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http://zmag.de/artikel/zum-volkermord-in-ruanda-von-1994
ZNet - 20.10.2007
Zum Völkermord in Ruanda von 1994
von Sabine Grund
"In the end, we will remember not the words of our enemies,
but the silence of our friends."
Martin Luther King
Einführung
Völkermord wird definiert nach Resolution 260 der UNO-Generalversammlung vom
9.12.1948, die am 12.1.1951 in Kraft trat. Danach ist Völkermord "eine der
folgenden Handlungen, begangen in der Absicht, eine nationale, ethnische,
rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören:
- das Töten der Angehörigen der Gruppe
- das Zufügen von schweren körperlichen oder seelischen Schäden bei
Angehörigen der Gruppe
- die absichtliche Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die
völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen..."
Grundlage dafür war die Resolution 180 vom 21.12.1947; sie nennt Völkermord
"ein Verbrechen, das nationale und internationale Verantwortung von Menschen
und Staaten erfordert." (wikipedia.org, Juli 2007)
In Ruanda hat von April bis Juli 1994 ein Völkermord an der
Tutsi-Bevölkerung stattgefunden und gleichzeitig wurde eine noch immer
geheim gehaltene Zahl von Hutu im Herrschaftsgebiet der damaligen Rebellen
und heutigen Machthaber umgebracht. Man schätzt, dass insgesamt 1 Million
Menschen ums Leben gekommen sind. Dies hat in der westlichen Öffentlichkeit
bis heute wenig Beachtung gefunden. Noch weniger bekannt ist, dass die
Auswirkungen in den benachbarten Kongo und andere zentralafrikanische Länder
seit 1994 bis heute mehrere Millionen Menschen das Leben gekostet (s.
Anmerkung von ZNet Deutschland Nr. 1) und die Infrastruktur der Lebensumwelt
weithin zerstört haben. Hartnäckig verschwiegen wird seit 13 Jahren, dass
ein Netzwerk von Politikern, Journalisten und Leuten aus
Nichtregierungsorganisationen u.a. aus westlich-demokratischen Ländern in
die Geschehnisse um den millionenfachen Völkermord in Zentralafrika
verwickelt ist. Auch Kirchenführungen haben eine Mitverantwortung und tragen
bis heute nicht zur Wahrheitsfindung bei.
Aus der Vorgeschichte des Völkermordes wird deutlich: es war kein Versagen,
sondern Absicht der westlichen Regierungen und der UNO, den Völkermord in
Ruanda nicht durch aktives Eingreifen verhindert bzw. gestoppt zu haben.
Entsprechend wird die Veröffentlichung der politischen Hintergründe von
diesen Kreisen in unseren demokratischen Ländern bis heute verhindert. Als
in den dreißiger Jahren die ersten Nachrichten über Konzentrationslager der
Nazis an die Öffentlichkeit drangen, überstiegen sie das
Vorstellungsvermögen von vielen und wurden deshalb als unglaubwürdig
abgetan. Heute bleibt die Herausforderung, sich dem Wahnsinn eines
Völkermordes in Ruanda und Umgebung zu stellen.
Diese Darstellung beginnt mit einer Übersicht der kolonialen Phase seit der
Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 bis zur Unabhängigkeit Ruandas im Jahre
1962. Anschließend waren knapp 30 Jahre Unabhängigkeit eher von Ausgleich
geprägt.
Ende der 1980er Jahre reifte in gewissen Kreisen der westlichen Politik das
Vorhaben, der bei der Unabhängigkeit 1962 abgewählten und zu großen Teilen
nach Uganda ins Exil gegangenen früheren Tutsi-Herrschaftsschicht wieder an
die Macht in Ruanda zu verhelfen. Dieser zentralen Vorbereitungsphase des
Völkermordes bis 1993/94 ist der folgende Abschnitt gewidmet. Es folgen
Ausführungen zu Frankreichs langer Stigmatisierung als Sündenbock der
internationalen Politik, zum falschen Spiel der UNO und zur massenhaften
Ermordung ruandischer Flüchtlinge im Kongo. Der Konflikt setzt sich bis
heute im Kongo fort und hat Auswirkungen auch auf die Ereignisse im Sudan.
Traditionelle und koloniale Konfliktlinien in Ruanda
Ruanda und Urundi (nach Unabhängigkeit Burundi) wurden auf der
Kongo-Konferenz 1884/85 in Berlin dem deutschen Kolonialreich zugeschlagen.
1894 besuchte der erste deutsche Repräsentant die neu gewonnene Region, der
man wenig Bedeutung beimaß. Ab 1900 begann der katholische Orden der Weißen
Väter (vorwiegend französisch-schweizerisch) seine Mission in Ruanda. Im
1.Weltkrieg griff Belgien ab August 1914 die deutschen Afrikagebiete an und
übernahm Ruanda im Sommer 1916.
