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## Nachricht zur Information/Dokumentation weitergeleitet
Mindestens zwei Tote und sieben Verletzte nach bewaffnetem Angriff
*durch rechten Paramilitär auf Proteste in Muş*
MUŞ – Im Landkreis Bulanık der Provinz Muş kam es bei Angriffen von
Paramilitär und Polizei auf kurdische DemonstrantInnen zu 2 Toten. Die
Demonstration gegen das Verbot der linken kurdischen Partei DTP an der
etwa 10 tausend DemonstantInnen teilnahmen wurde nach einem
Polizeiangriff von einem Dorfschützer mit einer Kalaschnikow beschossen.
2 Personen starben dabei, 7 wurden verletzt. Der Landkreis, in dem die
Proteste andauern wurde abgeriegelt.
Im Verlauf der Auseinandersetzungen rückte auch das Militär ins
Stadtzentrum vor. Sowohl Militär, als auch Polizei schossen mit
Plastikgeschossen, als auch mit scharfer Munition. Die Straßen
verwandelten sich im Laufe des Tages in ein Kriegsgebiet.
Die zunächst unbekannte Person, die mit einer Kalaschnikow in die Menge
feuerte, stellte sich als der Dorfschützer Turan Bilen aus Mardin
heraus. Seine Familie ist als überzeugte Dorfschützerfamilie bekannt,
sein Vater gründete den Ortsverband der faschistischen MHP und war
ebenfalls an staatlichen und parastaatlichen Verbrechen beteiligt. Turan
Bilen ist bekannt dafür, mit der staatlichen Todesschwadron Jitem
zusammengearbeitet zu haben, die für Tausende „verschwundene“ politische
AktistInnen und ihre Angehörige verantwortlich ist. Persönlich wird er
unter anderem für die Ermordung von 4 PKK-Guerillas in Kooperation mit
dem Jitem 1994 verantwortlich gemacht. Schon früher provozierte er auf
DTP-Kundgebungen.
Dorfschützer sind paramilitärische bewaffnete Einheiten, die vom
türkischen Staat eingesetzt werden um den kurdischen Widerstand zu
bekämpfen und die Bevölkerung im Allgemeinen einzuschüchtern.
Die Polizei griff die Kundgebung mit Plastikpatronen, Gasgranaten,
Knüppeln und scharfer Munition an. Der Dorfschützer Turan Bilen ging zu
diesem Zeitpunkt zusammen mit der Staatsmacht gegen DemonstrantInnen
vor. Die Menschenmenge wurde in Richtung des einzigen offenen
Geschäftes, dem Laden des Dorfschützers Turan Bilen getrieben.
Turan Bilen hatte unter Polizeischutz seinen Laden trotz Generalstreiks
im Rahmen der Proteste gegen das DTP-Verbot als einziger geöffnet. Kurz
vor dem Angriff entfernten sich die Polizisten von Bilen.
Als aus der Menge heraus der Laden von Turan Bilen mit Steinen
angegriffen wurde, eröffnete er und nach AugenzeugInnen auch die Polizei
das Feuer auf die Menschenmenge. Von Schüssen aus der Kalaschnikow ins
Herz getroffen hat der 43-jährige Kemal Ağca, Dorfvorsteher von Yoncalı
und Vater von vier Kindern im staatlichen Bulanık Krankenhaus sein Leben
verloren. Necmi Oral starb nachdem er angeschossen wurde im staatlichen
Krankenhaus von MuÅŸ. Sieben weitere Personen wurden bei dem Angriff
verletzt, zwei von ihnen schweben in Lebensgefahr.
Alles war geplant
Der Vorsitzende der Rechtsanwaltskammer von Muş, Sabahattin Göçmen,
erklärte, dass die Ereignisse geplant gewesen seien. „Die
DemonstrantInnen die sich vor dem Gebäude der Gemeindeverwaltung
versammelt hatten, gingen ins Stadtzentrum, wo die erste
Auseinandersetzung von der Polizei begonnen wurde. Mit Wasserwerfern und
Tränengas wurden die Menschen vor den Laden von Turan Bilen getrieben,
der als einziger geöffnet hatte. Sonst waren alle Rollläden geschlossen.
Um 06.00 Uhr und später wurden im Umkreis um diesen Laden
Sicherheitsbeamte gesehen.“
Nach Aussagen von AugenzeugInnen eröffnete zum Zeitpunkt des Angriffs
auf die Demonstration auch die Polizei das Feuer, der anwesende
DTP-Kreisvorsitzende Rahmi Çelik beschrieb die Ereignisse folgendermaßen:
„Es gibt dutzende Verletzte. Die Demonstrationen halten aber trotzdem
weiter an. Die Person, die das Feuer auf die Demonstration eröffnet hat,
arbeitete vom Anfang an mit der Polizei zusammen. Am Ende eröffnete er
das Feuer auf die Menschenmenge. Er schoss zusammen mit der Polizei.
