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http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2008/nr13/International/16130.html
WOZ vom 27.03.2008
China
Volkstanz im Ethno-Zoo
Von Reiner Schwarz, Beijing
In den westlichen Provinzen halten die Unruhen offenbar an. Am Dienstag
sollen in Sichuan ein Polizist und ein Mönch bei Auseinandersetzungen
getötet worden sein. Trotzdem bleibt die Regierung bei ihrem -harten Kurs.
Warum springt China so mit seinen Minderheiten um?
Direkt gegenüber dem Olympiastadion in Beijing befindet sich das einen
halben Quadratkilometer grosse Museum für chinesische Ethnien. Wie auf
dessen Website (www.emuseum.org.cn) nachzulesen ist, hat sich das Museum zum
Ziel gesetzt, «ethnische Architektur zu demonstrieren, ethnische Relikte zu
konservieren, ethnisches Wissen zu verbreiten, ethnisches Erbe zu studieren,
ethnische Kultur zu bereichern und die Einheit aller chinesischen
Nationalitäten zu fördern». Das Museum bekam nach seiner Fertigstellung von
den Behörden als erste Sehenswürdigkeit Chinas den AAAA-Rang verliehen.
Westliche TouristInnen sprechen nach einem Besuch des Museums dagegen häufig
schockiert von einem Ethno-Zoo, in dem die chinesischen Ethnien «artgerecht»
- in einem Nachbau eines Gebäudes ihrer Heimatregion - gehalten und mit
ihren lokalen Spezialitäten «gefüttert» werden. Zu festgelegten Zeiten
werden traditionelle Kostüme angezogen, dann gibt es traditionelle Gesangsoder
Tanzvorführungen. Gegen einen Aufpreis darf man nicht nur beim Essen
mit am Tisch sitzen, sondern auch nach dem Tanz eine der jungen Frauen um
die Hüfte fassen und sich mit ihr fotografieren lassen. Wie viele der hier
arbeitenden jungen Frauen und Männer wirklich der von ihnen dargestellten
Minderheit angehören, sei einmal dahingestellt. Angesichts der Tatsache,
dass die kleinste chinesische Minderheit - die der Lhoba - insgesamt nur
2000 Menschen umfasst, würde sich ein nicht unbeträchtlicher Teil ihrer
Gesamtpopulation hier im Museum aufhalten.
Kann es sein, dass sich die Mehrheit der ChinesInnen die nationalen
Minderheiten genau so wünscht? Das exotische Essen, die bunten Kostüme, die
hölzernen Kunstgegenstände, das gemeinsame Erinnerungsfoto, alles ist
käuflich. Und man kann sogar auf Chinesisch nach dem Preis fragen. Finden
ChinesInnen das gut? Offensichtlich schon: Im «Tigerstrand-Ozeanpark»
(www.laohutan.com.cn) in der nordostchinesischen Stadt Dalian, der nach
seiner Fertigstellung als erste Sehenswürdigkeit Chinas sogar den AAAAA-Rang
verliehen bekam, stehen am Ausgang des Korallenriffaquariums auch fünf als
Meerjungfrauen verkleidete Russinnen - ebenfalls Vertreterinnen einer
Minderheit - und rufen chinesischen Herren «zhaoxiang, zhaoxiang», «Foto,
Foto», hinterher. Ein Bild kostet 10 Yuan (umgerechnet Fr. 1.43) - wenn man
selbst einen Fotoapparat dabeihat.
Nicht verhandelbare Einheit
Aber «[lasst uns] von grossen Entwicklungen unter dem Himmel sprechen: [Das
Reich,] lang geteilt, wird sich vereinen, lang vereint, wird sich teilen.»
So beginnt eines der grössten Werke der chinesischen Literatur, «Die drei
Reiche» von Luo Guanzhong. Geschrieben um das Jahr 1380, beschreibt es die
schicksalhafte Zeit vom Ende der Han-Dynastie bis zur Wiedervereinigung
unter der Jin-Dynastie sechzig Jahre später. SchülerInnen im heutigen China
lernen, dass dieser Satz falsch ist: Nach der Wiedervereinigung mit der
abtrünnigen Provinz Taiwan wird es keine Teilung der Volksrepublik mehr
geben. Für die Regierung ist die nationale Einheit nicht verhandelbar.
