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Zentral gesteuerte Angriffe auf Newrozfeiern
Obwohl der türkische Innenminister Besir Atalay im Gespräch mit den
DTP-Abgeordneten Ahmet Türk und Selahattin Demirtas im Vorfeld von
Newroz versprochen hatte, die „notwendigen Anweisungen“ zu geben, um
einen gewaltfreien Ablauf der Feiern zu gewährleisten, ist es in
vielen Städten zu Blutvergießen gekommen. Die DTP bewertete die
Angriffe als „zentral gesteuert und feindlich“.
In Yüksekova wurde Ikbal Yasar (20), in Van Zeki Erinc (35) von
Polizisten erschossen. Dutzende Menschen wurden verletzt, davon 20
durch Schüsse. Wie Selahattin Demirtas angab, sei das Verhalten der
Sicherheitskräfte nicht auf Deeskalation, sondern auf Mord ausgelegt
gewesen. „Der Minister hat gestern sein Bedauern über das Geschehen
in Van ausgedrückt, aber heute machen sie das gleiche in Yüksekova.
Die AKP versucht, die Anspannung, die durch die Ergenekon-Bande
entstanden ist, abzubauen, indem Kurden ermordet werden.“
Die diesjährigen Newrozfeiern verliefen im Vergleich mit den
vergangenen Jahren mit größerer Beteiligung, aber auch mit
heftigeren Auseinandersetzungen. Die auf Beschluss der DTP am 13.
März in Diyarbakir gestarteten und über zehn Tage hinweg in vielen
weiteren Städten veranstalteten Newrozfeiern waren von einer großen
Begeisterung geprägt. Um einen reibungslosen Ablauf zu
gewährleisten, hatten DTP-Vertreter vergangene Woche ein Gespräch
mit dem türkischen Innenminister geführt. Selahattin Demirtas
erklärte dazu: „Wir haben dem Herrn Minister deutlich gemacht, dass
keine Probleme entstehen werden, wenn die Feiern an den Orten und zu
den Zeitpunkten stattfinden, die unsere Partei festgelegt hat.
Andernfalls könne es zu ungewollten Vorfällen kommen. Minister
Atalay hat darauf entgegnet, die Planung der Feiern sei für einen
reibungslosen Ablauf wichtig und er werde entsprechende Anweisungen
geben.“
Weiter informierte Demirtas, der in Van die Verletzten im
Krankenhaus besuchte, dass drei von ihnen sich in einem kritischen
Zustand befinden. Diese hätten Schussverletzungen am Kopf und im
Brustbereich. Für die Eskalation der Vorfälle seien der
Innenminister und die AKP-Regierung verantwortlich: „Gestern hat
Herr Atalay mir gegenüber sein Bedauern ausgedrückt. Aber das hat
sie nicht davon abgehalten, heute das gleiche in Yüksekova zu
machen. Es liegt nicht nur ein Einsatz extremer Gewalt vor, sondern
ein feindliches Verhalten. In Van, Hakkari, Yüksekova und Siirt hat
es die gleichen Bilder gegeben. Die Polizei erhält ihre Befugnisse
über das Gesetz. Ihre Befugnisse sind in den Gesetzen klar
festgelegt. In bestimmten Situationen können diese Befugnisse
überschritten werden, aber was hier stattgefunden hat, ist noch
etwas anderes. Es ist direkt auf Menschen gezielt und geschossen
worden. Das Ziel war ganz eindeutig, Menschen zu töten.“
Erst innerhalb der letzten beiden Tage sei es bei den ansonsten
friedlich abgelaufenen Feiern zu Straßenschlachten gekommen. „Die
jüngsten Eingriffe der Sicherheitskräfte sind deutlich zentral
gesteuert. Während die AKP die Ergenekon-Operation durchführt,
finden gleichzeitig harte Interventionen gegen von Kurden
durchgeführte Kundgebungen statt. Die Anspannung, die durch die
Ergenekon-Operation entstanden ist, soll über die Ermordung von
Kurden abgebaut werden. Außerdem geht es darum, die Botschaft, die
von der Newrozveranstaltung in Diyarbakir ausging, zu schwächen.“
Demirtas kündigte weiter an, die Vorfälle im Parlament auf die
Tagesordnung zu bringen.
