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news: 09.06.2008

## Nachricht zur Information/Dokumentation weitergeleitet

Türkische Luftangriffe vor EGMR

Das in London ansässige Kurdische Menschenrechtsprojekt (KHRP) ist mit einer Schadensersatzforderung für die Betroffenen der
Luftangriffe der türkischen Armee auf Südkurdistan vor den den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gezogen. Der Antrag bezieht sich auf die Angriffe in den Monaten Oktober und Dezember vergangenen Jahres und wurde im Namen von betroffenen Dorfbewohnern eingereicht. Bei den Angriffen war es neben einem immensen
Sachschaden auch zu Toten gekommen.

Quelle: ANF, 09.06.2008, ISKU

Kriegsdienstverweigerer Mehmet Bal festgenommen

Der Kriegsdienstverweigerer Mehmet Bal ist gestern abend in Istanbul auf offener Straße in der Nähe seiner Wohnung von zwei
Zivilpolizisten festgenommen worden. Gegen Bal laufen Prozesse wegen Befehlsverweigerung und Fahnenflucht.

Quelle: ANF, 08.06.2008, ISKU

Zehntausende bei Kundgebung in Van

An einer vom Gewerkschaftsverband KESK organisierten Kundgebung in Van unter dem Motto „Für eine demokratische Türkei“ haben sich Zehntausende Menschen aus der kurdischen Region beteiligt. Die Aktion diente der Unterstützung des Friedensrates in der Türkei.

Im Vorfeld kam es zu massiven Behinderungen der Sicherheitskräfte. Bei Vorkontrollen versuchte die Polizei, rot-gelb-grüne Tücher zu beschlagnahmen, konnte dem Druck der Massen jedoch nicht
standhalten. Auch mitgeführte Transparente eines Jugendblocks konnten erst nach einem Protestsitzstreik auf den Kundgebungsplatz getragen werden.

In einem Redebeitrag forderte die DTP-Abgeordnete Fatma Kurtulan eine sofortige Einstellung der Militäroperationen, die Abschaffung des Dorfschützersystems, die Gründung eines „Rat der Weisen“ für eine Lösung der kurdischen Frage sowie eine neue Verfassung. Das passendste Projekt für eine Lösung sei das von Abdullah Öcalan entworfene Projekt einer demokratischen Autonomie.

Quelle: ÖP, 09.06.2008, ISKU

Türkische Luftangriffe auf kurdische Dörfer

Bei einem erneuten Luftangriff der türkischen Armee auf Dörfer in Südkurdistan sind Felder und Gärten von Zivilisten zerstört worden. Wie die Volksverteidigungskräfte (HPG) mitteilten, hatte die Guerilla keine Verluste zu beklagen.

Quelle: ÖP, 08.06.2008, ISKU

stattweb.de, 06.06.2008
Rottenburg: Ein Gefangener unter mehreren steht zur Auslieferung an NATO-Staat Türkei an

Mitte der Woche musste ein in Rottenburg in Abschiebehaft sitzender Kurde nach einem vierwöchigen Hungerstreik in ein
Gefängniskrankenhaus verlegt werden. Bei einer Abschiebung in die Türkei drohe Abdurrahman Adigüzel ein Strafverfahren wegen
Unterstützung der PKK, warnt sein Rechtsanwalt.

Er ist nicht der einzige, den die Bundesrepublik unterwürfig der Weiterbehandlung bei NATO-Partner Türkei auszuliefern gedenkt,

So ist ein türkischer Kommunist in Deutschland in Auslieferungshaft genommen worden. Das teilte die Konföderation der Arbeiter aus der Türkei ATIK am Donnerstag mit. Önder Dolutas, der in Großbritannien als Flüchtling anerkannt wurde und seit 2006 die britische
Staatsbürgerschaft besitzt, ist am 23. Mai am Flughafen
Frankfurt-Hahn aufgrund eines »Auslieferungsgesuches des türkischen Staates über Interpol« inhaftiert worden. Er sitzt nun in der Justizvollzugsanstalt Rohrbach in Rheinland-Pfalz. In der Türkei ist Dolutas in Abwesenheit zu zwölfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Da durch Folter erzwungene Aussagen zu dem Urteil geführt haben, muß es neu verhandelt werden. Über das Auslieferungsgesuch muß das Oberlandesgericht Koblenz entscheiden.

. Weiterhin verlangt die Türkei die Ausweisung des Mitte April in Frankfurt am Main aufgrund des Paragraphen 129 (StGB) zu einer dreieinhalbjährigen Freiheitsstrafe wegen angeblicher PKK-Tätigkeit verurteilten Politikers Muzaffer Ayata.

