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Liebe Freundinnen und Freunde,
anbei ein erster kurzer Bericht über die Konferenz sowie die
Abschlußerklärung der Organisatoren und Referenten, über die wir uns
letztlich auf dem Abschlussplenum verständigt haben.
Wir möchten uns hier auch nochmal ganz besonders bei allen bedanken, die
sich während dieser drei Tage und auch schon zuvor tatkräftig für die
Konferenz eingesetzt haben.
Viele Grüße,
Joachim Guilliard und Annette Schiffmann
Kurzbericht Irakkonferenz "Alternativen zu Besatzung und Krieg"
Es waren drei anstrengende Tage. Sie haben sich jedoch gelohnt. In der
Nachbesprechung waren sich alle einig, dass die Konferenz inhaltlich ein
großer Erfolg war - eine Einschätzung, die durch die begeisterten
Rückmeldungen vieler ReferentInnen und ModeratorInnen gestützt wird. Damit
können wir also sehr zufrieden sein.
Sehr positiv war auch die Teilnehmerzahl. Wir hatten große Sorgen wegen des
Streiks der Berliner Verkehrsbetriebe, der tatsächlich ein großes Hindernis
war, z.T. auch für die Medien.
Trotz allem fanden am Freitag ca. 300 und am Samstag rund 400 Teilnehmer den
Weg ins Audimax. Die genaue Zahl ist wegen der hohen Fluktuation schwer zu
schätzen, in der Regel war der 450 Personen fassende Saal gut zur Hälfte
gefüllt.
Auch am Sonntag kamen über 100 Teilnehmer zu den Workshops. noch einmal ca.
25 extra zu Nina Hagens Diskussionsrunde, die nach den 4 eigentlichen
Workshops anfing. Der Workshop zur deutschen Beteiligung am Krieg hatte den
größten Zulauf, derjenige mit den US-amerikanischen "Irak-Veteranen gegen
den Krieg" (IVAW) den zweitgrößten. Diese gründeten zum Ende des Workshops
ihre erste Sektion außerhalb der USA. Sobald die Berichte der Workshops
vorliegen, werden wir sie auf die Homepage stellen.
Das Einstiegspodium am Freitagabend war inhaltlich nicht ganz, was wir
erwartet hatten, da sich die ersten beiden Referenten schon gleich auf den
Irak konzentrierten. Die meisten Vorträge jedoch hielten voll und ganz, was
wir uns von ihnen versprochen hatten. Einige ReferentInnen begeisterten die
Teilnehmer regelrecht. So die irakisch-amerikanische Ärztin Dahlia Wasfi,
die nach einer eindrücklichen, durch Bilder unterstützen Beschreibung der
katastrophalen Verhältnisse, unter denen die Iraker leben müssen und der
Schilderung zahlreicher Kriegsverbrechen der Besatzungstruppen feststellte,
dass es sich "von Palästina zu Afghanistan zu Irak zu Somalia oder wo sonst
auch immer unser nächstes Ziel sein wird", nicht um "Krieg gegen Terror"
(War on Terror) sondern um einen Terrorkrieg (War of Terror) handelt.
Oder die irakische Frauenrechtlerin Haifa Zangana die in sehr ruhigem Ton
die Auswirkungen der Besatzung auf die Situation der Frauen schilderte. Auch
der Bevölkerungsstatistiker Les Roberts verstand es, seine z.T. sehr
wissenschaftlichen Ausführungen mit prägnanten Beispielen und sarkastischen
Statements zu würzen. Den Opferzahlen im Irak, die von der US-Regierung, dem
Iraq Body Count und den meisten Medien angegeben werden, stellte er z.B. die
Zahl der Morde in Detroit, Baltimore und New Orleans gegenüber. In allen
drei US-amerikanischen Großstädten lagen sie bezogen auf die
Bevölkerungszahl deutlich höher als die für den Irak gemeldeten. Wenn dies
tatsächlich so wäre, wie von der US-Regierung behauptet, warum so Les
Roberts, besetzt die US-Armee dann nicht diese Städte?
Schmerzlich war hingegen der Ausfall von Hans v. Sponeck, der wegen eines
sehr schwerwiegenden familiären Problems am Freitagmorgen absagte. Der
demokratische US-Abgeordnete Dennis Kucinich konnte gleichfalls nicht
kommen, er wurde jedoch durch seine Frau und engste Mitarbeiterin Elizabeth
Kucinich würdig vertreten.
Beim Samstagsabendpodium gelang es leider nicht ausreichend, die
Alternativen zu diskutieren. Einmal fehlte hier natürlich Hans v. Sponeck.