Deswegen kommt China nicht nur mit seinen Nachbarstaaten (abgesehen von der
Taiwanfrage gibt es Grenzstreitigkeiten mit Japan, Indien, Vietnam, Malaysia
und den Philippinen), sondern auch mit den eigenen Minderheiten nicht gut
zurecht.
Entweder die Minderheiten assimilieren sich, wie die Mandschuren und
Mongolinnen im Nordosten oder die Zhuang im Südwesten Chinas. Oder sie haben
ein Problem, wie die Uigurinnen und die Tibeter. Dem Wunsch nach zumindest
kultureller oder religiöser Eigenständigkeit setzt die chinesische Regierung
das Konzept von einer «harmonischen Gesellschaft» (so die wörtliche
Übersetzung) entgegen; sinngemäss würde «einheitliche Gesellschaft» besser
passen. Erreicht beispielsweise in einem Dorf die Zahl der Han-Chines-Innen
durch Zuzug die der ansässigen Minderheit, wird der Grundschulunterricht
«zur Wahrung der Chancengleichheit» auf Chinesisch umgestellt. Mittelschulen
unterrichten ohnehin überall nur auf Chinesisch. Lehrmaterial, Ferien-zeiten
- nichts darf sich nach den lokalen Erfordernissen oder auch nur den
klimatischen Bedingungen vor Ort richten. In China gilt überall
Beijing-Zeit.
Im Zuge des Aufbaus der «neuen sozialistischen Dörfer» wird zusätzlich die
Modernisierung der ländlichen Landesteile angestrebt. Diese geht ebenfalls
zulasten der lokalen Eigenständigkeit; beispielsweise verschwindet derzeit
überall die traditionelle Architektur. Von Zhejiang im Osten bis Tibet im
Westen werden dieselben gleichförmigen zweistöckigen Betonhäuser gebaut,
aussen weiss gekachelt und mit grün getönten Fenstern.
Wieso geht China mit der eigenen kulturellen Vielfalt so befremdlich um? Um
Fremdes und Andersartigkeit akzeptieren zu können, brauchte China
Selbstvertrauen. In der Zeit von Luo Guanzhong war dieses vorhanden: Gerade
waren die mongolischen Fremdherrscher aus dem Land vertrieben worden. China
sah sich - wie Europa - wieder als Zentrum der Welt, als Reich der Mitte.
Aber mit der Niederlage im Ersten Opiumkrieg (1839 - 1842) wurde dieses
Weltbild zerschlagen. Danach kam alles nur noch schlimmer: 1856 - 1860
folgte der Zweite Opiumkrieg. 1894 wurde die chinesische Flotte versenkt,
1900 der Boxeraufstand brutal niedergeschlagen. Im Zweiten Weltkrieg
besetzte die japanische Armee fast die Hälfte des Landes.
Alle diese Niederlagen werden von der Bevölkerung und ihren Politiker-Innen
weniger der Stärke der Feinde als der eigenen Uneinigkeit, der mangelnden
inneren Geschlossenheit angelastet. So gab es zwischen 1800 und 1900
Aufstände der Sekte des Weissen Lotus, der Trias-Gesellschaft, der
Nian-Geheimgesellschaft, der Sekte der Himmlischen Ordnung, der Gesellschaft
der Kleinen Säbel und - mit rund dreissig Millionen Opfern am verheerendsten
- den Taiping-Aufstand. Zusätzlich kam es zu einer Sezession der Oasen in
Xinjiang, zu wiederholten Aufständen der Muslim-Innen in Yunnan und Gansu
sowie zu Aufständen der Miao in Guizhou.
