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Nützliche Nachrichten 3/2008
Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,
wir übersenden die aktuelle Ausgabe
der Nützlichen Nachrichten und hoffen
auf Euer/Ihr Interesse.
Wie immer hier der reine Text als Mail und eine
gestaltete PDF-Fassung zum Ausdrucken.
Frühere Ausgaben sind abrufbar unter:
http://www.dialogkreis.de/nn.htm
Informiert / informieren Sie uns bitte, wenn wir
weitere Interessierte in den Verteiler aufnehmen
oder auch eine Adr. streichen sollen.
Freundliche Grüße
Dialog-Kreis
"Die Zeit ist reif für eine politische Lösung im
Konflikt zwischen Türken und Kurden"
Postfach 90 31 70, D-51124 Köln,
Tel: 02203-126 76, Fax: 02203-126 77
Spendenkonto: Dialog-Kreis,
Kontonummer 9152539, BLZ 370 501 98, Sparkasse Köln
Redaktion: Andreas Buro, Barbara Dietrich, Mehmet Sahin,
Luise Schatz und Mani Stenner
Redaktionsschluss: 29. Januar 2008
dialogkreis@t-online.de, www.dialogkreis.de
Nützliche Nachrichten 3/2008
In eigener Sache
In der Notausgabe der Nützlichen Nachrichten haben wir kurz
berichtet, dass im Büro des Dialog-Kreises Anfang März gezielt
eingebrochen wurde und Computer und Laptop gestohlen
wurden.
Daraufhin bekamen wir von etwa 200 Leserinnen und Lesern
Solidaritätsbekundungen, wofür wir uns vielmals bedanken.
Neun Freundinnen und Freunde haben für den Kauf eines
Computers insgesamt 820,00 EUR gespendet. Wir bedanken
uns auch bei ihnen sehr für diese großartige Hilfsbereitschaft.
Da wir angefangen haben über unsere Finanzen zu sprechen, ist
es angebracht, unseren Leserinnen und Lesern, FreundInnen
des Dialog-Kreises mitzuteilen, dass für unsere laufenden
Kosten – Miete, Telefon usw.- fünf FreundInnen monatlich in
Höhe von 35,00 EUR spenden. Es ist offenkundig, dass es mit
diesen geringen Mitteln nicht einmal die Büromiete finanziert
werden kann. In dieser finanziellen Notsituation möchten wir zur
Erwägung bringen, über einen kontinuierlichen Dauerauftrag in
Höhe von z.B. 5,00 oder 10,00 EUR nachzudenken und uns zu
helfen, aus dieser Sackgasse herauszukommen.
Ihre Redaktion
Einige Wortmeldungen zum Einbruch
Hier meine Antwort auf Eure schlimme Nachricht!
Das wundert Euch sicherlich nicht, dass Ihr bestimmte
Interessenten stört mit Euren Recherchen und sehr
abgewogenen Schlussfolgerungen und Öffentlichkeitsarbeit. Ihr
müsst die Tatsache des gezielten Einbruchs öffentlich bekannt
machen, auch den BT-Abgeordneten und Regierungsvertretern!
Es sind ja möglicherweise bestimmte Stellen beteiligt, die auch
mit unseren Steuergeldern finanziert werden.
Also: dranbleiben und den Abonnentenkreis erweitern.
Michael Held, Sprecher der Friedensinitiative Hersfeld-Rotenburg
Hallo Andreas und Mehmet!
Bâr maden! Em têna!
Angela
Mit Dank für Ihre wichtige Arbeit,
Jens-Uwe Thomas, Flüchtlingsrat Berlin
Lieber Andreas, das fordert zumindest eine Strafanzeige. Die
Frage eines technischen
Laien: Kann man die Festplatte so verschlüsseln/sichern, dass
Diebe damit nichts anfangen können?
Ich überweise 20 €. Herzliche Grüße, Ulrich Frey
(Anmerkung von Mani: Ja, z.B. mit PGP (pretty good privacy),
das je nach Ausführung eine sehr hohe Verschlüsselungsdichte
hat. Für Diebe reichts jedenfalls, für Dienste bedeutet es
wahrscheinlich wochenlange Arbeit)
Kekê birêz û delal Memo Shahîn,
êvar bash. Min îro nameya Te xwend, dilê min hate sotin. Lê, ez
têgiham ku dijmin zanin Tu Memoyî û tevgera rizgarîxwaza
Kurdistanê Zîna Te yî. Xwestin dilê ked û xebata Te bidizin û
mesha pêvajoya Te rawestîn in.
Lê, ew hesabê ku dikin pir shashî. Ji ber dilê me tevan dilê Te yî,
ew qet nikarin dilê miletekî bidizin. Heger keda 13 salan ji Te
dizîn, nikarin vîn û dyaxê bidizin, nikarin berxwedan û jiyanê
bidizin.
Ez ne bawerim ku karibin vîn û deyaxa Te, evîn û dilgirtina Te ji
welat û miletê Te re bidizin.
Wê roj hilê, wê taristan here. Hingê em karin her tishtin ku ji me
hatine dizîn vegerîn in.
Sed hezar car shukir ji xwedê re ku destin dizan ne gihan canê
Te. Ku her dem di xizmeta xebat û berxwedana ji bo vî miletî sax
bî di xêr û xweshiyê de.
Tu her bimîne di nava xêr û xweshiyê de.
Di gel ciwantirîn rêz û silav, xushka Te
Bêwar, aus Syrisch-Kurdistan
Lieber Memo, ich würde Euch gerne helfen, aber wir haben auch
nur noch zwei funktionsfähige Computer.
Ich wünsche Euch viel Kraft, um diesen Einbruch zu überwinden.
Herzliche Grüße, lale konuk
Silav, Kek Memo, gelek derbasî be. Ez gelek li ber te ketim. Ez
hêvîdar im tu rojek berî rojekê ji bin bandora vê kiryara ne xwes
derkevî. Bi min gelek giran hat. Gelek silav û rêz
Rosan, Diyarbakir
Lieber Memo Sahin,
individuelle Bedrohungen sind ein wesentlicher Bestandteil
unseres kurdischen Lebens geworden, so, dass wir zu oft dazu
neigen, jeden dieser Akte zu banalisieren. Aber jedes Einzelne
für sich verletzt unsere Integrität und Souveränität im
Wesentlichen. Schlimmer noch, mit ihrer allgegenwärtigen
Anwesenheit und stupiden Selbstherrlichkeit widern sie uns auch
noch tagtäglich an; die Lügner, die Diebe, Heuchler, Mörder und
Leichenschänder.
Kopf hoch lieber Freund! Sie haben nie verstanden, dass wir
nicht Ihres Gleichen sind! Denn Menschen mit Würde wird es
immer geben, egal was sie anstellen!
Die besten Wünsche an alle anderen Freunde und Freundinnen
vom Dialogkreis.
Mit solidarischen Grüssen, Mem Alan
viel Mut für die Zukunft!
Joachim Schaefer
Hevalê hêja, bi rastî shêlandina nivîstgeha te, ez gelekî
êshandim. Dîsa ez bawer dikim te ew arshîvên xwe, bi hezar
hewl, ked û xebata salan bi dest xistibûn. Lê mixabin, dijminê me
her demê di kemînê de ye û dixwaze hemû nirx û destkeftiyên
me yên heyî, tune bike. Lê divê em moralê xwe xera nekin. Dîsa
ez hêvidar im û bawer dikim tuyê arshiveke ji ya berê xurtir ava
bikî.
Carek din dibêjim derbazî be û li gel rêz û silavên ji dil.
Fevzi Özmen
Anwort auf Ihre Notausgabe
und danke für Ihre Arbeit und auch von mir trotz alledem ein
frohes Osterfest. Ingrid Fröhlich-Groddeck
Liebe freunde,
ich bedauere es zutiefst, dass im Büro eingebrochen worden ist
und hoffe, dass Sie sich schnell wieder sammeln um Ihre
unschätzbare und wichtige Arbeit fortführen zu können.
mit solidarischen Grüßen, Ayfer Yildirim
Hallo Mehmet, es tut mir leid, dass sie das Büro überfallen
haben. Es tut gut vorsichtig mit Vermutungen zu sein, aber wie
heisst es bei der Kriminalpolizei "wir ermitteln in alle
Richtungen"... . Her sey olabilir.
Ich schaffe es nicht mehr vorm Urlaub etwas zukommen zu
lassen, weil wir bald fahren. Wir fahren zum Newrozfest nach
Amed und wollen so einige Leute in Diyarbakir besuchen und
wenns klappt ein bisschen rumfahren.
Nach dem Urlaub melde ich mich - vielleicht versuche ich auch
einen Reisebericht zu schreiben, den man vielleicht auch
veröffentlichen kann.
Liebe Grüße auch von Ali, Dorothee
Dema We xwash bi rêz Shain.
