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http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/horizonte/733640.html:
In der Berliner Zeitung 17. 03. 08 , Rubrik MenschenBilder
Dahlia Wasfis Kampf um den Irak
Wie eine US-Amerikanerin mit nahöstlichen Wurzeln zur Gegnerin des
Bush-Krieges wurde. Sie fordert: Abzug sofort
Martina Doering
Sie ist so zierlich und klein, dass man sie kaum hinter dem Rednerpult
sieht. Doch Dahlia Wasfis tief-rauchige Stimme beherrscht den Saal, und die
Amerikanerin hat eine Botschaft: Sie lehnt die amerikanische Besatzung des
Irak strikt ab. Mit der Forderung nach dem Abzug der Soldaten reist sie seit
rund zwei Jahren durch die USA, von Konferenz zu Konferenz, von Tagung zu
Tagung. Sie hat ihren Beruf als Medizinerin aufgegeben, sich eine
Einzimmer-Wohnung gesucht und ist auf die Unterstützung ihrer Eltern
angewiesen.
Immer mehr Amerikaner zweifeln inzwischen am Irak-Engagement ihres Landes
und fragen, wie man es möglichst schnell beenden und die Soldaten heimholen
kann. Eine Menge Leute in den USA versuchen mittlerweile, darauf zu
antworten, ehemalige Kriegsbefürworter wie Politiker, Kriegsveteranen wie
Exil-Iraker. Dahlia Wasfi treiben eigene, familiäre Motive: Die 36-Jährige
hat einen moslemischen Iraker zum Vater und eine jüdische Mutter, deren
Familie 1933 aus Österreich in die USA emigrierte. Ein Teil ihrer Tanten und
Onkel, Cousins und Cousinen lebt in New York, der andere Teil im Irak. Sie
hat ihre Familie in Basra nach der US-Invasion zwei Mal besucht.
Motivation: Familiengeschichte
Bei ihren öffentlichen Auftritten zeigt sie Familienfotos: eine Aufnahme von
ihrem Vater an der Universität in Bagdad, im Kreis seiner Kommilitonen, ein
Hochzeitsfoto ihrer Eltern, Kinderbilder von ihr selbst, aktuelle Aufnahmen
in Basra und Pressefotos aus dem Irak mit Toten, zerstörten Häusern,
Müllbergen und kranken Kindern. Sie erzählt ihre Familiengeschichte.
Dahlias Vater wird 1937 in Basra geboren und geht dort zur Schule. Als am
14. Juli 1958 der von der damaligen Kolonialmacht Großbritannien eingesetzte
König gestürzt und die Republik Irak ausgerufen wird, studiert der Vater in
Bagdad Chemie. Mit dem Geld aus der verstaatlichten Erdöl-Industrie wird
eine rasante Modernisierung finanziert: Es entstehen Schulen, Krankenhäuser,
Industrieanlagen, eine effiziente Verwaltung, aber auch eine hochgerüstete
Armee. Die Jugend wird zum Studieren ins Ausland geschickt. Dahlias Vater
bekommt 1965 ein Stipendium, um an der Universität in Washington seinen
Doktor zu machen. Er lernt das jüdische Mädchen kennen, das dort
Internationale Beziehungen studiert. 1968 heiraten sie.
"Meine jüdischen Großeltern waren überhaupt nicht begeistert. Aber dann
haben sie es akzeptiert. Und schließlich kamen wir Enkelkinder: 1969 meine
Schwester Yasmin, 1971 wurde ich geboren und zehn Jahre später mein Bruder
Ammar." Als sich ihre Eltern kennenlernten, sagt Dahlia Wasfi, ging es vor
allem um den Palästinakonflikt. "Sie haben aber nicht für die eine oder
andere Seite Partei ergriffen. Sie setzten sich für Gerechtigkeit ein", sagt
Dahlia Wasfi. "Besatzung ist immer ungerecht und zerstörerisch, sei es in
Palästina, sei es in Afghanistan oder eben in Irak."
1972 siedelt die Familie nach Basra über, wo der Vater an der Universität
lehrt und sein Stipendium abzahlen muss. Saddam Hussein ist noch nicht
Staatschef, aber der starke Mann im Hintergrund. Im Irak herrscht ein Klima
der Angst und des Misstrauens. 1977 geht die Familie daher zurück in die
USA - zwei Jahre, bevor Saddam Hussein offiziell die Macht ergreift. Drei
Jahre bevor er den Krieg gegen den Iran beginnt.
"All das habe ich erst in den letzten Monaten erfahren, weil ich gefragt und
viel gelesen habe", sagt Dahlia Wasfi. "Meine Eltern sprachen nie darüber.
Wir waren normale, amerikanische Kids, mit Interesse für Musik, Mode,
Baseball."
Dahlia Wasfi geht zur Schule, besucht das College und studiert Medizin. "Als
1990 der Golfkrieg zur Befreiung Kuwaits begann, war ich noch auf dem
College. Mir war zwar bewusst, dass ich im Irak Verwandte habe, mein Vater
schickte ihnen regelmäßig Geld", sagt sie, "aber dieser Krieg war mir so
fern wie vielen anderen Amerikanern."
