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http://www.zeit.de/2008/14/Vertrauenskrise-Kapitalismus
Die Zeit - 27.03.2008
Der große Ausverkauf
Das Unbehagen am Kapitalismus wächst. Nicht einmal Manager vertrauen noch
dem Markt. Gerät nun das ganze System ins Wanken?
Von Thomas Assheuer
Karl Marx, der störrische Rechthaber, hat es vorhergesehen: Der Kapitalismus
funktioniert heute genau so, wie er es beschrieben hat. Wo immer der große
Weltbaumeister hinlangt, bleibt kein Stein auf dem anderen. Hier lässt der
Kapitalismus Milch und Honig fließen, dort schafft er Elend. Hier baut er
auf, dort reißt er ab. Nichts bleibt, wie es war.
Karl Marx hat noch mehr erkannt: Der Kapitalismus wirbt mit einer
trügerischen Verheißung. Sie lautet: Folge meinem Gesetz, gehe ein Risiko
ein, und du wirst reich belohnt. Auch wenn dabei das gute Alte auf der
Strecke bleibt, so ist die Zerstörung doch schöpferisch, und am Ende fällt
der Wohlstand den Menschen wie eine reife Frucht in den Schoß.
Man muss kein Marxist sein, um zu sehen, dass es um die kapitalistische
Verheißung derzeit nicht gut bestellt ist. Der Beinahe-Crash des
Finanzsystems gibt all jenen recht, für die die unsichtbare Hand des Marktes
nur deshalb unsichtbar ist, weil es sie gar nicht gibt. Nun ist die
Ratlosigkeit groß. Noch gestern wollten die ökonomischen Eliten den Staat
zum Hilfskellner im Kasino-Kapitalismus degradieren; heute rufen sie
kleinlaut nach seiner helfenden Hand, damit er brav ihre Zeche zahlt. In der
Tat, niemand anderes als Josef »Victory« Ackermann, Chef der Deutschen Bank,
hat mit seinem spektakulären Eingeständnis das neoliberale Dogma von der
Klugheit des Marktes in Trümmer gelegt: »Ich glaube nicht allein an die
Selbstheilungskräfte der Märkte.«
An die Selbstheilungskräfte des Marktes glauben die in Bochum entlassenen
Mitarbeiter der Elektrofirma Nokia wohl ebenso wenig wie jene Angestellten,
die von Henkel, Siemens, Continental oder BMW trotz satter Gewinne
»abgebaut« werden. Immer länger wird die Liste von Unternehmen, die das
kapitalistische Urversprechen - »Rendite schafft Arbeitsplätze« - nicht mehr
einlösen wollen. Oder, aus ihrer Sicht, unter dem Druck der Globalisierung
gar nicht mehr einlösen können.
Diese Entwicklung ist neu. Bislang galt das goldene Motto, wachsende Gewinne
produzierten eine wachsende Zahl von Arbeitsplätzen und nach der kurzen
Nacht der Stagnation folge der strahlende Morgen des Aufschwungs. Nichts
anderes haben rot-grüne Agenda-Politiker und ihre Unternehmensberater dem
Wahlvolk ins Ohr posaunt. Man müsse nur den Gürtel enger schnallen und
Profite wieder wachsen lassen, dann werde man reich belohnt.