«Wir sind zu viele»
Bis heute kann die chinesische Mehrheit den Wunsch der nationalen
Minderheiten nach mehr Eigenständigkeit nicht nachempfinden: Sie befürchtet
Chaos und Schwäche. Aus ihrer Sicht wird für die Minderheiten ohnehin alles
Denkbare getan: Sie dürfen beispielsweise zwei Kinder bekommen, die dann
auch noch bei der Hochschulzulassungsprüfung weniger Punkte für dieselben
Studienplätze benötigen als das eigene Kind. Diese Förderung kommentieren
die ChinesInnen - anders als viele Europäer die Frauenquote - noch nicht
einmal mit chauvinistischen Sprüchen.
Und niemand murrt über die umgerechnet 143 Milliarden Franken, die die
gewaltigen Infrastrukturprojekte in den «Autonomen Regionen» Westchinas
kosten. Die Regierung baut Flughäfen, Autobahnen und hat sogar eine 1200
Kilometer lange Eisenbahnverbindung über Permafrostboden bis nach Lhasa
errichtet.
«Wir sind so viele und die sind so wenige», sagt etwa Yi Jinsong, der in
Wenzhou an der dicht besiedelten Ostküste mehrere Textilfabriken besitzt.
Und dann spricht er, mit neidvollem Blick auf die Landkarte, aus, was die
chinesische Mehrheit denkt: «Wenn wir dorthin gehen, ist das gut für deren
Wirtschaftsentwicklung!» Dass sie selber «zu viele» sind, braucht der
chinesischen Mehrheit kein Uigure, keine Tibeterin zu sagen - das wissen die
Han-ChinesInnen selbst. Es wurde ihnen als Begründung für die
Geburtenkontrolle lange genug eingetrichtert. Den Seufzer «zhongguoren tai
duo le» («es gibt zu viele Chinesen») hört man jeden Tag mehrmals: im
Supermarkt beim Schlangestehen, vom Taxifahrer im Stau, bei Gesprächen über
Studien- oder Arbeitsplätze oder bei einer Unterhaltung über lohnende
Reiseziele.
Vorgeführte Schamanen
Ein Ort, der bald ein lohnendes Reiseziel werden soll, ist der Liang-Berg im
Süden der Provinz Sichuan, die Heimat und der «Autonome Bezirk» der
Minderheit der Yi. Fragt man die Direktorin des staatlichen Armutsamts, eine
Han-Chinesin namens Chen Shuhua, was hier für die Yi getan wird, verweist
sie zuerst auf eine mehrere Quadratmeter grosse Wandtafel in ihrem Büro. Auf
dieser sind die umzusiedelnden und die bereits umgesiedelten Haushalte
verzeichnet. Direktorin Chen erläutert, dass alle Yi, die in über 2800 Meter
Höhe leben, umzusiedeln seien. Ein merkwürdiges Ziel. Sonst verfolgt
Entwicklungshilfe andere Zwecke - etwa Armutsbekämpfung, die Steigerung von
Ernteerträgen oder die Bewahrung der Biodiversität. Direktorin Chen jedoch
will zuerst den Umsiedlungsplan umsetzen - schwierig, da viele bleiben
wollen - und erst dann kommt die Entwicklung des Tourismus.
Auf der Fahrt in die Projektdörfer erläutert sie: «Die Yi haben keine
Religion, sie glauben nur an Geister und Teufel.» Im ersten Projektdorf
warten mit traditionellen Kostümen geschmückte Yi bereits seit Stunden auf
den hohen Besuch - obwohl gerade der Buchweizen reif ist und die Menschen
mehr als genug zu tun hätten. Nach der Vorführung einiger traditioneller
Lieder und Tänze be-fiehlt Direktorin Chen den tanzenden jungen Männern,
einem der ausländischen Entwicklungshelfer eine Braut zu bringen - die
jungen Männer gehorchen sofort und schleppen eine 16-jährige Frau herbei,
die vor lauter Scham am liebsten im Boden versinken möchte.
