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Besuch des Dalai Lama
Mythos Tibet
Der Dalai-Lama ist in Deutschland. Und wie immer wird der
Friedensnobelpreisträger als spiritueller Star verehrt. Warum nur?
Von Nicole Graaf
(Aus: Tagesspiegel Berlin, 21.07.2007. Die Autorin ist Tibetologin.)
Der Dalai-Lama, das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter, weilt
in Hamburg. In Deutschland ist er beliebter als der Papst, und weltweit
hat er vielleicht schon mehr Fans als die Rolling Stones zu ihren besten
Zeiten. Während seiner Vortragswoche wird er selbst zwar über Buddhismus
und universelle ethische Fragen sprechen, doch wo der prominenteste
Flüchtling der Welt zu Gast ist, spielt immer auch Politik eine Rolle.
Denn seit rund 50 Jahren fordern die Tibeter im Exil ihr Land zurück.
1951 marschierte die Volksbefreiungsarmee Chinas in der tibetischen
Hauptstadt Lhasa ein. China betrachtet Tibet als Teil seines
Staatsgebiets. Kurz vor der Staatsgründung des heutigen China hatten die
Tibeter jedoch einen eigenen Staat proklamiert. 1959, nach einem
Volksaufstand, den die chinesischen Truppen gewaltsam niederschlugen,
floh der Dalai-Lama nach Indien, wo er in dem Städtchen Dharamsala am
Fuße des Himalajas eine tibetische Exilregierung etablierte. Tausende
seiner Landsleute folgten ihm. Ihre Zahl im Exil wird heute auf rund 100
000 geschätzt. Sie kämpfen für die Autonomie ihres Landes.
Zu jedem Jahrestag des Aufstandes von 1959 in Lhasa sieht man alte
tibetische Frauen in Kleidern mit bunt gestreiften Schürzen, Jugendliche
mit erhobenen Fäusten und Free-Tibet-Stirnbändern und Mönche und Nonnen
mit Spruchbändern in einem Demonstrationszug durch die tibetische
Exilhauptstadt Dharamsala ziehen. Doch dazwischen finden sich seit
einigen Jahren immer mehr weißhäutige Gesichter. Es sind Sympathisanten
aus dem Westen.
Spätestens seit der Dalai-Lama 1989 den Friedensnobelpreis erhalten hat,
stoßen die Tibeter im Westen auf viel Sympathie. Unterstützergruppen
schreiben fleißig Petitionen an Politiker, sie drucken Free-TibetAufkleber,
organisieren Demonstrationen und stehen bei TibetVeranstaltungen
hinter Tischen mit Büchern und Flugblättern. Auch beim
Dalai-LamaBesuch in Hamburg sind politische Tibet-Organisationen mit
Infoständen vertreten, Filme und Podiumsdiskussionen sind geplant. Sie
alle wollen "über die Lage in Tibet aufklären".
Dahinter stecken viele edle Motive. Aber das mit dem Aufklären ist so
eine Sache - China ist ja für seine Propaganda bekannt, die Exiltibeter
und ihre Unterstützer können das allerdings auch ganz gut. "Folter in
Tibet", "eine Hölle auf Erden" "eine Generation in Gefahr -tibetische
Kinder unter chinesischer Herrschaft", so lauten einige der plakativsten
Titel ihrer Schriften. In Flugblättern ist regelmäßig die Rede vom
"kulturellen Genozid", einer "geplanten Assimilierung" oder einem
"sterbenden Volk". Häufig waren die Aktivisten nie selbst in Tibet; die
Informationen in ihren Broschüren stammen hauptsächlich aus Dharamsala.
Die Exilregierung dort publiziert Berichte über die Lage der
Menschenrechte in Tibet, über die Umweltverschmutzung und die angeblich
systematische Zerstörung der tibetischen Kultur durch China. Diese
Informationen greifen die politischen Tibet-Organisationen auf und
verbreiten sie weiter. So entsteht der Eindruck, als stünde hinter jedem
Tibeter ein Chinese mit einem dicken Knüppel.
Dass China kein Rechtsstaat ist und dass dort Dissidenten - was immer man
darunter verstehen mag - verfolgt werden, ist bekannt. Selbstverständlich
gibt es in Tibet Menschenrechtsverletzungen, das ist unbestritten. Aber
wenn man gebetsmühlenartig Schreckensgeschichten erzählt und alles andere
ausblendet, verzerrt man die Realität ebenso, wie China es umgekehrt mit
Jubelmeldungen über die Errungenschaften seiner Entwicklungspolitik in
Tibet tut.