Tatsächlich wächst heute beides gleichzeitig, sowohl die Rendite wie auch
die Unterschicht. Eine neue Studie des Deutschen Instituts für
Wirtschaftsforschung belegt, dass auch die bislang stabile Mittelschicht in
atemberaubendem Tempo in einer Richtung wegbricht: nach unten. Die
bürgerliche Mitte, bislang der ökonomisch und politisch zuverlässigste
Stützpfeiler der Republik, wankt, und selbst der Spiegel, dem es mit der
rot-grünen »Steuerverschenkungspolitik« (Franz Walter) gar nicht schnell
genug gehen konnte, ist von der »Abwärtsmobilität« alarmiert: »Millionen
rutschen ab.«
Bekanntlich beschweren sich konservative wie neuliberale Intellektuelle gern
darüber, das linke Gift von Gleichheit und Gerechtigkeit lähme kreative
Energien und werfe Deutschland im Standort-Roulette auf hintere Plätze
zurück. Das war schon immer ein Gerücht, nun ist es eine Falschmeldung. In
Wirklichkeit wird die soziale Bruchlinie tiefer und die »Armut im Überfluss«
größer. Jeden kann es treffen. Die Schere zwischen denen, die »drinnen«, und
denen, die »draußen« sind, geht zuverlässig auseinander. Die Nettolöhne
sanken in den vergangenen drei Jahren um 3,5 Prozent, während die
Unternehmensgewinne in der jüngsten Aufschwungphase um 25 Prozent anzogen.
Allein im vergangenen Jahr stiegen die Gehälter der Topmanager um
durchschnittlich 20 Prozent. All das lässt den Eindruck entstehen, in
Deutschland laufe etwas dramatisch aus dem Ruder: Eine wachsende Klasse von
Selbstbereicherern kommt in den Genuss flächendeckender Steuersenkungen und
bildet eine risikoarme Parallelgesellschaft mit eigenen Kindergärten,
eigenen Schulen und eigenen Universitäten. »Ganz unten« dagegen, bei den
Chancenlosen, klingelt der Vollzugsbeamte und schnüffelt an der Matratze, ob
der Hartz-IV-Empfänger eine rechtlich anstößige Bedarfsgemeinschaft mit
einer staatsfinanzierten Leidensgenossin unterhält.
Mit einem Wort: Wir werden Zeugen davon, wie die prophetische Verheißung des
Kapitalismus auskühlt und ihre Strahlkraft verliert. Die säkulare Utopie des
Marktes (»Wohlstand für alle«) zerfällt ebenso wie die Schulbuch-Weisheit,
Märkte seien per se effizient und gerecht. Laut einer Umfrage der
Bertelsmann Stiftung glauben nur 15 Prozent der Bürger, es ginge in der
Bundesrepublik gerecht zu - so wenige waren es noch nie.
Gewiss, Umfragen entspringen tagespolitischen Stimmungslagen und sind mit
Vorsicht zu genießen. Viel einschneidender dagegen ist ein weitverbreitetes
kulturelles Unbehagen - nämlich jene schwer messbare Gemengelage aus
politischem Verdruss und diffuser Angst, die sich in den Köpfen der Bürger
festzufressen droht. Es ist der Groll darüber, dass die Ökonomie eine Gewalt
über das Leben und Denken gewonnen hat, die ihr nicht zusteht. Es ist der
Zweifel, ob eine Wirtschaftsweise eine Zukunft hat, die uns präventiv dazu
zwingt, den Konsum zu steigern, damit es uns morgen nicht schlechter geht
als heute. Es ist die Angst vor den Großrisiken des Marktes, überhaupt vor
einer richtungslosen kapitalistischen Dynamik, die durch nichts mehr, erst
recht nicht durch Politiker zu steuern ist.
Damit nicht genug des Unbehagens. Ist es nicht eine kapitalistische
Pathologie, dass eine überhitzte Zugewinngesellschaft die Welt mit
Reichtümern vollstopft, während im Schatten ihrer maßlosen Glitzerpaläste
Kinder- und Altersarmut wachsen? Könnte es nicht sein, dass unsere Art und
Weise des Wirtschaftens so verrückt ist, dass sie ihren Insassen normal
vorkommt? Natürlich, die Kapitalrendite ist der Glutkern kapitalistischer
Rationalität. Aber ist diese Rationalität noch - vernünftig? Ist der
Kapitalismus noch schöpferisch - oder schon destruktiv?
