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http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2007/nr38/Leben/15406.html
«Musicstar» in Mali
Im Haus des Erfolgs
Von Claudio Zemp
Seit kurzem gibt es auch im afrikanischen Mali einen «Musicstar». Die
Fernsehshow funktioniert ähnlich wie in Europa. Und doch ganz anders.
Malis erster Superstar heisst Mahamadou Dembélé. Im Moment seines Erfolgs
wird der 22-jährige Schlacks von seinen Fans für ein Erinnerungsbild
bestürmt. Dann sagt er: «Dass ich gewonnen habe, heisst nicht, dass ich der
Bes-te bin.»
Dembélé hatte unter dem Künstlernamen Dabara an der malischen Talentshow
«Case Sanga» teilgenommen. Als einer von sechzehn MusikerInnen war er aus
den rund 300 KandidatInnen auserkoren worden. Vor einem Jahr hatte Mahamadou
Dembélé in der Hauptstadt Bamako eine kaufmännische Ausbildung
abgeschlossen. Die Chancen, einen der wenigen Bürojobs im Land zu ergattern,
standen für ihn so schlecht wie für die Tausenden anderen Jugendlichen im
Land, die Arbeit suchen.
Africable überall
«Case Sanga» bedeutet in der verbreitetsten Sprache Malis «Haus des
Erfolgs». Die lokale Version von «Musicstar», «Star Academy» und wie die
Popstarfabriken alle heissen war die erste Reality-TV-Show für Westafrika.
Punkto Publikumsgunst machte die Sendung ihrem Namen alle Ehre: In Malis
Hauptstadt Bamako brach in den Sommermonaten das «Case Sanga»-Fieber aus.
Von Juli bis Anfang September gab es am Samstagabend in den Stuben und vor
den Quartierfernsehern auf der Strasse nur noch einen Sender: Africable. Das
fade Programm des malischen Staatssenders oder die oft veralteten Soaps auf
anderen Kanälen waren gegen die Musikshow chancenlos. Die private
Fernsehanstalt übertrug «Case Sanga» live in dreizehn Länder Westafrikas.
Und TeilnehmerInnen aus den umliegenden Ländern waren auch willkommen.
Diese Chance nutzte Pamela Badjogo aus Gabun, dem kleinen Küstenstaat in
Zentralafrika. Die 24-Jährige hat es als einzige Ausländerin bis in den
Final geschafft. Hier unterlag die Biochemiestudentin mit ihrer
Interpretation von Alicia Keys' «Falling» Mahamadou Dembélé. Aber
zerknirscht wirkte sie deswegen nicht. Gegenüber einer Journalistin sagte
sie: «Bei diesem Spiel gewinnen alle!»
Stromausfall? Kein Problem!
Das Spiel mit dem Traum vom Star funktioniert in Emmenbrücke ebenso wie in
der Millionenstadt Bamako. Auch «Case Sanga» lockte mit dem Mus-ter der
Talentshows, das überall dasselbe ist: intensives Coaching für die
KandidatInnen mit Workshops in Gesang und Tanz, eine moderierende Miss sowie
tägliche Hintergrundberichte am Fernsehen. Dazu gab es wöchentlich einen
spektakulären Event im Palais de la Culture Bamakos, wo die Show jeweils am
Tag zuvor aufgezeichnet wurde. Fangruppen mit Plakaten und T-Shirts ihrer
FavoritInnen liessen dort mit ihrem Gekreische den Saal platzen. Das Fest
war jeweils so ausgelassen, dass es selbst einen einstündigen Stromausfall
überstand. Am höchsten waren die Emotionen aber - auch das scheint auf der
ganzen Welt zu funktionieren - im Moment der Wahrheit. Wie bei «Musicstar»
durfte das Publikum über Weiterkommen und Ausscheiden der KandidatInnen
entscheiden. Im Moment, in dem das Resultat der SMS- und Telefonvotings
bekannt gegeben wurde, flossen landesweit Tränen - und die enttäuschten
Ausgeschiedenen kritisierten Jury und OrganisatorInnen.
Griot und Hip-Hop
Und doch war bei «Case Sanga» alles anders. Die Sendung war mehr als eine
Kopie der französischen «Star Academy»-Staffeln, die auch in Mali empfangen
wurden. Im «Case Sanga» gab es kein Karaoke zu Musik ab -Konserve. Die
KandidatInnen hatten künstlerische Ambitionen. Die meisten brachten, wie der
Sieger, Bühnenerfahrung mit. Die Gabunerin Pamela Badjogo beispielsweise war
Backgroundsängerin beim malischen Superstar Salif Keïta. Andere stammen aus
Musikerfamilien und sind schon als Knirpse vor Publikum aufgetreten. Die
traditionelle Musikkultur Malis ist auch im neuen Jahrtausend noch
tonangebend, selbst bei den Jugendlichen. Rap und Hip-Hop sind zwar auch in
Bamako populär, aber noch viel stärker ist der Einfluss der Griots. Die
westafrikanische Musikerkaste hatte einst das Unterhaltungsmonopol in der
Gesellschaft inne. Die BewahrerInnen der Geschichte der Mandinke-Kultur sind
an allen öffentlichen und privaten Festtagen präsent. Dort singen die Griots
für jene, die es sich leisten können, Loblieder aus dem Stegreif. Heute ist
das KünstlerInnenmetier zwar nicht mehr exklusiv den Griots vorbehalten.
Noch immer stammt aber die Mehrheit der nationalen Showleute aus einem
Griot-Geschlecht. So auch einige der «Case Sanga»-KandidatInnen.
