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Fw: [ZMag] Nicaragua: Mit Ökolandbau gegen den Neoliberalismus

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http://www.zmag.de/artikel.php?id=1418

Strategien gegen den Neoliberalismus in Nicaragua
von Ben Gregory und David McKnight
ZNet 25.04.2005

Don Carlos war ganz in seinem Element. "Wir haben Orangen, Limonen, Zitronen, süße Zitronen, saure Zitronen, Mandarinen, Grapefruits, Naranjillas, Pomelos." Er zeigte auf die Bäume, in deren Schatten die Kaffeesträucher wuchsen. "Alle 60 Zitrusfrüchte passen sich selbst an, um hier zu wachsen. Und wir haben Kakao, und fünfundzwanzig Avocadosorten, die alle verschieden schmecken." So ein Artenreichtum ist wohl das letzte, was man auf dem Hof eines Kaffeebauern erwarten würde. Als die Sonne den letzten Rest von Morgennebel vertrieben hatte, setzten wir uns nieder, um eine kleine Zwischenmahlzeit zu uns zu nehmen - frisch gerösteten Kaffee aus eigenem Anbau, Bananen, Mandarinen, Limonen, Avocados, Macadamianüsse, "churros con queso", kleine Teigkringel mit Käse, und "pasteles de pollo", mit Zucker bestäubte Teigtaschen mit Hühnerfleischfüllung. Jedes Mal, wenn wir eine Pause machten, bekamen wir eine neue Frucht zu sehen, die von einem der Bäume gepflückt wurde. "Versucht das", sagte Don José, der Besitzer des Hofes. Er öffnete eine Kakaofrucht, die eine gallertartige Flüssigkeit und dicke weiße Bohnen enthielt. "Kostet", ermunterte er uns, als er unsere zweifelnden Blicke sah. Die Bohnen waren ausgezeichnet, das Gelee süß und die Bohne bitter.

Roger José Ampie Quintero ist 74 und hat fast sein ganzes Leben lang auf dem 10 Manzanas (7 Hektar) großen Hof gelebt. Er ist seit über zwanzig Jahren der Besitzer des Hofes, und hat sich mit der Zeit immer mehr dem biologischen Landbau zugewandt. Sein Kaffee wächst unter dem Schatten von Bananenstauden, Zitrusfrüchten und verschiedenen anderen Bäumen. Er führte uns auf seinem Hof herum und erklärte uns seine Methoden. "Wir wollen den Kaffee gemeinsam mit Bäumen anbauen. Wir hoffen, so den Ertrag verdoppeln zu können." Don José kann bereits dreimal jährlich Kaffee ernten, aber 2004 war kein gutes Jahr: "Wir haben 360 kg pro Hektar bekommen. Es war ein schlechtes Jahr, aber so ist es nun einmal, ein Jahr ist gut, ein Jahr ist schlecht. Es ist ein natürlicher Rhythmus." Er zeigte uns begeistert die vielen Blätter, die auf den Kaffeebüschen sprossen. "Man kann jetzt schon sehen, dass es ein außergewöhnliches Jahr werden wird." Auf dem Hof wird mit Mischkultur gearbeitet, es werden Würmer zur Komposterzeugung gezüchtet, und reichlich stickstofffixierende Pflanzen eingesetzt. Auch die Schädlingsbekämpfung ist biologisch. "In den 80ern gab es eine Plage - den Rostpilz - der unsere Kaffeepflanzen entlaubte. Auf unserem Hof verwenden wir Niem und Papaya zur Schädlingsbekämpfung; wir fermentieren sie mit Holz, um eine Flüssigkeit zum Besprühen herzustellen. Wir verwenden auch viel Mulch, um das Unkraut in Zaum zu halten." Die Probleme beginnen, wenn der Kaffee den Hof verlässt. "Ein Teil von unserem Kaffee geht ins Ausland und wird auf dem offenen Markt verkauft", sagt Don José. "Die Firmen kaufen den Kaffee einfach zusammen. Sie schauen nicht auf die Qualität. Die Zitrusbäume verleihen dem Kaffee ein besonderes Aroma, aber wir haben keinen Nutzen davon." Aber Don José hat noch größere Sorgen als die Launen des weltweiten Kaffeemarkts. "Unsere Regierung hat diese Gegend als kaffeeproduzierende Region aufgegeben. Sie hat beschlossen, dass die einzige Zukunft für die Region in der Industrialisierung liegt."