Ruanda ist bevölkert von den Stämmen der Hutu (ca. 85 Prozent der
Bevölkerung), der Tutsi (ca. 14 Prozent) und der Twa (rund ein Prozent). Die
Tutsi gelten als Nachfahren zugewanderter Hirtenvölker, waren im Aussehen
unterscheidbar von den kleinerwüchsigen Hutu und haben sich im Laufe von
Jahrhunderten als dominante Gruppe im Land etabliert. Schon erste
europäische Besucher vor der Kolonialzeit bemerkten die Abneigung der
Hutu-Mehrheit gegen die Tutsi-Führungsschicht. Die jeweiligen Kolonialherren
nutzten das von den Briten entwickelte System der 'indirekten Herrschaft',
in dem eine einheimische Führungsgruppe die Herrschaft über das Land
stellvertretend für die Kolonialmacht ausübte. Nur wenn es machtpolitisch
nötig war, traten die Kolonialverwalter selbst in Erscheinung.
Phasenweise hat sich auch die katholische Mission das koloniale
Herrschafts-Modell zueigen gemacht, indem sie ihre Missionierung auf
führende Kreise der Tutsi konzentrierte, die eine Konvertierung auch der
breiten Bevölkerung der Hutu nach sich ziehen sollte. Die vorher schon als
Unterlegene behandelten Hutu fühlten sich erneut deklassiert, während sie am
Christentum eigentlich die Betonung der Menschenwürde jedes Einzelnen
schätzten. Während Pater Brard als Leiter der Weißen Väter seine Mission bis
1906 an die Hutu-Bauern richtete, wandte sich sein Nachfolger Pater Classe,
der kolonialen Herrschaftslogik folgend, ab 1907 und vor allem als Bischof
ab 1922 primär den Tutsi zu. Man gewährte den Tutsi privilegierten Zugang zu
katholischen Schulen und höheren Berufsgruppen. Diese nutzten zwar die
katholischen Schulen für ihre Kinder, verboten aber anfangs jede
Missionierung. Ab 1916 erzwangen die Belgier 'Religionsfreiheit' vom König,
die Verbreitung des Katholizismus in Ruanda begann (Strizek 2006:153ff).
Durch die langjährige Bevorzugung der führenden Tutsi haben die katholischen
Missionare den aus vorkolonialer Zeit bestehenden Konflikt zwischen den
beiden ethnischen Gruppen fortgeführt.
Nach Gründung der UNO 1947 wurde der politische Status von Ruanda in
UN-Treuhandverwaltung umgewandelt, worin zum Ärger Belgiens eine Perspektive
auf Unabhängigkeit enthalten war. Auf Drängen der UNO fanden 1956 in Ruanda
Kommunalwahlen statt: Die Hutu-Mehrheit wurde sich schlagartig ihrer
politischen Bedeutung bewusst. In einer Denkschrift vom März 1957 reagierte
der Tutsi-Adel auf die drohende Machtübernahme der Hutu mit der Behauptung,
der ethnische Gegensatz sei nur eine Erfindung der Kolonialmacht, die das
Volk spalten wollte. Die Hutu-Antwort in Form eines von den wichtigsten
Hutu-Repräsentanten unterzeichneten "Vermerks" kam am 24. März 1957. Man
wolle auf der Tutsi-Vorherrschaft keine nach-koloniale Ordnung aufbauen. Im
Mai 1958 insistierten führende Tutsi gegenüber dem König, es könne keine
Brüderlichkeit geben, da das Verhältnis zu den Hutu immer auf deren
Knechtschaft beruht habe. Der belgische Gouverneur Harroy erkannte die
Position der Hutu an, die Einführung der Demokratie vor der Entlassung des
Landes in die Unabhängigkeit forderten.
Der reformfreudige Bischof André Perraudin verkündete im Fastenbrief 1959,
Privilegien seien mit der christlichen Moral nicht vereinbar. Er sorgte für
die erneute Hinwendung der Kirche zur Hutu-Mehrheit, die sich als
traditionell unterdrückte Gruppe mit dem christlichen Ideal der Gleichheit
und Brüderlichkeit identifizierte. Nach politischen Unruhen beschleunigte
Belgien die Unabhängigkeit (Juli 1962) durch Abwahl der Monarchie per
Referendum (September 1961) und gleichzeitige Parlamentswahl, welche die
Hutu-Partei unter Grégoire Kayibanda gewann, der kurz darauf zum
Staatspräsident gewählt wurde. Damals unterstützte die Sowjetunion das alte
Königtum gegen die Volksherrschaft und Unabhängigkeit, weshalb die
unabhängige Republik Ruanda sich nicht dem blockfreien Lager zuordnen
wollte, sondern am Westen orientiert blieb.