Ausgerechnet das manager magazin hat nun diese Frage gestellt und
verblüffend schonungslos beschrieben, warum die »Angst die Bürotürme
heraufkriecht« und das Systemvertrauen der Bürger schwindet. Es geht dabei
nicht um den Verlust irgendwelcher »Werte«, die heute salbungsvoll
beschworen und morgen vergessen werden. Es geht auch nicht um
handelsübliches Elitenversagen oder die Glaubwürdigkeit eines Managers, der
schneller als die Post sein Geld am Fiskus vorbeischleust. Es geht um die
Legitimität der Wirtschaftsform insgesamt. »Die Bürger stellen die
Systemfrage. Bislang gärt der Frust im Stillen. Ganz langsam und fast
unsichtbar höhlt er die westlichen Marktdemokratien von innen aus.«
Bislang konnte sich der Kapitalismus damit rechtfertigen, seine
psychosozialen Kosten, die Produktion von Angst und Ungewissheit, seien,
aufs Ganze gesehen, vernünftig und dem Gemeinwohl zuträglich. Doch
inzwischen macht nicht einmal mehr das lang ersehnte Wachstum glücklich, wie
die freudlose Freude am Aufschwung beweist. Auch wenn die Arbeitslosenzahlen
sinken und der allseits verachtete Staat scheinbar wieder Handlungsspielraum
bekommt, so ändert dies nichts am kollektiven Unbehagen darüber, dass das
Wachstum zum Selbstzweck verkommen ist. Das heißt, die Wirtschaft muss nicht
deshalb wachsen, weil es ungesättigten Bedarf gäbe, sondern weil ein
immanenter Wachstumszwang besteht, der mit irrwitzigem Aufwand an
merkantiler Fantasie und Reklame bedient werden muss - obwohl es von allem
längst zu viel gibt und eine Knappheit an Knappheit, ein Mangel an Mangel
allen die Laune verdirbt.
Der Markt vermehrt die Optionen. Aber vermehrt er auch die Freiheit?
Zugegeben, der kapitalistische Markt hat die Wahlmöglichkeiten des Einzelnen
traumhaft vermehrt. Darin liegt seine verführerische Kraft und seine ewige
Attraktion. Der Markt ist eine institutionalisierte Form von Freiheit, die
alles »Ständische verdampfen« lässt (Karl Marx) und dem Einzelnen erlaubt,
sich aus überkommenen Bindungen zu lösen und unabhängig zu leben.
Doch bekanntlich treten die Waren nicht bloß als Waren auf, sondern als
Glücksversprechen, als »identity goods« und »Drehbücher« fürs Dasein.
Verkauft werden Eintrittsbilletts in Stil-Sphären, Bilder von Freiheit und
Unverwundbarkeit. Mögen sich die Menschen mit Hilfe von Konsumgütern
durchaus eine eigene Identität schaffen, so ist doch die Wahlfreiheit, die
ihnen der Markt dabei gewährt, noch lange nicht identisch mit der Freiheit
selbst. Der Kapitalismus, so schreibt der kanadische, zu Unrecht als
konservativ geltende Philosoph Charles Taylor, verwechsele die Vermehrung
von Optionen mit der Vermehrung substanzieller Lebensziele. Anders gesagt:
Die Ethik von »Freiheit« und »Individualismus«, die den Markt rechtfertigen
sollte, schrumpft auf bloße »Wahlfreiheit«, im schlimmsten Fall auf die
Ökonomisierung des Begehrens. Der Kapitalismus ermöglicht zwar Freiheit,
aber er verdunkelt zugleich ihre sinnvollen Ziele, den normativen Gehalt
dieser Freiheit. Am Ende, unterm Schaumteppich multipler Optionen, wäre dann
das Wichtigste unauffindbar: die Bilder eines gelingenden, ökonomisch nicht
reduzierten Lebens.