Dagegen ist die vor drei Monaten in Bayerin in Auslieferungshaft genommene ehemalige Übersetzerin des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan, Ayfer Kaya,vor einigen Tagen freigelassen worden. Die Türkei hatte ihre Auslieferung gefordert. Das zuständige Münchner Gericht hob den Haftbefehl auf, weil die Begründung des Auslieferungsgesuchs der Türkei unzureichend war.

Quelle: Junge Welt, 6.6.08 Artikel Nick Brauns
AutorIn: fg

junge Welt, 09.06.2008
Türkei meldet neue Luftangriffe

Ankara. Türkische Kampfflugzeuge haben am Sonntag nach offiziellen Angaben einen Stützpunkt kurdischer Rebellen im Nordirak
angegriffen. Das Lager der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) sei »effektiv getroffen« worden, hieß es in einer kurzen Mitteilung der Streitkräfte. Die Türkei hat in diesem Jahr bereits mehrfach vermutete PKK-Stützpunkte im Nordirak angegriffen.(AP/jW)

junge Welt, 06.06.2008
Neue Front im Kurdenkonflikt

Großoffensive der Guerilla gegen die iranische Armee. Gegenoffensive Ankaras und Teherans

Von Nick Brauns

Die Türkei und Iran haben gemeinsam kurdische Rebellen in Nordirak angegriffen. Das berichtete am Donnerstag der Sender CNN-Türk unter Berufung auf einen türkischen General. Demnach planen Teheran und Ankara weitere Angriffe auf Kämpfer der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK), zudem würden die Geheimdienste zusammenarbeiten. Die türkischen Streitkräfte haben in den vergangenen Monaten wiederholt PKK-Stellungen in Nordirak angegriffen, während die iranische Armee Dörfer der Bergregion unter Granatbeschuß nahm, in denen Rebellen der Partei für ein Freies Leben in Kurdistan (PJAK) vermutet werden.

Das iranisch-irakische Grenzgebiet ist damit weitgehend unbemerkt von der internationalen Öffentlichkeit zu einem weiteren
Kriegsgebiet in der Region geworden. Im Verlauf der Kämpfe wurden nach Angaben der lokalen Behörden am Mittwoch auch Zivilisten verletzt. Die iranische Armee hätte das grenznahe Gebiet, das zur nordirakischen Provinz Suleimanija gehört, über Stunden unter schweres Artilleriefeuer genommen. Der Präsident des Parlaments der kurdischen Autonomieregion, Adnan Al-Mufti, hatte den Iran zuvor vergeblich zu einem Ende der Angriffe aufgefordert.

Die attackierte PJAK ist der iranisch-kurdische Ableger der PKK. Sie kämpft für die Autonomie der kurdischen Provinzen in Iran und den Sturz des theokratischen Regimes. Vor einer Woche haben die PJAK-Kämpfer eine Großoffensive gegen die iranische Armee gestartet. Die Angriffe wurden als Vergeltung für die Ermordung von sieben Guerillakämpfern bezeichnet, deren Wagen am 23. Mai im Dorf Lesgardiens von der iranischen Armee zerstört wurde. Ein weiterer Kämpfer, Esmer Demir, sei lebendig gefangen und von einem Panzer zu Tode geschleift worden, so die PJAK. Bei Guerillaangriffen auf Konvois und Militärstützpunkte seien daraufhin seit dem 25. Mai 92 iranische Soldaten und Offiziere getötet worden, teilte die PJAK Mitte der Woche mit. Die iranische Nachrichtenagentur IRNA und türkische Medien bestätigten den Tod mehrerer Soldaten.

Der in Köln lebende PJAK-Vorsitzende Haji Ahmedi hatte seine Partei in der Vergangenheit als »natürliche Verbündete der USA« bezeichnet. Mehrfach hatten US-Militärs PJAK-Camps in den Kandil-Bergen besucht, um die kurdischen Kämpfer ähnlich wie beim Krieg gegen den Irak als Bodentruppen für die eigene Sache mobilisieren zu können. Doch inzwischen scheint Washington seine schützende Hand von der PJAK genommen zu haben, weil sie aufgrund ihres engen Bündnisses mit der PKK wohl als zu unzuverlässig eingeschätzt wird. Bei einem Angriff der türkischen Luftwaffe auf die Kandil-Berge wurde Anfang Mai das Hauptquartier der PJAK getroffen. Die Zieldaten hat die Türkei nach eigenen Angaben von US-Spionageflugzeugen erhalten.

junge Welt, 09.06.2008
Spitzeln alla turca

Von der Öffentlichkeit unbemerkt wurden in der Türkei
Kommunikationsdaten an Geheimdienste übermittelt

Von Nico Sandfuchs, Ankara

Das traditionelle kemalistische Establishment und die
islamisch-konservative Regierung kämpfen in der Türkei mit harten Bandagen um die Macht. Mitunter werden auch politische Gegner mit geheimdienstlichen Methoden bespitzelt: Vor zwei Wochen wurde publik, daß der kemalistische Verfassungsrichter Osman Paksüt über Monate abgehört wurde.

