sie tief ins Herz, war er doch allzu berechtigt. Sie war sich nur zu gut bewusst, dass alles ihr Fehler war, ganz allein ihrer. Sie hätte ihren Jungen nicht zur Arbeit mitnehmen dürfen. Ach, wenn doch die Schule an diesem Tag nicht hätte schließen müssen. Wenn Manuels Vater doch einmal nüchtern gewesen wäre. Wenn ihre Schwester oder ihre Mutter, wenn irgendjemand Zeit gehabt hätte, auf ihren Sohn aufzupassen. Aber alle mussten arbeiten und so hatte sie keine andere Möglichkeit gesehen, als ihn ausnahmsweise nach Lindora mitzubringen.

"Conzuela, wir alle hier wollen dir gewiss nicht zu nahe treten machen, du bist durch die Ereignisse gestraft genug. Aber es ist mir persönlich wichtig, dass du verstehst, warum dein Sohn so schwer verletzt wurde. Vorschriften haben ja schließlich ihren Grund. Den Führern der Hundestaffel kann man nicht den geringsten Vorwurf machen, sie haben sich strikt an die Vorschriften gehalten. Falls ein Unbefugter auf dem Gelände angetroffen wird, sind ohne Warnung die geeigneten Maßnahmen zu ergreifen. Ja, was denkst du denn, welche Maßnahmen die geeigneten sind, wenn sich das Wachpersonal einem potentiell gefährlichen Kriminellen gegenüber sieht?"

"Aber Manuel ist doch erst zehn", wisperte Conzuela verschüchtert.

"Wie ich schon sagte: ein potentiell gefährlicher Krimineller. Ein Jugendlicher, na und? Von einem Wachmann wird nicht erwartet, dass er das Alter eines Verdächtigen schätzt und dann daraus eigene Schlüsse zieht. Wo kämen wir denn da hin? Von einem Wachmann wird erwartet, dass er sich an die Vorschriften hält. Deshalb wurde der Schuldige auch bereits fristlos aus dem Sicherheitsdienst entlassen."

"Ich nehme an, auch der bissige Köter wurde eingeschläfert?", meldete sich eine Eigentümerin mit vor Entrüstung vibrierender Stimme zu Wort.

"Diese bissigen Köter, verehrte Misses Wolbowitz, garantieren die Sicherheit ihrer Familie! Seit Anschaffung der Wachhunde sind Einbruchdiebstähle in Lindora um 33 Prozent zurück gegangen, nicht wahr? Selbstverständlich ist das teure Tier nicht dafür eingeschläfert worden, dass es seine Pflicht getan hat. Und wie bereits gesagt, trifft auch die Führer der Hundestaffel keinerlei Schuld. Allein schuldig an diesem ganzen Drama sind Conzuela und der Wachposten am Personaleingang, der sie samt ihrem Sohn eingelassen hat. Er ist es, der entlassen wurde. Und auch von dir werden wir uns natürlich trennen müssen, Conzuela. Das verstehst du doch?"

Sie verstand es offensichtlich nicht. Ihre Augen spiegelten namenloses Entsetzen, die Unterlippe bebte ein Stakkato der Verzweiflung. Die ganze Frau schwankte, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen. Wie sollte sie ohne Job den Kredit für die Krankenhauskosten zurückzahlen, wie ihre Familie ernähren? Oh Gott, alles, bloß das nicht! Alles durften sie ihr nehmen, aber nicht ihre Arbeit. Doch kein Wort des Widerspruchs wagte die weite und gefahrvolle Reise von ihrem Herzen bis hinaus über ihre Lippen. Alfons Steininger verstand das Schweigen als Zustimmung.

"Ich freue mich, dass du so verständnisvoll bist, Conzuela. Strafe muss nun mal sein, oder doch wenigstens ein Mindestmaß an Konsequenz. Und wir sind schließlich keine Unmenschen. Ramon und Sanchez begleiten dich jetzt zu deinem Spind, damit du deine privaten Sachen mitnehmen kannst. Danach gibst du im Gesindehaus alle Arbeitsgeräte und Reinigungsmittel ab, dann kommst du in mein Büro. Dort kannst du dir ein sehr ordentliches Zeugnis abholen, mit dem du bestimmt bald eine neue Arbeitsstelle findest. Weil ich fest darauf vertraue, dass du aus deinem schweren Fehler gelernt hast und ihn nicht wiederholen wirst, habe ich darauf verzichtet, deine Nachlässigkeit in Bezug auf deinen Sohn im Zeugnis zu erwähnen. Ich denke, damit werden alle Anwesenden einverstanden sein?"