Her mehe Ozel Buro gefan li min duxe. Qet ne xeme. Ew
xishkirina, diziya wan nishana hin projeyane. Pewiste em be
tedbir neminin. Kopyayen shixulen xwe zedekin i daynin ciyenshunen
cuda. Biminin xweshiye de.
Evina Kocgiriye, Schweiz
Liebe Herausgeber,
Ich wünsche Ihnen jetzt viel Mut, weiter zu machen, die
Nachrichten sind immer sehr Nützlich.
Rian Ederveen, NL-Utrecht
Be rasti Mirov, ziyatr handedre ke le berambery Dujminan u
Neyarani Kurd u Kurdistan da, hest be erk u berprsiyaryeti bik.
Be rasti be daxim bo Meshki, Neyarani Kurd, ke wa bir
dekenewe, eger em core karane biken, detwanin ke deskewt u
berhemi Kurdekan le naw berin.
Kak Memo, xebat u tekoshani to, bote druyek bo chawi
neyaranman u hiwadarim ke ewe be hergiz bem core be
serhatane nebezin u herdem dreje der bin be kar u chalaki, bila
ziyatr dirk bichete naw chawi neyarani Kurd.
Silaw u rez, Shamzin JIHANI, Iranisch-Kurdistan
Ganz schlimm, was euch da passiert ist. Aber ich finde, jetzt
sollte man erst recht weitermachen. Hier meine Daten.
Gruß, Rechtsanwältin Gülsen Celebi
Sorry für Euren Computer - überweise morgen 50 Euro für einen
neuen!
Regina Hagen, Darmstädter Friedensforum
Wir hoffen, dass Ihr bald wieder normal weiterarbeiten könnt.
Alles Gute, Bruska Ibrahim, KNC
Rojbas hevalèn hèja,
das tut mir sehr leid und muss ja wohl als Angriff auf Ihre
ausserordentlich gute, informative, objektive und
friedensfördernde Arbeit gewertet werden. Schande über die
Täter!
Ich werde Ihnen gerne etwas spenden und grüsse Sie -viel Kraft
wünschend- herzlich
bi silavèn germ
Waltraud Weber, fsk-swiss kurdish alliance
Liebe Redaktion
Hiermit die erbetene Rücksendung - und besten Dank für die
Nachrichten. Die Einbruchsgeschichte erinnert mich an einen
solchen Einbruch vor Jahren in Theodor Eberts Uni-Büro ...
Mit bestem Gruß, Wilhelm Nolte, AFK-Geschäftsführung
Liebe Friedensfreunde!
Ich ärgere mich mit Euch - wg Einbruch. Hier zugleich meine
Email-Adresse!
Kopf hoch, und weiterhin gute Arbeit!
Euer Helmuth Prieß
Lieber Andreas Buro, lieber Mehmet Sahin,
mit Bedauern und empört habe ich Ihre Information über den
Einbruch gelesen.
Ich wünsche dem Dialog-Kreis zügige Aufklärung, natürlich aber
möglichst baldige Verarbeitung der Verluste und der
Arbeitsfähigkeit nach dem Vorfall.
Mit freundlichen Grüßen, Gabriele Metzner
Lieber Mehmet Sahin und Freunde!
Was für eine Schweinerei ...
Egal, ob jemand Euch schädigen oder Eure Daten wollte,
hoffentlich wird er / werden sie erwischt. Hoffentlich könnt Ihr
bald wieder normal weiter arbeiten.
Herzliche Grüße, Gabi Tuljus
Missionszentrale der Franziskaner
Sorry, für den Einbruch, laßt Euch nicht unter Druck setzen oder
einschüchtern.
Viele Grüße, Wolfgang
Hallo liebe Redaktion,
habe Ihre Mail mit Bedauern gelesen. Man kann nur hoffen, daß
die Ermittlungsbehörden schnell und gut arbeiten.
Alles Gute aus Baden wünscht Ihnen
Eren Dogan
Hallo Memo, Danke für die Nützlichen Nachrichten, die wir an
Vorstand und Arbeitsausschuss weitergeleitet haben. Ich hoffe,
Ihr seid bald wieder arbeitsfähig.
Alles Gute und herzliche Grüße
Elke Steven, Komitee für Grundrechte und Demokratie
... das ist ja bitter!
Beste Grüße! Theo Christiansen
Viele Grüße & gute Nerven beim Aufarbeiten des Einbruchs
Roland Röder, AKTION 3.WELT SAAR
Memo keko, ez bi helwest û xebata Te serbilind im, ji xwe jiyan
bawerî û xebat e. Ev hêrîsha dijmin, dîse diyar dike, ku Te bi
xebata xwe ew xistine nav tirseke mezin de. Xebata Te shûjineke
sincirî ye di chavên dijmin de.
Rûmet û serbilindî ya me ye, rûreshî û shremezarî ya dijminê me
ye, ya "dizan" e.
Herbijîn welatparêzên Kurdistanê
Bi rêz û silavên min re, Dr. Zerdesht Haco
Kekê hêja Memo Shahîn, bi rastî jî cihê mixabiniyê û xemgîniyê
ye, ku hemû dokûment û belgeyên te ji dest te çûne. Wisa tê
xuyakirin, ku ev karê krîmînel ji zû da hatiye pilankirin. Gelek
mixabin, ku te kopiya dokûment û belgeyên xwe neparastine.
Divêt mirov herdem kopiya tishtên xwe li cihekî din biparêze…
Li gel rêz û silavan, Mustefa Rechid
Der Kommentar
Liberale wenden sich von Erdogan ab
von Kai Strittmatter
Das Reformlager in der Türkei ist beunruhigt. Es verdächtigt die
Regierung von Tayyip Erdogan, neuerdings mit den Generälen
und dem „alten System" gemeinsame Sache zu machen.
Es war schon eine kuriose Romanze zwischen der türkischen
Regierungspartei AKP und den Liberalen des Landes. Dass es
eines Tages zum Krach kommen würde, muss beiden Partnern
klar gewesen sein: hier die ehemaligen Islamisten aus der
Provinz, die für ihre anatolische Klientel, die aufstrebende
konservative Bourgeoisie, einen Platz in der Republik zu
erkämpfen suchten. Und dort die urbanen Liberalen, die von
einer europäischen Türkei träumten. Irgendwann merkten die
beiden, dass sie einen gemeinsamen Feind hatten: den
autoritären türkischen Staatsapparat und seine rückwärts
gewandte Ideologie, den Kemalismus. Und als sie sich darauf
einigten, dass die besten Waffen gegen diesen Gegner der
Beitritt zur EU und die Demokratie seien, da nahmen sie sich an
der Hand und traten ihm gemeinsam entgegen. Als die AKP im
letzten Sommer die absolute Mehrheit im Parlament gewann –
gegen alle Attacken des Militärs und der Nationalisten –, da
jubelten auch viele Liberale.
Nun aber droht der Bruch. Liberale Kolumnisten, Intellektuelle
und Bürgerrechtler drohen der AKP die Unterstützung
aufzukündigen. Tiefe Enttäuschung hat sich breit gemacht. Die
AKP, so die Kritiker, kümmere sich nicht mehr um Reformen.
Dabei werfen ihr die einstigen Sympathisanten nicht die
Hinwendung zum Islamismus vor, nein, in den Augen des
Menschenrechtsanwalts Orhan Kemal Cengiz ist das Problem
vielmehr dies: „Die AKP ist dabei, sich mit dem alten System zu
arrangieren."
Futter liefert die AKP ihren Kritikern genug: EU-Initiativen?
Fehlanzeige. Die versprochene zivile Verfassung? Im Schrank.
Die angekündigten Reformen für die Kurden? Bislang nicht in
Sicht. Stattdessen liess die Regierung dem Militär freie Hand
zum Einmarsch in den Nordirak. 100 prominente Europafreunde
veröffentlichten Anfang März einen Brandbrief, in dem sie der
Regierung vorwarfen, ihre „Versprechen gebrochen" und das
Europaprojekt auf Eis gelegt zu haben. Die AKP habe zwar das
Jahr 2008 zum „Jahr der EU" ernannt, klagt einer der
Unterzeichner, der Kolumnist Mehmet Ali Birand, tatsächlich aber
schere sich die Partei „einen Teufel um Europa"…
Natürlich ist die AKP kein monolithischer Block. Sie hat Liberale
in den eigenen Reihen. Ein Parlamentsabgeordneter der AKP,
der anonym bleiben möchte, begrüsste in Ankara dem „Tages-
Anzeiger" gegenüber den Brandbrief der Intellektuellen: „Der
Brief kommt zur rechten Zeit. Er gibt uns Rückenwind."
