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Wettlauf um die braune Bohne
Nestlé, Fairtrade-Organisationen und alternative Händler kämpfen um
den Kaffeemarkt in Mexiko
Von Jan Braunholz
Der Kaffeemarkt ist nach Jahren mit sehr niedrigen Preisen wieder in
Bewegung gekommen. Ernteausfälle infolge des Klimawandels treiben die
Preise insbesondere für edle Sorten in die Höhe. Doch Kleinbauern
profitieren nicht davon. Weder Fairtrade-Organisationen noch
Lebensmittelkonzerne wie Nestlé zahlen Preise, die das Überleben der
Bauern ermöglichen. Nestlé hat zwar inzwischen einen löslichen Kaffee
mit "Fairtrade"-Siegel im Angebot, doch das hat bei den Kleinbauern
in Mexiko keine Zustimmung gefunden.
Auf der Webseite von Nestlé findet man wunderbare Texte zur
Nachhaltigkeit. Doch die Realität sieht anders aus. Besonders im
Kaffeeland Mexiko hat Nestlé Schritte eingeleitet, die insbesondere
für die Kleinbauern und Kaffeekooperativen negative Konsequenzen
haben.
Nestlé hat in Mexiko eine marktbeherrschende Stellung auf dem
Kaffeemarkt. 80 Prozent des mexikanischen Kaffeekonsums besteht aus
löslichem Kaffee. Davon besitzt die Nestlé-Marke "Nescafé" einen
Marktanteil von 80 Prozent. Den Rest teilen sich Philipp-Morris
/Kraft mit einigen regionalen Marken. Für seinen Nescafé importiert
Nestlé seit Jahren billigen Rohkaffee der Sorte Robusta aus
Brasilien, Vietnam, Indonesien und Ecuador nach Mexiko, ca. 110.000
Sack im Jahr.
Die Importe halten die Preise in Mexiko niedrig. In Mexiko wird zwar
auch Robustakaffee erzeugt. Doch Nestlé zahlt dafür sehr geringe
Preise, etwa 6 bis 7 Pesos(14 Peso = 1 Euro) pro Kilo. Seit Jahren
protestieren die Kleinbauern gegen die Niedrigpreise.
Doch davon ließ sich Nestlé nicht beirren und plant seit 2003 ein
Großprojekt in der Region Tezonapa, im Bundesstaat Veracruz, um noch
preiswerter an den begehrten Rohstoff zu kommen, nämlich durch ein
eigenes Anbauprojekt für Robusta-Kaffee. Robusta schmeckt nicht so
gut wie die edlere Sorte "Arabica" und erzielt deshalb niedrigere
Preise. In der Region Tezonapa wird bisher Arabica-Kaffee angebaut,
denn dieser wächst in Höhen ab 800 Meter besonders gut. Robusta
hingegen wächst in Gegenden zwischen 600 und 800 Meter Höhe. Nestlé
erwartet also von den Bauern, dass sie ihre Arabicapflanzen
vernichten und neue Robustapflanzen setzen, die aber erst in viel bis
fünf Jahren beerntet werden können.
Nestlé stellte den Campesinos hohe Absatzzahlen in Aussicht und fuhr
zum Projektauftakt mit vier großen LKW vor, um Süßigkeiten an die
Kinder zu verteilen. Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe versprach
einen Schulneubau. Robusta-Setzlinge wurden in einem französischem
Kaffeelabor geklont und in Tezonapa ausgebracht. Im Jahr 2019 will
Nestlé dort bis zu einer Million Säcke Robustakaffee jährlich ernten,
mehr als die derzeitige gesamte mexikanische ArabicakaffeeProduktion.
Doch die Landarbeiter wehren sich, weil Nestlé weder Preis- noch
Absatzgarantien anbietet. Inzwischen hat die Landarbeiter-
Organisation CIOAC (Central Independiente de Obreros Agricolas y
Campesinos) Delegierte in den Rat der Verarbeitungsanlage entsandt.
