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68 a la Turka - Veranstatungen mit 68ern aus der Tuerkei am 13.6. in Koeln und am 15.6. in Berlin

-----Original Message-----
From: coyote-l-bounces@mail.kein.org
[mailto:coyote-l-bounces@mail.kein.org] On Behalf Of Martin Sent: Tuesday, May 13, 2008 9:34 AM Subject: [coyote-l] 68 a la Turka Veranstatungen mit 68ern aus der Türkei am 13. u. 15.6. in Köln u Berlin

„68 a la Turka“
Die vergessene Geschichte der Linken in der Türkei

13. Juni 2008 18:00 Uhr
Köln, Alte Feuerwache, Melchiorstr. 3

15. Juni 2008 15:00 Uhr
Berlin, Statthaus-Böcklerpark, Prinzenstr.1,

mit

Ertugrul Kürkcü (Istanbul)
Oya Baydar (Istanbul)
Ayten Gumusel (Ankara)
Halil Çelimli (Ankara)
Attila Keskin (MG.)
Ragip Zarakolu (Istanbul)

Eine Veranstaltung der „Projektgruppe Türkei“ der Hans Böckler Stiftung

1968 war das Jahr der ersten globalen Revolte. Im Mittelpunkt der Proteste stand der US-Krieg in Vietnam. Die Bewegungen gingen von den Universitäten aus und erfassten die Metropolen in den USA, Lateinamerika, Europa und Asien und fanden ihren Widerhall sogar in Osteuropa, nicht zuletzt in Polen, der CSSR und Jugoslawien. Als die Nachricht von der Besetzung der Sorbonne in Paris in der Türkei bekannt wurde, besetzten Studierende den Campus der Universität Istanbul und in Ankara besetzten Studenten die Technische
Universität. Es kam zu zahlreichen Zusammenstößen mit Polizei und Armee. Der Protest der Studierenden richtete sich zunächst gegen die autoritären Strukturen der Hochschulen, ging aber schnell darüber hinaus. Im Mittelpunkt der Kritik stand vor allem die US-Armee, die in der Türkei zahlreiche Stützpunkte unterhielt und erheblichen politischen Einfluss auf den NATO-Partner ausübte.

Gemeinsam war den Bewegungen ihr antiautoritärer Impetus, die bewusste Regelverletzung und Konfrontation mit der Staatsgewalt, der Wunsch nach sexueller Freiheit und grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen. Die Protagonisten waren Studierende, Schüler und junge Arbeiter und Arbeiterinnen, ihre Ikonen Ho Chi Minh, Che Guevara, Herbert Marcuse, Jimi Hendrix und Jim Morrison. Der Internationalismus war charakteristisch für alle Bewegungen und setzte einen Prozess politischer und kultureller „Globalisierung“ in Gang, der die Alltagskultur veränderte und überall ähnliche politische Gruppierungen entstehen lies. Die grundlegende Kritik am Zustand der Welt und der Vormarsch der Befreiungsbewegungen in der “Dritten Welt” wurden zu Katalysatoren dieser Entwicklung.

Die Bewegungen hinterließen überall Spuren und lösten tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen aus, deren Folgen vor allem im Gedenkjahr 2008 in Deutschland vielfach diskutiert werden. Dabei geraten auch die Bewegungen in anderen europäischen Ländern und in Übersee
ins Blickfeld des Interesses.

Weitgehend unbeachtet in der öffentlichen Debatte hierzulande blieb bisher die 68er-Bewegung in der Türkei. Das ist umso erstaunlicher, weil zahlreiche Protagonisten aus der Türkei als Exilanten in die Bundesrepublik kamen und die zweite und dritte Generation der Einwanderer in allen gesellschaftlichen Bereichen gegenwärtig sind. Die Veranstaltungsreihe „68 a la Turka“ will die Geschichte der 68er-Bewegung in der Türkei sichtbar machen und fragt nach ihren gesellschaftlichen Folgen.

Ziel der Veranstaltungen ist es, die vergessene Geschichte des Aufbruchs von 1968 in der Türkei, ihre Folgen und ihre
internationalen Aspekte sichtbar zu machen. Unsere Gäste sind prominente AktivistInnen der türkischen 68er Bewegung:

Ayten Gumusel und Halil Çelimli waren AktivistInnen der
StudentInnenrevolte an der ODTÜ in Ankara. Sie waren an der Universitätsbesetzung 1968 und an den Landarbeiterkampagnen beteiligt und leben in Ankara.

Ertugrul Kürkcü, Journalist, Istanbul

Kürkcü war ein prominenter Aktivist der 68er-Bewegung und
Vorsitzender der Revolutionären Jugend (Dev Genc). Kürkcü gehörte zu den Gründern der THKP/C und beteiligte sich 1971 an der Entführung von drei ausländischen Technikern um Denis Gezmis und zwei andere zum Tode verurteilte Genossen zu befreien. Er überlebte als einziger das Feuergefecht in Kizildere und war von 1971 bis 1987 in Haft. Seit sei seiner Freilassung ist Kürcü wieder politisch aktiv, gehörte zu den Mitgründern der ÖDP. Er ist Koordinator eines Netzwerks türkischer und kurdischer Regionalzeitungen, BIANET.