Rückenwind, den die Europafreunde in der Partei offenbar nötig
haben. Ein paar Jahre lang war die Allianz zwischen AKP und
Liberalen sehr fruchtbar für beide Seiten. Vor allem in den
Jahren 2003 und 2004, als die AKP die Türkei europatauglich
machen wollte, durften sich die Türken über mehr Freiheiten und
Bürgerrechte freuen. Die AKP wiederum hatte in den Liberalen
einflussreiche Fürsprecher in Europa, wo man Politikern wie
Tayyip Erdogan und Abdullah Gül ihrer Wurzeln im politischen
Islam wegen zunächst misstrauisch begegnete. Eine Zeit lang
profitierte die AKP zudem von einem Solidarisierungseffekt: Sie
war einerseits Regierungspartei, konnte sich gleichzeitig aber
auch als verfolgte Unschuld und Opfer der alten Mächte in
Armee und Staatsapparat verkaufen.
Seit den triumphalen Wahlsiegen im letzten Jahr wirken diese
Ausreden nicht mehr. „Viele fragen: Wenn nicht jetzt, wann
dann?", sagt Sahin Alpay, ein liberaler Istanbuler Politologe und
Kolumnist für die AKP-nahe Zaman: „Es gibt seit den Wahlen
riesige Erwartungen. Zum 301. Zu Europa. Und vor allem zum
brennendsten Problem – der Kurdenfrage."
Dass Regierungschef Erdogan die Türkinnen zum
Kindergebären auffordert, dass seine Regierung für Ende März
ein neues Alkoholverbot für gemeindeeigene Lokale erlassen
hat, dass die AKP angekündigt hat, einem Urteil des höchsten
Gerichts zur Abschaffung des obligatorischen
Religionsunterrichtes nicht Folge leisten zu wollen, das alles ist
für die meisten nicht wirklich eine Überraschung: Erdogans
Partei mag lange die Kraft der Modernisierung gewesen sein,
aber sie hat nun einmal eine tief konservative Klientel…
Viele konstatierten hernach zudem die merkwürdige
Zurückhaltung der Armee im Kopftuchstreit. Noch 2007 waren
die Generäle die schärfsten Kritiker der AKP gewesen und hatten
unablässig vor der "Zerstörung der säkularen Republik" gewarnt
– und jetzt: kein Ton. Kurz darauf kam der Einmarsch in den
Nordirak, diesmal begleitet von armeefreundlichen Hurrarufen
aus der Regierung. Ob es etwa eine geheime Absprache
zwischen AKP und Armee gebe?, fragten daraufhin einige.
Es gibt unterschiedliche Erklärungen für den Stillstand der AKP.
"Die EU bremst den Türkeibeitritt; die EU-Unterstützung im Volk
sinkt; die Zwischenrufe von Nationalisten und Bürokratie werden
lauter", sagt der Politologe Sahin Alpay. Er bedauert auch den
Weggang von Abdullah Gül ins Präsidentenamt: "Gül war der
Reformmotor in der AKP. Jetzt hat er den Kontakt verloren."
Anwalt Orhan Kemal Cengiz sieht die AKP in eine Falle tappen:
"Solange die AKP wusste: Die Armee muss in die Baracken
zurück, solange überschnitten sich unsere Wege. Aber jetzt sind
sie müde. Sie haben den Antrieb verloren. Gleichzeitig hegen sie
die Illusion, sie hätten schon die Macht und das Zentrum
besetzt." Ein gefährlicher Irrtum, meint Cengiz. Die AKP scheine
die Lektionen der Vergangenheit vergessen zu haben. „Die
Lektion heisst: Es gibt nur eine Macht, gegen die die alten Kräfte
machtlos sind – und das ist die Verteidigung von Demokratie und
Menschenrechten von allen Bürgern." Aber auch die Liberalen
hätten sich in Illusionen gewiegt: "Die Sache ist doch die: Die
AKP war immer eine stockkonservative Partei. Wir haben einfach
viel zu viel von ihr erwartet."
(Kai Strittmatter in Tagesanzeiger-Schweiz, 12.3.08)
Ereignis-Kalender
Gesetzentwurf zur Minenräumung im Grenzgebiet zu Syrien
Ein vom Finanzministerium entwickelter Gesetzentwurf sieht vor,
dass im Gegenzug für ein bis zu 44-jähriges landwirtschaftliches
Nutzungsrecht Privatunternehmen die Räumung von Mienen und
Altmunition im türkisch-syrischen Grenzgebiet übernehmen
sollen. Die Räumung soll binnen fünf Jahren abgeschlossen
werden. Der Plan löste bei Bauern der Region Enttäuschung
aus, da sie gehofft hatten, der Staat werde die Mienenräumung
übernehmen und das Land verteilen.
(Dünya, 29.2.08; www.istanbulpost.net/08/03/01/km1mrz.htm#4)
Zerstrittene Kriegskoalition nach dem
Rückzug aus Irakisch-Kurdistan
Der für die türkische Öffentlichkeit völlig unerwartet erfolgte
Rückzug aus dem Nordirak hat nun für heftige politische
Turbulenzen in Ankara gesorgt. Bereits seit Tagen liefert sich die
nationalistische Opposition einen Schlagabtausch mit Regierung
und Militär über die Hintergründe. Während Generalstabschef
Yasar Büyükanit noch am 3. März 2008 behauptete, die
Räumung des Nordirak sei von langer Hand geplant gewesen
und "nach Erfüllung sämtlicher Missionsziele" erfolgt, wirft die
Opposition dem Militär inzwischen vor, geradezu "fluchtartig" und
auf Befehl aus Washington den Rückzug angetreten zu haben.
Entgegen der von Generalstabschef Büyükanit vorgelegten
Bilanz, der zufolge der PKK (Arbeiterpartei Kurdistan) schwere
Verluste zugefügt und die Infrastruktur der Guerilla
"entscheidend geschwächt" worden sei, könne von einer
erfolgreichen Beendigung der Militäroperation überhaupt keine
Rede sein, meint etwa der Chef der kemalistischen CHP, Deniz
Baykal: "Vielmehr ist es so, daß die an sich erfolgreich
verlaufene Operation aus heiterem Himmel abgebrochen wurde.
Aber warum? Diese Frage steht im Raum". Auch eine mögliche
Antwort hat Baykal gleich parat: Washington habe im
Hintergrund die Fäden bezogen, behauptet der Kemalist. Kaum
zufällig sei US-Verteidigungsminister Robert Gates nur einen
Tag vor dem hastigen Rückzug plötzlich in Ankara aufgetaucht.
Die USA hätten den Rückmarsch angeordnet und der türkische
Generalstab habe sich gebeugt –so sehe die "traurige Wahrheit"
des Missionsabbruchs aus.
Auch die faschistische MHP hat sich inzwischen auf den
Generalstab eingeschossen – und so mancher in der Türkei reibt
sich verwundert die Augen. Denn Kritik am Militär war bislang ein
Tabubruch, der ausschließlich linken und kurdischen Parteien
vorbehalten war. Kemalisten und Faschisten hingegen galten
immer als „natürliche Verbündete" der Generäle. Für wie viel
Verunsicherung die unerwartete Kritik der "Verbündeten" selbst
beim Militär gesorgt hat, läßt sich aus der scharfen Reaktion
ablesen, mit der Generalstabschef Büyükanit am 4. März an die
Öffentlichkeit trat. Das Verhalten von CHP und MHP füge „dem
Kampf der Streitkräfte gegen den Terrorismus mehr Schaden zu
als die Aktionen der Verräter (von der PKK)", so der General.
In gewisser Weise dürfte Büyükanit damit durchaus recht haben.
Denn CHP und MHP gehören zusammen mit der Regierung und
den Militärs zur „Kriegskoalition", die die Irak-Invasion
gemeinsam eingefädelt haben. (.....)
Hinter dem Schlagabtausch zwischen Nationalisten und Militärs
verbirgt sich die Frustration darüber, daß die Politik der
Kriegskoalition, das "Kurdenproblem" einzig und allein mit
militärischen Mitteln zu lösen, ganz offenkundig gescheitert ist.
Daß einige hundert Guerilleros es schaffen konnten, rund 10 000
türkischen Spezialtruppen mehr als eine Woche lang erfolgreich
Gegenwehr zu leisten, gibt inzwischen selbst manchem
Kolumnisten der sonst wenig kritischen Massenblätter zu
denken. Ein militärischer Sieg über die PKK wird für immer
unwahrscheinlicher gehalten.
Daß diese Einsicht nun zu einer raschen Umkehr in der
türkischen Kurdenpolitik führen wird, ist dennoch
unwahrscheinlich. Generalstabschef Büyükanit hat eine
Revanche für die erlittene Niederlage bereits in Aussicht gestellt
– und weitere Militärschläge im Nordirak angekündigt.
(Nico Sandfuchs in junge Welt, 6.3.08)
Europarat verlangt bessere Haftbedingungen für Öcalan
Die Experten des Komitees haben ein Ende der Einzelhaft für
Abdullah Öcalan gefordert. Der Geisteszustand des
Vorsitzenden der PKK verschlechtere sich dadurch zusehends,
stellte das Antifolterkomitee von Europas ältester gemeinsamer
Institution zum Schutz der Menschenrechte fest. In ihrem Bericht
am 6. März 2008 bestätigten die Mitglieder des Komitees
hingegen, dass bei Öcalan erhöhte Schwermetallwerte
vorhanden seien.
