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Bei den Einmarschplänen der Türkei geht es nicht allein um die PKK
Von Memo Sahin
Nach der Ermächtigung der türkischen Regierung durch das Parlament am
17. Oktober 2007 in Irakisch-Kurdistan (Nordirak) militärisch gegen
Kämpfer der Arbeiterpartei Kurdistan (PKK) vorzugehen, ist die Lage am
Grenzdreieck –Irak, Iran und Türkei- noch komplizierter geworden.
Die von der Türkei immer wieder betonte „innertürkische Terrorfrage“
wurde von ihr auf die internationale Agenda gesetzt. Um die Frage zu
beantworten, worum es der Türkei eigentlich geht und was hinter der
Zuspitzung des Eskalationskurses der letzten Tagen und Wochen steckt,
ist es wichtig einige Fakten noch einmal in Erinnerung zu rufen und
festzulegen:
- Die ungelöste Kurdenfrage existiert nicht erst seit zwei Wochen oder
zwei Jahren. Allein in der Ära der Türkischen Republik fanden nach
Äußerungen des Ex-Staatschef der Türkei, Süleyman Demirel, 28 Aufstände
der Kurden statt.
- Während aller anderen Aufstände binnen paar Monaten blutig
niedergeschlagen wurden, dauert der 29. bewaffnete Widerstand der
Kurden unter der Regie der PKK seit einem Vierteljahrhundert (seit
1984) ununterbrochen an.
- Die Kämpfer der PKK sind seit 1980 in Irakisch-Kurdistan
stationiert, nicht wie behauptet erst nach dem Einmarsch der Amerikaner
und Proklamation der Kurdischen Föderation im Irak. Die ersten Schüsse
der PKK sind am 15. August 1984 auf die Kasernen der türkischen Armee
in Eruh und Semdinli abgefeuert worden. Damals und bis 2003 stand Irak
unter der eisernen Faust der Saddam-Diktatur.
- Die Operationsgebiete der PKK umfassen innerhalb der Grenzen der
Türkei über 200.000 qkm, von Ararat bis Antakya am Mittelmeer, von
Gümüshane am Schwarzmeer bis Maras am Taurusgebirge, von Sivas bis
Hakkari. Außerdem ist die PKK in allen Teilen Kurdistans -Türkei,
Iran, Irak und Syrien- organisiert.
- Der Guerilla ist nicht autorisiert und bewegt sich nicht auf
Autobahnen und Landstraßen. Um von Hakkari nach Gümüshane zu gelangen,
brauchen die Guerillas monatelangen Fußmarsch durchs „Wilde Kurdistan“,
wo über 200.000 türkische Soldaten und etwa 60.000 Dorfschützer sowie
Zehntausende Polizisten stationiert sind.
- Die Kampfverbände der PKK bleiben hauptsächlich in ihren
Operationsgebieten, d.h. innerhalb der Territorien der Türkei. Es ist
dennoch richtig, dass sich einige führende Kader der PKK und
Militärbasen in den Qandilbergen zwischen Iran und Irak befinden.
- Die Türkei, die die zweitgrößte Armee der NATO mit modernstem
Kriegsgerät besitzt, konnte seit Vierteljahrhundert die PKK nicht
einmal in und um Diyarbakir, Dersim und Bingol vertreiben, wie kann sie
die PKK in Qandilbergen, in einer für sie unbekannten Landschaft in
Irakisch-Kurdistan besiegen.
- Diese Gebirgskette war der Hort der kurdischen Peshmergas im Irak
und bis 1994 auch der iranischen Kurden. Weder Saddam, noch iranischen
Pasdaran konnten die kurdischen Kämpfer dort vertreiben, auch nicht mit
Chemiewaffen.
- Für die Türkei ist Irakisch-Kurdistan, das sich seit 1991 de facto
unabhängig verwaltet und seit 2003 politisch, militärisch und
wirtschaftlich rasant entwickelt, ein Dorn im Auge. Seit vier Jahren
sind die Entwicklungen im benachbarten Irakisch-Kurdistan auf der
Tagesordnung der Türkei an der obersten Stelle platziert. Die Türkei
befürchtet, dass Irakisch-Kurdistan für die rechtlosen Kurden innerhalb
der Türkei als Model dienen wird.