Dieser Mann arbeitet mit dem Staat zusammen. Er lief immer mit einer
Waffe herum. Wenn Sie eine Person hier in Bulanık fragen, was das für
eine Familie ist, werden sie hören dass es zwischen dieser Familie und
der Polizei keinen Unterschied gibt. (…)
Laut Rahmi Çelik, Vorsitzender der nun verbotenen
DTP-Landkreisverwaltung von Bulanık, wurde Turan Bilen nicht
festgenommen, sondern stattdessen zusammen mit seiner Familie mit einem
Sikorky Helikopter aus dem Landkreis geflogen, der ansonsten abgeriegelt
ist. „Nach dem Angriff sind sie gekommen und haben ihn mit einem Panzer
abgeholt. Laut der Informationen, die uns erreicht haben wurde er
freigelassen und anschließend mit einem Helikopter an einen unbekannten
Ort gebracht.
In Folge des Angriffs wurde der Laden von angezündet. Die
Straßenschlachten breiteten sich über die ganze Stadt aus. Die Scheiben
fast aller staatlichen Organisationen und Banken sind inzwischen zu
Bruch gegangen oder angezündet worden. Der Strom ist in der ganzen Stadt
unterbrochen. Das Militär und Spezialeinheiten halten die Zu- und
Ausfahrtsstrassen blockiert und das Stadtzentrum besetzt. Sie verbieten
jedem das Verlassen und Betreten der Stadt.
/Quelle: ANF, DIHA, YG, YH, HHTV, 15.12.2009, ISKU/
Den Jugendlichen bleibt der Weg in die Berge
ZAGROS – In einer Zeit, in der die Repression auf KurdInnen zunimmt,
schließen sich immer mehr kurdische Jugendliche der Guerilla an. 46
Guerilla-KämpferInnen haben ihre Ausbildung an der Şehit Beritan
Akademie abgeschlossen und sind in KämpferInnen der HPG (Hêzên Parastina
Gel, Volksverteidigungskräfte) geworden. Seit März dieses Jahres hat die
Zahl derer, die sich der Guerilla anschloss 833 erreicht.
Der Terror des Staates kann den Aufstand des Volkes nicht verhindern
Auf der Vereidigungsfeierlichkeit erklärte Cizre Direniş, Mitglied des
Volksverteidigung Zentrums, die vernichtende und verleumderische Politik
des türkischen Staats als erfolglos gegen den Volksaufstand:
„Die kurdische Jugend beantwortet den Terror des Staates gegen das
kurdische Volk und Abdullah Öcalan, indem sie der Guerilla beitreten.
Gegen diese Politik des türkischen Staates ist die Guerilla die Kaution
der Freiheit. Der türkische Staat und die AKP-Regierung haben mit dem
Druck auf Öcalan ein weiters Mal gezeigt, dass sie nicht aufrecht sind,
wenn es um eine Lösung der kurdischen Frage geht. Sie wollen den Willen
des kurdischen Volk brechen und zur Aufgabe zwingen. Das kurdische Volk
hat diesem Vorgehen ein demokratisches entgegengesetzt. Diejenigen, die
ohne Scheu das kurdische Volk angreifen, sollten jedoch eines wissen: Es
gibt Tausende, die das kurdische Volk und Öcalan mit allen Mitteln
verteidigen. Um das kurdische Volk und Öcalan in Freiheit zu sehen,
werden sie den Widerstand wachsen lassen. Es ist die Pflicht eines
ehrenvollen Menschen den Widerstand auszuweiten bis die Freiheit
erreicht ist.“
In neun Monaten 833 Beitritte
Besonders in diesem Jahr, dem Jahr in dem die demokratische Öffnung
verstärkt diskutiert wurde, nahmen die Beitrittszahlen zur Guerilla
stark zu. Allein in den letzten fünf Monaten haben sich 637 Menschen der
HPG angeschlossen.
Laut der ANF-Nachrichtenagentur sind im März 126, im April 35, im Juni
35, im Juli und August 271, im Oktober 169, im November 151 und im
Dezember bislang 46 Neuzugänge in die Reihen der HPG gemeldet worden.