Neben dem Hof ist es nicht so ruhig. Ein Grundstück wird mit schweren Baumaschinen für die Firma Valdidos SA gerodet, ein taiwanesischer Textilerzeuger, der in die USA verkauft. Man hört ununterbrochen "bumm" "bumm" in der Ecke. Dort wird ein Brunnen gebohrt für die Maquila, einem der dutzenden Sweatshops, die in Nicaragua, wie in ganz Zentralamerika, in letzter Zeit errichtet werden. Valdidos hat zwei Manzanas genehmigt bekommen, und sechs genommen. Die ganze Gegend war vorher dem Kaffeeanbau mit Schattenbäumen gewidmet. Aber da der Markt sich gerade erst langsam von den Tiefstpreisen der Kaffeekrise erholt, hat der Grundstückspreis viele der lokalen Kaffeebauern zum Verkaufen verlockt.

"Vor wenigen Monaten war hier noch überall Kaffee", sagt Elvira Blass, Umweltaktivistin aus Nicaragua. "Es gab Dutzende verschiedener Baumsorten in der Umgebung - Chilamate, Guanacaste, Mameybäume, Zedern, Olivenbäume, Obstbäume, Madre de Cacao und Eichen." Elvira beschäftigt sich seit 15 Jahren mit Umweltthemen in Nicaragua, sowohl als Aktivistin als auch als Journalistin. Der Hof und die Maquila befinden sich beide in Dolores, der kleinsten Gemeinde Nicaraguas, die im Zentrum des sogenannten "Triangulo de Oro", dem "goldenen Dreieck" liegt. Das Dreieck ist Teil des Bezirks Carazo, südlich von Nicaraguas Hauptstadt Managua. Im Gegensatz zum Großteil des Landes herrscht im Dreieck ein angenehmes Klima, auf einer Hochebene, 580 m über dem Meeresspiegel. "Es wird als idealer Ort für Urbanisierung angesehen", sagte Elvira, "und es hat sich zu einem Pendlergebiet für Managua und Masaya entwickelt." Ganz in der Nähe ist der Wohnsitz von Nicaraguas Ex-Präsidenten Arnoldo Alemán, der unter Hausarrest steht, weil er an die 100 Millionen Doller veruntreut hat, und sich damit einen Platz unter den ersten zehn auf der Transparency International-Liste der korruptesten Politiker verdient hat. Das Goldene Dreieck ist ein wichtiges Gebiet. Es wird auch "der Schwamm" genannt, als riesiger Wasserspeicher, der 200 000 Menschen über Flüsse und Grundwasser mit Wasser versorgt, und es ist eines der ertragreichsten Ackerbaugebiete in Nicaragua. Seit letztes Jahr zwei Firmen, eine aus Korea und eine aus Taiwan, hier ihre Betriebsstätten errichteten, stellen die Bewohner des Gebietes fest, dass ihr Wasser weniger wird. "Die Rodungen für die Maquilas betreffen nicht nur große Bäume und Gebüsch", sagt Elvira. "Es werden auch zwei Meter Erde abgetragen, wodurch der Boden seine Fähigkeit zur Wasserspeicherung verliert."

Die Abtragung des Bodens macht die Bewohner des Gebietes auch anfälliger für Schäden durch die Gase des Masayavulkans. Als die Firmen von den Gemeinden eine Genehmigung zur Ansiedlung im Dreieck bekamen, wurde vor Ort eine Bürgerinitiative gegen die Zerstörung des Gebiets gegründet. Sie besteht aus Studentenverbänden, NGOs, dem Konsumentenverband und Aktivisten aus verschiedenen Städten. Elvira beteiligte sich, weil sie in der Gegend wohnt, und weil sie bereits Untersuchungen über die Umweltzerstörung durch die Maquilas von Managua durchgeführt hatte. Die Bürgerbewegung hat Sit-ins außerhalb der Gemeinden organisiert, Straßensperren errichtet, Briefaktionen organisiert, und sich internationaler Netzwerke und Medien bedient. Im November gab es Wahlen, und in allen vier betroffenen Gemeinden haben die Sandinisten gewonnen. Die Bürgerbewegung sieht ihre Chance darin, den lokalen Behörden die Wichtigkeit des Ackerbaus im Dreieck klarzumachen.

Elvira hätte gerne ein Gesetz, das die Invasion der Maquilas aufhält. "1998 wurde ein landesweites Gesetz verabschiedet, das die Maquilas von Steuern, Import- und Exportzöllen, und sogar von Umweltverträglichkeitsprüfungen ausnimmt", sagte sie. Die nächsten sechs Monate werden entscheidend für die Kampagne sein.