Zum anderen erwies es sich als Fehler die Diskussion im Panel wegen des
Zeitdrucks wegzulassen und dafür die übrigen Teilnehmer stärker zu Wort
kommen zu lassen. Wie meist bei solchen Gelegenheiten wollten viele aus dem
Publikum lieber ihre Differenzen betonen als sich konstruktiven Ideen
zuwenden. Dennoch war in den Vorträgen und der folgenden Diskussion vieles
angelegt, an dem wir in der weiteren Arbeit anknüpfen können.
Ein überaus gelungener Ausklang des anstrengenden Samstag war das
abendliche Zusammensein beim vorzüglichen arabischen Büffet, das arabische
Vereine dankenswerter Weise vorbereitet hatten. Ein großer Teil der
TeilnehmerInnen saß hier noch einige Stunden in kleinen Runden zusammen.
Medien und unsere Aufgaben:
Anbei die Erklärung der Organisatoren und einiger Referenten, über die wir
uns letztlich auf dem Abschlussplenum verständigt haben. Sie kann natürlich
nur einige wenige Aspekte der Konferenz aufgreifen und ersetzt keine
ausführliche Zusammenfassung der Ergebnisse. Diese werden wir in den
nächsten Wochen nachliefern.
Da wir, als Organisatoren die Konferenz nur teilweise verfolgen konnten und
die Bewertung was besonders wichtig war sehr subjektiv ist, möchten wir alle
bitten, die dabei waren, selbst einen Bericht zu verfassen. Matthias
Jochheim hat dies dankenswerter Weise schon für das IPPNW-Forum getan. Ich
hänge auch ihn der Mail an.
Trotz der sehr interessanten und teils auch prominenten Referenten ist es
auch diesmal nicht gelungen in größerem Maß in die Medien zu gelangen.
Obwohl es zuvor von allen Seiten großes Lob für das Program gegeben hatte,
findet man leider auch diesmal nur in der jungen Welt und im Neuen
Deutschland Berichte von der Konferenz. Berliner Lokalsender brachten zwar
auch noch was, konzentrierten sich aber mehr auf Nina Hagen.
jW 10.03.2008 (Bernhardt): "Im Irak herrscht das Chaos"
Internationale Irak-Konferenz bilanzierte fünf Jahre Krieg und Besatzung
http://www.jungewelt.de/2008/03-10/047.php
ND 10.03.2008 (Gärtner): "Ein Krieg des Terrors"
400 Teilnehmer debattierten auf internationaler Irak-Konferenz in Berlin
http://www.neues-deutschland.de/artikel/125328.html
In beiden Zeitungen werden auch noch weitere Berichte und Interviews folgen.
Die Berliner Zeitung hatte im Vorfeld ein Interview mit William Polk
gemacht, und Martina Döring, die das letzte Samstagspodium mitmoderierte,
hat ein doppelseitiges Feature mit Dahlia Wasfi geplant. In der Zeitung ist
dennoch bisher noch nichts erscheinen. Vielleicht wird es für den
eigentlichen Jahrestag aufgespart.
Einige Beiträge werden wohl auch von den "Blätter für dt.und int. Politik"
dokumentiert werden.
Erfreulich bei der Konferenz war sicherlich auch der große Kreis der
Unterstützer, zu denen schließlich auch noch attac Deutschland gestoßen war.
Über deren diversen E-Mail Verteiler und Homepage lief wahrscheinlich der
wichtigste Teil der Werbung. In einigen Newslettern/Rundmails mit größerer
Verbreitung fehlte hingegen jeglicher der Hinweis auf die Konferenz.
Unter den Teilnehmern waren auch recht vielen Aktive aus Gruppen und
Organisationen im ganzen Land und den Nachbarländern. Es wird nun an ihnen
liegen, die Ergebnisse der Konferenz zu verbreiten. Keine leichte Aufgabe,
angesichts des nach wie vor geringen Interesses. Auch die diesjährigen
Ostermärsche zeigen ein in dieser Hinsicht sehr gemischtes Bild. Ein guter
Teil der Organisatoren haben das Thema Irak offensichtlich längst abgehakt.
Trotz des Zusammenfalls der OM mit dem 5. Jahrestag des Krieges kommt Irak
in vielen Aufrufen und Publikationen nur noch ganz am Rande vor.
Wir werden so rasch wie möglich die Beiträge auf der Homepage zugänglich
machen, die ersten liegen schon in digitaler Form vor. Alle Vorträge im
Audimax wurden aufgezeichnet, sowohl der O-Ton als auch die simultane
Übersetzung. Bei Bedarf können wir Kopien davon auf CD zur Verfügung
stellen. Wolfgang Zimmermann hat einige Vorträge auch komplett als Video auf
DVD aufgenommen.