Oya Baydar, Schriftstellerin, Istanbul

Baydar studierte in den Sechzigerjahren in Istanbul Soziologie. Als 1968 ihre Doktorarbeit zum zweiten Mal abgelehnt wurde, besetzten die Studenten die Universität. Die Besetzung gilt als Auslöser der Studentenunruhen. Nach dem Militärputsch 1971 war sie sechs Monate im Gefängnis. Nach ihrer Freilassung war sie Herausgeberin der Zeitschrift Ylke und Mitgründerin der „Sozialistischen
Arbeiterpartei der Türkei“. Nach dem Militärputsch im September 1980 lebte sie zwölf Jahre lang in Frankfurt am Main. Unter dem Eindruck des Falls der Berliner Mauer begann die Autorin, die dreißig Jahre lang geschwiegen hatte, wieder zu schreiben. Ihre Kurzgeschichten „Elveda Alyosa“, die sie 1991 veröffentlichte, erhielten 1992 den Sait Faik Geschichten Preis. Nach ihrer Rückkehr in die Türkei 1992 ließ sie sich mit ihrer Familie in Istanbul nieder. Es folgte der Roman Kedi Mektuplari 1993, der im gleichen Jahr auch den Yunus Nadi Preis erhielt. Die Kurzgeschichtensammlung Hicbiryere dönüs erschien 1999. Der Roman Sicak külleri kaldi (Die warme Asche blieb übrig) erschien 2000 und erhielt den bedeutendsten türkischen
Literaturpreis, den Orhan-Kemal-Literaturpreis im Jahr 2001. Es folgte Erguan Kapisi (Das Judasbaumtor) 2004, das mit dem
Cevdet-Kudret-Literaturpreis 2004 ausgezeichnet wurde.

Attila Keskin, Schriftsteller, Mönchengladbach

Keskin studierte an der Technischen Universität in Ankara und beteiligte sich 1968 an der Besetzung der Universität, war
Militanter der THKO, wurde 1971 gefasst und vom Militärgericht zum Tode verurteilt. Nach dem Ende der Militärdiktatur 1974 wurde sein Verfahren neu aufgerollt, er kam frei und ging wieder in den Untergrund. Er war Mitbegründer und leitender Funktionär von Halkin Kurtulusu. 1974 ging er in die Bundesrepublik und setzte seine Parteiarbeit fort. 1985 wurde er wegen seiner Kritik am Leninismus und Dogmatismus der Partei aus der Organisation ausgeschlossen. Er zog sich ins Privatleben zurück und betreibt seitdem zusammen mit seiner Frau ein Obstgeschäft. Attila Keskin verarbeitete sein politisches Leben in mittlerweile sechs Romanen (u.a. 30 Yillik Hasret).

Ragip Zarakolu, Verleger und Publizist, Istanbul

Zarakolu war 1968 an den Studentenprotesten in Istanbul beteiligt und gründete 1971 gemeinsam mit seiner Frau und einen Verlag. Um eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Putsches von 1971 zu ermöglichen, nahmen sie Kontakt zu griechischen Linken auf und übersetzten ein Buch über die Diktatur der Obristen, als Parabel für die politischen Verhältnisse in der Türkei. Der Belge-Verlag, dessen Inhaber Zarakolu ist, übersetzte zahlreiche Werke der Weltliteratur sowie Sachbücher ins Türkische. Zum Programm des Verlages gehören viele deutsche Publikationen. Die Veröffentlichung von Büchern wurde von der türkischen Regierung wiederholt als subversiv eingestuft.

Der Verleger hat es vielen Opfern von Ungerechtigkeit und
Staatsgewalt ermöglicht, von einem breiteren Publikum gehört und gelesen zu werden. In den 70er Jahren verbrachte er drei Jahre im Gefängnis, seine Frau Ayse Zarakolu, hat ebenfalls mehrere Jahre eingesessen. Das Verlagshaus wurde 1995 von Rechtsextremisten bombardiert.

Ayse Zarakolu erhielt 1998 den Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels. Zuletzt begann im Mai 2005 ein Verfahren gegen den Verleger, weil er eine Übersetzung von Erlebnisse eines Armenischen Arztes: Das Izmirer Tagebuch von Garabet Hacheryan von Dora Sakayan veröffentlichte. Die Anklage nach Artikel 159 lautete auf
„Verunglimpfung des Türkentums und der Sicherheitskräfte“. Außerdem war bereits ein Verfahren eröffnet worden, in dem man ihm die „Verunglimpfung des Staats und der Republik“ sowie „Beleidigung des Andenkens an Atatürk“ vorwarf, weil er die türkische Übersetzung eines Buchs von George Jerjian, Die Wahrheit wird uns befreien: Versöhnung von Armeniern und Türken, herausgab. Zarakolu ist Ehrenmitglied des englischen PEN, Gewinner des NOVIB/PEN Free Expression Award 2003 und lebt in Istanbul und New York


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