Seit 1999 sitzt er wegen Hochverrats als einziger Häftling auf der
Insel Imrali ein. In Haar-Stichproben, die das Komitee bei einem
früheren Besuch genommen hatte, stellten europäische
Gutachter erhöhte Schwermetall-Werte fest. Die erhöhten
Schwermetallwerte, die Untersuchungen bei ihm ergeben hätten,
seien vermutlich auf seine Umgebung und die Lage des
Hochsicherheitsgefängnisses im Meer zurückzuführen, hieß es.
Nach fast neun Jahren Isolationshaft in der Türkei sollten Öcalan
nach Auffassung des Europarates schleunigst menschliche
Kontakte erlaubt werden. Andernfalls drohe die Gefahr, dass sich
sein angeschlagener Geisteszustand weiter verschlechtere, hieß
es in einem Bericht des Antifolterkomitees des Europarates.
Die türkische Regierung lehnte die Forderung des
Antifolterkomitees, Öcalan Kontakt zu anderen Häftlingen zu
ermöglichen und die Besuchsbedingungen zu verbessern,
umgehend ab.
(Standard.at, EuroNews, 6.3.08; Baseler Zeitung, 7.3.08)
Losung "Edi Bese -Es reicht" verboten
Die auf Kundgebungen der DTP in den letzten Monaten häufig
auftauchende Losung "Edi Bese" ("Es reicht") wurde vom 4.
Großen Strafgericht Van als eine Parole der PKK eingestuft, mit
der zu einer zivilen Revolte aufgerufen werden solle. Das Gericht
ordnete an, dass die Parole in Flugblättern und Aufrufen nicht
mehr verwendet werden darf.
(Zaman, 6.3.08; www.istanbulpost.net/08/03/01/km1mrz.htm#4)
33 dänische Bürgermeister appellieren an Erdogan
Als Reaktion auf den Prozess gegen die 56 DTP-Bürgermeister,
die sich in einem Brief an den dänischen Ministerpräsidenten
Rasmussen gegen die Schließung des kurdischen TV-Kanals
Roj TV ausgesprochen hatten, haben 33 dänische Bürgermeister
in einem Brief an den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan
die Einstellung des Strafverfahrens gegen ihre kurdischen
Amtskollegen gefordert. In dem Brief wird darauf aufmerksam
gemacht, dass es sich um einen Fall der Meinungsfreiheit
handele und Prozesse dieser Art in einer demokratischen
Gesellschaft nichts zu suchen hätten.
(ANF, 10.3.08, ISKU)
Staatspräsident Gül empfing DTP-Delegation
Die DTP-Abgeordneten Ahmet Türk, Fatma Kurtalan und
Selahattin Demirtas sind am 11. März 2008 mit dem türkischen
Staatspräsidenten Abdullah Gül zu einem Gespräch
zusammengekommen, um über eine demokratische Lösung der
kurdischen Frage zu sprechen. Die DTP forderte Gül auf, die von
dem ehemaligen Staatspräsidenten Turgut Özal übernommene
Rolle für eine Lösung der Kurdenfrage zu übernehmen.
Im Anschluss an das einstündige Gespräch gab Ahmet Türk eine
kurze Erklärung ab, man habe über "eine Lösung der
bestehenden Probleme und Handlungsmöglichkeiten für eine
Demokratisierung" gesprochen. "Es hat ein Meinungsaustausch
darüber stattgefunden, wie wir eine demokratische Basis für eine
Lösung der Kurdenfrage herstellen können." Die DTP-
Abgeordneten hätten dabei zur Sprache gebracht, dass "Bedarf
zum Dialog besteht", und was sie zum "Beginn eines gewaltlosen
Prozesses beitragen" könnten.
Selahattin Demirtas erklärte zu dem zuvor stattgefundenen
Gespräch mit dem Parlamentspräsidenten Köksal Toptal sowie
zu dem mit Gül: "Wir versuchen zu zeigen, dass es in diesem
Land kein Problem gibt, über das man nicht reden könnte. Es
reicht schon aus, dass die Absicht für eine Lösung deutlich wird.
Für uns ist es sehr wichtig, unsere bestehenden Probleme direkt
an die obersten Regierenden des Staates zu übermitteln und
dass sie uns zuhören."
Ministerpräsident Erdogan lehnte wiederum ab, mit der DTPlern
zu sprechen, ehe sie nicht die PKK als terroristisch bezeichnen.
Diese Aussage gleich nach dem Gespräch Güls mit den DTPlern
ist auch als Affront kommentiert worden.
(ANF, 11.3.08, ISKU)
240 Jahre Haft für Baydemir gefordert
Gegen den Oberbürgermeister von Diyarbakir, Osman Baydemir,
ist das 24. Strafverfahren im Verlauf seiner vierjährigen Amtszeit
eingeleitet worden. In fünf Fällen wurde er freigesprochen, 19
Prozesse dauern noch an. Wenn er in den noch laufenden
Prozessen die geforderte Strafe erhält, wird er zu insgesamt 240
Jahren Haft verurteilt. Im jüngsten Verfahren wird Baydemir des
Amtsmissbrauchs beschuldigt, weil er im vergangenen Jahr ein
Buch mit türkischen und kurdischen Erzählungen hatte drucken
lassen.
(ANF, 14.3.08, ISKU)
Kurden im Aufstand
In den vergangenen anderthalb Monaten sind Hunderttausende
Kurden für ihre Forderungen auf die Straßen gegangen. Dabei
kamen zwei Zivilisten ums Leben, 20 erlitten
Schussverletzungen, hervorgerufen durch scharfe Munition oder
Plastikgeschosse, ungefähr 1000 Menschen wurden
festgenommen und davon ca. 200 verhaftet.
Angefangen hatte die Protestbewegung mit dem von der DTP
organisierten "Marsch für eine demokratische Lösung und gegen
die Militäroperationen" am 6. Februar, an dem sich
Zehntausende Menschen aus vielen Städten der Türkei auf den
Weg zum Operationsgebiet am Gabar-Berg gemacht hatten.
Zeitgleich zu der Verlesung einer Deklaration für eine
demokratische und gewaltfreie Lösung der Kurdenfrage als
Höhepunkt des Marsches durch die DTP-Vorsitzende Emine
Ayna kam die Nachricht von zehn in Bingöl gefallenen
Guerillakämpfern, deren Leichname in der Leichenhalle in
verstümmeltem Zustand auf einen Haufen geworfen wurden. Bei
den Beerdigungen kam es zu Auseinandersetzungen zwischen
der Bevölkerung und den Sicherheitskräften mit Verletzten und
Festnahmen.
Zum Jahrestag der Verschleppung Abdullah Öcalans in die
Türkei am 15. Februar herrschten in vielen Städten Zustände wie
in den neunziger Jahren. Bei Polizeiangriffen auf die
Protestaktionen wurde in Cizre ein 16-jähriger von einem Panzer
überrollt und getötet.
Bei einer Demonstration in Batman wurden der DTP-
Abgeordnete Bengi Yildiz und der Oberbürgermeister Hüseyin
Kalkan von Polizisten gezielt angegriffen. In Hakkari warfen
Sicherheitskräfte bei einer Demonstration aus Anlass des 15.
Februar Gasbomben in das Gebäude der Stadtverwaltung.
Ein 58-jähriger wurde in Ercis bei einer Demonstration aus
Anlass des internationalen Frauentages durch Polizeiknüppel
getötet.
(DIHA, 14.3.08, ISKU)
Verbotsverfahren gegen die regierende AKP
Nach dem die AKP-Regierung unter Erdogan den Weg für
Kopftuch tragende Studentinnen an den Universitäten durch eine
Blitzaktion per Verfassungsänderung frei machte und gegen die
Staatsbande des Kaltenkrieges á la Gladio namens Ergenekon
vorging, sind nun die Kemalisten am Zuge. Seit dem 14. März
2008 ist ein Verbotsverfahren gegen die AKP vor dem
Verfassungsgericht in Ankara anhängig.
In dem Antrag, den der türkische Generalstaatsanwalt
Abdurrahman Yalcinkaya beim Verfassungsgericht einreichte,
heißt es, die Regierungspartei beabsichtige, die laizistische
Staatsordnung zu beseitigen. „Das Ziel des politischen Islam ist
die Einführung der Scharia", argumentiert Yalcinkaya in seiner
162 Seiten starker Anklageschrift. Auch wenn sich die AKP in
ihren Statuten einen Regimewechsel nicht ausdrücklich auf die
Fahnen geschrieben habe, sieht die Staatsanwaltschaft doch
Anhaltspunkte dafür, daß die Partei eine schleichende
Unterwanderung der Staatsinstitutionen und eine Beseitigung
des Laizismus betreibe. Neben einem Verbot der Partei fordert
Staatsanwalt Yalcinkaya auch ein "Politikverbot" für 71 führende
AKP-Politiker, unter ihnen Ministerpräsident Erdogan und
Staatspräsident Abdullah Gül.
