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Fernsehtipp:
Türkei: Bedroht und verfolgt – wird die kurdische Partei DTP nun
auch verboten?
Eine Reportage von Michael Enger
Mitarbeit Yavuz Fersoglu
Samstag, 12. April 2008, 19:00 Uhr, ARTE
Schon vor dem Einmarsch der türkischen Armee in den Nordirak
berichteten kurdische Journalisten und Mitglieder der DTP, der
einzigen kurdischen, im Parlament vertretenen Partei, von
Übergriffen und Schikanen durch türkische Behörden und Polizisten.
Die ARTE-Reportage begleitet Abgeordnete der DTP an verschiedene
Wirkungsstätten in Istanbul, Ankara und den kurdischen Gebieten. Sie
berichten von Behinderungen und Übergriffen in einer aufgeheizten,
anti-kurdischen Atmosphäre. Nun droht ihrer Partei ein Verbot - wie
allen anderen kurdischen Parteien vor ihr. Im Vorfeld soll den
DTP-Abgeordneten die Immunität entzogen werden. Für die
Staatsanwälte sind sie schlichtweg der verlängerte Arm der PKK.
Menschenrechtsvertreter und die DTP-Abgeordneten sehen hinter
dem Verbotsverfahren die Fortführung einer Politik, in der die
kurdische Identität, Sprache und Kultur geleugnet wird und die
jeden Kurden als Symphatisanten der Terroristenszene abstempeln
will. Mitglieder der DTP wurden bedroht, ihre Parteibüros
beschossen, auf andere Brandanschläge verübt. Die Staatsanwaltschaft
hat ein Ermittlungsverfahren gegen einen Kinderchor in Diyarbakir
eingeleitet, weil er auf einem Musikfestival in San Francisco ein 68
Jahre altes kurdisches Lied gesungen hat. Die Justiz sieht darin
Werbung für eine terroristische Organisation. Den Kindern drohen bis
zu fünf Jahren Haft. In kurdischen Kulturzentren sind Sprachkurse
für Kurdisch nur unter großen Behinderungen möglich. Statt der von
der Europäischen Union geforderten Unterstützung gab es von
offizieller Seite nur Verbote und Zensur. Die Reportage berichtet
über einige der zahlreichen Fälle von Strafverfolgung kurdischer
Kultur und Sprache.
“Solange die Lösung der kurdischen Frage in der Türkei nicht auf
der Tagesordnung steht, wird es keinen Frieden und keine Demokratie
in diesem Land geben“, erklärt Ahmet Türk, Fraktionsvorsitzender
der DTP, die mit 20 Abgeordneten im türkischen Parlament vertreten
ist.
Gericht nennt Ugur Kaymaz PKKler
In der Anklageschrift in einem Prozess gegen fünf Studierende in
Diyarbakir wird der zwölfjährigen Ugur Kaymaz, der gemeinsam mit
seinem Vater 2004 in Kiziltepe von Sicherheitskräften erschossen
worden ist, als „Organisationsmitglied, der bei einer Schießerei mit
den Sicherheitskräften tot gefasst wurde“ bezeichnet. Den
Studierenden, die an einer Gedenkfeier für den Fünftklässler
teilgenommen hatten, wird deswegen „Werbung für eine terroristische
Organisation“ vorgeworfen. Weiterhin sollen die fünf Mitglieder des
Studierendenvereins der Dicle-Universität sein, sich an Kundgebungen
an der Uni beteiligt, kurdische Märsche gesungen und ein Transparent
auf dem Campus aufgehängt haben: „Krieg ist Wahnsinn, wenn er nicht
aus sehr tiefen Widersprüchen resultiert“. Der Prozess wird in den
kommenden Tagen vor dem 5. Gericht für schwere Straftaten in
Diyarbakir beginnen.
Quelle: ANF, 09.04.2008, ISKU
Türkei und Iran im Konkurrenzkampf um Zeitungsverbote
Die Medienzensur in der Türkei und im Iran greift um sich. Im Iran
wurden seit Anfang des Jahres 17 Zeitungen verboten, in der wurden
neun vorübergehende Erscheinungsverbote gegen kurdische Medien
ausgesprochen. Am 1. Januar befanden sich zehn Journalisten im Iran
in Haft, in der Türkei sind es zurzeit 24.
