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http://energiesteuer.net/artikel/neuelohnpolitik.html
energiesteuer.net - 04.04.2008
Netto statt Brutto!
Grundsätzliche Neuorientierung der Lohnpolitik notwendig
Gerhard Hübener
Ein großer Streik im öffentlichen Dienst ist abgewendet worden; die
Gewerkschaften feiern einen Sieg, der eine langjährige Phase der
Lohnzurückhaltung beendet und angesichts satter Unternehmensgewinne
und exorbitant steigender Managergehälter mehr als berechtigt
erscheint.
Die Kehrseite dieses Erfolges sieht jedoch nicht so günstig aus: Bund,
Länder und Kommunen sind trotz konjunkturbedingter Mehreinnahmen
hochverschuldet. Die Chance, einmal ohne neue Kredite auszukommen oder
angehäufte Altschulden abzahlen zu können, sinken mit diesem
Tarifergebnis gegen Null. Und die gestiegenen Personalkosten werden den
ohnehin bestehenden Rationalisierungsdruck noch weiter verstärken.
Die klassischen wirtschaftstheoretischen Modelle bieten keinen Ausweg
aus diesem ewigen Dilemma der Lohnpolitik: ein Lehrbeispiel für die
Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels bei den
Wirtschaftswissenschaften.
Arbeit teuer und produktionsschwach, Energie ist billig und
produktionsstark
Neoklassische wie neokeynesianische Modelle predigen unablässig ihr
Mantra von Wirtschaftswachstum
<http://energiesteuer.net/artikel/wachstumsfete.html> : die
Beschleunigung des Tankers Marktwirtschaft statt der notwendigen
"Umsteuerung". Jedoch deutet vieles darauf hin, dass diese Modelle auf
falschen Voraussetzungen beruhen. Ökonometrische Untersuchungen
<http://energiesteuer.net/thesen.html#these3> von Naturwissenschaftlern
und Ökonomen der Universitäten Karlsruhe, Köln und Würzburg
sowie der European School of Business Administration in Fontainebleau
weisen nach, dass Energie die überragende Produktivkraft in der
modernen Wirtschaft darstellt.
--Energie ist billig und produktionsmächtig. Arbeit ist teuer und
produktionsschwach... Darum wird jedes Unternehmen, das der Wettbewerb
zur Minimierung seiner Produktionskosten anhält, versuchen, mit
möglichst wenigen Mitarbeitern auszukommen und die anfallenden
Arbeiten den in den Wärmekraftmaschinen und Transistoren des
Kapitalstocks werkelnden Energiesklaven
<http://energiesteuer.net/karikatur.html> aufzubürden. Oder es weicht
in andere Länder aus, in denen die Arbeitskosten deutlich niedriger
sind.--
[1, S. 77 f.]
--
Abb. 1: Produktionsmächtigkeit(2) und Kostenanteil der
Produktionsfaktoren Arbeit und Energie.
http://energiesteuer.net/bilder/pm.u.kosten.jpg
<outbind://6/http://energiesteuer.net/bilder/pm.u.kosten.jpg> Siehe auch
die anschauliche Karikatur zu den Ergebnissen der genannten
Untersuchungen. Die Produktionsfaktoren Kapital und Kreativität sind
hier nicht dargestellt.
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Vergrößerung der Schieflage als Folge einer überholten
Tarifpolitik
Eine weitere auf die Steigerung der Bruttoeinkommen ausgerichtete
Tarifpolitik kann unter diesen Bedingungen nur zu einer Verstärkung
des oben beschriebenen Trends führen. Nachfolgend die eventuellen
Mehrkosten für den Faktor Arbeit und dazu einige Vergleichszahlen
für den Faktor Energie.
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Tabelle 1: Vergleichszahlen aus dem Jahr 2004: Kosten für die
Produktionsfaktoren Arbeit und Energie (Quelle: Statistisches Bundesamt
[2],[3],[4])
Arbeitnehmerentgelt (AE)
<http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitnehmerentgelt> 1
1.137 Mrd. Euro
Erhöhung AE um 5 % 2
56,9 Mrd. Euro
Energiekosten ohne Steuern
91,4 Mrd. Euro
Summe Strom- und Mineralölsteuern
48,4 Mrd. Euro
1 Summe der Arbeitskosten (incl. Lohnsteuern sowie SV-Beiträge der
Arbeitnehmer und Arbeitgeber)
2 Fiktiver Durchschnittswert der Einkommenssteigerungen in
Öffentlichem Dienst und Privatwirtschaft
Anmerkung: Für die Energiekosten gibt es leider keine aktuelleren
Angaben. Deshalb musste für diesen Vergleich das Jahr 2004 zugrunde
gelegt werden. An den bestehenden Größenverhältnissen ändert
dies aber kaum etwas.
