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In der Tuerkei ist die Internetzensur auf dem Vormarsch

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Schließung pauschal

In der Türkei ist die Internetzensur auf dem Vormarsch

Von Nico Sandfuchs, Ankara

Andere Portale werden verboten. Ein Schicksal, das uns niemals blühen wird!« verkündet die türkische Internetseite mynet, die derzeit um mehr Nutzer wirbt. Gemünzt ist der Slogan auf den Internet-Konkurrenten YouTube, der in der Türkei tatsächlich immer seltener zu erreichen ist. Erst kürzlich hat ein Gericht mal wieder den Zugang zu der Seite gesperrt, weil ein anonymer Nutzer einen Beitrag einspielte, in dem Republikgründer Atatürk durch den Kakao gezogen wird. Bereits zum dritten Mal innerhalb weniger Monate war YouTube aus diesem Grunde für zwei Wochen nicht erreichbar. Und die zeitlichen Abstände zwischen den Sperrungen werden immer kürzer.

Betroffen ist keinesfalls nur das US-amerikanische Videoportal. Seitdem das türkische Parlament im Mai vergangenen Jahres ein restriktives Internetgesetz verabschiedet hat, haben die Fälle von Internetzensur dramatisch zugenommen. Mindestens fünfzig Kultur- und
Nachrichtenportale sind inzwischen in der Türkei nicht mehr erreichbar, auch bekannte ausländische Seiten werden immer häufiger auf Anordnung der Gerichte vom zuständigen Internetbetreiber Türk Telekom gesperrt. So hat es die US-amerikanische Seite slide.com getroffen– ebenfalls mit der Begründung, daß ein anonymer Nutzer Atatürk beleidigt habe. Am vergangenen Donnerstag wurde google groups geschlossen. Der populäre Weblog Publisher WordPress.com ist gar seit August 2007 vom Netz, weil sich die Betreiber bislang weigern, die beanstandeten Inhalt zu löschen.

Daß ganze Portale geschlossen werden, nur weil einzelne
Veröffentlichungen zumeist anonymer Nutzer gegen die restriktiven türkischen Bestimmungen verstoßen, wird von
Nichtregierungsorganisationen scharf kritisiert. »Völlig
unverhältnismäßig« seien die Maßnahmen, kommentierte der
Journalistenverband »Reporter ohne Grenzen«. Für den türkischen Medienverband Basin Konseyi hat die »Sippenhaft«, in die ganze Seiten wegen einzelner Inhalte genommen werden, allerdings Kalkül. Denn dann könne der Staat Internetportale, in denen unliebsame Meinungen veröffentlicht werden, gleich vollständig mundtot machen.

Daß Kritik am Militär oder an Republikgründer Atatürk ein juristisches Nachspiel haben kann, ist in der Türkei nichts Neues. Allein 1533 Menschen landeten im im Jahre 2006 vor Gericht, weil sie in einer Meinungsäußerung das »Türkentum« oder die Streitkräfte beleidigt haben sollen. Doch im Gegensatz zu den Printmedien, wo beanstandete Beiträge in der Regel nur zu Konsequenzen für die Autoren führen, wurde im neuen Internetgesetz die pauschale Schließung ganzer Portale wegen einzelner Inhalte ermöglicht. »Für die Behörden ist das natürlich bequem«, meint der auf Medienrecht spezialisierte Anwalt Fikret Ilkiz. Ende März wurde beispielsweise das alternative Mediennetzwerk Indymedia-Istanbul auf Beschluß eines Militärgerichtes gesperrt. Viele bezweifeln, ob ein Militärgericht zu einem solchen Schritt überhaupt befugt ist. »Bis heute wurde uns außerdem trotz hartnäckiger Nachfrage noch nicht einmal mitgeteilt, warum unsere Seite überhaupt verboten worden ist«,berichten die Betreiber von Indymedia – ein Umstand, der bei der Sperrung ausländischer Portale längst schon zur Regel geworden ist. Hier hat der türkische Gesetzgeber die türkische Telekommunikationsbehörde sogar ausdrücklich dazu befugt, Sperrungen ohne Begründung vornehmen zu dürfen.

Der Journalist Gökhan Bayram befürchtet, daß die zunehmenden Fälle von Internetzensur zwangsläufig zu einem höheren Maß an Selbstzensur durch die Betreiber der Portale führen wird. So wie im Falle des YouTubeKonkurrenten mynet, der potentiell »gefährliche« Inhalte erst gar nicht veröffentlicht und sich deshalb auch nicht der Gefahr einer Schließung aussetzt. Viele der gesperrten türkischen Portale versuchen, die Zensur auszuhebeln. So hat Indymedia inzwischen eine alternative Domain eingerichtet und seine Nutzer aufgefordert, die Blockade durch die Nutzung sogenannter Anonymizer, also durch Umleitungen über ausländische Server, gezielt zu umgehen. »Zensur im Internet ist technisch gesehen sehr schwer umzusetzen«, so Indymedia. »Nur haben das die türkischen Staatsanwaltschaften noch nicht mitbekommen.«

Aus: junge Welt, 15.04.2008

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