Die anhaltende Debatte über diesen Skandal hat ein Detail ans Tageslicht gebracht, das türkische Datenschützer aufschrecken ließ. Wie die oberste Polizeibehörde in der vergangenen Woche einräumen mußte, werden bereits seit April vergangenen Jahres sämtliche Telekommunikationsdaten durch die türkische Telekom und die Mobilfunkbetreiber an die drei Inlandsgeheimdienste des Landes am Bosporus übermittelt. Egal ob Telefonat, Fax oder Internetverbindung – von der Öffentlichkeit unbemerkt konnten die Abwehr von Polizei und Gendarmerie sowie der Nachrichtendienst MIT umfangreiche Datenbanken mit sogenannten Vorratsdaten erstellen. Sie ermöglichen es, ein detailliertes Bild der Kommunikationsgewohnheiten eines jeden Bürgers zu erstellen. Was die Geheimdienste mit den
gesammelten Daten konkret anstellen, wird von keiner unabhängigen Behörde überwacht.

Möglich wurde dies durch ein Gesetz, das es den Diensten erlaubt, sich für einen Zeitraum von drei Monaten durch jedes Strafgericht die Genehmigung zur Beobachtung des Telefon- und Internetverkehrs ausstellen zu lassen. Stichworte wie »Terrorismus« oder
»organisierte Kriminalität« sind dabei als Begründung ausreichend. Läuft die Dreimonatsfrist aus, kann die Genehmigung von dem Gericht noch zwei Mal verlängert werden. Doch selbst nach insgesamt neun Monaten ist der Spuk noch nicht automatisch zu Ende. Denn ein Richter an jedem anderen Strafgericht kann auf Antrag eine
entsprechende Ermächtigung erneut ausstellen – eine Gesetzeslücke, die von den Spitzeln dankbar genutzt wurde.

Während Datenschützer gegen die massive Grundrechtsverletzung protestieren, kann die Regierungspartei AKP die ganze Aufregung nicht verstehen. Wem das nicht passe, der brauche doch einfach nicht zum Telefonhörer zu greifen, meinte der zuständige Minister Binali Yildirim. Der Oberste Kassationsgerichtshof in Ankara sieht dies allerdings anders. »Keine Behörde hat das Recht, alle Bürger unter Generalverdacht zu stellen und das gesamte Land zu überwachen«, befanden die Richter am vergangenen Mittwoch und verfügten bis auf weiteres einen Stopp der Vorratsdatenübermittlung.

junge Welt, 07.06.2008
Mit eiserner Faust

Die Niederschlagung des Aufstandes der Dersim-Kurden vor 70 Jahren

Von Nick Brauns

Der Türke ist der einzige Herr dieses Landes«, verkündete der türkische Justizminister Mehmut Esat Bozhurt nach der
Niederschlagung eines kurdischen Aufstandes am Berg Ararat im Jahr 1930. »Wer nicht rein türkischer Herkunft ist, hat hier nur ein einziges Recht, das Recht, Sklave zu sein.« Mit Massendeportation und Zwangsassimilation hoffte die türkische Regierung, weitere Unabhängigkeitsbestrebungen der kurdischen Bevölkerung zu
unterdrücken.

Das berüchtigte Gesetz Nr. 2510 zur Verbreitung der türkischen Kultur vom 14. Juli 1934 unterteilte die Türkei in drei Regionen: »1. Diejenigen Regionen, in denen die türkische Kultur in der Bevölkerung sehr stark verankert ist; 2. diejenigen Regionen, in denen die Bevölkerung angesiedelt werden soll, die zu türkisieren ist (das sind die Gebiete im Westen, besondere am Mittelmeer, der Ägäis, dem Marmara-Meer und Trakya); 3. diejenigen Regionen, die aus gesundheitlichen, ökonomischen, kulturellen, militärischen und sicherheitstechnischen Gründen entvölkert werden müssen und in denen sich niemand mehr ansiedeln darf (das sind Agri, Sason, Tunceli, Van, Kars, der südliche Teil von Diyarbakir, Bitlis, Bingöl und Mus).« Zur Umsetzung dieses Plans überfiel die Jandarma
(Militärpolizei) kurdische Dörfer, folterte die Bauern und zerstörte ihre Ernte.