Was für den Glauben an die Konsumfreiheit gilt, gilt für seine
Zwillingsschwester, die gute alte Fortschrittsreligion, schon lange. Sie ist
aschfahl geworden und lockt so recht niemanden hinterm Ofen hervor. Was
einmal »heiliger« Fortschritt hieß, das ist auf eine profane Innovation
zusammengeschnurrt. Der nächste Rasierapparat hat vier statt drei Klingen,
vermutlich mit Innenbeleuchtung inklusive Radio und Rauchmelder. Immer
schneller auf den übersättigten Markt geworfene Innovationen vermehren zwar
»Features« und Möglichkeiten, aber anders als die verblichene
Fortschrittsreligion setzen sie kein Pathos mehr frei. Und dass die
gentechnische Manipulation von Lebensmitteln oder eine bioindustriell
betriebene Menschenzüchtung den Beifall der Massen findet, ist nicht
bekannt. Nachdem die digitale Revolution durchgesetzt ist, nährt nur noch
die Umwelttechnologie stille Hoffnungen, besteht ihr Fortschritt doch darin,
die Folgen des Fortschritts abzumildern.
Wie drastisch sich der kapitalistische Mythos entzaubert hat, zeigt schon
die Veränderung der ökonomischen Rhetorik. Wo früher die Schalmeienklänge
der Fortschrittsreligion erklangen, da tönt heute der metallische Sound des
Sachzwangs, oft genug auch die Drohung mit dem Abbau von Arbeitsplätzen und
dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Die Versprechensökonomie hat sich in
eine eiskalte Erpressungsökonomie verwandelt, in den Imperativ des »Du
musst«. Je nach Konjunktur werfen ihre apokalyptischen Reiter die
Angstmaschine an und prophezeien dem Volk für den Fall, dass es keine Opfer
bringt und bei weniger Lohn härter arbeitet, den Untergang des Vaterlandes.
Bei so viel Sehnsucht nach Härte und Opfer verwundert es nicht, dass der
menschenfreundlichste Mythos des Kapitalismus spurlos verschwunden ist, sein
süßes Versprechen auf freie Zeit und Entlastung, auf wachsende Muße und
Selbstbildung. Diese Verheißung hat sich unter der Herrschaft der
Kostenkiller, Lebensbeschleuniger und Marktlückenfüller buchstäblich in Luft
aufgelöst. Die Arbeitszeiten verflüssigen sich, die Grenze zwischen
Beruflichem und Privatem verschwindet. Nicht mehr lange, und die alte
Festanstellung gehört der Vergangenheit an und wird durch kurzfristige
»Arbeitsprojekte« ersetzt. Jeder ist darin sein eigener Zeitmanager. Die
Zeit, die er durch Rationalisierungsfortschritte »erwirtschaftet«, darf auf
keinen Fall verschenkt - sie muss vielmehr unverzüglich re-investiert und
aufs Neue kapitalisiert werden. Überhaupt greifen Wachstumszwang und
Beschleunigungszwang bruchlos ineinander; die Arbeit wird verdichtet, und
die Zeithorizonte der Produktion werden kürzer. Immer weniger Bäcker sollen
immer größere Brötchen backen, während die Überflüssigen arbeitslos Däumchen
drehen oder in prekärer Selbstbewirtschaftung ihrem traurigen Marktschicksal
entgegenharren.
Wie sehr die Ökonomie eine autonome, politisch kaum zu steuernde Macht
geworden ist; wie sehr sie sich dabei von der Gesellschaft entkoppelt und
verselbstständigt hat, dies zeigt in aller Unerbittlichkeit der »neue«, der
börsengetriebene Kapitalismus. In seinen Unternehmen haben nicht mehr lokale
Patriarchen das Sagen, sondern milliardenschwere Fondsfirmen, die nach
Leibeskräften versuchen, sich auf der Prärie der Weltgesellschaft das
fetteste Wild abzujagen. Dieser Kapitalismus funktioniert nach der Logik von
Exzess und Selbstüberbietung und bringt aus sich selbst heraus keine Grenze
hervor. Genug ist ihm nicht genug, und das Maximum von heute ist nur das
Minimum von morgen. Aus Sicht der Manager kann das auch gar nicht anders
sein, denn die Globalisierung zwingt sie bei Strafe ihres Untergangs zur
Selbstverteidigung. Rendite ist der Abwehrzauber im Überlebenskampf. Sie
steigert die Wettbewerbsfähigkeit und schützt vor feindlicher Übernahme.