Sie wollen gegen das Nestlé-Projekt stimmen. Der lokale Berater von
Nestlé wurde inzwischen abgezogen.
Warum will Nestlé den Robusta-Anbau in Mexiko durchsetzen? Der Plan
der USA für eine Freihandelszone, die ganz Lateinamerika und die
Karibik mit Ausnahme Kubas umfassen soll (ALCA/Area de Libre Comercio
de las Américas), lässt Nestlé hoffen, dass es zukünftig den ganzen
lateinamerikanischen Markt mit billig produziertem Nescafé
überschwemmen kann. Um seinen ohnehin schon riesigen Marktanteil noch
zu vergrößern, kauft Nestlé auch andere Kaffeefirmen auf und schließt
sie.
Dies war etwa 2003 in El Salvador der Fall, als Nestlé die alt
eingesessene Firma "Café Listo" kaufte, schloss und etwa Hundert
Mitarbeiter auf die Strasse warf. Nun gibt es die Marke "Nescafé
Listo" - hergestellt jedoch in Brasilien. Auch eigene
Produktionsanlagen werden nicht verschont. So wurden in Argentinien
und Chile Nescafé-Fabriken geschlossen - die Länder werden nun
ebenfalls von Brasilien aus beliefert, wo kürzlich 33 Millionen USDollar
investiert wurden.
Die mexikanischen Kleinbauern geraten zunehmend in die Abhängigkeit
großer Nahrungsmittelkonzerne. Die Kaffeepreise sind im Keller, seit
1989 das internationale Kaffee-Abkommen zusammen brach, welches
bisher Angebot und Nachfrage mit einem einigermaßen festen
Preisrahmen regelte. Seither herrscht der freie Markt, d.h. die
Börsen in New York und London bestimmen den Preis. Doch im Hochland
von Chiapas/Mexiko ist dieses Jahr eine schlechtere Ernte aufgrund
von Klimaschwankungen und den Auswirkungen der Hurrikane Wilma und
Stan zu erwarten. Da die Konzerne auf die guten Arabica-Qualitäten
angewiesen sind, versuchen sie, über lokale Aufkäufer an die nötigen
Mengen zu kommen. Der Preis schießt deshalb kurzfristig nach oben.
Der meiste Profit bleibt beim Zwischen- und Großhandel hängen, die
Kleinbauern haben wenig davon.
Die mexikanischen Kaffeebauern sind zu 80 Prozent Indigene in den
Bundesstaaten Guerrero, Oaxaca, Chiapas, San Luis Potosi, Nayarit,
Colima und Jalisco, die seit jeher zu den armen Zonen Mexikos zu
rechnen sind und infolge dessen immer wieder von Aufständen und
Auseinandersetzungen betroffen sind.
Ausgerechnet Konzerne wie Nestlé und Starbucks engagieren sich nun
mit Kleinprojekten im Fair-Kaffee-Bereich. Nestlé hat im Oktober 2005
erstmals ein Fairtrade-Siegel für die Marke "Partner's Blend"
bekommen, die auf dem englischen Markt vertrieben wird. Nestlé
reagierte damit auf eine Öffentlichkeitskampagne von Oxfam, das den
Konzern wegen seiner Einkaufspolitik und Preisdrückerei anprangerte.
Die Siegelverleihung an Nestlé bleibt auch innerhalb der weltweiten
Siegelorganisation "Fair Label Organisation" (FLO) umstritten.
So sei etwa die Fairhandels-Partnerorganisation "Comercio Justo
Mexiko" komplett gegen den Fairhandels-Vertrag mit Nestlé gewesen,
erklärt deren Vorsitzender Jeronimo Pruijn. Die Produzenten kennen
den Konzern eher als Auftraggeber von Aufkäufern, die Kooperativen
unter Druck setzen: "Wir nehmen einen Container Fairtrade-Kaffee und
die restlichen zehn Container zu Weltmarktbedingungen, sonst gehen
wir woanders hin." So oder ähnlich erpressten die Einkäufer der
Konzerne die Produzenten, berichtet Fernando Celis von der
mexikanischen Kaffee-Kleinbauernorganisation CNOC (Coordinadora
Nacional de Organizaciones Cafetaleros).