Die meisten Tutsi-Adligen wollten die demokratische Machtübernahme durch
Hutu nicht hinnehmen, gingen in benachbarte Länder (vor allem Uganda) ins
Exil und gründeten die Terrororganisation Inyenzi, um den Aufbau eines
Hutu-Staates in Ruanda von außen zu bekämpfen. Damit begann eine anfangs
verdeckte Spirale der Gewalt, die schließlich zur Rückeroberung der Macht
durch Exil-Tutsi unter Führung von Paul Kagame im Juli 1994 führte. Aloys
Ngurumbe hat sich als Gründer der Inyenzi bezeichnet und als Zweck der
Vereinigung genannt, den Staatsaufbau der Hutu-Parteien in Ruanda zu
hintertreiben.[1]
Im parallel unabhängig gewordenen Burundi folgte schon 1966 ein Putsch der
früheren Minderheitsherrscher der Tutsi, der zu einem Militärregime führte.
Der neue Führer Michel Micombero heizte den ethnischen Konflikt bewusst an
und ließ im Sommer 1972 (s. Anmerkungen von ZNet Deutschland Nr. 2) zwischen
100.000 und 300.000 Hutu mit Schulbildung ermorden, um das Entstehen einer
neuen gebildeten Führungsschicht im Keim zu ersticken - und das mit Wissen
der 'internationalen Gemeinschaft'. Durch die hohe Zahl der Flüchtlinge nach
Ruanda geriet der dortige Präsident Kayibanda unter Druck und wurde durch
den katholischen Hutu und damaligen Verteidigungsminister Juvénal
Habyarimana gestürzt. Dieser blieb bis 1994 Präsident von Ruanda und
verfolgte eine Politik des ethnischen Ausgleichs. Im benachbarten Burundi
wurde Micombero schließlich 1976 durch Entzug der westlichen Unterstützung
abgelöst, der Völkermord von 1972 wurde aber nie juristisch verfolgt.
Postkoloniale Politik des Westens in Afrika
In den 1960er Jahren gaben die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich
ihren afrikanischen Kolonien schrittweise die formale Unabhängigkeit.
Belgien hatte das für den Kongo nicht geplant, war allerdings für Ruanda und
Burundi laut UNO dazu verpflichtet. Südafrika sollte eine "Demokratie der
Weißen" gegen die Mehrheit der Bevölkerung bleiben.
Die ersten souveränen afrikanischen Regierungen waren großem inneren Druck
ausgesetzt und erwiesen sich nicht immer als stark. Im Eigeninteresse ging
der Westen schnell dazu über, stabile Militärregime als die 'geeignetere'
Regierungsform in Afrika zu akzeptieren. Ab den 1970er Jahren wurden die
Rechtfertigungen afrikanischer Militärs gelten gelassen, die behaupteten,
nationale Einheit und Modernisierung nur über Militärherrschaft sichern zu
können. Der Vietnamkrieg und der Umsturz in Chile 1973 sowie Mobutus
militärische Machtübernahme im Kongo bereits 1965 waren schlechte Vorbilder
für Demokratie im Süden. Es wurde im Westen zunehmend behauptet, Demokratie
sei insgesamt keine geeignete Staatsform für die Dritte Welt.
Ab Januar 1977 brach US-Präsident Carter mit dieser Doktrin und erklärte
Menschenrechte und Demokratie zum besten Schutz gegen Kommunismus und, nach
dem Sturz des Schah im Iran 1979, gegen islamischen Fundamentalismus. Seine
Nachfolger Reagan und Bush sen. sahen nach dem öffentlichen Eindruck eines
Scheiterns Carters[2] keine Veranlassung, seine Doktrin der internationalen
Demokratisierung weiterzuführen.[3] Zudem wollte man das verbündete
Südafrika während des Kalten Krieges vor Demokratieforderungen schützen.
Erst das Ende des Kalten Krieges führte zum Umdenken des Westens gegenüber
Südafrika, man drängte seine weiße Minderheit zum Abdanken. Die Reform in
Südafrika mit der Freilassung Nelson Mandelas im Februar 1990 führte zu
zahlreichen demokratischen Initiativen in anderen afrikanischen Ländern.
US-Außenminister James Baker reiste im März 1990 nach Südafrika, um Nelson
Mandela zu treffen. Bei einem Abstecher nach Zaire/Kongo machte er damals
klar, dass Mobutu sich künftig auf demokratischen Wandel einstellen müsse.