Bilanz der Newroz-Veranstaltungen
20. März
- In Cizre schießen Dorfschützer mit Kalaschnikows auf die
Menschenmenge. Fünf Menschen werden verletzt.
- In Silopi greift die Polizei mit Gasbomben und Panzern
an. Ein 15-jähriger wird am Oberschenkel durch eine Gasbombe
verletzt, Dutzende weitere Menschen im Gedrängel nach dem Angriff.
- In Izmir-Narlidere werden vier Personen bei einem
Polizeiangriff verletzt.
- In Qamislo (Syrien) werden drei Personen von Militärs
erschossen.
21. März
- In Urfa-Viransehir werden im Anschluss an eine Newrozfeier elf
Personen bei Auseinandersetzungen verletzt.
- In Mardin-Nusaybin greift die Polizei mit Panzern, Gasbomben und
Schusswaffen eine Menschenmenge an, die nach einer Newrozfeier eine
Demonstration durchführen. Eine Person wird durch einen Bauchschuss
schwer verletzt, eine weitere Person erleidet einen Armbruch, sieben
weitere müssen wegen Gasverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert
werden.
22. März
- In Van werden bei einem Polizeiangriff 65 Personen verletzt, davon
14 Polizisten. Vier Personen werden in die Intensivstation
eingeliefert, der 35-jährige Zeki Erinc stirbt.
- In Hakkari werden durch einen Polizeiangriff auf eine Kundgebung
vor dem DTP-Gebäude 23 Personen verletzt, darunter der ehemalige
Bürgermeister Metin Tekce.
- In Siirt werden zwei Personen angeschossen.
23. März
- In Yüksekova werden drei Personen angeschossen und der 20-jährige
Ikbal Yasar durch einen Brustschuss getötet.
Angriff von Faschisten in Istanbul
In Istanbul sind Kurden auf dem Rückweg von der Newrozfeier im
Bahnhof Kücükcekmece von Faschisten mit Steinen und Schlagstöcken
angegriffen worden. Dabei wurden mehrere Menschen verletzt, die
anwesende Polizei griff nicht ein.
Quelle: ANF/DIHA, 23.03.2008, ISKU
DTP-Jugend wird kriminalisiert
Im Rahmen einer Polizeioperation gegen die DTP-Jugend (YDG) sind
bisher über 80 Personen festgenommen worden. Die Operation hatte im
Vorfeld von Newroz begonnen und dauert weiter an. Die Mitglieder des
DTP-Jugendrates werden beschuldigt, die “Jugendorganisation der PKK”
zu leiten. Die Festnahmen (Samsun 19, Malatya 19, Elaz?? 14,
Diyarbak?r 6, ?zmir 6, Kocaeli 14 sowie eine noch unbekannte Anzahl
in Van) ereigneten sich bei Hausdurchsuchungen und im Anschluss an
Newrozveranstaltungen.
Die YDG wurde im November 2007 über eine Satzungsänderung auf dem 2.
DTP-Kongress gegründet, um eine autonome Organisierung aller
kurdischen Jugendinstitutionen zu koordinieren.
Quelle: DIHA, 23.03.2008, ISKU
Todesstrafe gegen kurdischen Journalisten im Iran
Der kurdische Journalist Abdulvahid Hiwa Botimar ist im Iran erneut
von der Vollstreckung der Todesstrafe bedroht. Im vergangenen Jahr
wurde die Todesstrafe gegen ihn aufgrund internationalen Drucks
aufgehoben. Jetzt wurde er wegen eines vermeintlichen Vergehens
erneut zum Tode verurteilt.
Quelle: DIHA, 24.03.2008, ISKU
ISKU | Informationsstelle Kurdistan e.V.
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