Die ganze Konferenz ist zudem von einem professionellen Kamerateam
aufgezeichnet worden, das eine eigene YouToube-Seite für uns erstellen und
alle Vorträge zum einen komplett und zum anderen in Form von ca. 10
"The-Best-Of" Beiträgen online stellen wird. Diese Seite geht nach Ostern
online.
Schließlich haben wir vor, die wichtigsten Beiträge, die rechtzeitig genug
vorliegen in einem Buch zu veröffentlichen.
Bitte um Spenden und Unterstützer-Beiträge !
Last but not least zu den Finanzen. Eine endgültige Abrechnung steht noch
aus. Die unerwartete Absage einer Stiftung und der Streik der öffentlichen
Verkehrsmittel in Berlin haben auf alle Fälle ein Loch in unsere
Finanzplanung gerissen.
Es ist durchaus zu stopfen. Wir benötigen aber dringend von allen
Unterstützer, die noch nicht überwiesen haben, ihre Beiträge!
Wir bitten zudem alle, die noch etwas spenden können, um eine Spende:
Rund um die Welt e.V. - Stichwort Irakkonferenz 2008
Kto 908 1771 - BLZ 672 500 20 - Sparkasse Heidelberg
Alternativen zu Krieg und Besatzung
Internationale Irakkonferenz zum 5. Jahrestag des Krieges
Berlin 7. - 9. März 2008
Abschlusserklärung von Organisatoren und Referenten
Am 20. März jährt sich der US-geführte Überfall auf den Irak zum fünften
Mal. Weltweit finden aus diesem Anlass Proteste gegen den Krieg und die
Besatzung statt. In der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Haus der
Demokratie und Menschenrechte nahmen vom 7. bis 9. März mehrere Hundert
Menschen aus dem Irak, den USA, Deutschland und anderen Ländern an einer
Konferenz teil, um Alternativen zu Krieg und Besatzung zu diskutieren. Die
Bilanz dieser fünf Jahre Krieg und Besatzung ist verheerend. Mehr als eine
Million Irakerinnen und Iraker starben vermutlich bereits an den Folgen und
über vier Millionen - fast ein Sechstel der Bevölkerung - sind auf der
Flucht. Die US-geführte Aggression führte somit, nach den Kriegen im Kongo,
zur weltweit größten humanitären Katastrophe der letzten Jahrzehnte.
Die starke weltweite Bewegung gegen den Krieg behielt auf traurige Weise
Recht. Die ursprünglichen Begründungen für den Überfall erwiesen sich rasch
als völlig erlogen. Vom nachgeschobenen Ziel der Demokratisierung des Landes
ist so wenig zu sehen wie von angeblichen Massenvernichtungswaffen.
Mittlerweile spricht die US-Regierung nur noch vom alles entscheidenden
Kampf gegen "al Qaeda" - Kräfte, die es vor der Invasion im Irak nicht gab
und die sich ohne Besatzung nicht halten könnten.
Wie auch das deutsche Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil 2005
festgestellt hat, war die US-geführte Aggression ein eindeutig
völkerrechtswidriger Angriff, die Gewährung von Überflugrechten und
logistischer Unterstützung u.a. durch die Bundesregierung die Beteiligung an
einem verbotenen Angriffskrieg.
Die Medienberichte konzentrieren sich mittlerweile ausschließlich auf die
Konflikte zwischen irakischen Kräften, auf das Milizen-Unwesen, auf religiös
motivierte Gewalt und Terroranschläge. Die von US-geführten Truppen
ausgeübte Gewalt verschwindet völlig im Hintergrund. Die Besatzer erscheinen
sogar als Kräfte, die verzweifelt bemüht sind, einem in sich zerrissenen
Land Frieden und Stabilität zu bringen.
Dieses realitätsferne Bild wurde von der 3-tägigen Konferenz durch Berichte
und Analysen von Wissenschaftlern, Betroffenen, Augenzeugen, US-Soldaten und
Journalisten in wesentlichen Teilen korrigiert.
Ö Belegt wurde nicht nur die zentrale Verantwortung der
Besatzungsmächte für die allgemeinen Lebensbedingungen sondern auch für
einen großen Teil der im Irak herrschenden Gewalt. Auch die dominierenden
Kräfte in der von den USA eingesetzten irakischen Regierung heizen den
Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt an, um Nutzen aus einer Polarisation
der Gesellschaft ziehen zu können. Ihre politischen Führer wurden zunehmend
zu "Warlords."