Doch allzu lange Tänze mag die Direktorin nicht: Im zweiten Projektdorf hält
sie den sich im Kreise drehenden Yi-Schamanen am Arm fest: «Es reicht, es
reicht, hör auf zu tanzen», ruft sie. Dass die Schamanen bei den Yi höchste
Achtung geniessen und dieser Tanz ohnehin nur auf Befehl hier im grellen
Sonnenlicht aufgeführt wurde, stört sie nicht. Ihr war langweilig - denn sie
hat den Tanz schon mehrmals gesehen: Beim Besuch von RepräsentantInnen der
Weltbank, der Asian Development Bank, dem britischen
Entwicklungsministerium, der deutschen Gesellschaft für Technische
Zusammenarbeit hatte der Schamane auch schon tanzen müssen. Irgendetwas muss
man den BesucherInnen doch bieten. Den Entwicklungshelfer beschleicht
unterdessen dasselbe Gefühl, das unter den westlichen TouristInnen beim
Besuch des Beijinger Museums für chinesische Ethnien aufkommt.
Es ist tatsächlich so, dass das, was in Beijing gegenüber dem Olympiastadion
zu sehen ist, für die chinesische Mehrheit das Idealbild einer Minderheit
darstellt und auch dem entspricht, was der Staat aus den 55 Minderheiten zu
machen versucht: sich für die TouristInnen verkleidende ChinesInnen.
Widerstand und Assimilation
In China leben nach offiziellen An-gaben 55 nationale Minderheiten. Die
wichtigsten sind:
- Die MongolInnen beherrschten China von 1271 bis 1368. Heute stellen sie
(acht Millionen Menschen) in ihrer «Autonomen Region Innere -Mon-golei»
nördlich der Grossen -Mauer nur noch siebzehn Prozent der Be-völkerung. Ihre
Kultur verkommt zur -Touristenattraktion, die tradi-tionelle Schrift kann
kaum noch jemand lesen.
- Auch die MandschurInnen -beherrschten einst ganz China (Qing-Dynastie von
1644 bis 1911). Nach dem Ende des Kaiserreichs 1911 liessen sich chinesische
Bauern in den mandschurischen Gebieten im Nordosten nieder; die Bevölkerung
verdreifachte sich innerhalb von dreissig Jahren. Heute ist die
mandschurische Kultur und Sprache ausgestorben.
- Die UigurInnen, ein zentralasiatisches Turkvolk, leben in der «Autonomen
Region der Uiguren Xinjiang», wo die 47 verschiedenen Minderheiten immerhin
noch sechzig Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die sunnitischen UigurInnen
kämpfen seit einem blutig niedergeschlagenen Volksaufstand 1950 für ein
unabhängiges, zumindest aber selbstbestimm-tes Ostturkestan.
- Das ehemalige Tibet besteht heute aus der «Autonomen Region Tibet» sowie
verschiedenen «Autonomen Bezirken», die jedoch administrativ zu den
chinesischen Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan gehören. Die
lamaistischen TibeterInnen kämpfen seit 1959 für ein unabhängiges -Tibet
oder zumindest für mehr Selbstbestimmung.
- Das in den Bergregionen Südwestchinas siedelnde Volk der Yi (acht
-Millionen Menschen) hatte bis in die fünfziger Jahre nur wenig Kontakt mit
der Aussenwelt. Seit ihre kühle Berg-region weitgehend abgeholzt wurde, hat
sich ihre Lage erheblich verschlechtert (Erosion der oft sehr steilen
Anbauflächen).
- Das südchinesische Volk der -Zhuang (fünfzehn Millionen Menschen) wird
seit dem Ende der Han-Dynastie (im Jahre 220) assimiliert. Kultur und
Sprache sind fast verschwunden, die Zhuang stellen in der «Autonomen Region
der Zhuang Guangxi» nur noch vierzig Prozent der Bevölkerung. Es gibt aber
keine Befreiungsbewegung.
Reiner Schwarz
"Der kleine Dienstag aber wich nicht vom Apparat."
derkleinedienstag ät jpberlin.de
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