Gleichsam in Koordination dazu erklärte Präsident Mitterrand beim
Französisch-Afrikanischen Gipfel in La Baule im Juni 1990, Demokratie sei
die Zukunft Afrikas.
Nach Amtsantritt von Clinton am 20.1.1993 wurde innerhalb von sechs Monaten
eine anti-islamische Front aufgebaut und Sudan als terroristischer Staat
eingestuft (siehe kurzen Hinweis dazu in Huntington 1996:39). In Somalia
wurden am 3. Oktober 1993 die Leichen von US-Soldaten in Mogadischu
öffentlich geschändet, was zum direkten militärischen Rückzug der US-Politik
aus Afrika unter Clinton beitrug, dessen Hintergründe noch zu erforschen
bleiben. Clinton schrieb in der Direktive PDD #25 vom 5. Mai 1994 fest, dass
US-Truppen nur noch nach Afrika geschickt würden, wenn lebenswichtige
US-Interessen berührt seien. Ironischerweise begrüßten Teile der
internationalen Friedensbewegung dies als Signal gegen militärisches
Eingreifen der USA in Afrika und übersahen dabei wichtige Entwicklungen im
Hintergrund: Von der Öffentlichkeit und dem naiv-gutwilligen Teil der
Friedensbewegung unbemerkt, begann ein gezieltes militärisches US-Engagement
in Afrika unterhalb der Schwelle parlamentarischer Zustimmungspflicht.
Die neue US-Afrikapolitik entstand 1993 in einem Kampf dreier Linien:
- Außenminister Warren Christopher hielt verbal, und vielleicht auch aus
Überzeugung, an Demokratisierung als bestem Mittel für langfristige
Stabilität fest. Er konnte sich damit nicht durchsetzen und musste 1997
Madeleine Albright weichen.
- Die rechten Flügel von Demokraten und Republikanern votierten in
teilweiser Übereinstimmung mit Frankreich für 'alte Freunde' in Afrika wie
Mobutu im Kongo und Arap Moi in Kenia etc.
- Eine große Koalition aus Neokonservativen unter Führung von John Deutch
(im Pentagon, später CIA-Chef) und Organisationen wie Human Rights Watch
(Kenneth Roth, Alison Des Forges), Survie in Frankreich, African Rights in
London trat für ein Bündnis mit neuen Guerilla-Führern ein. Man unterstützte
Aufstandsbewegungen in Eritrea, Äthiopien, Ruanda, Südsudan, die alle das
islamische Regime in Sudan ablehnten. (Strizek 1998) Der seltsamen Koalition
gehörten auch zahlreiche Linke an, sie agierte besonders aktiv unter der
'linken' Clinton-Regierung und hatte in Deutschland ihre Verbündeten bei SPD
und Grünen. (Strizek, Memorandum 2007)
Bereits 1988 hatte die radikal anti-islamische Front in der US-Politik (mit
Anhängern vor allem im Pentagon und den Geheimdiensten) den neuen
ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni als Verbündeten ausersehen. Der
ehemalige Herr der Kindersoldaten wurde zum Stabilitätsfaktor erklärt und,
unter Mitwirkung der britischen Entwicklungsministerin Lynda Chalker,
hoffähig gemacht. Musevenis Erfolg im ugandischen Bürgerkrieg (1982-1986)
war durch die militärische Unterstützung der Tutsi-Emigranten aus Ruanda,
die Anfang der 1960er Jahren dorthin ins Exil gegangen waren, begünstigt
worden.
Die Vorbereitung des Völkermordes von 1990 bis 1994
Am 1.10.1990 teilte Ugandas Präsident Museveni seinem ruandischen Kollegen
Habyarimana mit, dass Exil-Tutsi der RPF von seinem Land aus Ruanda
angegriffen hätten und er davon nichts gewusst habe. Letzteres war eine Lüge
(Strizek 2003 a). Habyarimana hätte damals die Organisation Afrikanischer
Einheit (OAU) um Hilfe bitten müssen, unterließ dies aber, zumal Museveni
gerade deren Präsident war.