Der »neue« Kapitalismus verändert, um es alteuropäisch zu sagen, auch das
Bild vom Menschen. Ökonomisch gesehen, ist der Einzelne nur mehr ein frei
verfügbares, superflexibles Subjekt, das vom Staat marktfähig ausgebildet,
von Zeitarbeitsfirmen ausgeliehen und just in time dem Produktionsprozess
zugeführt wird - bis zu seiner allfälligen Entlassung. Selbst freundliche
Opfergaben, zum Beispiel freiwilliger Lohnverzicht, stimmen den Willkürgott
der Rendite dann nicht mehr gnädig. Aus heiterem Himmel enden seine
»schöpferischen« Interessen. Er stößt die Leiharbeiter ab und sucht sich in
Erfüllung seiner immanenten Grenzenlosigkeit die Opferstätten woanders. Etwa
in Rumänien oder besser noch: in einem Land, wo das Humankapital noch
billiger, noch flexibler ist.
Wie man weiß, besitzt der Kapitalismus ein großes Talent dafür, die sozialen
und seelischen Nebenkosten seiner Selbstentfaltung abzuwälzen und unsichtbar
zu machen. In Krisentagen ist stets jemand anderes schuld, zum Beispiel die
Trägheit der Seelen oder die Selbstsucht des Managers, die saumselige
Gesellschaft oder der faule Arbeitslose. Wahlweise auch die mimosenhafte
Natur, die auf zarte Ausbeutungsversuche hysterisch mit einer
Klimakatastrophe reagiert. Was auch immer geschieht - die Folgen des
Kapitalismus werden externalisiert. Sie werden anderen zur Last gelegt
(»Gewerkschaften!«) oder durch Moralisierung (»fehlende Werte!«) von der
Bildfläche gezaubert. Zurück bleibt das natürlich unschuldige, das ruhelose
Kreisen des abstrakten Kapitals in sich selbst.
Dass der globalisierte Kapitalismus auch das Vertrauen in die Demokratie
untergräbt, dies ist ein Kollateralschaden, der bislang erfolgreich
verdrängt werden konnte. Damit ist es nun vorbei. Die Wahlbeteiligung geht
langsam, aber sicher auf Werte zurück, die einem aus einer
»unterregulierten, sich in relativem Niedergang« (manager magazin)
befindenden Gesellschaft vertraut sind - aus den Vereinigten Staaten. Auch
das Ansehen demokratischer Institutionen bröckelt besorgniserregend. Vor
allem der Bundestag musste einen dramatischen Prestigeverlust hinnehmen,
weil immer weniger Bürger glauben, die Demokratie sei in der Lage, die
sozialen Probleme des Landes zu lösen.
Warum das so ist, liegt auf der Hand: Kapitalismus und Demokratie gelten zu
Recht als historisches Zwillingspaar, als glückliche Liaison von Freiheit
und Gerechtigkeit. Deshalb werden die politischen Parteien als Erste für
soziale Verwerfungen abgestraft, und ihre Vertreter müssen den Kopf für
Entscheidungen hinhalten, die nicht sie, sondern globale Konzerne getroffen
haben.
Dass das neoliberale Einheitsdenken rapide im Kurs sinkt und selbst
christdemokratische Politiker nicht mehr glauben, man müsse dem Kapital nur
das Brautbett aufschlagen, dann werde es sich schon dauerhaft im Lande
niederlassen, ist nur ein schwacher Trost und wird nicht helfen. Das
Einzige, was die spekulativen Exzesse des Finanzkapitalismus mäßigen könnte,
wären internationale Abkommen, mit denen sich - wie beim Klimaschutz - alle
Nationen verpflichteten, belastbare Standards aufzustellen, das
Spekulantengewerbe an die Kette zu legen und Dampf aus dem Kessel zu lassen.
