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http://www.telepolis.de/r4/artikel/19/19147/1.html
Literarisches Ping-Pong in Mexiko
Miriam Lang 02.01.2005
Gesuchter Guerillaführer und Krimiautor schreiben vierhändigen Roman
"Unbequeme Tote" - so soll der Krimi heißen, an dem der legendäre
Sprecher der zapatistischen Befreiungsarmee EZLN [1], Subcomandante
Marcos, und der bekannteste mexikanische Kriminalautor Paco Ignacio
Taibo II derzeit vierhändig arbeiten - ohne sich dabei über Plot und
Inhalte direkt verständigen zu können.
"Ich habe mich gefühlt, als hätte Marylin Monroe soeben um meine Hand
angehalten", sagt Paco Ignacio Taibo II zu dem Vorschlag von
Subcomandante Marcos [2], zu zweit und vor aller Öffentlichkeit einen
Kriminalroman zu entwickeln.
Alles fing mit einem Boten an, der an die Haustür von Paco Ignacio
Taibo II in Mexiko-Stadt klingelte. Er trug einen Umschlag aus dem
lacandonischen Regenwald im Süden des Landes bei sich, unterzeichnet
von Subcomandante Marcos. Taibo, der Marcos nach eigenen Worten noch
nie persönlich begegnet ist, sagt, die Umstände der Übergabe hätten ihm
die Authentizität des Schreibens garantiert. "Noch nie hatte mir
jemand einen derartig verrücktes Abenteuer vorgeschlagen." Gerade
deshalb hat Taibo, der das Chaos leidenschaftlich liebt, sich auf die
Sache eingelassen. Und weil er tiefe, unverhohlene Sympathien für die
indigene Zapatisten-Guerilla und deren wortgewandten Sprecher hegt.
Subcomandante Marcos' literarisches Talent ist unbestritten - schon in
den ersten Tagen des EZLN-Aufstands vom 1. Januar 1994 gelang es ihm,
durch eine einzigartige Sprache und eine treffende Beschreibung der
gesellschaftlichen Verhältnisse im Zeitalter des Neoliberalismus, die
Augen der Weltöffentlichkeit auf den lange vergessenen mexikanischen
Bundesstaat Chiapas zu lenken und der EZLN zu einer internationalen
Popularität zu verhelfen, wie sie seit dem Sieg der Sandinisten in
Nicaragua 1979 wohl keine Guerillabewegung der Welt mehr hatte. Mit den
Figuren aus seinen Erzählungen, dem Käfer Durito und dem Alten Antonio,
hat Marcos Symbole geschaffen, auf die sich heute
Globalisierungskritiker in aller Welt beziehen. Seit neuestem erzählt
Marcos auch live Geschichten im EZLN-eigenen Radiosender Radio
Insurgente [3] (Zapatistenradio im Internet [4]).
Seit Mitte Dezember erscheinen [5] die Kapitel von Muertos Incómodos
[6] -zu deutsch "unbequeme Tote" - wöchentlich in der mexikanischen
Tageszeitung La Jornada [7]. Sie werden im Wechsel geschrieben, das
erste von Subcomandante Marcos, das zweite von Paco Ignacio Taibo II
[8], das Dritte wieder von Marcos.
"Wir schreiben gegen die Zeit, es ist eine seltsame Tour de Force",
sagt Taibo, da jeder der Gegenspieler exakt zwei Wochen hat, um
aufgrund der vom Gegenüber gelieferten Vorlage die Handlung
weiterzuspinnen. Direkt austauschen können sie sich über ihre Arbeit
nicht, denn Taibo II ist eingefleischter Städter und sitzt in der
Hauptstadt, während Marcos seit zwanzig Jahren durch den
südmexikanischen Dschungel streift und seit dem zapatistischen Aufstand
von 1994 auf den Fahndungslisten der mexikanischen Behörden steht.
Jeder der beiden Autoren hat bisher seinen eigenen Helden eingeführt:
Subcomandante Marcos hat Elías Contreras erschaffen, indigener
Ermittler im zapatistischen Autonomiegebiet, der dort auf Anweisung der
Comandancia General Mord- und andere Problemfälle aufklärt. Contreras
spricht spanisch im Stil der Maya-Indianer und hat auch ihre ganz
spezielle Sicht auf die Welt, aus der sich Mexiko-Stadt als fernes
Monster darstellt, wo seltsame Sitten herrschen.