Der Tradition verpflichtet
Die Jungen kombinieren das musikalische Erbe der Ahnen mit poppigen Sounds;
sie switchen zwischen den zwei Welten. Auch die 26-jährige Kunststudentin
und «Case Sanga»-Kandidatin Michelle Traoré ist stolz auf ihre musikalischen
Wurzeln: «Es ist für mich sehr wichtig, dass wir die Traditionen Malis
pflegen und ein modernes Leben leben. Die Musik ist ein Mittel, beides zu
vereinen.» So sind die Vorbilder der malischen «Musicstars» traditionelle
Liedermacher wie Ali Farka Touré, Habib Koïté oder Boubacar Traoré. Mit
Ausnahme von Pamela Badjogo interpretierten die KandidatInnen fast
ausschliesslich Kompositionen malischer Musiker. Das ergab eine Mischung
zwischen modernem TV-Spektakel und der virtuosen Schrille des traditionellen
Gesangs. Statt gesponserter Dutzendkleider trugen die malischen Musicstars
farbige Showkostüme, authentisch afrikanisch. Begleitet wurden sie von einer
grossen Band, deren Musiker den ganzen Abend ohne Unterbruch durchhüpften
und die KandidatInnen kräftig mit Backgroundgesang unterstützten. Neben
E-Gitarre, Bass und Keyboard tönten im «Case Sanga»-Orchester afrikanische
Instrumente wie die «Doppelharfe» Kora oder das Balafon. Ein Virtuose auf
diesem Urxylophon ist Sieger Dembélé. Er holte sich in der letzten Sendung
die entscheidenden Punkte mit zwei Balafonsoli und einem Duett mit seinem
einheimischen Lieblingsstar Abdoulaye Diabaté.
Marketing ist alles
«Case Sanga» ist eine privat finanzierte malische Eigenproduktion. Hinter
der Produktionsfirma Fanaday Entertainment stehen Baba Diarra und Papa Wane.
Beide sind ehemalige Emigranten, die nach Jahren im französischen Exil nach
Mali zurückgekehrt sind, um mit «Case Sanga» ihren eigenen Traum vom Erfolg
zu verwirklichen. Er wolle mit seinen Erfahrungen aus Europa dem Land etwas
zurückgeben, sagt Diarra Wane. Er ist ein Freund grosser Events - und für
ebendiese sieht er in seiner Heimat grosses Entwicklungspotenzial: «In Mali
werden Konzerte und Festivals immer nur sehr kurz im Voraus angekündigt. Für
'Case Sanga' jedoch haben wir schon im Februar mit Werbung begonnen. So
konnten wir beim Publikum ein frühes Interesse für die Sendung wecken und
die Erwartungshaltung über mehrere Monate aufbauen. Dies ist total neu für
Mali.» Entwicklungshilfe im Marketing, die sich offenbar auszahlte. Nicht
zuletzt für die «Case Sanga»-Produzenten selbst. Die Rückkehrer leisten sich
in Bamako einen superstargerechten Auftritt in teuren Anzügen und
Geländewagen. So erstaunt es nicht, dass die Sendung in Mali auch kontrovers
debattiert wurde. Die Wochenzeitung «Bamako Hebdo» kritisierte etwa die
Geldmacherei des SMS-Votings. «Case Sanga» sei mehr lukrativ als kulturell
gewesen. Und die Leute im Hintergrund seien ausgenützt worden - so habe man
ausgerechnet den Bandmusikern nicht einmal die Spesen für ihre Auftritte
erstattet. Der malische Kulturminister ehrte das Haus des Erfolgs trotzdem
mit einem Besuch und lobte die Initiative zur Förderung des malischen
Musikexports.
Viele Talente, eine Soloplatte
Die Show war nicht zuletzt auch eine Aufbauaktion für das
Fernsehproduktionswesen im Land. Das Personal bestand zu hundert Prozent aus
Malier-Innen, die am Haus des Erfolgs mitbauten. Trotz modernen
Produktions-equipments wirkte die Sendung für europäische Augen ungewohnt:
Die Konzerte wurden von nur einer statischen Kamera gefilmt, bei der Probe
tats auch eine leere Fanta-Flasche als Mikrofon, und wenn mal ein Beleuchter
im Bild war, störte das niemanden. Die «Leider nein»-Rubrik gab es in Mali
übrigens nicht. Das öffentliche Vorführen der peinlichsten Castingversuche
mag hierzulande belustigen - in Mali würde der Gag nur schlecht
funktionieren, nicht zuletzt deshalb, weil die musikalischen Talente so
zahlreich sind. Die Sendung weckte einen selbstbewussten Geist. Die
KandidatInnen waren KönnerInnen der Improvisation, sie wirkten ganz so, als
hätten sie die mediale Förderung gar nicht nötig. Ob es den malischen
Musicstars also besser ergehen wird als ihren KollegInnen in Europa?
Von Mahamadou Dembélé, dem Gewinner, wird es eine Soloplatte geben. Und eine
Tournee durch Europa steht auch an, zusammen mit Oumou Sangaré, einer
malischen World-Music-Diva mit internationalem Renommee. Ausserdem ist der
junge Mann in seinem Land nun Millionär: Die Preissumme von drei Millionen
Francs CFA (7500 Schweizer Franken) bedeutet in Mali ein kleines Vermögen.
Mitarbeit: Barbara Aerne und Flurina Rothenberger
www.casesanga.org
Weitere Quellen:
www.afriquenligne.fr(Panapress)
www.lemali.fr (L'Essor)
www.maliweb.net (Bamako Hebdo)
www.afribone.com
WOZ vom 20.09.2007
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