Quelle: ANF, 09.04.2008, ISKU
29 Frauen bei Razzien gegen PKK festgenommen
Die belgische Polizei durchsuchte mutmaßliche Büroräume der
verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK). Bei den Razzien wurden
29 Frauen festgenommen, wie der Fernsehsender VRT berichtete. Die
Frauen verschiedener Nationalitäten würden verdächtigt, an
Trainingsmaßnahmen der PKK in der Umgebung der Stadt Verviers
teilgenommen zu haben. Alle Frauen wurden wieder freigelassen.
An den Razzien in Brüssel, Verviers und Gemmenich nahmen rund 100
Beamte der belgischen Antiterroreinheit sowie örtliche Polizisten
teil. Dokumente und Computer sollen beschlagnahmt worden sein.
Quelle: AP/ANF, 04./06.04.2008, ISKU
junge Welt, 09.04.2008
Drei Wochen nach dem kurdischen Newroz: Auch Kinder und Jugendliche
weiter in Haft
Von Nick Brauns
Ankara. Nach den schweren Polizeiübergriffen auf kurdische
Newrozfeste in der Türkei (Archivfoto von Verhaftungen in Istanbul
am 25. März) vor knapp drei Wochen befinden sich selbst Kinder und
Jugendliche immer noch in Haft. In Polizeigewahrsam soll es auch zu
körperlichen Mißhandlungen und Folter gekommen sein. So wird, nach
Angaben der kurdischen Gemeinde in Bayern vom Montag, trotz schwerer
Verletzungen der 14jährige Cuneyit Ertus ohne ärztliche Versorgung
im Gefängnis festgehalten.
Auf den Fall des Jungen wiesen auch Aufnahmen des kurdischen
Fernsehsender Roj-TV hin. Darauf war zu erkennen, wie Angehörige
einer Polizeispezialeinheit in Zivil dem 14jährigen am 23. März in
Yüksekova den Arm nach hinten bogen und mutmaßlich brachen. Zu hören
war ein Polizisten namens Turgay Sen, der rief: »Die Arme, die
Steine schmeißen, brechen wir.« Anschließend, so hieß es, wurde der
Junge verhaftet und auf der Polizeistation erneut gefoltert. Wie
sein Anwalt Nevzat Anuk erklärte, hat Ertus, der ins Gefängnis
Bitlis überführt wurde, bis heute keine ausreichende medizinische
Versorgung erhalten. Ein Arzt bestätigte anhand der
Fernsehaufnahmen, das das Ellbogengelenk gebrochen und Bänder und
Sehnen zerrissen seien. Nach Informationen von Roj TV befinden sich
noch weitere Kinder und Jugendliche in Haft.
Wie die im türkischen Parlament vertretene kurdische Partei für eine
Demokratische Gesellschaft (DTP) in einer aktualisierten Bilanz
bekanntgab, sind seit dem Newroz-Fest türkeiweit knapp 2000 Personen
festgenommen worden. 402 Personen haben inzwischen einen Haftbefehl
erhalten.
04.04.2008 / Ausland / Seite 7
Zum Inhalt dieser Ausgabe |
Sieg für die PKK
Arbeiterpartei Kurdistans zu Unrecht auf der Terrorliste. Rüge des
Europäischen Gerichtshofs für den Rat der Europäischen Union Von
Nick Brauns Die Arbeiterpartei Kurdistans PKK und der aus ihr
hervorgegangene Volkskongreß Kurdistans Kongra Gel werden zu Unrecht
auf der Terrorliste der Europäischen Union aufgeführt. Mit diesem
Urteil gab die Siebte Kammer des Europäischen Gerichtshofs in
Luxemburg am Donnerstag dem Kongra-Gel-Vorsitzenden Zubeyir Aydar
sowie Osman Öcalan, dem Bruder des in der Türkei inhaftierten
ehemaligen PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan, als Kläger recht. Die
Europäische Union habe ihre Aufnahme der PKK 2002 und des Kongra-Gel
im Jahr 2004 in die Liste nicht ausreichend begründet, erklärte das
Gericht seine Entscheidung mit Verfahrensfehlern.
Die schwarzen Listen mit Organisationen und Einzelpersonen, die als
»terroristisch« eingestuft werden, waren nach den Anschlägen vom 11.