Erdogan und die AKP hätten die Wähler getäuscht, argumentiert
Ankläger Yalcinkaya: "Die AKP will ein Gesellschaftsmodell, das
sich aus der Religion ableitet." Die Demokratie sei für sie nur "ein
Vehikel, ihr Ziel ist die (Einführung der) Scharia", des
islamischen Rechts. Als Beispiele nennt der Generalstaatsanwalt
Bestrebungen von AKP-Kommunalpolitikern, den Verkauf von
Alkohol einzuschränken, getrennte Schulbusse für Jungen und
Mädchen einzuführen, Parks für Frauen zu schaffen - und
natürlich die geplante Aufhebung des Kopftuchverbots.
Der islamisch-konservative türkische Ministerpräsident Tayyip
Erdogan glaubt nicht an ein Verbot seiner Gerechtigkeits- und
Entwicklungspartei (AKP): Niemand könne eine Partei, die von
16,5 Millionen Menschen gewählt worden sei, als "anti-
laizistisch" bezeichnen, sagte Erdogan. "Wir sind eine Partei, die
für die Demokratie kämpft, und wir werden unseren
demokratischen Weg mit der gleichen Entschlossenheit
weitergehen".
Die AKP regiert seit Ende 2002 und wurde erst im Juli
vergangenen Jahres mit knapp 47 Prozent der Stimmen als
Regierungspartei bestätigt. Auch die EU kritisierte den
Verbotsantrag: In einer Demokratie würden "politische Themen
im Parlament diskutiert und durch Wahlen entschieden, nicht in
Gerichtssälen", sagte Olli Rehn, Kommissar für die Erweiterung
der EU, mit der die Türkei über einen Beitritt verhandelt. Viele
türkische Medien äußerten Empörung über den Verbotsantrag:
"Niemals!", titelte die liberale Zeitung Radikal. Das Massenblatt
Sabah schrieb: "Schließt doch auch gleich das Parlament!"
Eben. Mit diesem Antrag sind gegen zwei im Parlament
vertretenen Parteien Verbotsverfahren anhängig. Im November
2007 wurde von dem gleichen Generalstaatsanwalt gegen die
kurdische DTP ein Verbotsverfahren eingeleitet. Erdogan, der
gegen den Verbotsantrag gegen die DTP nichts unternahm und
mit seinen Äußerungen die DTP als Zielscheibe freigab, „kämpft
heute für die Demokratie"(!)
Mittlerweile hat die AKP erklärt, wie sie ein mögliches
Verbotsverfahren zu kontern gedenkt: Die juristische
Kommission der Partei unter Führung von Regierungssprecher
Cemil Cicek hat in den türkischen Zeitungen gestreut, man wolle
im Parlament eine Verfassungsänderung beschließen - noch
während das Verbotsverfahren gegen die AKP läuft. So könnte
festgelegt werden, dass das Gericht ein Urteil über die
Schließung der Partei nur einstimmig treffen kann. Denn obwohl
die Mehrheit der elf Richter dem kemalistischen Lager
zugerechnet wird, würde es wohl keinen einstimmigen Beschluss
geben.
(Reuters, AFP, FR, taz, Weser Kurier, Spiegel Online und Junge
Welt, 17.3.08)
Europarat für Achtung von Minderheitensprachen
Das Komitee der Regionen des Europarates wird sich bei seiner
Frühjahrssitzung ein weiteres Mal mit dem Status lokaler
Verwaltungen in der Türkei beschäftigten. Bereits bei der
Herbstsitzung war eine Empfehlung verabschiedet worden, in der
mit Blick auf die gerichtliche Abberufung des Bürgermeisters und
der Stadtverordneten von Sur (Diyarbakir) die Achtung von
Minderheitensprachen und rechtlicher Schutz von
Kommunalpolitikern angemahnt wurde. Bei der Sitzung am 15.
März erklärte Zekeriya Sarbak, dass mit der geplanten neuen
Verfassung die meisten Kritikpunkte an Kompetenz und Status
türkischer Lokalverwaltungen überwunden werden. Vollständiger
Bericht:
https://wcd.coe.int/ViewDoc.jsp?Ref=CG(12)25&Language=lanE
nglish&Ver=original&Site=Congress&BackColorInternetàcee1
&BackColorIntranetàcee1&BackColorLoggedÿC679
(ABhaber, 16.3.08; www.istanbulpost.net/08/03/03/akp.htm)
Kriegsdienstverweigerer verhaftet
Der Kriegsdienstverweigerer Ismail Saygin ist in Istanbul bei
einer Ausweiskontrolle verhaftet und ins Militärgefängnis Maltepe
überstellt worden. Innerhalb von drei Tagen soll er einer
Militäreinheit in Kars übergeben werden. Saygin hatte im
November 2006 auf einer Pressekonferenz im
Menschenrechtsverein in Istanbul öffentlich erklärt, den
Militärdienst aus Gewissensgründen zu verweigern.
Die Türkei verfolgt Kriegsdienstverweigerer auf zweierlei Art und
Weise. Zum einen wird das Recht auf Kriegsdienstverweigerung
nicht anerkannt. Verweigerer wie Osman Murat Ülke oder
Mehmet Tarhan wurden wegen Befehlsverweigerung bzw.
Ungehorsam bis zu sieben Mal verurteilt. Zum anderen werden
öffentliche Äußerungen gegen das Militär, wie die öffentliche
Erklärung der Kriegsdienstverweigerung, unter Strafe gestellt.
Etwa 50 Wehrpflichtige haben bislang öffentlich ihre
Kriegsdienstverweigerung erklärt. Zudem entziehen sich in der
Türkei Zehntausende der Ableistung des Militärdienstes.
Die Türkei weigert sich zudem, einem Urteil des Europäischen
Gerichtshofes für Menschenrechte vom 24. Januar 2006 im Fall
von Osman Murat Ülke nachzukommen. Darin hatte das Gericht
festgestellt, dass "die zahlreichen Anklagen in Verbindung mit
der Möglichkeit, dass er einer lebenslangen Strafverfolgung
unterliegen könnte, im Missverhältnis zu dem Ziel stehen, die
Ableistung des Militärdienstes sicherzustellen" und damit die
Europäische Menschenrechtskonvention verletzen. Das Leben
im Geheimen, das Osman Murat Ülke aufgrund seiner
Gewissensentscheidung als Kriegsdienstverweigerer führen
müsse, sei als "ziviler Tod" zu bezeichnen. Der
Ministerausschuss des Europarates hatte die Türkei zuletzt am
17. Oktober 2007 aufgefordert, "ohne weiteren Verzug eine
Gesetzesreform zu verabschieden, die notwendig ist, um
ähnliche Verletzungen der Konvention zu vermeiden."
(ANF, 17.3.08, ISKU; PM Connection e.V., 20.3.08,
www.Connection-eV.de )
PKK bietet Türkei Waffenstillstand
bei Aufnahme von Dialog an
Die Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei (PKK) wollen die
Waffen niederlegen, wenn die Türkei im Gegenzug in einen
Dialog einwilligt. Wie die türkische Zeitung „Milliyet" am 17. März
2008 berichtet, will das Exekutivkomitee der PKK den Konflikt um
die Kurdenfrage mit politischen Mitteln lösen.
"Wir sind der Auffassung, dass für eine friedliche und
demokratische Lösung der Kurdenfrage, einer der
grundlegenden Fragen für die Türkei, die Aufnahme eines neuen
Prozesses notwendig ist. Wir rufen den türkischen Staat und
dessen Regierung erneut zu Frieden und Dialog auf. Wenn wir
eine positive Antwort auf unseren Aufruf erhalten werden, so
werden wir die notwendige Verantwortung für die Aufnahme
eines neuen und nicht gewaltsamen Prozesses bei der Lösung
der Kurdenfrage an den Tag legen", heißt es in einer Erklärung
der PKK-Spitze.
(RIA Novosti, 17.3.08)
Eren Keskin verurteilt
Wegen kritischer Äußerungen im Tagesspiegel über den
politischen Einfluss der Armee in der Türkei ist die kurdischst
ämmige Istanbuler Menschenrechtlerin und Anwältin Eren
Keskin am 20. März 2008 zu einer Haftstrafe von sechs Monaten
und 20 Tagen verurteilt worden. Mit ihrer Feststellung, die Politik
in der Türkei werde von den Militärs bestimmt, habe Keskin die
Armee beleidigt, befand der Richter am Amtsgericht im
Istanbuler Stadtteil Kartal in einer nur 15 Minuten dauernden
Verhandlung. Keskin will in die Berufung gehen und bleibt
zunächst auf freiem Fuß. Allerdings droht ihr – ebenfalls auf
Betreiben der Militärs – auch ein Berufsverbot.