Eine Welle der Erleichterung schwappte durch den Raum und manifestierte sich in nickenden Köpfen. Sodann eskortierten zwei uniformierte Männer eine verstörte Frau aus dem Leben der zurückbleibenden Menschen. Gnade war gewährt worden. Im Wohlgefühl eines reinen Gewissens löste sich die Versammlung alsbald auf.

  • * *

Der Schulbus mit den verspiegelten Scheiben weckte Erinnerungen. Jeden Morgen war ein solcher Bus durch unsere Straße gefahren. Wie oft hatte ich mir gewünscht, er möge anhalten - nur einmal anhalten und mich mitnehmen. Weg von diesen dreckigen Wellblechhütten, hin zur Märchenwelt des Reichtums, von der die Werbeplakate auf der Panzerung des Fahrzeugs kündeten. Natürlich habe ich meinen Freunden von diesen Träumen nie etwas gesagt. Sie schienen so zufrieden damit, dem Bus Steine nachzuwerfen und farbenprächtige Schimpfwörter für seine Insassen zu ersinnen. Was die "verwichsten Bonzen-Bastarde" und "verhurten Titten-Tussis" hinter dem Spiegelglas wohl von uns dachten, während sie von Lindora durch die Slums von San Jose zu ihren Eliteschulen chauffiert wurden? Lindora! Die Erwähnung des Namens genügt, um den alten Schmerz in meinen Beinen neu aufflammen zu lassen.

"Wie lange noch, was meinst du?"

Ich riss meinen Blick von dem Bus los, der seit Monaten wie eine tote Schildkröte auf dem Rücken lag. Die Jungs wurden langsam ungeduldig, wer konnte es ihnen verdenken?

"Tranquilo, Pablo. Nicht mehr lange, das verspreche ich dir. Lange halten sie das nicht mehr durch. Geld kann man nicht essen."

"Das sagst du nun schon seit wir den Tunnel verrammelt haben. Mann, das ist jetzt über vier Wochen her! Und wenn sie doch noch einen anderen Tunnel haben?"

"Haben sie nicht. Bestimmt nicht. Ist mir schon schleierhaft, wie und wann die faulen Geldsäcke den ersten gebuddelt haben."

"Wenn denen da drin die Fressalien nicht bald ausgehen, kann ich für nix mehr garantieren. Das mit der Belagerung hat sich ja gut angehört, aber jetzt wollen viele von uns langsam Blut sehen. Pass bloß auf, dass es nicht deines ist, Manuel. Wer nur mehr ein Auge hat, kann es sich nicht leisten, auf einem Auge blind zu sein!"

Um seiner Weisheit Nachdruck zu verleihen, rempelte mich Pablo unsanft mit der Schulter an, ehe er sich wieder zu den anderen ans Feuer setzte. Was für ein Klugscheißer! Primitive Blödmänner allesamt. Meine Wut verrauchte so schnell sie gekommen war und ließ nichts als ein wenig Magensäure und viel schlechtes Gewissen zurück. Pablo mochte ein Klugscheißer sein, aber er war auch mein ältester Freund. Die Jungs mochten primitive Blödmänner sein, aber es waren meine Leute. Einfache Menschen, denen weder die amerikanischen Investitionen im Kampf gegen den Kommunismus genützt hatten noch die Vermögen, die in Costa Rica mit internationalem Glücksspiel via Internet verdient worden waren. Ewige Verlierer, die schon lange auf verlorenem Posten standen, noch ehe die Weltwirtschaftskrise auch die kümmerlichen Reste eines Mittelstandes aus dem Land fegte, um nur winzige Inseln unerhörten Reichtums in einem Meer tiefster Armut zurück zu lassen. Jetzt wollten wir unser Stück vom Kuchen. Nicht der Wunsch nach Rache war es, der uns am Ende hierher geführt hatte, sondern die Sehnsucht nach Lindora und seinen Verheißungen. Am nächsten Tag sollte sie gestillt werden. Da hatte der Horchposten gemeldet, dass es seit einiger Zeit nichts mehr zu horchen gab. Also zog unsere zerlumpte Armee vor das große Tor der Trutzburg des Reichtums - und fand es unerwartet unverschlossen.