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Abb. 2: Die Mehrkosten für den Faktor Arbeit bei einer im Durchschnitt
fünfprozentigen Erhöhung der Bruttoeinkommen liegen bei fast zwei
Drittel der gesamten Energiekosten.
http://energiesteuer.net/bilder/lohnsteig.u.energ.jpg
<outbind://6/http://energiesteuer.net/bilder/lohnsteig.u.energ.jpg> --
Alternative: Senkung der Lohnzusatzkosten für Arbeitnehmer
Wir sollten uns daran erinnern, dass für die Beschäftigten die
Höhe des Nettolohnes entscheidend ist. Eine Anhebung der
Nettoeinkommen wäre auch möglich, indem die hohen Lohnnebenkosten
gesenkt würden. Was durchaus möglich wäre, wenn die bisher mit
SV-Beiträgen bezahlten Leistungen über Steuereinnahmen finanziert
würden. Ein Prinzip, welches in den skandinavischen Ländern seit
Jahrzehnten mit Erfolg praktiziert wird. Warum nicht das skandinavische
Modell weiterentwickeln: Finanzierung über Energiesteuern statt über
hohe Umsatz- und Einkommenssteuern?
Der Solarenergie-Förderverein (SFV) hat mit seinem Reformvorschlag
<http://energiesteuer.net/reformmodell.html> ein grundsätzliches
Finanzierungsmodell vorgelegt. Nur hat dieser Vorschlag eine andere
Zielstellung: bei gleichbleibenden Nettoeinkommen sollen die
Arbeitskosten über eine energiesteuerfinanzierte Reduzierung der
Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung gesenkt werden.
Das Modell ließe sich aber auch für die aktuelle Aufgabenstellung
(eine Erhöhung der Nettoeinkommen) abwandeln: eine
energiesteuerfinanzierte Absenkung der SV-Beiträge auf
Arbeitnehmerseite. Für Nicht-Arbeitnehmer (Kinder,Rentner, Studenten
etc.) würde das Konzept des SFV übernommen werden: Ausgleich der
durchschnittlichen Mehrbelastung durch Zahlung eines Energiegeldes
<http://energiesteuer.net/reformmodell.html#energiegeld> .
Mehr Lohn und positive Arbeitsmarkteffekte
Ein solches Modell hätte eine doppelt positive Wirkung: mehr Geld in
der Lohntüte, gleichzeitig aber - und das ist der wesentliche
Unterschied zur alten Bruttolohnorientierung - werden positive Effekte
am Arbeitsmarkt erzielt:
- Eine Reduzierung der großen Differenz zwischen Brutto- und
Nettolohn ist das sinnvollste Rezept gegen die zunehmende Schwarzarbeit
in Deutschland.
- Durch Verteuerung des Produktionsfaktors Energie wird die bisherige
Schieflage (zu Lasten des Faktors Arbeit) zugunsten des Faktors Arbeit
verringert.(3)
Abschottung oder sinnvolle Steuerung des Marktes
Eine solche Zielstellung scheint mit den überkommenen Instrumenten der
Tarifpolitik unvereinbar zu sein. Allerdings zeigt schon die aktuelle
Diskussion um die Einführung von Mindestlöhnen die Grenzen der alten
Tarifpolitik. Es gab aber schon in der Vergangenheit die Notwendigkeit,
grundsätzliche Fragen am "Runden Tisch" zu lösen. Klar ist: unter
den Bedingungen der Globalisierung wächst der Bedarf für politische
Lösungen. Die Frage ist nur, welche Art von Instrumenten sinnvoller
ist. Ein Protektionismus nach dem Vorbild Frankreichs (eine
Einschränkung des Marktes) oder die Beseitigung der gegenwärtigen
Fehlsteuerung des Marktes, durch eine Umverteilung der Steuerlasten nach
dem Maßstab der Leistungsfähigkeit. Das zweite hieße: Entlastung
des Faktors Arbeit und eine stärkere Heranziehung des
Produktionsfaktors Energie für die Finanzierung der
Gemeinschaftsaufgaben und der sozialen Sicherungssysteme.(4) Nur das
sind die gegenwärtigen Alternativen: Abschottung oder sinnvolle
Steuerung der Marktwirtschaft.
Wer macht einen Kurswechsel politikfähig?
Noch einmal zurück zur Eingangsfrage nach der Realitätstauglichkeit
der wirtschaftstheoretischen Modelle. Bisher wurde der gegenwärtige
Kurs der Marktwirtschaft in Richtung Vollautomatisierung und
20:80-Gesellschaft (5) aus dem Bewusstsein verdrängt - weil es
angeblich keine Lösungsmöglichkeiten gibt und die konventionellen
wirtschaftstheoretischen Modelle dies wie ein Naturgesetz ansehen, an
welches man sich nur anpassen könne
<http://energiesteuer.net/artikel/grundeinkommenoder.html#nuechtern> .
Mit den genannten ökonometrischen Untersuchungen gibt es nicht nur
eine Erklärung für dieses Szenario, sondern auch eine Strategie zur
Umsteuerung des gegenwärtigen Trends.
