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sonstige, 2008-03-07
Kosovo: Ein strahlender Staat
Die USA haben die Abspaltung des Kosovo herbeigebombt - auch mit radioaktiver Uranmunition
In Pristina und anderen Städten des Kosovo feierte die albanische Bevölkerungsmehrheit die Proklamation ihres Staates im vergangenen Monat mit großen Straßenfesten. Wo man hinschaute, wurde neben der albanischen Fahne mit dem Doppeladler auch das Sternenbanner geschwenkt. Die Dankbarkeit gegenüber den Vereinigten Staaten ist überbordend. Umstritten ist lediglich, ob sie mehr dem aktuellen Präsidenten George W. Bush oder seinem Amtsvorgänger, dem 1999 amtierenden William Clinton, zu gelten hat. Sorgfältig schirmt die politische Führung der Kosovo-Albaner die Bevölkerung vor einer Erkenntnis ab, die die Partystimmung trüben könnte: Die US Air Force hat während der elfwöchigen Bombenangriffe das Kosovo noch stärker als den Rest Jugoslawiens mit der mittelfristig tödlichsten Hinterlassenschaft aus modernen Waffenarsenalen eingedeckt - mit Depleted Uranium (DU), also abgereichertem Uran.
Am 7. Februar 2000 räumte NATO-Generalsekretär George Robertson offiziell ein, daß die Streitkräfte des Paktes während des 78tägigen Krieges gegen Jugoslawien im Jahr 1999 insgesamt 31000 DU-Geschosse abgefeuert hatten. Das entspräche einer Menge von 10,5 Tonnen Uran. In Frage kommen ausschließlich Flugzeuge der US Air Force.
Die jugoslawische Regierung beschuldigte die Nato im Jahr 2000, 50000 DU-Geschosse abgefeuert zu haben. Das entspräche 15 bis 17 Tonnen Uran. Die serbische Zeitung Danas berichtete über 35 Tonnen DU, 15 Tonnen davon seien auf sieben Orte im Süden Serbiens, vor allem rund um Vranje und Bujanovac, und weitere knapp 20 Tonnen auf 105 Orte in der Provinz Kosovo, insbesondere rund um Prizren und Pec, abgeworfen worden.
Welche Auswirkungen diese radioaktive Hinterlassenschaft auf die Bevölkerung der betroffenen Region haben wird, läßt sich auf der Grundlage früherer DU-Einsätze kalkulieren. Das sind zum einen die Erfahrungen aus dem US-Krieg gegen Irak 1991. Eine Studie der britischen Atomenergiebehörde, im November 1991 zum Independent durchgesickert, geht von 500000 zusätzlichen Krebstoten im Irak aus. Dieser Hochrechnung wurde eine Hinterlassenschaft von 40 Tonnen DU-Munition zugrundegelegt. Nimmt man für Jugoslawien einschließlich Kosovo ungefähr zehn Tonnen DU an - die vom Pentagon angegebene Zahl -, so würden dort analog ungefähr 125000 zusätzliche Krebstote zu beklagen sein.
Eine zweite Vergleichsmöglichkeit bietet das Beispiel Bosnien-Herzegowina. Dort setzte die NATO bei Luftangriffen gegen die serbische Armee und Bevölkerung Anfang September 1995 nach eigenen Angaben 3,5 Tonnen Uranmunition ein. 90 Prozent der Bomben mit abgereichertem Uran ging auf Hadzici, einen serbischen Ortsteil von Sarajevo, und die Gegend von Han Pijesak, wo sich das Hauptquartier der serbischen Armee befand, nieder. Von Hadzici flüchteten die Menschen später in das ostbosnische Bratunac. Independent-Reporter Robert Fisk hat den Friedhof des Örtchens im Januar 2001 besucht: »Ich sehe 300 Grabsteine, die die Inschrift tragen könnten: An abgereichertem Uran gestorben.« Die Filmemacher Frieder Wagner und Valentin Thurn fanden für eine WDR-Dokumentation zum Thema DU andere Zahlen: »Von den 3500 Umgesiedelten aus Hadzici starben in den nächsten fünf Jahren 1112 an Krebserkrankungen - fast ein Drittel dieser Menschen.«
Da die medizinische Statistik in Serbien seit dem pro-westlichen Regimewechsel im Oktober 2000 nicht mehr funktioniert (oder Daten unterdrückt werden), gibt es für den gegenwärtige Stand des DU-verursachten Sterbens keine Gesamtdaten. Schlaglichter werfen folgende Details: »Seit den Bombardierungen ist die Anzahl von Lungen-, Knochen- und Zungenkrebserkrankungen wenigstens um 30 Prozent gestiegen«, sagt Reporter Zorisa Markovic, der sich vor allem um Gesundheitsthemen kümmert. »Nach Mitteilung des Krankenhauses Kosovska-Mitrovica verzeichnet dieses einen eklatanten Anstieg von malignen Erkrankungen (200fache Erhöhung) gegenüber 1999 sowie eine 17fache Spontanabortrate«, schreiben Ljiljana Verner und Angelika Voß in einem Bericht für die Ärzteorganisation IPPNW. »Die Zahl der Menschen, bei denen in Serbien Krebs diagnostiziert wird, ist im Anstieg - besonders seit fünf Jahren. Darmkrebs ... kam gewöhnlich bei Menschen über 50 und 60 vor, aber jetzt sind es ... Leute um 30, berichtet der serbische Sender b92.
Thema: Krieg/Frieden - Rubrik:
Quelle: http://www.jungewelt.de/2008/03-07/030.php
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