Die 1979 gegründete und 1987 in RPF umbenannte Partei der Exil-Tutsi in
Uganda hatte gegen Habyarimanas Regierung eine jahrelange Medienpropaganda
über Radio und Zeitungen nach Ruanda hinein betrieben. Als sich zu Beginn
der 1990er Jahre abzeichnete, dass Südafrika demokratisch wird, kamen die
Militärherrscher in Afrika unter zunehmenden Demokratisierungsdruck. Die RPF
befürchtete, dass die allgemeine Demokratisierungswelle ihre Rückeroberung
der Macht (als Minderheit!) unmöglich machen würde. Deshalb hatte man seit
längerem in Washington und international um Sympathien geworben. Als
Habyarimana im September 1990 dem internationalen Drängen nachgeben wollte,
eine Rückkehr der Exil-Tutsi aus Uganda in das dicht bevölkerte Ruanda zu
ermöglichen, kam bei der RPF Panik auf; man befürchtete, die Chance einer
eigenen Machtübernahme könnte damit endgültig vergangen sein. Der
überstürzte Angriff der RPF auf Ruanda im Oktober brachte Geländegewinne im
Norden des Landes. Dank französischem Eingreifen[4] wurden die Eindringlinge
im gleichen Monat nach Uganda zurückgedrängt. Daraufhin rief Museveni den
Exil-Tutsi Paul Kagame aus dem US-Militärtraining in Fort Leavenworth
zurück, er wurde Chef der militärischen Organisation der RPF.
Paul Kagame war einer der Führer der Exil-Tutsi in Uganda. Er arbeitete im
ugandischen Geheimdienst unter Museveni und war als besonders brutaler
Folterer bekannt (siehe Interview David Barouski mit Jean-Christophe
Nizeyimana, zmag.org). Kagame ist ein indirekter Nachfahre der
Tutsi-Königsdynastie, die ihre Minderheitenherrschaft bei der Unabhängigkeit
Ruandas 1962 abgeben musste. Diese Gruppe von Exil-Tutsi aus Uganda hatte
sich damals geschworen, ihre verlorene Macht zurückzuerobern. Von Uganda
führte Kagame 1990 bis 1994 einen Zermürbungskrieg gegen die Regierung von
Ruanda, um mit ständigen Angriffen das Land zu destabilisieren.
1992 unternahm die RPF einen erneuten Angriff gegen Ruanda und setzte sich
im Norden fest. Das Koalitionsbündnis in Ruanda, das den von Habyarimana
zugesagten Übergang zur Demokratie leisten sollte, musste sich zum erneuten
Angriff verhalten, was innere Konflikte schürte. Der dritte RPF-Angriff aus
dem Norden im Februar 1993 verursachte eine Million interne Flüchtlinge, die
in Lagern vor der Hauptstadt Kigali landeten und den alten Hass gegen Tutsi
wieder belebten, da sie Opfer von Tutsi-Vertreibung geworden waren
(wenngleich der Exil-Tutsi aus Uganda). Steven Da Silva erwähnt, dass in
einer Region, die zuvor 800.000 Menschen bewohnten, nach diesen Angriffen
der RPF nur noch 1800 Menschen gezählt wurden (siehe: globalresearch.ca,
2007). Präsident Habyarimana hatte während seiner Amtszeit generell keine
ethnische Stigmatisierung geduldet; aber gegen den sich aufbauenden Hass der
gewaltsam vertriebenen Hutu-Inlandsflüchtlinge gegen die Tutsi generell war
er machtlos.
Trotz der zugespitzten Konfliktsituation wurde am 4. August 1993 das
internationale Arusha-Machtteilungsabkommen zwischen der ruandischen
Regierung und der Exil-RPF unterzeichnet. Darin sicherte Frankreich seinen
Truppenabzug aus Ruanda bei Inkrafttreten des Abkommens zu. Mit der kurz
darauf erfolgenden Ermordung des neugewählten burundischen Hutu-Präsidenten
Melchior Ndadaye am 21. Oktober 1993 war auch der Friedensprozess in Ruanda
am Ende. Die RPF konnte das politische Chaos in der Region nutzen, das
Arusha-Abkommen zu unterlaufen. Die UN-Truppen, die französische Kräfte
ersetzten, waren auf Betreiben der amerikanischen UN-Botschafterin Madeleine
Albright sehr schwach, da nach Somalia der Einsatz von US-Truppen in Afrika
ja vermieden werden sollte. Kagame, mit Unterstützung von Museveni, plante
nun die Übernahme der ganzen Macht in Ruanda durch die RPF. Steven Da Silva
erwähnt, dass zeitlich passend ein Programm des IWF für die Schwächung der
ruandischen Währung und damit der Regierung Habyarimana sorgte
(globalresearch.ca).