/Quelle: ANF, 15.12.2009, ISKU/
Überblick über Festnahmen, Angriffe und Ausschreitungen
50 Menschen in Adana festgenommen
ADANA – Auf einer Demonstration in Adana im Stadtteil Dağlıoğlu gegen
das DTP-Verbot und die Haftbedingungen von Abdullah Öcalan sind gestern
etwa 50 Personen von der Polizei festgenommen worden.
Bis spät in die Nacht dauerten die Proteste an. Nach Übergriffen durch
die Polizei kam es zu militanten Auseinandersetzungen an denen auch
Kinder beteiligt waren. Dabei wurden 50 Personen festgenommen. Sie
warten darauf, heute einem Gericht vorgeführt zu werden.
7 Menschen in Yüksekova verhaftet
YÜKSEKOVA – Im Landkreis Yüksekova der Provinz Hakkari sind von den 11
festgenommenen Personen 7 verhaftet und 4 wieder freigelassen worden.
Die Menschen wurden von der Polizei im Laufe der Proteste gegen das
DTP-Verbot festgenommen.
4 Menschen in MuÄŸla wegen SMS auf kurdisch festgenommen
BODRUM – In Muğla in der Provinz Bodrum wurden bei Hausdurchsuchungen 4
Personen von der Jandarma-Polizei festgenommen.
Die Wohnungen von Medeni B., Bilal B., Orhan B. und Öner C., alle
wohnhaft in der Gemeinde Gündoğan, wurden durchsucht. Da keinerlei
strafbares Material gefunden wurde, nahmen die Polizeikräfte die 4
Personen in Gewahrsam, da sie auf deren Mobiltelefonen Kurznachrichten
in kurdisch verfasst fanden.
Die Jugendlichen, die gerade in der Jandameriestation Konacık
festgehalten werden, sollen nach einer ärztlichen Untersuchung der
Staatsanwaltschaft vorgeführt werden.
9 Verhaftungen in Urfa und Iğdır
In Urfa und Iğdır wurden nach Protesten gegen das DTP-Verbot und die
Haftbedingungen von Öcalan verschiedene Personen wegen der Teilnahme an
bzw. der Vorbereitung von Aktionen festgenommen worden. Von diesen
wurden nun 9 Personen verhaftet.
Von den 9 Personen, die in Urfa mit dem Vorwurf der Vorbereitung von
Protestaktionen festgenommen wurden, sind 7 vor ein Gericht geführt und
davon 6 verhaftet worden. 3 dieser 6 Personen sind noch unter 18 Jahren.
2 Personen warten noch darauf, einem Gericht vorgeführt zu werden.
Von den DTP-Mitgliedern, die in Iğdır bei den Protesten gegen die
Haftbedingungen von Abdullah Öcalan am 9. Dezember festgenommen wurden,
sind 3 verhaftet.
Während der DTP Landkreisvorsitzender von Iğdır Ahmet Barbaros und die
DTP-Mitglieder Mustafa Dağgül, Emine Yöndem und Mehmet Anar nach den
Verhören von der Staatsanwaltschaft freigekommen sind, wurde der
DTP-Zentralbezirksvorsitzende Tahir Alagöz, der Assistent des
Landkreisvorsitzenden Hüseyin Adıgüzel und ein Mitglied des
Gemeindeparlaments Mehmet Avcı verhftet. Alagöz, Adıgüzel und Avcı sind
in den geschlossenen Strafvollzug von Iğdır gebracht worden.
Somit hat sich die Zahl derer, die nach den Ausschreitungen der Proteste
am 9. Dezember in Iğdır verhaftet wurden, auf 35 erhöht. In der Provinz
befanden sich nach Protesten und Ausschreitungen insgesamt 88 Personen
in Polizeigewahrsam.
16 Personen in Izmir freigelassen
İZMİR – Im Stadtteil Kadifekale des Landkreises Konak in Izmir wurde der
Jugendliche Şehmuz Ü., nachdem er bei Protesten festgenommen wurden,
wieder freigelassen.
Bei Protesten gegen das DTP.Verbot am 12. Dezember wurde der 14 jährige
Şehmuz Ü. von etwa 50 Polizeikräften brutal verprügelt und in die
Polizeistation von Kadifekale gebracht. Nachdem in einem
Krankenhausbericht festgestellt wurde, dass Ü. geschlagen worden ist,
wurde er gestern von der Staatsanwaltschaft freigelassen.
Auch 15 weitere Personen, die im Stadtteil DoÄŸanlar in Bornova gegen die
Haftbedingungen von Öcalan protestierten und dabei festgenommen wurden,
sind gestern Abend wieder freigekommen.