In dem Tagesspiegel-Interview hatte Keskin im Juni 2006
kritisiert, in der Türkei könne keine zivile Regierung ihr
Programm gegen den Willen der Militärs durchsetzen. Der
Generalstab in Ankara erwirkte daraufhin das Verfahren gegen
Keskin. Vor Gericht verteidigte sie ihre Aussagen und betonte,
diese Kritik müsse erlaubt sein. Dennoch wurde sie nach dem
Strafrechtsparagrafen 301 verurteilt, der die „Beleidigung des
Türkentums" und staatlicher Institutionen verbietet. Keskin sagte,
das Urteil habe sie nicht überrascht. Die Entscheidung beweise
die enge Verbindung zwischen Armee und Justiz in der Türkei.
Türkische Zeitungen berichteten über das Verfahren nur am
Rande. Der Vorsitzende des Bundes türkischer Journalisten in
Europa (Atgb), Gürsel Köksal, sagte, es sei üblich, dass nach
Äußerungen wie im Fall Keskins Gerichtsverfahren in der Türkei
eröffnet würden.
Scharf kritisierte die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth das Urteil.
"Was hier geschieht, hat mit Demokratie nichts zu tun", sagte sie
und forderte sowohl die Abschaffung des türkischen
Strafrechtsparagrafen 301 als auch eine kritische Diskussion
über die Rolle des Militärs in der Türkei. Von der
Bundesregierung verlangte sie einen „deutlichen Protest gegen
das Urteil" und eine „unmissverständliche Aufforderung" an die
Türkei, sowohl den Paragrafen 301 zu streichen als auch eine
Zivilisierung des Landes einzuleiten.
Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag,
Ruprecht Polenz (CDU), verurteilte das Verfahren gegen die
Istanbuler Rechtsanwältin. „Wir werden Zeugen eines
Machtkampfes von Reformern und Reformgegnern", sagte er.
Für ihn mache der Fall Keskin deutlich, dass der
Strafrechtsparagraf 301 „zumindest verändert werden muss".
EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering (CDU) äußerte
"großen Respekt" vor der Arbeit der Menschenrechtlerin. "Es
gehört zur Meinungsfreiheit in der Demokratie, dass man
politische Bewertungen vornimmt", sagte er. Zudem entspreche
die Einschätzung Keskins auch den Tatsachen, erklärte Pöttering
weiter: „Das Militär hat einen großen Einfluss." Die EU erwarte,
dass die Türkei den Strafrechtsparagrafen 301 abändere.
"Dieses Urteil erhöht die Zweifel an der Beitrittsfähigkeit der
Türkei", sagte der Europaabgeordnete Elmar Brok (CDU). Die
Reform des Paragrafen 301 habe eine „tatsächliche und
symbolhafte Bedeutung für die Europafähigkeit der Türkei", sagte
er.
(Spiegel Online, 21.3.08; Der Tagesspiegel, 21. und 22.3.08)
Operationen gegen die Staatsbande Ergenekon
Als ob zwei Parteien Schach spielen. Nach jedem vollzogenen
Zug ist der Gegenspieler dran. In der Ausgabe 01/2008 der
Nützlichen Nachrichten haben wir berichtet, dass eine Operation
gegen die Ergenekon-Bande gestartet wurde und berichteten
ausführlich über das Ereignis. Nach dieser Attacke auf dem
Schachbrett leitete der Gegenspieler ein Verbotsverfahren gegen
die regierende AKP. Eine Woche später war der andere Spieler
wiederum dran und setzte die Operation gegen die Staatsbande
Ergenekon fort.
Die Polizei hat am 21. März 2008 in Istanbul den Chefredakteur
der ältesten türkischen Tageszeitung Cumhuriyet und einer der
führenden Köpfe der Kemalisten, Ilhan Selcuk, festgenommen,
der auch als scharfer Kritiker von Premier Tayyip Erdogan gilt.
Auch ein früherer Rektor der Universität Istanbul, Kemal
Alemdaroglu, und der Vorsitzende der Arbeiterpartei (IP), Dogu
Perincek, wurden inhaftiert. Sie sollen an einer nationalistischen
Verschwörung beteiligt sein. Zur gleichen Zeit durchsuchte die
Polizei mehrere Redaktionen, Parteibüros und Wohnungen. Bei
der Opposition stießen die Festnahmen auf scharfe Kritik.
Bei den Ermittlungen gegen die Verschwörergruppe, die sich
"Ergenekon" nennt, waren bereits im Januar mehr als 30
Verdächtige festgenommen worden, darunter ein Oberst a.D.
und ein Ex-General. Die Polizei geht einer Verwicklung der
Gruppe in mehrere Anschläge nach - etwa in die Ermordung des
armenischen Bürgerrechtlers Hrant Dink und eines katholischen
Priesters.
Nach türkischen Medienberichten soll die Geheimorganisation
weitere Mordanschläge geplant haben, darunter gegen den
Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk sowie mehrere
kurdische Politiker, wie Leyla Zana und Ahmet Türk. Ihr Ziel sei
es, die Türkei innenpolitisch zu destabilisieren und so einen
Putsch gegen die islamisch-konservative Regierung
herbeizuführen.
Ministerpräsident Erdogan und andere Regierungspolitiker sehen
einen Zusammenhang zwischen den "Ergenekon"-Ermittlungen
und dem Verbotsantrag, den der türkische Generalstaatsanwalt
vorige Woche gegen die Regierungspartei AKP stellte. Sie
deuteten den Verdacht an, mit dem Verbotsantrag solle die
Aufdeckung der mutmaßlichen Verschwörung hintertrieben
werden.
Beobachter werten Verbotsverfahren und Ermittlungen als Teil
des Machtkampfes der kemalistischen Elite und nationalistischer
Kreise auf der einen mit der islamisch geprägten AKP und
religiösen Kräften auf der anderen Seite. Mittlerweile sind Selcuk
und Alemdaroglu freigelassen. Sie dürfen das Land aber nicht
verlassen.
(NZZ Online, SF Tagesschau und Frankfurter Rundschau,
22.3.08)
Klare Botschaften bei Newroz-2008
Millionen von Kurden feierten über eine Wochelang das
traditionelle Neujahrsfest –Newroz- in Orten und Gebieten, wo
sie leben. Klare, unmissverständlich offene Botschaften wurden
an die Adresse Ankaras entsandt.
Allein in Diyarbakir kamen etwa eine Million Menschen
zusammen. Ahmet Türk, Leyla Zana, Osman Baydemir mit ihren
kurdischen Trachten hielten Reden in kurdischer Sprache. Zum
ersten Mal traten die Hauptakteure mit kurdischen Trachten
Hand in Hand auf; zum ersten Mal verwendeten Hauptakteure
auf Newroz-Veranstaltung ihre eigene Muttersprache; zum
ersten Mal sendete der in Brüssel ansässige ROJ-TV live aus
Diyarbakir. Tausende, Zehntausende Fahnen der DTP und der
PKK, Plakate und Poster von Öcalan begleiteten überall, wo
Newroz gefeiert wurde, die Zeremonien. Auch zum ersten Mal
kamen über 300.000 Menschen in Istanbul zusammen, um
Newroz zu feiern.
Auf den Podien der Newroz-Feierlichkeiten wurden Forderungen
nach "Autonomes Kurdistan" unmissverständlich von Millionen
Kurden, auch von Leyla Zana übermittelt.
Dies alles zeigt: je mehr Unterdrückung und Verleumdung
zunehmen, desto stärker kommen die kurdischen Akteure
hervor. Millionen taten ihre Sympathien mit Fahnen,
Spruchchören für die PKK und ihre Angehörigen in den Bergen
kund.
Schlagstöcke und Wasserwerfer wurden vielerorts, an erster
Stelle in Van, Hakkari, Yüksekova, Sirnak und Siirt eingesetzt.
Hunderte wurden durch Staatsmacht verletzt, Tausende wurden
festgenommen. Eine Person in Van und eine andere in
Yüksekova wurden durch Polizeischüsse getötet. Gewalt
herrschte auch in Syrien. In der kurdischen Stadt Qamishlo
wurden 3 Kurden durch syrische Sicherheitskräfte während der
Feierlichkeiten ermordet.
Das Newroz 2008 zeigte, dass der zivile Widerstand der Kurden
ein großes Ausmaß angenommen hat. Kurdische Intifada -
Serhildan- formiert sich. Millionen von Menschen sind seit
Dezember 2007 ununterbrochen auf den Straßen. Die Barrieren
und Wände der Angst wurden überwältigt. (ms)
Dringender Appell
Sehr geehrte Damen und Herren,
auch dieses Jahr wurden zum Anlass der Newrozfeiern wieder
zahlreiche Kinder und Jugendliche in der Türkei brutal von
Angehörigen der türkischen Polizei, Gendarmerie und Militärs,
Sondereinsatzeinheiten verhaftet, misshandelt, verschleppt und
gefoltert. Die Verteidigung durch einen Anwalt und die
medizinische Versorgung der Opfer wird verhindert.