Die Umweltdebatte in den letzten zwanzig Jahren hat eines gezeigt: ein
Kurswechsel der Politik erfordert zuerst einmal einen Umdenkungsprozess
in der Öffentlichkeit, der von starken Interessenverbänden
angeschoben werden muss. Wer aber könnte die Interessen der
betroffenen Arbeitnehmer besser vertreten als die Gewerkschaften?
Fußnoten:
(1) Das Rezept der angebotsorientierten (neoliberalen) Theorie
<http://de.wikipedia.org/wiki/Angebotsorientierte_Wirtschaftstheorie>
lautet, etwas verkürzt: Steuern senken, soziale Leistungen reduzieren,
Einfluss des Staates zurückfahren, Lohnzurückhaltung, um die
Wirtschaft zu Investitionen zu ermuntern. Das Rezept der
nachfrageorientierten (neokeynesiaischen) Theorie
<http://de.wikipedia.org/wiki/Nachfragepolitik> dagegen: Steuerung der
Konjunktur über Einflussnahme auf die Nachfrage - durch staatliche
Investitionen, Lohnerhöhungen etc. (vergessen wird dabei zumeist, dass
auch andere Maßnahmen zur Erhöhung der Nettoeinkommen möglich
sind, z.B. Lohnsteuerentlastungen und Zuschüsse). Siehe auch [5]
<http://energiesteuer.net/artikel/neuelohnpolitik.html#qelend>
(2) Reiner Kümmel hat statt des bei den Wirtschaftswissenschaften
üblichen Begriffs Produktionselastizität
<http://de.wikipedia.org/wiki/Produktionselastizität> aus Gründen
der besseren Anschaulichkeit den Bezeichnung Produktionsmächtigkeit
eingeführt.
(3) In diesem Fall nur durch eine Verteuerung der Energiekosten, nicht
durch Verringerung der hohen Bruttoarbeitskosten, wie im SFV-Vorschlag
vorgesehen.
(4) Das müsste natürlich über den hier skizzierten Vorschlag
hinausgehen in Richtung Energiesteuerreform. Siehe Reformmodell.
<http://energiesteuer.net/reformmodell.html>
(5) Die SPIEGEL-Autoren Martin und Schumann berichten in ihrem
Bestseller "Die Globalisierungsfalle" [6] über eine Zukunftstagung, zu
der Gorbatschow 1995 fünfhundert führende Politiker und
Wirtschaftsbosse eingeladen hatte. Die Visionen gipfelten in zwei
Begriffen: "20:80" und "Tittytainment": 20 Prozent der arbeitsfähigen
Menschen werden künftig ausreichen, um die gesamte Weltwirtschaft zu
betreiben. Der Rest müsse, ausreichend ernährt an staatlicher Brust,
mit betäubender Unterhaltung bei Laune gehalten werden.
- Quellen
-
[1] Reiner Kümmel: Energie und Wirtschaftswachstum, Skriptum zur
Vorlesung "Thermodynamik und Ökonomie" an der Universität
Würzburg. (Das Manuskript ist auf der Homepage von Reiner Kümmel
<http://theorie.physik.uni-wuerzburg.de/TP1/kuemmel/kuemmel.html> zu
finden. Zugangsdaten über kuemmel@physik.uni-wuerzburg.de)
[2] Statistisches Bundesamt, Fachserie 18, Reihe 1.4, 2006 (Über
Publikationsservice
<https://www-ec.destatis.de/csp/shop/sfg/bpm.html.cms.cBroker.cls?CSPCHD=
0001000100014i30zcqw000766773569> des StBA)
[3] Stat. BA, Fachserie 14, Reihe 4, 4.Vj u. Jahr 2004
[4] Stat. BA: Auszug aus der Verwendungstabelle 2004 in jeweiligen
Preisen (Arbeitstabelle des Statistischen Bundesamtes)
[5] Jürgen Grahl: Das Elend der konventionellen Wirtschaftstheorien
<http://energiesteuer.net/artikel/elendkonvention.html> oder Die
Vernachlässigung des Produktionsfaktors Energie - mehr als eine
theoretische Spitzfindigkeit!
[6] Martin/Schumann: "Die Globalisierungsfalle" Rowohlt 1996
Frühere Beiträge des Autors zum Thema Lohnpolitik:
Schnelle Lohnangleichung: REVIDIEREN?
<http://energiesteuer.net/artikel/schnellelohnan.html> 11 Argumente der
Wirtschafts-AG des Bündnis 90 Brandenburg. Von Gerhard Hübener (
April 1993), erschienen in Bündnis 2000, Heft 6/93
(Mitgliederzeitschrift von Bündnis 90)
Lohnarbeit muss wieder bezahlbar werden.
<http://energiesteuer.net/artikel/lohnarbeitmuss.html> Eine Antwort auf
die Kritik an den Thesen der Brandenburger Wirtschafts-AG. Von Gerhard
Hübener (September 1993), erschienen in Bündnis 2000, Heft 9/93
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