1997 beginnt sie ihre Facharztausbildung. Sie reagiert auf die
Terroranschläge am 11. September 2001 entsetzt, wie all ihre Freunde. Aber
sie bekommt die Folgen anders zu spüren: "Ich sehe arabisch aus, ich habe
einen arabischen Namen. Plötzlich schlug mir Ablehnung entgegen. Ärzte in
meinem Krankenhaus erklärten, dass sie keine Araber mehr behandeln wollten.
Einer plädierte dafür, dass man auf die Herkunftsländer der Terroristen
Atombomben werfen sollte." Sie bekommt Depressionen, nimmt eine Auszeit und
flüchtet sich in die Familie ihrer Schwester.
Ein Ereignis, fern von den USA und dem Irak bringt die Wende. "Am 16. März
2003 überrollte ein israelischer Bulldozer die amerikanische Studentin
Rachel Corrie, tötete sie, als sie in Gaza gegen die Zerstörung von Häusern
protestierte", erzählt die junge Frau. "Rachel Corrie hatte keine Verwandten
in Palästina. Ich aber hatte Familienangehörige in dem Land, das die USA
angreifen wollten - und ich tat nichts." Am 21. März, fünf Tage nach Rachel
Corries Tod, begann die Bombardierung des Irak.
Ein Jahr später fliegt Dahlia Wasfi dann erst nach Jordanien, von dort
begleiten sie Cousinsüber Bagdad nach Basra. "Die Stadt war deprimierend:
Viele Gebäude waren zerstört. Die Stadt war verrottet. Es gab keine
Müllabfuhr. Es herrschte Gesetzlosigkeit." Da konnte sie nicht ahnen, dass
alles noch schlimmer werden würde.
"Ich hatte meinen Cousins versprochen wiederzukommen. Im März 2006, trotz
Aufstand, Geiselnahmen und Bürgerkrieg, fuhr ich wieder hin." Es habe ein
unvorstellbares Klima der Angst geherrscht, beschreibt sie die Lage zu jener
Zeit. Die Stadt wurde von Milizen kontrolliert. "Ich habe meine Familie in
Basra durch meine Anwesenheit gefährdet", sagt Dahlia Wasfi, "und sie hatten
Angst um mich. Ich durfte das Haus nur wenige Male tief verschleiert
verlassen. Aber mir wurde endlich klar, dass ich mit meinen Steuern die
Besatzung bezahle, ich also für ihr Elend mit verantwortlich bin. Sie haben
keinen Anwalt, der für sie spricht."
Eine öffentliche Person
Nach ihrer Rückkehr im Frühjahr 2004 nimmt Dahlia Wasfi Kontakt zur Bewegung
Colorado-Kommunen für Gerechtigkeit und Frieden auf, sie spricht auf deren
Jahreskonferenz. Aber erst nach ihrem Auftritt vor dem Kongress im Frühjahr
2006 wird sie landesweit bekannt. Fortan wird sie zu Tagungen und
Kundgebungen überall in den USA und auch Europa eingeladen. Sie zeige ihre
Fotos und erzähle stets das Gleiche: "Das ist kein Krieg gegen den Terror
sondern ein Krieg des Terrors, den wir führen. Ich beschreibe die Zustände
in Basra. Ich sage, dass es nur eine Lösung gibt: Wir müssen uns sofort und
bedingungslos zurückziehen."
Beim Stichwort Rückzug wird sie energisch: "Wie es dann im Irak weitergeht,
weiß niemand", sagt sie, "aber wir garantieren: Es wird keine
Bombardierungen mehr geben, keine US-Gefängnisse im Irak, keine US-Waffen
für Todesschwadronen, keine Folterungen von Irakern durch Amerikaner. Kein
US-Soldat wird mehr im Irak morden, kein US-Soldat im Irak sterben."
Ihre Regierung brauche für diesen Krieg zwei Dinge: öffentliche
Unterstützung und Soldaten. Die Unterstützung hätten sie schon verloren,
sagt Dahlia Wasfi. "Die Soldaten sind der Schlüssel. Wenn du meinst, dass
dieser Krieg ungerecht und die Besatzung zerstörerisch ist - dann tu was!
Unterstütze Organisationen wie die Irak-Veteranen gegen den Krieg. Hilf
Soldaten, die desertieren oder die in US-Militärgefängnissen sitzen, weil
sie den Dienst verweigerten", sagt sie. Nicht Desertion und
Befehlsverweigerung seien illegal, sondern dieser Krieg und das, was die
Soldaten im Irak anrichteten.
"Wir müssen endlich begreifen", sagt die jüdisch-arabische Amerikanerin,
"dass sie uns nicht wegen unserer Freiheiten und Werte hassen, sondern wegen
der Dinge, die wir ihnen antun."
Berliner Zeitung, 17.03.2008
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