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http://www.zeit.de/2008/16/ST-Kapitalismus
Die Zeit - 10.04.2008
Sachbuch
Ich konsumiere, also bin ich
Benjamin Barber und Robert Reich analysieren den Sieg des Kapitalismus über die Demokratie - und was dagegen zu tun ist
Von Ludger Heidbrink
Wieder einmal steht der Kapitalismus am Pranger. Global agierende Konzerne schließen regionale Niederlassungen und entlassen Heerscharen von Mitarbeitern, während die Bezüge ihrer Manager in astronomische Höhen steigen. Mit doppelter Zunge reden Vorstandsmitglieder von sozialer Verantwortung, während sie Korruptionsfälle decken und Millionen am Fiskus vorbei auf ausländische Konten schleusen. Da kommen zwei Bücher zur rechten Zeit, die sich mit den kulturellen und politischen Ursachen befassen, die den Kapitalismus von einer Krise in die nächste stürzen.
Für den US-Politikwissenschaftler Benjamin Barber liegt die Hauptquelle des Übels in der »Infantilisierung« der Kunden und Konsumenten, die durch eine entfesselte Güterwirtschaft zur Befriedigung »künstlicher Bedürfnisse« getrieben werden. Angestachelt durch eine gigantische Werbeindustrie, deren Etat in den USA die Auslandshilfe inzwischen um das Siebzehnfache übersteigt, jagen die Verbraucher wie Kinder den Seifenblasen des Shopping-Glücks hinterher und verlieren dabei ihre Rolle als demokratische Bürger aus den Augen.
Das infantilistische Ethos des Konsumkapitalismus sorgt dafür, dass private Leidenschaften an die Stelle öffentlicher Interessen treten, soziale Bindungen durch hedonistische Rücksichtslosigkeit aufgelöst werden und sich ein neuer »Naturzustand« breitmacht, in dem »Gewalt und Betrug die Kardinaltugenden sind«. Barber zeichnet den Konsumenten als Hobbesianischen Wolf, der gnadenlos seine Vorteile verfolgt, sämtliche Regeln des Zusammenlebens missachtet und seine persönliche Identität in Lifestyle und Markengläubigkeit sucht.
Der Konsumismus besitzt, so Barber im Gefolge von Theodor W. Adorno., »totalistische« Dimensionen. Kulturelle Protestaktionen, die mit spielerischen oder subversiven Mitteln gegen die Konsumgesellschaft ins Feld ziehen, bleiben deshalb wirkungslos. Wer glaubt, durch schräge Happenings oder »No Logo«-Aktionen etwas ausrichten zu können, verkennt die Macht des Kapitals, das bisher jeden Widerstand geschluckt hat.
Deshalb traut Barber auch der Moralkonjunktur bei Konsumenten und Konzernen nicht über den Weg. Die Idee der »Verbraucherrepublik« und »unternehmerischen Verantwortung« stoße überall dort an Grenzen, wo die ökonomischen Kosten den moralischen Mehrwert übersteigen. Bisher habe sich ethisches Verhalten in der Marktwirtschaft nur dann etabliert, wenn für Firmen und Kunden keine spürbaren Nachteile entstehen, woran aus Sicht Barbers auch die wohltätigen Initiativen eines Bill Gates oder die Gewährung von Mikrokrediten in Entwicklungsländern nichts ändern werden.
Trotz dieses Pessimismus hofft Barber, dass der verschwundene Bürger auf die Bühne der Weltpolitik zurückkehrt und den Kampf gegen die wachsenden Ungerechtigkeiten des Konsumkapitalismus aufnimmt. Die Zauberformel lautet »Globale Demokratie« plus einer gehörigen Portion transnationaler Solidarität, die dafür sorgt, dass aus kindlichen Verbrauchern, die mit ihren Geländewagen das Klima zerstören, erwachsene Staatsbürger werden, die sich für fairen Welthandel und Menschenrechte einsetzen.
Während uns Barber im Unklaren darüber lässt, wie sich der Wandel vom konsumistischen Saulus zum demokratischen Paulus vollziehen soll, da wir alle Opfer der Kommerzkultur sind, hat Robert Reich ein relativ einfaches Rezept zur Hand, um den »Superkapitalismus« in seine Schranken zu weisen: »neue Spielregeln«, mit denen der Gesetzgeber das Fehlverhalten von Unternehmen sanktioniert und die Politik wieder ihrer öffentlichen Verantwortung nachkommt.
Mit imponierender Klarheit rekonstruiert der Wirtschaftswissenschaftler den Weg vom »beinahe Goldenen Zeitalter«, das in den USA nach 1945 auf einer stabilen Basis aus wirtschaftlichem Wachstum, staatlicher Aufsicht und demokratischer Partizipation beruhte, zum Superkapitalismus, der sich mit dem Ende der 1970er Jahre weltweit ausbreitet und zu wachsender Ungleichverteilung, ökologischen Schäden und sozialen Konflikten führt.