Von den Vorfällen gibt es zahlreiche Aufnahmen. Auf dem von
uns beigefügten Links ist zu sehen, wie Angehörige der
Zivilpolizei bzw. des türkischen Geheimdienstes, Angehörige von
Spezialeinheiten in Zivil vor laufender Kamera (der Einheit) dem
15-jährigen Cuneyt Ertus den Arm nach hinten durchbrechen.
Dabei rufen die Täter: "Die Arme, die Steine schmeißen, brechen
wir". Ursprünglich heißt die türkische Redewendung, die zuvor
die ehemalige türkische Ministerpräsidentin Tansu Ciller
verwendete: Die Hände, die sich gegen die Türkei erheben,
werden wir brechen die Zunge, die gegen uns spricht, wird
abgeschnitten.
Nach unseren Informationen wird Cuneyt Ertus seit dem Vorfall
am 23.03.2008 in Hakkari / Yüksekova immer noch ohne
medizinische Versorgung festgehalten. Auch weitere Kinder und
Jugendliche in der Türkei müssen gerade Ähnliches durchleiden.
Von einem weiteren Kind haben wir gerade die Information von
einem Vertreter des Anwaltsverbands in Hakkari erhalten, dass
ihm die Augen vermutlich herausgeschlagen wurden und er
einen Schädelbruch erlitten hat. Der Junge wird in Ankara
notoperiert.
Den inhaftierten Kindern muss sofort geholfen werden.
Daher wenden wir uns an Sie. Bitte leiten Sie die Informationen
an Ihre Verteiler weiter und teilen Sie uns bitte schnell mit, wer
in der Sache tätig geworden ist.
Wenn sie weitere Informationen benötigen, können sie sich
jederzeit an uns wenden. Wir selbst sind im Moment auf
Veröffentlichungen im Internet und den im Ausland arbeitenden
kurdischen Medien etc.
angewiesen. Die Information über den Verbleib von Cuneyt Ertus
haben wir über Roj-TV, einen kurdischen Fernsehsender, der die
Information von dem Vater des Kindes bezog. Sobald wir
Informationen über die anderen Kinder bekommen, teilen wir es
Ihnen umgehend mit.
In der Hoffnung auf Ihre Unterstützung
Memo Arikan
Vorstandsmitglied Kurdische Gemeinde Bayern (V.i.G) Mitglied
des Ausländerbeirates der Landeshauptstadt München
Cüneyit Ertus Video
http://www.youtube.com/watch?vNNIwySnfNM
http://www.youtube.com/watch?v²JA7yy56Eg&feature=related
Weitere Links mit Videos von Misshandlungen von Kindern:
http://www.youtube.com/watch?v=pYvE7bm2cl0&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=PikJpE0OH2U&feature=related
http://www.youtube.com/watch?feature=related&v=ML_TnmyxCrc
http://www.youtube.com/watch?v=4SxHbFs0aao&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v²JA7yy56Eg&feature=related
(Kurdische Gemeinde Bayern, PM, 28.3.08,
kurdinfo.muc@t-online.de)
US-Vizepräsident Cheney in der Türkei
Dick Cheney ist am 24. März 2008 zu einem Blitzbesuch in
Ankara eingetroffen, mit dem er seine Nahostreise abrundet.
Wie die lokalen Medien mitteilen, will er die türkische Regierung
überzeugen, zusätzliche Friedenstruppen im Bestand der ISAFKr
äfte, die von der Nato befehligt werden, nach Afghanistan zu
schicken.
Zwischen der Regierung und dem Generalstab der Türkei sind
Meinungsdifferenzen in Bezug auf das Delegieren von
Friedenstruppen entstanden. Der Fernsehgesellschaft NTV
zufolge weigert sich der Generalstab, türkische Truppen für die
Bekämpfung von terroristischen Gruppierungen auf
afghanischem Territorium einzusetzen - im Unterschied zum
Ministerkabinett, das eher für die Entsendung von türkischen
Truppen eintritt.
Die ISAF-Kräfte zählen gegenwärtig 750 türkische Soldaten, die
in Kabul und Umgebung stationiert sind. Die türkische Regierung
erwägt jetzt die Möglichkeit, weitere 250 bis 300 Soldaten nach
Afghanistan zu schicken.
Auf der Tagesordnung der Verhandlungen des US-
Vizepräsidenten mit der Führung der Türkei standen auch die
Situation im Irak, das iranischen Atomprogramm, die Zukunft der
arabisch-israelischen Regelung sowie die Stationierung des USRaketenschildes
in Europa, teilen türkische Medien unter
Hinweis auf diplomatische Quellen mit.
Wie der Fernsehkanal CNN-Turk berichtet, hat die Türkei die
Absicht, ein eigenes Raketenabwehrsystem zu errichten. Die
US-Administration schlägt Ankara vor, den Raketenschild im
Rahmen des bereits vorhandenen kollektiven Nato-Systems
unterzubringen.
Die türkische Staatsführung will sich ihrerseits Washingtons
Unterstützung im Kampf gegen die Arbeitspartei Kurdistans
(PKK) in Irakisch-Kurdistan sichern, so NTV.
(RIA Novosti, 24.3.08)
Iran schmuggelt Waffen über die Türkei
Iran bewaffnet die libanesische Hisbollah mit Raketen, die über
die Türkei geschmuggelt werden - ohne Wissen Ankaras. Dies
geht aus Informationen hervor, die der israelische
Militärgeheimdienst (AMAN) erhalten hat.
Regierungsquellen zufolge hat der Leiter der
Forschungsabteilung, Brigadegeneral Yossi Beiditz, den
Botschaftern der EU-Staaten mitgeteilt, dass der Iran -auch wenn
Teheran dies abstreitet- weiterhin Waffen und Equipment an die
Hisbollah liefert.
Unter den geschmuggelten Waffen befinden sich auch
Langstrecken-Raketen, die sowohl auf dem Luft- als auch auf
dem Landweg als zivile Fracht getarnt über die Türkei transferiert
werden. Von der Türkei werden die Raketen dann nach Syrien
und von dort in den Libanon gebracht.
Laut Beiditz sollen einige der Raketen eine maximale Reichweite
von 300 Kilometern haben und damit in der Lage sein, von Beirut
bis nach Dimona zu gelangen. Bisher ist man in
Geheimdienstkreisen immer davon ausgegangen, dass die
maximale Reichweite der Raketen im Arsenal der Hisbollah 250
Kilometer beträgt. Beiditz zufolge sind die neueren Raketen auch
zielgenauer als frühere und in der Lage, größere Sprengköpfe zu
transportieren.
Im Mai 2007 hat die Türkei eine Waffenlieferung - darunter 300
Raketen - konfisziert, die das Land per Güterzeug aus dem Iran
passierte. Die Fracht war als "Reinigungsmaterial" deklariert.
(Haaretz, 5.3.08)
Razzien gegen Kurden und ISKU
"Öcalans blauäugige Geliebte in Deutschland gefasst", jubelte
die türkische Presse Mitte März 2008. Gemeint ist Ayfer K., die
dem Vorsitzenden der Arbeiterpartei Kurdistans PKK, Abdullah
Öcalan, in Italien und Griechenland als Dolmetscherin zur Seite
gestanden hatte, bevor dieser 1999 von Geheimdiensten aus
Kenia in die Türkei verschleppt wurde. Der leitende Münchner
Oberstaatsanwalt Manfred Nötzel bestätigte am 14. März 2008,
daß Ayfer K. bereits am 2. März bei einer Schleierfahndung nahe
der österreichischen Grenze festgenommen wurde. Gegen die
36jährige Kurdin lägen zwei türkische Haftbefehle vor. Sie sei zur
internationalen Fahndung ausgeschrieben gewesen. Ayfer K.
befindet sich jetzt im Münchner Frauengefängnis Neudeck in
Auslieferungshaft.
Wie Azadi, der Rechtshilfefonds für Kurden, am 14.3.08 in
Düsseldorf mitteilte, wurden bei Razzien in Privatwohnungen in
Hannover und Linz bei Bonn am 13.3.08 drei Kurden auf
Veranlassung der Staatsanwaltschaft Koblenz verhaftet und in
verschiedene Gefängnisse in Rheinland-Pfalz gebracht. Offenbar
solle den Verhafteten ihre aktive Mitarbeit im kurdischen Verein
zum Vorwurf gemacht werden.