September 2001 vom Rat der Europäischen Union eingeführt worden. Die
EU-Staaten wurden damit verpflichtet, Gelder der Aufgelisteten
einzufrieren und sicherzustellen, daß diesen keine wirtschaftlichen
Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Neben einer Liste, die
Al-Qaida und die Taliban betrifft, finden sich auf einer weiteren
Liste mit rund 50 Gruppierungen unter anderem die palästinensische
Hamas und die Volksfront zur Befreiung Palästinas PFLP, die
kolumbianische FARC-Guerilla, die Revolutionäre
Volksbefreiungspartei/Front DHKP-C aus der Türkei, die baskische ETA
inklusive ihrer angeblichen Teilorganisation Batasuna sowie die
Kommunistische Partei der Philippinen. Die Liste »terroristischer«
Einzelpersonen enthält über 50 Namen von mutmaßlichen Islamisten und
ETA-Aktivisten.
Schon ein vager Verdacht reiche aus, um als unbescholtener Bürger
auf die Terrorlisten zu kommen, hatte der Sonderermittler des
EU-Ministerrats, Dick Marty, in einem Mitte November 2007
vorgelegten Bericht kritisiert. Eine Auflistung bedeute »eine Art
von Todesurteil« für Privatpersonen, deren Konten gesperrt würden
und die nicht mehr ins Ausland reisen dürften, so der liberale
Schweizer Abgeordnete. Die Betroffenen würden meistens nicht über
ihren Eintrag informiert und angehört. Marty forderte daher eine
unabhängige Instanz zur Prüfung, ob ein Eintrag auf einer
Terrorliste auch gerechtfertigt sei.
Der Europäische Gerichtshof hat den EU-Rat bereits mehrfach wegen
der Verletzung von Verteidigerrechten einzelner auf der Terrorliste
genannter Organisationen gerügt. Im Juli 2007 gab der Gerichtshof
den Klagen der niederländischen Al-Aksa-Stiftung und des
Vorsitzenden der Kommunistischen Partei der Philippinen, Jose Maria
Sison, statt. Daß ein solcher Sieg vor Gericht in der Praxis wenig
bringt, beweist das Beispiel der iranischen Oppositionsgruppe
Volksmudschaheddin. Im Dezember 2006 hatten sich die
Volksmudschaheddin erfolgreich von der Terrorliste geklagt, da sie –
so der Europäische Gerichtshof – bislang keine Möglichkeit hatten,
sich gegen ihre Einstufung als Terrororganisation zu wehren. Dies
hinderte das hinter verschlossenen Türen tagende Gremium des EU-Rats
nicht, die Organisation in einer aktualisierten Neufassung der Liste
wieder aufzuführen. Zu befürchten ist daher, daß das Luxemburger
Urteil keine positiven Folgen für den Kongra-Gel haben wird. Ein
EU-Vertreter bekräftigte, daß die PKK auf der Liste bleiben werde.
In Deutschland ist Kongra-Gel außerdem aufgrund des PKK-Verbots
illegal.
junge Welt, 08.04.2008
Gib mir fünf Verfahren
Der kurdische Protestmusiker Ferhat Tunç spielte und diskutierte in
Berlin
Von Anja Hotopp
Merhaba« heißt »Guten Tag« auf türkisch. Wenn Ferhat Tunç es zu
Beginn seiner Konzerte singt, klingt es wie die Aufforderung, etwas
zu bewegen. Das ist auch das Ziel des kurdischen Protestmusikers und
Autoren. In der Türkei ist er ein Popstar, der den
gesellschaftlichen Wandel seines Landes beschleunigen will. Letzte
Woche war er als Aktivist von »Freemuse« in Berlin. Diese
internationale Musikerinitiative setzt sich für zensurfreie Kunst
ein. Erst gab Tunç zusammen mit Hans-Eckardt Wenzel und Konstantin
Wecker ein Konzert in der Passionskirche, dann diskutierte er bei
der Heinrich-Böll-Stiftung über die politische Zensur in der Türkei.
Für die türkischen Machthaber, das heißt sowohl für die islamische
Regierung als auch für die kemalistische Justiz, gilt Tunç als
Vertreter der gefürchteten drei K: Kurde, Kommunist und Kzlbas
(Rotkopf). Letzteres ist die Bezeichnung für die große
Religionsgruppe der Aleviten in der Türkei. Dabei geht es Tunç in
seinen Liedern, die er auf türkisch und kurdisch singt, um
Solidarität und Verständigung. Das meint er ganz praktisch. Letztes
Jahr übergab er zusammen mit dem Filmemacher Umur Hozatl einen von
der kurdischen Guerilla gefangenen türkischen Soldaten den Behörden
– zur Erleichterung der Familie des Soldaten. daraufhin wurde er
wegen staatsfeindlichem Verhalten angeklagt. Zur Zeit sind fünf
Verfahren gegen ihn anhängig. Sei es, weil er in einer
Zeitungskolumne für die Freilassung von Leyla Zana eintrat, der
Ikone der kurdischen Demokratiebewegung, die zehn Jahre im Gefängnis
saß, weil sie es 1991 gewagt hatte, als frischgewählte
Parlamentarierin ihren Amtseid auf türkisch und kurdisch zu
sprechen, oder sei es wegen der Songtexte seiner erfolgreichen
Protestmusik.