Die Ursachen hierfür liegen nach Reich vor allem in den »neuen Möglichkeiten«, die durch innovative Technologien, globalisierte Märkte und staatliche Deregulierung entstanden sind. Der Boom der Weltwirtschaft, der den Dow Jones in dreißig Jahren um über 11000 Punkte steigen lässt und den Chef von Wal-Mart in vierzehn Tagen so viel verdienen lässt wie seine Mitarbeiter im gesamten Arbeitsleben, resultiert aus einer explosiven Mischung aus Effizienz und Rentabilität, die Entlassungen und Pleiten bei wachsenden Profiten nach sich zieht. Die Dynamik des Wettbewerbs und die Ohnmacht der Gewerkschaften sorgen zusätzlich dafür, dass die soziale Ungleichheit zunimmt und das Vertrauen in die Politik schwindet.
Der Sieg des Kapitalismus über die Demokratie beruht, so Reich, auf den »zwei Herzen«, die in unserer Brust schlagen. Als Bürger sind wir an Freiheit und Sicherheit interessiert, als Konsumenten an Schnäppchen und Dividenden. Als Folge dieser Spaltung nehmen Lobbyaktivitäten zu, fließen Wahlkampfgelder und Parteienspenden, geben Konzerne für Millionensummen Gutachten in Auftrag, um die Schädlichkeit ihrer Produkte zu kaschieren.
Wie Barber ist auch Reich skeptisch gegenüber der Social-Responsibility-Rhetorik bei Unternehmen und Anlegern, hinter der sich das Ziel der »Kosteneinsparungen« und persönlicher »Nutzen« verbergen. Nachhaltige Änderungen des Marktverhaltens lassen sich nach Reich nicht durch ethische Appelle bewirken, sondern nur durch rechtlichen »Zwang«, zumal es nicht die Aufgabe von Managern oder Verbrauchern sei, die Gestaltung der Politik zu übernehmen.
Im Unterschied zu Barber, der den Kapitalismus durch ein neues demokratisches Ethos retten möchte, vertraut Reich auf die zivilisierenden Kräfte von Rahmenregeln, die den gnadenlosen Wettbewerb in seine Schranken weisen. Wo jener auf moralische Aufklärung setzt, fordert dieser eine effektivere Gesetzgebung. Dazu gehören die Eindämmung des Lobbyismus, die Abschaffung der Unternehmenssteuer, die zu ungerechten Kostenverteilungen führt, und die Einstellung der strafrechtlichen Verfolgung von Unternehmen, die nicht als natürliche Personen behandelt werden sollten, weil man ihnen sonst auch demokratische Rechte einräumen müsste.
Das Spannende an beiden Büchern ist, dass sie sich wie zwei Seiten einer Medaille zueinander verhalten. Anders als Barber, der in der Tradition des Kommunitarismus für republikanische Tugenden und eine stärkere Beteiligung der Verbraucher an öffentlichen Aufgaben eintritt, verteidigt Reich die liberale Grenzziehung zwischen Wirtschaft und Politik. Er will die Funktionsfähigkeit der Marktgesellschaft dadurch gewährleisten, dass sich Unternehmen und Anleger aus der Regierungspolitik heraushalten, die durch verbesserte Spielregeln dem Bürger »mehr Gehör« verschafft und ihn zugleich »wettbewerbsfähiger« macht.
Beide Vorschläge greifen zu kurz. Während Barber nicht plausibel machen kann, wie der Mensch sich aus der Übermacht des Konsumkapitalismus befreien soll, glaubt Reich, durch wirksamere Gesetze ließe sich die Eigendynamik der Weltwirtschaft kontrollieren. Reich hat zwar recht, wenn er im Unterschied zu Barber nicht Habgier und Wertezerfall, sondern den globalen Konkurrenzdruck dafür verantwortlich macht, dass der Marktkapitalismus aus dem Ruder läuft. Er übersieht aber, dass um der Effizienz der Rahmenregeln willen ethische Prinzipien erforderlich sind, die für die Selbstbindung von Verbrauchern und Unternehmen an Verhaltensstandards sorgen.
Zusammen machen die Bücher deutlich, dass nur eine Allianz von demokratischer Steuerung und ökonomischer Kultur in der Lage ist, maßgeblichen Einfluss auf den »Superkapitalismus« zu nehmen. Politik und Wirtschaft könnten das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen, wenn sie zugeben, dass sie nicht allein in der Lage sind, dem Druck von privaten Fondsfirmen und autokratischen Staatsfonds standzuhalten, sondern auf souveräne Konsumbürger angewiesen sind, die durch umsichtiges Kaufverhalten an der Verbesserung der Marktgesellschaft mitwirken.
Benjamin Barber: Consumed!
Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene
infantilisiert und die Demokratie untergräbt
aus dem Englischen von Friedrich Griese
C.H. Beck, 2008; 395 S., 24,90 EUR
Robert Reich: Superkapitalismus
Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt
aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
Campus Verlag, 2008; 326 S., 24,90 EUR
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