Mariano Santis von der Kooperative OTPC (Organizacion Tzeltal
Productores de Café aus San Juan Cancuc) in Chiapas sagt, dass selbst
die derzeitigen Fairtrade-Mindestpreise nicht ausreichen, um eine
Familie zu ernähren. Hinzu kommt die miserable Ernte, die im
Erntezyklus 2006/2007 aus Klimagründen um 50 Prozent zurückgegangen
ist. 1,21 US-Dollar pro Pfund plus 15 Dollarcent Aufschlag für
Biokaffee kommen nicht an die derzeit relativ hohen Weltmarktpreise
heran.
Auch in Chiapas regt sich Widerstand, aber nicht gegen die
Kaffeekonzerne, sondern gegen die "Fair Label Organisation" und deren
deutschen Ableger Transfair. Die niedrigen Abnahmepreise und die
hohen Gebühren von FLO und der Bio-Zertifizierungs-Organisation
CERTIMEX (Certificadora Mexicana de Productos y Procesos Ecologicos)
machen den Kooperativen zu schaffen.
Noch mehr Angst macht den Kleinbauern die Idee von FLO, auch die
Großgrundbesitzer in den Fairhandel einzubeziehen. Dies und der
Eindruck, dass FLO sich zunehmend Großkonzernen annähere, führt zu
einem immer stärkeren Vertrauensverlust bei Produzenten und
Konsumenten. Viele Kleinbauern, die bisher bei Fairtrade mitmachten,
verkaufen inzwischen wieder an "Coyotes", die Zwischenhändler der
Kaffeekonzerne. Durch den 50prozentigen Ernteeinbruch sind auch diese
unter Druck, denn sie brauchen die guten Arabica- Qualitäten und die
Preise stiegen im Dezember und Januar kräftig an. Für die
Kleinbauern, die auch Kooperativen beliefern, ist es häufig
einfacher, an "Coyotes" zu verkaufen, denn sie bekommen sofort Geld
auf der Hand - noch dazu zum selben Preis wie beim
Fairhandelspartner.
Noch schlechter sieht es für sie aus, wenn sie ihren Kaffee als "nurBio"
verkaufen. Bio-Importeure zahlen keine fairen Preise. Der
Bioanbau ist sehr arbeits-, d.h. kostenintensiv. Viele Kleinbauern
können in der Erntezeit trotz Bedarfs keine weiteren Hilfskräfte
bezahlen. Oft stehen auch gar keine Wanderarbeiter mehr zur
Verfügung. Sie sind schon längst in den USA, wo der Stundenlohn fünf
mal höher liegt als in Mexiko.
Der alternative Handel regierte schnell auf den lokalen Preisanstieg.
Der alternative Handel hat nicht das Transfair-Siegel und ist somit
auch nicht an dessen Regeln gebunden, die er als zu marktkonform
ablehnt. So zahlen zum Beispiel amerikanische und kanadische
alternative Händler wie die "Cloudforest Initiative" und "Cooperate
Coffees" bis zu 1,70 US-Dollar pro Pfund. Die Hamburger "Kaffee
Libertad-Kooperative" zahlt den zapatistischen Kaffeekooperativen in
Chiapas 1,60 US-Dollar. Angesichts der schlechten Ernte und der
Konkurrenz durch die "Coyotes" sind auch die alternativen Händler zu
Preisaufschlägen gezwungen. Inzwischen kaufen sogar große
Kooperativen in Mexiko von kleineren Kooperativen Kaffee auf, um die
eigenen Lieferverträge erfüllen zu können. Im Hochland von Chiapas
hat ein Wettrennen um die wertvollen Kaffeebohnen begonnen.
Jan Braunholz ist Journalist und Mitarbeiter der Kaffeekampagne
Mexiko/El Salvador im Dritte Welt Haus Frankfurt am Main.
www.cafe-cortadora.de
www.cafe-libertad.de
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