80000 Partisanen

Ein »Krebsgeschwür« war in den Augen von Staatspräsident Mustafa Kemal Atatürk insbesondere die Bergregion Dersim an der
nordwestlichen Außengrenze des kurdischen Siedlungsgebiets. Dersim galt Mitte der 30er Jahre als »letzte freie Burg« der Kurden. In unzugänglichen Berghöhen waren die kleinen Bauerndörfer der Kontrolle des türkischen Staates weitgehend entzogen. Von anderen Kurden unterschieden sich die Bewohner Dersims durch den dort gesprochenen Zaza-Dialekt und ihren alevitischen Glauben, der islamische und vorislamisch-orientalische Elemente zu einer humanistisch geprägten Lehre verbindet. Schon im Osmanischen Reich hatte Dersim seine Autonomie bewahren können. Die Dersim-Kurden kämpften weder im russisch-türkischen Krimkrieg noch im Ersten Weltkrieg und dem anschließenden türkischen Unabhängigkeitskrieg. Doch sie schwiegen auch, als die türkische Armee in den 20er Jahren gegen sunnitische Kurden als »islamische Reaktionäre« vorging.

1936 wurde der Belagerungszustand über Dersim verhängt. Über Radio forderte Militärgouverneur General Alp Dogan die Bevölkerung zur Ablieferung von 200000 Gewehren auf. Da die Dersimer von den Massendeportationen in anderen kurdischen Regionen wußten,
verweigerten sie die Waffenabgabe. Statt dessen wurden im Juni 1937 Polizisten aus einem Hinterhalt erschossen. Dies war der Startschuß zum Volkswiderstand. Innerhalb weniger Tage schlossen sich bis zu 80000 Bauern zu Partisaneneinheiten zusammen, die der anrückenden Armee schwere Verluste zufügten. Nun rief die türkische Armee in der Westtürkei alle 26- bis 28jährigen zu den Waffen.

Der angesehene alevitische Geistliche Seyid Riza bot General Alp Dogan an, die Kurden würden ihre Waffen niederlegen, »wenn ihre nationalen Rechte anerkannt werden«. Doch die türkische Regierung war nicht bereit, die geforderte Autonomie zu gewähren, sondern verlangte die bedingungslose Kapitulation. Selbst der Name »Dersim« wurde durch das türkische »Tunceli« ersetzt. Dies kann mit »Eiserner Faust« übersetzt werden, der Faust des Staates, die ab Sommer 1937 gegen Dersim zu wüten begann.

Kompromißlose Regierung

Vergeblich bat Seyid Riza in einem Schreiben vom 30. Juli 1937 den britischen Außenminister um Beistand: »Seit Jahren versucht die türkische Regierung, die kurdische Bevölkerung zu assimilieren, indem sie sie unterdrückt. Sie verbietet, ihre Zeitungen und Bücher in kurdischer Sprache zu lesen, verfolgt jene, die ihre
Muttersprache sprechen und organisiert so die systematische Vertreibung von den fruchtbaren kurdischen Ländern in das
unkultivierte Anatolien, wo ein großer Teil der Flüchtlinge umkommt. Drei Millionen Kurden leben in diesem Land und bitten nur darum, in Frieden und Freiheit leben zu können, um ihr Volk, ihre Sprache, ihre Traditionen und Zivilisation zu erhalten. Im Namen des kurdischen Volkes bitte ich Eure Exzellenz, das kurdische Volk mit Ihrem großen moralischen Einfluß zu unterstützen, damit diese grausame Ungerechtigkeit bald ein Ende hat.« Dieser Hilferuf verhallte ungehört.