Jenseits von Gefängnismauern leben die Tibeter in Tibet einen ganz
normalen Alltag. Sie feiern Feste, besuchen Verwandte, spielen mit ihren
Kindern, tratschen mit Nachbarn, dreschen ihre Gerste, weiden ihre Yaks
und pilgern zu Klöstern und heiligen Bergen. Nomaden rattern mit
Motorrädern über holprige Landstraßen, um beim chinesischen Gemüsehändler
in der nächsten Stadt einzukaufen. Tibetische Geschäftsleute sitzen mit
chinesischen Kollegen beim Essen. Chinesen, die in Tibet leben, trällern
die Hits tibetischer Popstars mit. Leute aus Peking und Schanghai reisen
zu tibetischen Lamas und lassen sich im Buddhismus unterweisen.
Von einer systematischen Zerstörung der Kultur kann also keine Rede sein.
Und die Rechnung "böse Chinesen, arme Tibeter" geht längst nicht so
eindimensional auf, denn die Realität sieht sehr viel komplexer aus:
Beispielsweise sind Regierungen und Verwaltungen der von Tibetern
bewohnten Gegenden zumindest zum Teil mit Tibetern besetzt. Unter ihnen
finden sich genauso korrupte Beamte, die staatliche Gelder in die eigenen
Taschen umleiten, wie unter ihren chinesischen Kollegen. Hinterher heißt
es dann allerdings in den Reports der Tibet-Organisationen, die
chinesische Regierung lasse die Tibeter darben. Wenn man aber von
Missständen redet, muss man schon genau hinschauen - in Tibet ebenso wie
andernorts.
Das Bild von den frommen Tibetern, die Opfer chinesischer
Willkürherrschaft geworden sind, kommt bei Menschen im "Westen", die von
einer besseren Welt träumen, gut an. Es fügt sich in einen altbekannten
Traum von einer erleuchteten Gesellschaft jenseits des Himalajas. Dieser
"Mythos Tibet" ist so alt wie die ersten Reiseberichte von dort. Schon im
18. und 19. Jahrhundert wussten Missionare, Abenteurer und
Handelsreisende Wundersames aus "Thubet" zu vermelden. Da war die Rede
von fliegenden Mönchen und sagenhaften Schätzen. Der Schriftsteller James
Hilton erschuf 1933, in seinem Buch "Lost Horizon", das mythische Tal
Shangri-la, ein Paradies auf Erden, in dem versteckt zwischen den hohen
Gipfeln des Himalajas nur rechtschaffene Menschen unter Führung eines
erleuchteten Lamas lebten.
Die Nazis dann vermuteten die Wiege der Arier und ein machtvolles,
okkultes Wissen in Tibet und schickten eine Expedition los. Und in das
Weltbild der New-Age-Bewegung, das die Anhänger aus Lehren der
Weltreligionen und den Eingebungen selbsternannter Gurus
zusammengepuzzelt haben, mischen sich ebenfalls Elemente des tibetischen
Buddhismus. Die Filme "Sieben Jahre in Tibet" und "Kundun" machten den
"Mythos Tibet" schließlich bei einem breiten Publikum populär. Tibet
gegen China: Das ist in der Wahrnehmung vieler Sympathisanten wie David
gegen Goliath.
Die Exiltibeter haben sich dieses Wunschbild des Westens von ihrer
Gesellschaft zunutze gemacht und spinnen den "Mythos Tibet" seither
weiter: Beispielsweise griffen sie Gandhis Thesen auf, verschrieben sich
dem gewaltlosen Widerstand und konnten damit an die internationale
Friedensbewegung anknüpfen. Als die grüne Welle durch die westliche
Hemisphäre zu schwappen begann, konstruierten sie eine Verbindung
zwischen dem Umweltschutzgedanken und dem Buddhismus. Der schreibt vor,
alle fühlenden Wesen zu achten. Dazu passt dann eben auch, ihren
Lebensraum, sprich "die Umwelt", zu erhalten.
So können die Exiltibeter ihre eigene Kultur als positiven Gegenentwurf
zum "Unterdrücker China" präsentieren und rennen damit im Westen offene
Türen ein; denn die Angst vor der "gelben Gefahr" hat in Zeiten des
wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas wieder Konjunktur.
Allerdings ist Dharamsala genauso wenig ein Shangri-la wie China nur aus
Folterknechten besteht. Die Exiltibeter haben sich eine rigide
Selbstzensur auferlegt. Alles, was dem Bild eines friedfertigen,
umweltfreundlichen, rechtschaffenen Volkes entgegenläuft, wird unter den
Teppich gekehrt. So möchte man die tibetische Guerillaarmee, die in den
60er Jahren mit Unterstützung der CIA von Nepal aus Attacken gegen die
Chinesen lancierte, am liebsten vergessen. Deren Mitglieder beklagen,
dass die Exilregierung sie für ihren Einsatz bis heute nicht gewürdigt
hat. Dass das alte Tibet ein Feudalsystem war, in dem mit harter Hand
regiert wurde, wird ebenso ungern angesprochen.