Don Carlos gibt uns eine weitere Avocado. "Der Name - aguacate - kommt vom Náhuatl-Wort für Hoden. Sie ist ein wunderbares Aphrodisiakum!" Wenn er nicht gerade die Freuden der Avocados preist, arbeitet Carlos Méndez Palacios am Institut für Agrarökonomie an der Universität von Carazo. Er ist ein vielbeschäftigter Mann: er ist auch Umweltkoordinator des Bezirks Carazo, und hat seinen eigenen Bauernhof, wo er sich mit Liebe der Aufzucht seiner Kaffee-, Bananen- und Zitruspflanzen und natürlich seiner Avocados widmet. Er hat gerade eine Studie über die Auswirkungen der Rodungen in diesem Gebiet auf die Umwelt abgeschlossen und arbeitet mit Kleinproduzenten an einem Plan für die lokale Entwicklung. "Der Plan hat drei Hauptziele", sagt Carlos. "Die Förderung von traditionellem Kaffeeanbau; kleine Landwirtschaftsbetriebe; und Ökotourismus." Diese Mischung gibt überall um uns herum. Der Kaffee wird als Teil einer Waldwirtschaft angebaut, Ackerbau mit Bäumen, die für Schatten, Früchte und Brennholz sorgen. Auf dem Hof gibt es Hühner, und üblicherweise werden Ziegen, Schafe und Garrobos, eine Art Leguan, gezüchtet. Die Gegend ist auch ideal für Tourismus im kleinen Rahmen, eines der wenigen Gebiete in Nicaragua, wo es angenehm ist zu wandern, weil hier nicht die Sonne unbarmherzig herabglüht. "Was wir brauchen, ist technische Entwicklung", sagt Carlos. "Die meisten Leute haben bereits den einen oder anderen Teil des Plans verwirklicht. Wir betreiben im Moment ein Pilotprojekt mit 120 Produzenten." Carlos betont, genauso wie Don José, den Geschmack des Kaffees, oder 'Süßkaffee', wie er ihn nennt. "Diese milderen Kaffeesorten sind von hoher Qualität. Ein Teil des Problems ist, dass die Starbucks dieser Welt ihre Vorstellung von Qualität durchgesetzt haben, das heißt, Kaffee muss aus höheren Anbaugebieten kommen, von über 1000 m Seehöhe. Das ist eine Erfindung; hier gibt es keinen Unterschied bei den hochwertigen Kaffeesorten."

Ein weiterer wichtiger Teil ihres Plans ist, ein Biozertifikat zu bekommen, und im Fair Trade System zu arbeiten. "Unser Modell basiert auf Permakultur; es wird auf soziale Auswirkungen, Energieverbrauch, Komposterzeugung und Umwelterziehung Rücksicht genommen." Don José unterbricht ihn, zieht ein Messer aus der Tasche, und entfernt ein Stück Rinde vom nächsten Baum. "Versucht das", sagt er begeistert. "Canela!" Der Zimt schmeckt süß, und die vordringenden Maquilas sind für kurze Zeit vergessen.

Ben Gregory ist Sekretär der Wales Nicaragua Solidarity Campaign und Autor von 'Afar I see the day is coming: Wales, Nicaragua and the future of internationalism'. Ben ist auch in der Gemeinde tätig und lebt im Norden von Wales auf dem Land. Er kann unter benica@gn.apc.org erreicht werden.

David McKnight arbeitet in der Gemeindeentwicklung und ist Mitglied der Wales Nicaragua Solidarity Campaign. Er ist Co-Produzent von 'Black Star Green', einem Film über Ghana und die Welthandelsorganisation. David kann unter david@milwr.freeserve.co.uk erreicht werden.

Ben und David arbeiten zurzeit an einem Lehrfilm über Nicaraguas Erfahrungen mit der Globalisierung.

Übersetzt von: Sophie Fruehling

Orginalartikel: "Contesting neo-liberalism in Nicaragua"
http://www.zmag.org/content/showarticle.cfm?SectionID=54&ItemID=7732

mehr Artikel von Ben Gregory und David McKnight
http://www.zmag.de/autor.php?id=324

ZNet > Lateinamerika
http://www.zmag.de/thema.php?topic=5

20.05.05    DNR Redaktionsbüro Info-Service <info-berlin@dnr.de>
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