Taibo II dagegen greift auf den Helden seiner frühen Kriminalromane
zurück, den einäugigen Detektiv Héctor Belascoarán, der sich in
Mexiko-Stadt ein Büro mit einem befreundeten Polsterer teilt. Der
Dschungel, in dem er zu Hause ist, besteht aus einer Unmenge von Autos,
Menschen und Fernsehantennen.
Der Roman, so Taibo, soll eine eindeutig politische Handlung haben. Er
ist denn auch in der Gegenwart angesiedelt und spielt bereits jetzt
nicht nur auf den Kampf der Zapatisten, sondern auch auf andere
Missstände an, die derzeit für die mexikanische Öffentlichkeit relevant
sind - so zum Beispiel auf die erwiesene Korruption aller großen
politischen Parteien und die Weigerung der heutigen Herrschenden, die
politische Verantwortung für den schmutzigen Krieg Ende der 60er und
Anfang der 70er Jahre zu übernehmen (Tödlicher Sicherheitswahn in
Mexiko [9]). So führte Taibo einen 1971 ermordeten Aktivisten der
1968er Studentenbewegung ein, der plötzlich Nachrichten auf
Anrufbeantwortern hinterlässt.
Die beiden Autoren haben sich vorgenommen, insgesamt etwa zwölf Kapitel
zu schreiben, ohne dass dies eine rigide Vorgabe wäre. Ungefähr im
siebten sollen die beiden Erzählstränge in der mexikanischen Hauptstadt
zusammenlaufen, wo - so die Vorgabe von Marcos - die Helden sich am
Revolutionsdenkmal begegnen sollen.
Ursprünglich war geplant, den Roman sogar sechshändig zu schreiben,
gemeinsam mit dem Spanier Manuel Vázquez Montalbán [10], der sich mit
Subcomandante Marcos lange Zeit geschrieben und ihn auch in Chiapas
besucht hat, um daraufhin das Buch "Marcos, Herr der Spiegel"
herauszugeben (Wagenbach 2000). Dieses Vorhaben konnte jedoch aufgrund
des Todes von Vázquez Montalbán im vergangenen Jahr so nicht
durchgeführt werden. Die beiden verbliebenen Verfasser haben "Unbequeme
Tote" nun als Hommage an den verstorbenen Spanier konzipiert - indem
sie zahlreiche Hinweise auf Montalbán und dessen kulinarisch
interessierten Kommissar Pepe Carvalho eingebaut haben.
Taibo, der für die Arbeit an diesem Gemeinschaftswerk die Biografie des
mexikanischen Revolutionshelden Pancho Villa [11] beiseite legen
musste, an der er gerade saß, hat keine Angst, von den Zapatisten
instrumentalisiert zu werden: "Im Gegenteil: Der Gedanke, dass sie mich
benutzen könnten, um ihrem Anliegen mehr öffentliches Gewicht zu
verleihen, ist mir ganz und gar angenehm", so der mehrfache Preisträger
und Organisator des alljährlichen Krimi-Festivals Semana Negra [12] im
spanischen Gijón vor dem Publikum der Buchmesse in Guadalajara, wo er
das gemeinsame Vorhaben öffentlich machte.
Zahlreiche Verlage aus aller Welt haben bereits die Rechte des gerade
erst entstehenden literarischen Werks erworben - in Deutschland der
Berliner Verlag Assoziation A, bei dem nach "Vier Hände", "Erzengel"
und "Gerufene Helden" soeben mit "Die Rückkehr der Schatten" ein
weiterer Roman von Paco Ignacio Taibo II erschienen ist, in dem es um
die deutsch-mexikanischen Beziehungen während der Nazizeit geht. Den
Erlös aus den Autorenrechten wollen Subcomandante Marcos und Paco
Ignacio Taibo II einer Nichtregierungsorganisation aus Chiapas zukommen
lassen, die den Kampf der Zapatisten unterstützt. Welche das sein soll,
sei noch nicht entschieden, so Taibo.
LINKS
[1] http://www.ezln.org
[2] http://www.patriagrande.net/mexico/ezln/
[3] http://www.radioinsurgente.org
[4] http://www.telepolis.de/r4/artikel/18/18895/1.html
[5] http://www.jornada.unam.mx/2004/dic04/041203/048n1con.php
[6] http://chiapas.pangea.org/html/item564m.htm
[7] http://www.jornada.unam.mx
[8] http://www.vespito.net/taibo/index-es.html
[9] http://www.telepolis.de/r4/artikel/19/19020/1.html
[10] http://www.epdlp.com/escritor.php?id=2398
[11] http://www.mexiko-lindo.de/article40.html
[12] http://www.semananegra.org/
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