- Die Türkei soll nicht vormachen, als ob die zuletzt getöteten
Soldaten, ihre ersten Opfer in diesem Krieg seien. Sie hat während des
24jährigen Krieges über 15.000 Armeeangehörige verloren.
- Die Türkei führte in der Vergangenheit 24 groß angelegte
Militäroperationen im jenseits der Grenzen, zuletzt im 1997 mit über
50.000 Soldaten, ohne handfeste Ergebnisse. Bei einigen dieser
Operationen dienten die irakischen Kurden aktiv mit und verloren
Tausende Peshmerga.
- Die PKK stellte zwischen 1999 bis 2004 die Waffen nieder und zog
die überwiegende Mehrheit ihrer Kämpfer aus der Türkei zurück. Was hat
die Türkei für die friedliche Lösung des Konflikts getan und was für
eine Zukunft bietet sie 15-20 Millionen Kurden an?
13.Kein Staat, auch die Supermächte dieser Welt, konnten eine
Guerillabewegung, die in den Massen verankert ist, gänzlich besiegen
und aus der Welt schaffen. In Vietnam, in Algerien, in Afghanistan, in
allen Ecken Afrikas und Lateinamerikas haben sich die mit einfachsten
Waffen ausgerüsteten Guerillabewegungen gegenüber den Staatsmächten
behauptet.
14. Fast alle Befreiungs- und Widerstandsbewegungen wurden von der
Gegenseite als terroristisch bezeichnet. Für die Türkei, die EU und USA
ist die PKK eine Terrororganisation, für die Mehrheit der Kurden aber
eine Befreiungsbewegung. In Palästina, in Südafrika, in Ost-Timor und
in Irland verhandelte man mit „Terroristen“, die später mit
Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden. Das heißt aber nicht, dass die
PKK eine reine Weste trägt und keine Fehler gemacht hat und gegenwärtig
macht. Eine Lösungssuche ohne den wichtigsten Konfliktpartner wird das
Problem noch komplizierter machen und Tür und Tor für chaotische
Entwicklungen öffnen.
15. Ein Einmarsch in Irakisch-Kurdistan, wie sich die kemalistische
Armeeführung wünscht, wird den existierenden Brand in die ganze Türkei
flächendeckend ausweiten und ein Bürgerkrieg zwischen Türken und Kurden
noch blutiger als in Bosnien entfachen.
Die Chronologie der Ereignisse der letzten Wochen verdeutlicht, dass
die Einmarschpläne der Türkei nach Irakisch-Kurdistan vor der Ermordung
der Soldaten im Oktober auf der Tagesordnung standen. Noch im April und
Mai erklärte der Generalstabchef Büyükanit, dass sie einen
militärischen Einmarsch nach Irakisch-Kurdistan befürworten und
forderten die politische Führung, die Ermächtigung zu erteilen. In der
gleichen Zeit erklärte die Armeeführung die Grenzprovinzen Sirnak,
Siirt und Hakkari bis zum 10. Dezember zu „Sicherheitszonen“, zu einem
Gebiet also, in dem die bürgerlichen Rechte und Freiheiten außer Kraft
sind.
Die Zunahme der Kampfhandlungen seit April, infolge dessen Hunderte
Kurden und Türken ihr Leben verloren haben und die Ermordung etwa 40
Menschen binnen drei Wochen (Oktober) können auch als wegbereiter auf
diesem Ziel bewertet werden. Die im August und September heftig
geführten Diskussionen für eine neue Verfassung unterbrachen nach einem
klaren Wort der Armeeführung mit einem Schlag.
Wer einen Bürgerkrieg, der viel schlimmer als in Bosnien sein könnte -
mit Auswirkungen auf Deutschland und Europa- vermeiden will, muss jetzt
handeln, da sonst morgen zu spät sein kann. Diesmal aber bitte, mit
zivilisierten und friedlichen Mitteln!
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