Ebenfalls am gleichen Tag fanden Durchsuchungen bei
deutschen Mitgliedern der Informationsstelle Kurdistan ISKU in
Hamburg statt. Durch die Razzien bei dem Verein, der vor allem
Presseinformationen aus der Türkei veröffentlicht, sollten
„unbekannte Verantwortliche" für die Website der
Informationsstelle ermittelt werden, so die Staatsanwaltschaft.
Auf der deutschsprachigen Seite fänden sich positive Berichte
über die kurdische Widerstandsbewegung. Zudem könnten dort
das Programm und Statut des Volkskongresses Kurdistan
Kongra-Gel gelesen werden. Dadurch solle die Zahl von dessen
Anhängern vergrößert werden. Außerdem könne sich „der Leser"
in eine Unterschriftenliste unter den Aufruf "Kurden fordern
Gerechtigkeit -- PKK von der Terrorliste streichen" eintragen.
Auch darin sieht das Hamburger Amtsgericht einen Verstoß
gegen das PKK-Verbot.
(Azadî e.V., azadi@t-online.de; ISKU, isku@nadir.org,
www.nadir.org/nadir/initiativ/isku; junge Welt, 15.3.08)
Freiheit des Wortes - Kunst der Freiheit
Reflexionen über ein schwieriges Verhältnis in der Türkei
und in Deutschland
Wie steht es um die Freiheit des Wortes und der Kunst nach der
Verabschiedung von etlichen "Gesetzes-Anpassungs-Paketen"?
Niemand macht Anstalten, den berüchtigten
Meinungsparagraphen 301 des türkischen Strafgesetzbuches
abzuschaffen.
Unter anderem wurden Anklagen gegen den später ermordeten
armenischen Journalisten Hrant Dink und den Nobelpreisträger
Orhan Pamuk aufgrund dieses Gummibandparagraphen
vorbereitet. Auch Yasar Kemal und der Sänger Ferhat Tunc sind
immer wieder Angeklagte nach § 301 (Herabwürdigung des
Türkentums, der Republik oder des Parlamentes). Insgesamt
umfasst der Kreis der vom § 301 Betroffenen etwa sechzig
türkische und kurdische Autoren, Musiker und Mitarbeiter der
Medien. Dies alles passiert in den letzten Jahren in einem Klima
von steigendem türkischem Nationalismus aber auch
fortgesetzter EU-Beitrittsverhandlungen… Es ist wieder einmal
Krieg in Kurdistan…
Vor diesem komplizierten und manchmal entmutigend
erscheinenden Hintergrund möchten wir Künstlern und
Schriftstellern aus der Türkei ein Podium bieten, aktuelle
Perspektiven für das freie Wort und die Freiheit der Kunst zu
reflektieren und mit Vertretern deutscher Politik und
Wissenschaft zu diskutieren:
Podium am 4.4. auf der Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung:
Ferhat Tunç, Musiker, Publizist, Türkei; Cem Özdemir, MdEP;
Nuray Sahin, Schauspielerin/Regisseurin, Türkei/Deutschland;
Prof. Dr. Udo Steinbach, Islamwissenschaftler/Politologe,
Centrum für Nah- und Mittelost-Studien, Phillips-Universität
Marburg; Moderation: Dr. Cem Dalaman, Chefredakteur
türkische Red., RBB radio multikulti
Näheres: Mieste Hotopp-Riecke [miesteheval@gmx.de]
Neuerscheinungen
Lehrbücher Kurdisch-Deutsch
Ez kî me? - Wer bin ich?, von Mehmet Tanrikulu
Ein zweisprachiges (kurdisch/deutsch) Arbeitsmaterial für die
erste Klasse. Das erste Lehrbuch ist für die erste Klasse. Es
wurde mit Unterstützung der Arbeitsgruppe beim Schulamt der
Stadt Köln und RAA Köln entwickelt.
Das Buch ist durchgehend zweisprachig; es enthält neben dem
Arbeitsmaterial für die Schülerinnen und Schüler eine Übersicht
über die Themenbereiche, die aufgegriffen werden, und eine
zweisprachige Wörterlisten(kurdisch/deutsch).
Behandelt werden in 36 kurzen Einheiten Themen, die den
Kindern die Möglichkeit geben, Auskunft über sich selbst zu
geben – von der Körpergröße, der Haarfarbe, der Adresse und
den Vorlieben und Abneigungen beim Essen bis hin zu Ängsten
und Wünschen. Es regt die Kinder zu vielfältigen Eigenaktivitäten
an. Ihr Wortschatz wird gezielt erweitert.
Herausgeber: Eine Schule für Kurdistan e.V.
Von NDS- Neue Deutsche Schule, Verlag der GEW NRW
ISBN: 978-3-87964-310-3 Kaufpreis: 5.00 Euro
Hînbûna Kurdî - Kurdisch lernen. Ein Kurdisch-
Lehrbuch, von Ahmed Begik und Rosemarie Neumann
Das vorliegende Lehrwerk für das Kurdische (Kurmancî) besteht
aus sechs Teilen.
Das Lehrwerk richtet sich an alle diejenigen, die Kurdisch als
Fremdsprache lernen möchten und ist entsprechend
systematisch aufgebaut. Es kann aber auch für diejenigen von
Nutzen sein, die aus kurdischen Familien stammen, aber nicht
die Möglichkeit gehabt haben, ihre
Muttersprache/Familiensprache ihrem Alter und ihren sonstigen
Kenntnissen entsprechend zu entwickeln.
Herausgeber: Eine Schule für Kurdistan e.V.
von NDS – Neue Deutsche Schule, Verlag der GEW NRW
ISBN: 978-3-87964-311-0 Kaufpreis: 18.00 Euro
Bestellung bei „Eine Schule für Kurdistan e. V.",
Glockenblumenweg 4 51061 Köln, Tel: 01722/82119
Von kalten Energiestrategien zu heißen Rohstoffkriegen?
Das "Österreichische Studienzentrum für Frieden und
Konfliktlösung" ist der Herausgeber dieses Sammelbandes mit
dem Untertitel "Schachspiel der Weltmächte zwischen
Präventivkrieg und zukunftsfähiger Rohstoffpolitik im Zeitalter
des globalen Treibhauses". Dies ist ein Thema, das alle
friedenspolitischen Bemühungen in der Zukunft erheblich
mitbestimmen wird, selbstverständlich auch in Bezug auf die
Türkei. Man denke nur an die Ölfelder von Kirkuk. Der
Projektleiter Thomas Roithner schreibt in seiner Einleitung: "Das
Säbelrasseln zwischen den USA und der EU auf der einen und
dem Iran auf der anderen Seite, der noch andauernde
völkerrechtswidrige Irak-Krieg oder die jüngste Debatte um die
UNO-Berichte zum Klimawandel haben ursächlich eines
gemeinsam: das Geläut um das Ende des fossilen
Energiezeitalters." Während die USA auf "hard power" setzten
versuche die EU mit "soft power" zum gleichen Ziel zu kommen.
Trotzdem bastele die EU auch an „battle groups" für den
internationalen Einsatz.
Prominente AutorInnen schreiben in folgenden
Themenbereichen: I. Von der Energiesicherheit zum
Ressourcenkrieg? II.Auf dem Weg zu einer neuen Klima- und
Ressourcenpolitik? III. Resourcenkonflikte im Mittleren Osten
und in Zentralasien. IV. Energiepolitik im „geostrategischen
Hinterhof" von USA und EU. V. Zum Zusammenhang der Militär-
und Energiepolitk der EU. VI. Warum eine neue Ressourcen-
und Energiepolitik die Wirtschafts- und Gesellschaftspoliutik
verändert.
Lit Verlag Wien 2008, Dialog Beiträge zur Friedensforschung,
Band 54, ISBN 3-8258-0931-7, 9,80 Euro
Hinweis auf sonstige Infostellen
Azadi, azadi@t-online.de; www.nadir.org/azadi/
Demokratisches Türkeiforum, info@tuerkeiforum.net,
www.tuerkeiforum.net
ISKU | Informationsstelle Kurdistan e.V., isku@nadir.org;
www.nadir.org/isku/
Koalition für einen Demokratischen Irak (KDI), kdi@gmx.net
Koalition Demokratisches Syrien (KDS), kds-info@gmx.net
Kurdisches PEN-Zentrum, webmaster@pen-kurd.org,
www.pen-kurd.org/
Kurdistan Report, www.kurdistanreport.de
Kurdistan Rundbrief, www.kurdistan-rundbrief.de
Mezopotamian Development Society, MESOP@online.de,
www.mesop.de
NAVEND – Zentrum für kurdische Studien e.V., info@navend.de,
http://www.navend.de/
Österreichisch-Kurdische Ges. für Wissenschafts- u. Kulturaustausch,
office@ok-gesellschaft.at, w.w.w.ok-gesellschaft.at/
The Turkish Economic and Social Studies Foundation (TESEV),
www.tesev.org.tr/eng/
Zentrum für Türkeistudien, www.zft-online.de
Ende Nützliche Nachrichten 3/2008
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