Am Abend des 6. April 1994 wurde das Flugzeug des Präsidenten Juvénal
Habyarimana von Ruanda, in dem der burundische Präsident Cyprien Ntaryamira
und wichtige ruandische Militärs mitreisten, abgeschossen.[5] Am folgenden
7. April begann ein Völkermord, über dessen Schuldfrage bis heute nicht
offen diskutiert wird. Die über Jahre angeheizten Spannungen zwischen der
ethnischen Mehrheit der Hutu und der Minderheit der Tutsi entluden sich in
grausamen Massakern, deren Ausbruch vorhersehbar und eingeplant war. Am
18.7.1994 übernahm die RPF die Macht in Ruandas Hauptstadt Kigali. Bis 2000
dirigierte Kagame in Ruanda aus dem Hintergrund als Vizepräsident, dann
übernahm er auch formal die Macht. Bis heute hat keine neutrale Untersuchung
des Flugzeugabschusses stattgefunden. Von interessierter Seite wird das
Gerücht verbreitet, Frankreich sei am Abschuss der Präsidentenmaschine vom
6.4. 1994 beteiligt gewesen. Frankreich hat dies immer bestritten.[6]
Die Ermordung von Präsident Habyarimana hätte der Politik von Präsident
Mitterand, der sich immer für eine Machtteilung eingesetzt hatte, auch
völlig widersprochen. Aber auch Frankreich hat selber keine offizielle
Untersuchung veranlasst. Der Flugschreiber der abgeschossenen Maschine ist
bei der UNO in New York bis heute unter Verschluss. Erst Ende 2006 hat der
französische Ermittlungsrichter Jean-Louis Bruguière, der seit Jahren auf
Betreiben der Angehörigen der drei getöteten französischen Piloten
ermittelt, eine Anklage gegen neun enge Mitarbeiter von Kagame in Arusha
eingereicht und eine Anklage gegen Präsident Kagame bei der UNO
eingefordert. Der neue französische Außenminister Bernard Kouchner und die
von ihm mit gegründete Organisation "Ärzte ohne Grenzen" haben zusammen mit
anderen prominenten NGOs vor dem Völkermord von 1994 und seither in der
Vertuschung eine Rolle gespielt, die noch zu erforschen bleibt.
Es ist im Rückblick bemerkenswert, wie viel Zuspruch es für RPF-Führer Paul
Kagame immer wieder selbst von Mitgliedern der Regierung Mitterrand gegeben
hat: Hubert Vedrine und Michel Rocard vertraten noch 1997 die Ansicht,
Hutu-Extremisten aus der Umgebung von Habyarimana hätten das
Präsidenten-Flugzeug abgeschossen. Als Mitterrand 1994 ein Eingreifen in den
ablaufenden Völkermord zum Schutz der Tutsi-Bevölkerung in Ruanda forderte,
wollte die Clinton-Regierung das auf rein humanitäre Maßnahmen beschränken,
die eine Machtergreifung der RPF nicht behindern würden. Frankreichs
Ministerpräsident Balladur setzte gegen Mitterrand durch, dass die RPF ihr
Einverständnis zu einem derartigen UN-Sicherheitsratsbeschluss geben musste.
So kam der UN-Sicherheitsratsbeschluss am 25.6.1994 zustande.
Über die Beteiligung der UNO an der RPF-Machtergreifung berichtet besonders
Jean-Christophe Nizeyimana im Interview mit David Barouski (siehe:
zmag.org). Der UNO-Repräsentant Jacques-Roger Booh-Booh sei in dem sich
anbahnenden Konflikt 1993 um Neutralität bemüht gewesen. Nizeyimana
beschreibt, wie Dallaire entgegen seiner UNO-Funktion der RPF 1993
konsequent geholfen habe, sich politisch und militärisch für die
Machtergreifung zu positionieren. Die Massaker der RPF im Norden Ruandas
1993 wurden gezielt vor der internationalen Öffentlichkeit versteckt, keine
der UNAMIR-Nachforschungen wurde je zu Ende geführt. Dallaire habe
regelmäßige Zusammenkünfte mit der RPF-Führung in seinem UNO-Büro gehabt.
Gegenüber der Habyarimana-Regierung habe er bewusst falsche Angaben über
angebliche Wassertransporte der RPF gemacht, die in Wirklichkeit aus
Munition bestanden. Statt dem UNO-Auftrag entsprechend die militärische Lage
neutral zu überwachen, habe Dallaire seine Erkenntnisse über die
Regierungstruppen an die RPF weitergegeben, damit diese sich für den
militärischen Konflikt während des geplanten Völkermordes im Frühjahr 1994
positionieren konnte. Nizeyimana betont, dass Clinton in den Völkermord
nicht eingreifen wollte, da die chaotische Situation eines scheinbar blinden
Mordens gebraucht wurde, um die Machtübernahme der Exil-Tutsi unter Kagames
Führung möglich zu machen.