Ö Korrigiert wurde auch die stark vereinfachende Auffassung, wonach die
Bevölkerung politisch im Wesentlichen in drei gegensätzliche Gruppen zu
unterteilen sei: die Kurden im Norden, die Sunniten im Zentrum und die
Schiiten im Süden. Die bürgerkriegsähnliche Situation wurde von den
Besatzungsmächten provoziert, indem sie einzelne sektiererische und
ethnische Parteien aufrüsteten und gegen andere unterstützten. Die nun
begonnene Ausrüstung von Stammesmilizen heizt die Situation weiter an.
Ö Korrigiert wurde schließlich auch die weitverbreitete Ansicht, die
Phase der völkerrechtswidrigen Aggression sei nun vorbei und es gäbe
mittlerweile keine Alternative mehr zur langandauernden Anwesenheit der
ausländischen Truppen.
Ö Die US-amerikanischen "Irak-Veteranen gegen den Krieg" (IVAW),
gründeten anlässlich der Konferenz ihre erste Sektion außerhalb der USA .
Die Fortsetzung der Besatzung verschlimmert die Lage immer weiter. Die auch
von der Bundesregierung mitgetragene Politik, eine Regierung zu stärken und
"Sicherheitskräfte" auszubauen, die mitverantwortlich sind für den aktuellen
schmutzigen Krieg, kann gleichfalls nicht zur Verringerung der Gewalt
beitragen. Sie beschleunigt vielmehr genau den Prozess, den zu verhindern
sie vorgibt.
Erst ein verbindlicher Zeitplan für den Rückzug aller zivilen und
militärischen Besatzungskräfte macht den Weg frei für Verhandlungen unter
Einbeziehung aller wesentlichen irakischen Akteure, d.h. einschließlich des
nationalen Widerstands. Die Führung im folgenden Prozess der Stabilisierung
und des Wideraufbaus muss bei den Irakern und Irakerinnen liegen. Dieser
Prozess benötigt jedoch massive internationale Unterstützung.
Insbesondere die USA und ihre Verbündeten stehen in der Pflicht, die
angerichteten Schäden soweit wie möglich wieder gutzumachen und
Schadensersatz zu leisten. Die irakische Opposition fordert von den USA und
Großbritannien 70 Milliarden US-Dollar für die ersten sechs Monate der
Übergangszeit. Das wäre wesentlich weniger, als die beiden Staaten in dieser
Zeitspanne für den Krieg ausgeben würden.
Gemäß aller auf der Konferenz vorgestellten Lösungsvorschläge werden
Friedenstruppen aus neutralen Staaten nötig sein, um - in Absprache mit den
maßgeblichen irakischen Kräften - die Gewalt in Brennpunkten wie dem
umstrittenen Kirkuk einzudämmen.
Eine gewichtige Rolle wird der UNO zukommen, die den politischen Prozess
moderieren und die umfangreiche Hilfe koordinieren muss, die das Land
dringend benötigt. Insbesondere müssen rasch die Voraussetzungen dafür
geschaffen werden, damit auch die über vier Millionen Flüchtlinge und
Vertriebenen wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Im Gegensatz zur
Politik der letzten 18 Jahre muss die UNO dabei allerdings strikte
Neutralität wahren und - frei von interessengeleiteten Vorgaben einzelner
Staaten, insbesondere der einstigen Besatzungsmächte, ihre Mission
durchführen können.
Der UN-Sicherheitsrat sollte zukünftig keiner weiteren Verlängerung des
Besatzungsmandats für amerikanische und andere ausländische Truppen
zustimmen.
Der "Krieg gegen den Terror" hat zwei Länder - Afghanistan und Irak -
verwüstet und eine ganze Welt-Region destabilisiert. Durch die aggressive
Politik der USA und der EU gegen den Iran und durch deren vorbehaltlose
Unterstützung für das brutale und völkerrechtswidrige Vorgehen Israels gegen
die Palästinenser droht die Situation im Nahen- und Mittleren Osten weiter
zu eskalieren.
Die Ära Bush geht zu Ende - es darf aber nicht bei einem Wechsel der Person
bleiben. Wir brauchen dringend einen grundlegenden Kurswechsel, sowohl in
den USA als auch in den anderen Nato-Staaten.
Deutschland kann hier entscheidende Schritte vorausgehen: mit dem
unverzüglichen Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan und der Einstellung
jeglicher Unterstützung für Krieg und Besatzung im Irak. Insbesondere muss
den USA die Nutzung von Militärstützpunkten, Flug- und Seehäfen für die
Kriegführung im Mittleren Osten unverzüglich untersagt werden.