Was fürchten junge Manager? Dass bald die Barrikaden brennen
Das klingt wie Zukunftsmusik, und das ist es auch. Andererseits: Falls die
»Große Transformation«, die politische Mäßigung der entfesselten
Weltökonomie nicht gelingt, werden die nationalen Demokratien ihren
historischen Charme verlieren und auf den grauen Pragmatismus einer
Problemlösungsbedarfsgemeinschaft zusammenschrumpfen. Frei gewählte, unter
austauschbaren Parteiabzeichen auftretende Technokraten arbeiten eine
Sanierungsagenda ab und erledigen, was unterm Druck der Standortkonkurrenz
gerade so anfällt. Die stolze Demokratie, das Versprechen von Freiheit und
Gerechtigkeit, verblasst zu einer Reparaturdemokratie, die nur noch die
Suppe auslöffelt, die ihr die globalisierte Moderne eingebrockt hat.
Was dann folgt, kann man ahnen. Irgendwann wird die Stimmung im Westen
umschlagen, und dann wird es heißen, die Tage der liberalen Demokratie seien
gezählt, weil sie unfähig sei, der Bedrohung durch neue ökonomische
Weltmächte zu trotzen. Tatsächlich werden die höchsten Wachstumsraten
derzeit in Halbdemokratien oder Volldiktaturen erzielt, von marktradikalen
Maoisten oder islamischen Stammesfürsten, die den liberalen Kapitalismus
herausfordern. Die Fronten verlaufen nicht mehr wie vor 1989 zwischen
Staatswirtschaft und Marktwirtschaft, sondern zwischen zwei Spielarten des
Kapitalismus, zwischen einem autoritären und einem freiheitlichen.
Doch wer sagt eigentlich, dass westliche Demokratien auf diese neue
Herausforderung genauso reagieren werden wie bei der Systemkonkurrenz mit
dem Kommunismus? Wer sagt, dass sie auf die Freiheit setzen, um dem
autoritären Ausbeutungskapitalismus Paroli zu bieten? Es könnte auch ganz
anders kommen. Politische Eliten und rechte Intellektuelle könnten aus der
ökonomisch verursachten Legitimationskrise der Demokratie die Lehre ziehen,
dass auch der liberale Kapitalismus endlich autoritärer werden und durch
Demokratieverzicht neue ökonomische Triebkräfte entfesseln muss.
Die Denkmuster dafür liegen bereit. Nicht nur aus den einschlägigen
Carl-Schmitt-Milieus ist immer häufiger die »dringende« Nachfrage zu hören,
ob die Schönwetterdemokratie noch zeitgemäß sei und ob wir uns ihren
egalitären Geist »noch leisten können«. Tenor: Wenn die Demokratie durch
ihre langen Entscheidungsketten das Wachstum bremst und soziale Spaltung
befördert, dann müssen wir über diese Regierungsform neu nachdenken. Auch
das von Juristen gern unters Volk gebrachte Argument, der Staat müsse wieder
Härte zeigen und Opfer verlangen, ist für ökonomische Bedrohungslagen
anschlussfähig. Der blockierende Bürger muss dann eben das Opfer der
Gerechtigkeit und der Freiheit bringen, damit das Wachstum wieder Fahrt
aufnimmt, die asiatische Herausforderung pariert und der soziale Zerfall
gestoppt wird.
Übrigens, das manager magazin hat auch verraten, was junge Führungskräfte am
meisten fürchten: dass eines Tages wieder Barrikaden brennen.
"Der kleine Dienstag aber wich nicht vom Apparat."
derkleinedienstag ät jpberlin.de
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