Prof. Filip Reyntjens berichtete 1997 vor dem UN-Gerichtshof in Arusha, er
habe die RPF schon 1990 gewarnt, dass ihre Angriffe aus Uganda zum Schüren
des alten Tutsi-Hasses führen würden. Die Antwort sei gewesen: "Wer ein
Omelette braten will, muss Eier zerschlagen" (Strizek 1998:161). In einer
öffentlichen Erklärung wies der heute in Norwegen lebende RPF-Dissident
Abdul Ruzibiza darauf hin, dass die Tutsi in Ruanda Kagame gleichgültig
gewesen seien. Als Nachkomme der früheren königlichen Familie war Ruzibiza
in Ruanda aufgewachsen. Er verließ das Land nach dem Sieg der RPF, als er
erkannte, dass seine Familie hätte gerettet werden können und dass die
heimischen Tutsi generell von den Exilanten systematisch verdrängt wurden.
Ruzibiza hat ausgesagt, dass die RPF in den von ihr eroberten Gebieten von
Beginn an Menschen aller Gruppen ermordet habe, um Chaos und Anarchie zu
säen und letztlich die Macht im Land zu übernehmen. Für Kagame und seine
Exil-Tutsi seien die im Lande verbliebenen Tutsi per se 'Verräter' und
deshalb nicht schützenswert gewesen (Strizek 2004:281).
Zu den zahlreichen ungeklärten Merkwürdigkeiten gehört, dass der als
rechtsextrem Hutu-freundlich eingestufte Radiosender RTML, der bei der
Anstiftung zum Völkermord 1994 eine wichtige Rolle spielte, einen
Italo-Belgier als Propagandisten einsetzte.
Zudem wurden die Interahamwe-Milizen in ihren Hetzkampagnen gegen Tutsi
zumindest anfangs von dem Tutsi Robert Kajuga befehligt. Es könnte sein,
dass die RPF sich internationale Sympathien sichern wollte, indem sie
Aktionen gegen Tutsi initiierte (Strizek 1998:147).
Die Lage der Flüchtlinge und Gefangenen
Eine nicht genau bekannte Zahl von Flüchtlingen, die während des
Völkermordes nach Zaire/Kongo entkommen waren, ist dort umgekommen. Während
einige Minister der neuen Regierung für eine Rückkehr der Flüchtlinge nach
Ruanda plädierten, wollte die RPF-Führung dies verhindern. Zur Abschreckung
der Rückkehrbereitschaft der Flüchtlinge im Kongo ließ Kagame im April 1995
ein Lager von internen Flüchtlingen in Kibeho gewaltsam auflösen, wobei
mindestens 2000 Menschen umkamen. Die Hutu-Flüchtlinge im Nachbarland
verstanden die Botschaft, dass ihre Rückkehr nicht erwünscht war. Laurent
Kabila, der von Museveni, Kagame und internationalen (westlichen)
Verbündeten ausersehene Nachfolger des kranken Staatspräsidenten Mobutu in
Zaire/Kongo, wurde angehalten, seine Machtergreifung in Kinshasa mit dem
Kampf gegen die Hutu-Flüchtlinge im Ostkongo zu verbinden. So wurde die
Rückkehr der Hutu-Flüchtlinge nach Ruanda verhindert, die innenpolitisch dem
Minderheitenregime der RPF hätten gefährlich werden können. Bis zum 17. Mai
1997 eroberte Kabila gewaltsam die Macht im Kongo, hunderttausende
ruandische Flüchtlinge sind dabei umgekommen.
Vielen in Ruanda erging es nicht besser als denen, die im Ausland auf der
Flucht waren. Der Reutlinger Richter Jürgen Dubbers ist mit UNICEF im August
1997 durch Ruanda gereist und hat von den zahlreichen Gefängnissen
berichtet, in denen angebliche oder tatsächliche Mitwirkende am Völkermord
von 1994 festgehalten wurden. Danach erstickten viele Gefangene in den
überfüllten Gebäuden, auch wegen fehlender Fenster. Viele standen jahrelang
aneinandergepresst, da kein Platz war. Wer nicht von Angehörigen ernährt
wurde, verhungerte. Der Stuttgarter Pfarrer Burkhard Bartel hat ebenso über
die unhaltbaren Zustände bei geschätzten 150.000 Gefangenen im kleinen
Ruanda berichtet (Strizek 1998:167).