Mit Luftbombardierungen und Kanonen ging die türkische Armee gegen die Dersim-Kurden vor. Tausende Frauen und Kinder, die sich in Berghöhlen an den Hängen des Berges Tujik gerettet hatten, wurden mit Giftgas ermordet oder lebendig eingemauert. Nach der durch Verrat erfolgten Verhaftung und Hinrichtung von Seyid Riza am 18. November 1937 in Elazig erklärte Ministerpräsident Ismet Inönü das »Problem Dersim« für gelöst. »Wir haben alle militärischen
Aktivitäten der Bergtürken in Dersim zerschlagen.«

Tatsächlich war der Widerstand in den bis zu 3000 Meter hohen Bergen von Dersim keineswegs am Ende. Nach der Schneeschmelze im Frühjahr 1938 mußten weitere 100000 Soldaten gegen die Guerilla aufgeboten werden. Die grünen Täler Dersims füllten sich mit Giftgasschwaden, Wälder wurden angezündet, um die dahin Geflohenen herauszutreiben und zu erschießen. Tausende Frauen und Mädchen stürzten sich angesichts der befürchteten Vergewaltigungen durch Soldaten von den Felsen oder warfen sich in den Fluß Munzur. Dem Staat gelang es, einige Aghas (Großgrundbesitzer) und Stammesführer zur Kollaboration zu überreden, die Verstecke der Aufständischen verrieten. Auch die Feindschaft sunnitischer Stämme mit den Aleviten machte sich die Armee zunutze, um den Widerstand zu spalten. Als sie nicht mehr gebraucht wurden, ging die Armee auch gegen die Kollaborateure vor. Rund 400 Familien des Stammes Kiran hatten den türkischen
Verlautbarungen vertraut, daß ihnen nichts geschehen würde, wenn sie sich von den Kämpfen fernhielten. Doch als die Armee in deren Dörfer einrückte, wurden die Männer erschossen, Frauen und Kinder in Scheunen lebendig verbrannt.

Uneinigkeit der Stammesführer und die Erschöpfung der seit 1936 isoliert in den Bergen kämpfenden Guerilla ließen den Aufstand im Herbst 1938 zusammenbrechen. Bis zu 70000 Kurden waren während des zweijährigen Kampfes getötet worden. Zwölf Anführer des Aufstandes, darunter die Parlamentsabgeordneten Said Abd el-Kader und Hassan Khairi, wurden am Galgen hingerichtet. Über 100000 Dersimer wurden in andere Landesteile deportiert.

Friedhofsruhe breitete sich über Dersim aus, bis dort in den 70er Jahren die maoistischen Partisanen der »Arbeiter- und
Bauernbefreiungsarmee der Türkei« von Ibrahim Kaypakkaya und in den 80er Jahren die Arbeiterpartei Kurdistans PKK den bewaffneten Kampf aufnahmen.

Hintergrund: Die kurdischen Aufstände der 20er und 30er Jahre

Im türkischen Befreiungskrieg zum Ende des Ersten Weltkrieges hatten die kurdischen Stämme unter dem Banner der »islamischen
Brüderschaft« an der Seite von Mustafa Kemal gegen die
imperialistische Aufteilung der Türkei gekämpft. Der spätere Atatürk hatte die Gründung eines gemeinsamen Staates der Türken und Kurden zugesagt. Doch bei der Friedenskonferenz von Lausanne 1923 waren die Kurden nicht mehr vertreten, ihre Siedlungsgebiete wurden auf die Türkei, Irak, Iran und Syrien aufgeteilt. Nun begann die zwangsweise Türkisierung der kurdischen Bevölkerung. Die kurdische Sprache wurde verboten, selbst die Worte »Kurde« und »Kurdistan« wurden aus dem Wortschaft entfernt. Unter Führung des islamischen Geistlichen Sheikh Said kam es im Winter 1924/25 in der Region Elazig zum ersten Aufstand, bei dem sich reli­giöser Protest gegen die Abschaffung des Kalifats mit der Forderung nach nationalen Rechten für die Kurden verbanden. Die französische Mandatsmacht in Syrien half der türkischen Armee, mit der Eisenbahn von Aleppo Truppen zu
transportieren, so daß der Aufstand im April 1925 vor den
Stadtmauern Diyarbakirs niedergeschlagen werden konnte. 1929 startete die im libanesischen Exil von Intellektuellen und
Feudalherren gegründete Nationalbewegung Xoybun (Unabhängigkeit) am Berg Ararat einen Aufstand. Die vom ehemaligen osmanischen General Ishan Nuri Pasha geführten Partisanen eroberten ein Gebiet bis nördlich von Van und Bitlis. Doch nach einer Einigung zwischen Iran und der Türkei schlugen Truppen beider Länder die
Unabhängigkeitsbewegung im Sommer 1930 nieder, und die türkische Regierung ordnete Massenvertreibungen an. Die Kommunistische Partei der Türkei schätzte als Opfer von Vertreibungen und
niedergeschlagenen Aufständen »mehr als 1,5 Millionen deportierte und massakrierte Kurden« zwischen 1925 und 1938.


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10.06.08    Kurdistan Infos <kigb@gmx.de>
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