"Was sagt man dazu? Monate lang kommt keiner aus dem Laden raus und keiner rein, jetzt steht plötzlich die Türe offen. Ist direkt irgendwie unheimlich, oder?"

Pablo hatte Recht, es war unheimlich. Nichts zu hören. Keine Verwünschungen, keine Schüsse, noch nicht einmal das sonst allgegenwärtige Bellen der Wachhunde. Keiner unter uns, der nicht zutiefst beunruhigt gewesen wäre. Ein stämmiger Bursche brachte die Stimmung auf den Punkt, als er unter seinem struppigen Bart hervorpresste:

"Riecht nach einer Falle!"

Und es war ja auch eine Falle, allerdings nicht für uns: Die Schatzkammer meiner Kindheit hatte sich in ein Mausoleum verwandelt. Wir mussten Lindora nicht mehr töten, um es zu besitzen - der Tod hatte bereits alles geerntet, was hier einst gediehen war. Von Hunden zerfleischte Menschenkörper säumten unseren Weg ebenso wie von Kugeln zerfetzte Hundekörper. Unsere Prozession zog vorbei an Leichen im Stacheldraht und Leichen im Swimmingpool. Wir fanden tote Kinder in den Armen toter Mütter. Wir sahen bleiche Ehepaare, Hand in Hand in ihren Designerbetten. Überall erstarrte Schönheit, nirgendwo mehr Leben. Allein die Überwachungskameras bewegten sich noch von selbst, mechanische Chronisten der jüngsten Eroberungen von Hunger, Gewalt und Gift.

"Madre de Dios! Sieh dir das an, Manuel. Die haben sich gegenseitig... Manuel? Manuel, was ist mit dir?"

Pablo rüttelte an meiner Schulter und redete weiter auf mich ein. Doch ich konnte ihn längst nicht mehr hören, meine Ohren vernahmen nur noch das Jammern der Toten, die mich in ihren Reihen vermissten. Ich fühlte in jeder Faser meines Wesens, was ich schon immer geahnt hatte: Hier gehörte ich her. Ich war einer von ihnen, heute mehr denn je. Ich war daheim und endlich willkommen. Bereit, mich vom Leben zu verabschieden, um nie mehr von Lindora Abschied nehmen zu müssen. Jetzt, da sie nicht mehr in die falsche Richtung liefen, schmerzten auch meine Beine nicht mehr.

  • * *

Die alte Frau erhob sich mühsam. Für diese Woche war das Werk wieder getan, Zeit sich auszuruhen. So viele Blumen für so viele Gräber. Und warum auch nicht, die darin ruhenden hatten sie sich immerhin selbst geschaufelt. Hier lag ihr Manuel, direkt neben ihm Don Steininger - wenn das nicht Ironie war, dann musste es Vergebung sein. Womöglich gab es da ohnehin keinen Unterschied. Conzuela Escaban lächelte jedenfalls. Sie sah hinüber zum Spielplatz, wo kein kleiner Junge mehr fürchten musste, von einem Wachhund angefallen zu werden. Stacheldraht und Hundegebell, das war Gestern. Das Heute bestand aus Grabsteinen und Kinderlachen. Ein letzter Blick über den Friedhof, dann packte sie ihre Gerätschaften zusammen und machte sich auf den Heimweg. Es war ja nicht weit, sie wohnte nur zwei Strassen weiter. Lange genug lebte sie hier, um zu wissen, dass der Verfall ebenso wenig aufzuhalten war wie Gottes Gerechtigkeit. Als diese Einsicht in Conzuela gereift war, hatte sie aufgehört zu weinen und aus dem Beruf war Berufung geworden. Selbst wenn der Lohn, den man ihr für die Pflege der Gräber bezahlte, für eine bessere Gegend ausgereicht hätte, wäre sie doch nie aus Lindora weggezogen. Mochte das Paradies auch ein wenig herunter gekommen sein, Conzuela war durch den Dienstbotenausgang verwiesen worden und durch das Hauptportal zurückgekehrt!

Michael Labiner

06.01.2006

Quelle: www.hinter-den-schlagzeilen.info/pm/more.php?id=3540_0_1_0_M35

11.02.06    Freimut Bittner <freimut.bitknecht@web.de>
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