Ihre Religion, der Buddhismus, ist das Aushängeschild, mit dem die
Tibeter weltweit trumpfen können. Nichtbuddhistische Tibeter im Exil -
wie Anhänger der älteren Bön-Religion oder tibetische Muslime, von deren
Existenz wohl kaum ein Tibet-Sympathisant je etwas gehört hat - wurden
hingegen lange Zeit sowohl von allen politischen Mitspracherechten als
auch vom Geldsegen aus dem Westen, der zentral verteilt wird,
ausgeschlossen.
Die ausländischen Hilfsgelder, die bei den Exiltibetern ankommen, landen
zudem nicht immer in den Taschen Hilfsbedürftiger. Einige, die sich Lamas
nennen, aber keine sind, nutzen die Naivität ihrer westlichen Klientel
aus und kaufen sich mit deren Spendengeldern und Kursgebühren große Autos
und goldene Uhren. Da es für die Tibeter im indischen Exil wenig
Einkommensmöglichkeiten gibt, sind viele auf die Unterstützung
ausländischer Paten angewiesen. Manche leben recht bequem vom Geld
mehrerer Paten, die nichts voneinander wissen.
Hierzulande hört man solche Nachrichten selten. Dass die Exiltibeter ein
positives Image nach außen tragen wollen und daher Missstände in der
eigenen Gesellschaft verschweigen, ist verständlich. Ohne finanzielle
Unterstützung aus dem Ausland könnten sie im Exil nicht überleben - und
ohne Rückhalt für den Kampf um ihr Land könnten sie ihren Traum von der
Freiheit begraben. Dies ist sicherlich auch einer der Gründe, warum der
Dalai-Lama unablässig um die Welt tourt und nicht nur buddhistische
Belehrungen erteilt, sondern auch Society-Termine wahrnimmt und zu
unzähligen Büchern, die einigermaßen zu seinen Konzepten passen, Vorworte
schreibt oder sie signiert.
"Propaganda ist die einzige Ressource von Flüchtlingsgesellschaften", so
formulierte es einmal ein Tibet-Experte. Wenn man Helden und Bösewichte
eindeutig definiert, kann man die Herzen westlicher Freiheitsutopisten
leichter erobern als mit einer differenzierten Darstellung der Situation.
Dies wird aber langfristig niemandem nützen - am allerwenigsten den
Tibetern in Tibet selbst.
Das Mantra von den tibetischen Opfern einer chinesischen
Schreckensherrschaft, das Tibet-Unterstützer aufsagen, produziert
stattdessen oft blinden Aktionismus und führt zu verhärteten Fronten.
Aktuelles Beispiel: US-amerikanische Aktivisten der "Students for a free
Tibet", einer politischen Organisation mit Basis in den USA,
protestierten kürzlich am Everest Base Camp auf tibetischer Seite gegen
die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking und rollten ein Free-TibetBanner
aus.
Das Ergebnis der Aktion ist, dass die Regierung Ausländer in Tibet wieder
einmal in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt. Das wiederum
beeinträchtigt nicht nur den Tourismus, sondern behindert auch die Arbeit
der ausländischen Organisationen, die dort soziale Projekte betreiben.
Zudem steht nun die lokale Bevölkerung unter verstärkter Beobachtung der
Polizei. Leidtragende der Aktion sind also vor allem die Tibeter, die im
Land leben müssen. Gefragt hat die allerdings keiner. Das ist meistens
so; eine Hand voll Exiltibeter und Tibet-Aktivisten reklamiert für sich
das Recht, für das Wohl von fünf bis sechs Millionen Tibetern in Tibet zu
sprechen.
Diese wissen allerdings selbst am besten, was gut für sie ist. Ihre
Lebensrealität sieht nun einmal so aus, dass sie sich mit den Chinesen in
ihren Land arrangieren müssen. Daran führt kein Weg vorbei. Ihre besten
Chancen auf ein Stück Selbstbestimmung sind wahrscheinlich Bildung und
wirtschaftlicher Aufstieg. Sie darin zu unterstützen, wird ihnen
langfristig mehr nützen als jede noch so gut gemeinte Demonstration.
Mit einer guten Bildung und eigenen wirtschaftlichen Ressourcen könnten
mehr Tibeter in Politik, Wirtschaft und Kultur die Geschicke ihres Landes
mitgestalten - zwar stets im Rahmen der Gesetze und Regeln des
chinesischen Staates, aber immerhin. Und das käme einer "echten Autonomie
innerhalb Chinas", die der Dalai-Lama für sein Land wünscht, näher als
alles, was bisher erreicht wurde.
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