/Quelle: ANF, 15.12.2009, ISKU/
Ein 16-jähriger gelähmter Junge wurde wegen angebl. Steinwurfs
festgenommen und gefoltert
AMED – Der am rechten Arm und rechten Bein gelähmte 16-jährige Hamza
K. wurde mit der Beschuldigung Steine geworfen zu haben am 11.12. in
Diyarbakır/Silvan nach einer Protestaktion festgenommen. Sowohl auf der
Straße, als auch auf dem Polizeirevier wurde er gefoltert. Er sagte
dazu: „Ich habe gesagt, `Ich habe eine Bescheinigung, dass ich zu 40%
behindert bin. Ich kann meinen rechten Arm überhaupt nicht benutzen.
Mein rechtes Bein ebenfalls nicht´ Die Polizisten lachten mich aus und
schlugen mich.“
Er erklärte weiter: „Seit dem Tag an dem ich festgenommen worden bin,
sehe ich sie jedes Mal in meinem Traum, wie sie mich schlagen.“
Er erzählt den Abend folgendermaßen: „Wir sind aus dem Haus gegangen um
meine Tante in im Camii Viertel zu besuchen. Ich ging zusammen mit den
Kindern meines Onkels und meiner Tante aus dem Haus. Als wir im Mescit
Viertel ankamen, stoppte uns Bereitschaftspolizei. Sie fragten uns `Ruft
ihr Parolen und werft Steine auf uns?´. Wir sagten, `Nein, wir haben
nicht geworfen.´ Die Polizisten fingen an uns zu beleidigen und zu
schlagen. (…) danach kontrollierten die Polizisten unsere Nacken, unsere
Rücken und unsere Hände. Mein Nacken war kalt. Die Polizisten
kontrollierten die anderen Kinder und sagten die Nacken der anderen
beiden seien heiß. Sie sagten ´Euere Nacken sind heiß, dann habt ihr
wohl an der Demo teilgenommen und Steine auf uns geworfen.` und sie
schlugen wieder zu. (…) Mein Mund und meine Nase bluteten. (..)„Ich habe
gesagt, `Ich habe eine Bescheinigung, dass ich zu 40% behindert bin. Ich
kann meinen rechten Arm überhaupt nicht benutzen. Mein rechtes Bein
ebenfalls nicht´ Die Polizisten lachten mich aus und schlugen mich.
Jetzt kann ich nachts nicht mehr schlafen. “
Er erzählte weiter, wie sie ihn zur Polizeistation brachten: „Sie
brachten uns zur Kreispolizeidirektion. Dort gab mir ein Polizist einen
Lappen. Ich säuberte mein Gesicht vom Blut. Sie fragten uns hier wieder
`Habt ihr Steine geworfen?´. Wir sagten wieder `Nein´. In dem Moment kam
der Polizeidirektor und fragte „Wer hat die geschlagen?“ Die
Bereitschaftspolizisten, die uns mitgenommen hatten, sagten `Sie sind
hingefallen.´ Ich sagte zum Polizeidirektor ´Wären wir hingefallen,
würden dann unsere Nase und Mund bluten und unsere Augen anschwellen?`
Der Polizist der mich schlug sagte ´Halt den Mund´. Ich konnte daraufhin
vor Angst nicht mehr sprechen.“
Sie blieben nach einer ärztlichen Untersuchung auf der Polizeistation
und wurden erst nach der Vorführung bei der Staatsanwaltschaft am
nächsten Tag freigelassen. Der gelähmte Junge ist jedoch traumatisiert.
/Quelle: ANF, 14.12.2009, ISKU/
In Yüksekova wurde ein geistig behinderter Junge gefoltert
*HAKKARİ* – In Yüksekova wurde ein behinderter 17-jähriger Junge als
angeblicher Protestierer von der Polizei schwer verprügelt und
anschließend festgenommen.
Ümit Türfent schaute den Auseinandersetzungen im Rahmen der Proteste
gegen das DTP-Verbot zu, als er auf dem Weg zu seiner Reha-Behandlung
war und aufgrund der Auseinandersetzungen nicht weiterlaufen konnte.
Der Jugendliche wurde von dutzenden Polizisten brutal zusammengeschlagen
und zu Boden geworfen. Dann wurde er, ohne Gelegenheit zu haben, zu
verstehen was passiert in einen Panzer geworfen und zur Polizeidirektion
gebracht. Er wurde 8 Stunden festgehalten und erst als der Vater das
Gutachten über seine Behinderung besorgte wurde er freigelassen. Neben
den psychischen Verletzungen, die die Übergriffe hinterlassen haben, hat
er durch Knüppelschläge einen Schädelbruch und eine Verletzung an den
Nieren.
/Quelle: ANF, 15.12.2009, ISKU/
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