Der Sudan als Feindbild der internationalen Koalition
Nach dem Somalia-Desaster Anfang Oktober 1993 optierte die Clinton-Regierung
für eine Afrika-Politik unterhalb der Schwelle offiziellen
Militärengagements, wollte aber dennoch einen Sturz der islamistischen
Regierung im Sudan erreichen. Der ägyptische UN-Generalsekretär
Boutros-Ghali verweigerte sich dem US-Vorgehen gegen den Sudan und wurde
1996 durch Kofi Annan ersetzt, dessen Rolle während des Völkermordes in
Ruanda 1994 noch unzureichend erforscht ist. Die bisherige UN-Botschafterin
Madeleine Albright spielte dabei eine führende Rolle, insbesondere als sie
1997 US-Außenministerin wurde. Nach einem Attentatsversuch gegen den
ägyptischen Präsidenten Mubarak in Addis Abeba 1995, der dem Sudan
zugeschrieben wurde, hatte sich Ägypten der Politik Albrights angeschlossen,
die zu UN-Sanktionen gegen den Sudan führte. Der Krieg der
Befreiungsbewegung SPLA unter Führung von John Garang im Südsudan gegen die
Regierung in Khartum wurde von der US-Regierung unterstützt. [7]
Die Anti-Sudan Koalition brach auseinander, als Laurent Kabila sie 1998
verließ. Er wurde am 16. Januar 2001, kurz vor der Amtsübergabe von Clinton
an George W. Bush ermordet (Details bei Scholl-Latour 2001:305, der auch
berichtet, dass Kabila nach seinem Bruch mit den westlichen Verbündeten mit
seiner Ermordung rechnete). Nachfolger wurde sein angeblicher Sohn und
tatsächlicher Adoptivsohn Joseph Kabila, ein Neffe des ruandischen
Generalstabschefs Kaberebe. Im BBC Hardtalk Interview am 7.12.2006 hat
Ruandas Präsident Kagame nochmals darauf hingewiesen, dass Kongos Führung
von ihm abhängig sei. Joseph Kabila wurde nach Wahlen im Kongo im Herbst
2006 als Präsident bestätigt.
Unter der Bush-Regierung legte der US-Beauftragte und ehemalige Senator John
Danforth 2002 einen Bericht zum Sudan vor, der die Notwendigkeit betonte,
die Öleinnahmen des Landes gerecht zu verteilen, um Frieden zu
gewährleisten. Wenn es ausschließlich nach den Ölinteressen der USA ginge,
wäre die Förderung von Rohstoffen in Afrika unter Friedensbedingungen
wesentlich leichter und würde Sicherheitsausgaben sparen (Strizek 2004). Es
sind also nicht nur rein wirtschaftliche, sondern auch
politisch-strategische Interessen, welche Kriege in Afrika fördern.
Verfasserin: Dr. Sabine Grund[*], Mitarbeit: Dr. Christoph Ludszuweit[°]
[*] http://www.sid-berlin.de/
[°] http://www.btraven.com/
Fußnoten
[1] Dieser Text liegt heute in französischer Fassung dem UN-Strafgerichtshof
ICTR in Arusha/Tansania vor, der den Völkermord von 1994 aufarbeiten soll
(Strizek 2006:164).
[2] Carter betont heute noch in Medienauftritten und Veröffentlichungen,
dass er es weiterhin für richtig hält, Iran damals in der Geiselkrise nicht
militärisch angegriffen zu haben, da das viele unschuldige Menschen das
Leben gekostet hätte (z.B. "Living Faith", Random House 1996:102ff).
[3] Die Wiederaufnahme der Demokratisierungs-Forderung durch US-Präsident
George W. Bush ist in diesem Kontext umso bemerkenswerter.
[4] Der letzte belgische Gouverneur Harroy, ein Freund von Habyarimana, war
von einem Exil-Hutu um Verhinderung des RPF-Angriffs von Oktober 1990
gebeten worden und unverständlicherweise untätig geblieben (Strizek
1998:144).
[5] Habyarimana befürchtete Attentatspläne und achtete darauf, solche Flüge
nicht allein zu unternehmen.
[6] Strizek verweist inzwischen auf die Einschätzung von Filip Reyntjens,
entsprechende Raketen besitze nur Uganda und habe sie an die RPF abgegeben.
Auch Peter Scholl-Latour unterstützt diese Variante in seinem Buch
Afrikanische Totenklage (2001:95).
[7] Colin Powell war bei der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen
Khartum und den südlichen Rebellen von John Garang zugegen, bei dem auch
Ugandas Präsident Museveni mit versteinerter Miene am Tisch saß (Tagesbilder
bei CNN TV). Kurz darauf wurde John Garang beim Absturz des Hubschraubers
getötet, den Museveni ihm geliehen hatte.
Literaturhinweise
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http://www.missio-aachen.de/Images/MR%20Kongo%20deutsch_tcm14-11997.pdf
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Connection and Third World Fascism. N. Chomsky and Edward Herman, South End
Press 1979. Chapter 3: Benign Terror, 3.4.2 Burundi: "The Limitations of
U.S. Power" (S. 106-109)
Quelle: ZNet 20.10.2007
http://zmag.de/artikel/zum-volkermord-in-ruanda-von-1994
Orginalartikel: Zum Völkermord in Ruanda von 1994
http://www.zwoelf-apostel-berlin.de/download/broschuere_ruanda.pdf
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