Die Organisatoren der Konferenz unterstützen die Forderung, die
Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Das schließt das Recht der
Opfer auf Entschädigung ein.
Berlin, den 9.3.2008
Die Beiträge der Konferenz werden in Kürze unter www.irakkonferenz2008.de zu
finden sein.
Bericht von Matthias Jochheim, IPPNW:
5 Jahre "Operation Iraqi Freedom"- vorläufige Bilanz eines Angriffskriegs
Etwa 300 Aktive aus Friedens- und Solidaritätsbewegung trafen sich in Berlin
bei der Konferenz "Alternativen zu Krieg und Besatzung", die von der
deutschen IPPNW mitgetragen wurde. Referentinnen und Referenten stammten vor
allem aus dem Irak selber und aus den USA, und berichteten in
eindrucksvollen Vorträgen über die grauenhafte Situation der Menschen im
Zweistromland: Schätzungen auf Basis wissenschaftlicher Studien lassen bis
heute eine Zahl von rund eine Million irakischer Todesopfer durch
Gewalteinwirkung und indirekte Kriegsfolgen erwarten; laut
UN-Flüchtlingsorganisationen wurden 4 Millionen Iraker zu Flüchtlingen,
davon etwa die Hälfte im eigenen Land, weitere 2 Millionen unter elenden
Bedingungen vor allem in Syrien und Jordanien. Das Leben im Lande selber
steht unter ständiger Gewaltdrohung, zum einen durch die Besatzungstruppen,
zum anderen durch die Ergebnisse der imperialen Politik des "teile und
herrsche", die ethnische und religiöse Spaltung planvoll zur Stabilisierung
der eigenen Hegemonie vorantreibt und fördert.
Für uns als ÄrztInnen von besonderem Interesse war der Vortrag des
US-amerikanischen Epidemiologen Les Roberts, der an der in "Lancet" 2006
veröffentlichten Studie über die Zahl der Kriegsopfer im Irak führend
beteiligt war. Die wissenschaftlich gut fundierte Untersuchung ergab damals
eine bis dahin zu erwartende Zahl von Todesopfern in Höhe von etwa 650.000
Menschen, davon etwa 600.000 unmittelbar in Folge von Gewalttaten. 31% davon
müßten direkt den Invasions-Streitkräften zugeordnet werden. Spannend war
Les Roberts Resümee bezüglich der Rezeption dieser Studie: während in
Großbritanien über die Ergebnisse eine heftige Kontroverse unter Einschluss
des Premierministers entbrannte, wurden sie in den USA weitgehend aus den
öffentlichen Medien ferngehalten. Bezeichnend war die Reaktion der
Herausgeberschaft der renommierten "Washington Post": das Material sei sehr
interessant, kurz vor den wichtigen Kongresswahlen 2006 aber "too hot" für
eine Publikation! Entsprechend ist die US-Öffentlichkeit laut demoskopischen
Untersuchungen zwar recht exakt über die Zahl der getöteten GIs im Irak im
Bilde, bei der Frage nach den irakischen Opferzahlen liegen die Angaben der
Bürger aber um den Faktor 66 zu niedrig ( 9000 statt 600.000)!
In dieser medial erzeugten Wahrnehmungstrübung liegt sicher ein wesentlicher
Grund dafür, dass trotz vom US-Steuerzahler zu tragenden finanziellen
Kriegslasten in Höhe von solide geschätzten 3 Billionen $ bis heute durch
die US-Amerikaner diesem Kriegstreiben kein Ende bereitet werden konnte.
Die Europäer und die Deutschen forderte Roberts auf, den US-Krieg
entschieden zu kritisieren, dies sei ein Freundschaftsdienst gegenüber
Amerika.
In einer sonntäglichen Arbeitsgruppe wurde allerdings herausgearbeitet, dass
auch die direkte deutsche Beteiligung am Irak-Krieg wesentlich größer ist,
als öffentlich wahrgenommen. Viele der hier stationierten über 60.000
US-Soldaten rotieren immer wieder zu Kampfeinsätzen, Verweigerer sitzen in
US-Militärgefängnissen auf deutschem Gebiet, und die zahlreichen Basen,
zuallererst Ramstein, sind die wichtigsten Nachschubdrehkreuze außerhalb
der USA. Diese Unterstützung endlich aufzukündigen, muß ein wichtiges Ziel
aller Kriegsgegner hierzulande sein - zusammenarbeiten können wir dabei auch
mit kriegsgegnerischen US-Soldaten, wie sie z.B. bei den Iraq Veterans
Against War zusammengeschlossen sind.
Dokumentiert wird diese wichtige Tagung auf: www.irakkonferenz2008.de
M.J.
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