Ein Lied von Hans-Eckardt Wenzel heißt »Die Zeit der Irren und
Idioten«. Bei ihrem gemeinsamen Konzert am Donnerstag erinnerte Tunç
mit einem armenischen Stück an seinen ermordeten Freund, den
armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink. Andere Lieder
handelten vom Todesfasten der politischen Gefangenen und von der
Zerstörung der kurdischen Landschaft. Unter dem Vorwand der
Terrorismusbekämpfung werden Dörfer entvölkert, Bergwälder abgeholzt
und Flüsse aufgestaut. Als er eines der bekanntesten Lieder von
Ahmet Kaya anstimmte, war das Publikum begeistert. Kaya war der
König der türkischen Protestpoeten. Der Marxist wurde außer Landes
getrieben und starb 2000 im Pariser Exil nach einem Herinfarkt.
Tunç besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Als er 15 war, kam er
mit seiner Familie nach Rüsselsheim. Erst sechs Jahre später kehrte
er in die Türkei zurück. Anfang der 80er Jahre lernte er in
Frankfurt/Main den US-Musiker Darnell Summers kennen, einen
Jazz-Drummer und Vietnam-Veteranen, der für einen angeblichen
Polizistenmord unschuldig im Gefängnis gesessen hatte und nach einer
internationalen Solikampagne freigekommen war. Mit Summers tourte
Tunç in einer amerikanisch-griechisch-kurdischen Band durch Europa.
Überraschend betrat auch Summers am Donnerstag die Bühne und
schmetterte mit Wenzel, Tunç und Wecker »Bella Ciao« auf türkisch,
deutsch und italienisch.
Am Freitag saß Tunç dann in der Heinrich-Böll-Stiftung und
diskutierte mit dem Islamwissenschaftler Udo Steinbach und dem
grünen Europaparlamentarier Cem Özdemir die aktuelle türkische
Politik. Regelmäßig kollidiert er mit dem türkischen
Strafgesetzbuch, dessen Gummibandparagraphen gegen ihn ausgelegt
werden. Konnte beispielsweise der frühere Putschgeneral und
Staatspräsident Kenan Evren mit beginnender Altersweisheit
öffentlich Türkei – Kürtei (Kürt = türkisch für Kurde) reimen, hätte
ein solches Wortspiel für Tunç wahrscheinlich ein neues Verfahren
nach sich gezogen, meinte Steinbach. Trotzdem seien die politischen
Verhältnisse in der Türkei unübersichtlicher, als man hierzulande
gemeinhin annimmt. So gebe es in der angeblich sozialdemokratischen
CHP kaum Sozialdemokraten und in der Regierungspartei AKP nicht nur
islamische Hardliner, aber gewiß auf beiden Seiten stramme türkische
Nationalisten. Laut Özdemir sei das für Außenstehende kaum
nachvollziehbar.
Sicher ist nur, daß es in der Türkei brodelt. Für Regierungschef
Recep Tayip Erdogan sind Kopftücher wichtiger als die Kurdenfrage.
Kommt er nach Deutschland, warnt er die hier lebenden Türken vor der
Assimilation, während türkisches Militär wieder einmal in die
kurdischen Berge zieht, um »terroristische PKK-Zellen« auszuheben.
Innenpolitisch werden die Daumenschrauben derzeit wieder fester
angezogen, was vor allem Künstler und Intelektuelle, Aleviten und
Kurden zu spüren bekommen. Währenddessen steht die Regierungspartei
AKP kurz davor, höchstrichterlich für illegal erklärt zu werden,
weil sie für den kemalistischen Staat zu religiös ist. Nach
Steinbach wird sie innerhalb der nächsten sechs Monate verboten. Und
dann? Dann singen alle im Chor: »Das ist die Zeit der Irren und
Idioten.« Auf der Bühne in der Passionskirche fragte Wenzel, ob dies
nicht die Chance für eine politische Globalisierung neuer Art sein
könnte: In Polen sei gerade eine Regierung frei, die wäre zwar nicht
besser, aber billiger.
ISKU | Informationsstelle Kurdistan e.V.
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