Nadeshda
Forum: cl.politik.umwelt
 Zurück zur Übersicht  Kommentar schreiben  << Aktuellere Nachricht | Frühere Nachricht >>

Arktis-Schmelze legt Bodenschaetze frei

Arktis-Schmelze legt Bodenschätze frei

21:16 | 06/ 05/ 2008

http://de.rian.ru/analysis/20080506/106735892.html

MOSKAU, 06. Mai (Tatjana Sinizyna, RIA Novosti). Die ersten Ergebnisse einer Arktisexpedition von russischen Forschern im Oktober in die Karasee sind ausgewertet worden.

Die Fahrt des Forschungsschiffs "Akademik Mstislaw Keldysch" bildete einen Bestandteil der nationalen Wissenschaftsprogramms und zugleich des Internationalen Polarjahres, das die Veränderungen in der Arktis als Folge der globalen Erwärmung erforscht.

"Die Wahl fiel aus mehreren Erwägungen heraus auf die Karasee", erläuterte der Expeditionsleiter Professor Michail Flint, stellvertretender Direktor des Instituts für Ozeanologie der Russischen Akademie der Wissenschaften. "Erstens steht dieses Seebecken unter dem Einfluss der Gewässer, die aus dem Atlantik in die Arktis eindringen, und zweitens ist das ein klassisches sibirisches Meer, das den Abfluss der mächtigen Ströme Ob und Jenissej aufnimmt und einen riesigen Schelf hat."

Ein Schelf ist eine Art Klimalabor, das die weiteren Prozesse in der Arktis steuert. "Die Arktis verändert sich unter der Einwirkung der globalen Prozesse, und die Prozesse in der Arktis selbst beeinflussen ihrerseits das Klima", betonte Michail Flint. "In diesem wechselseitig abhängigen System gibt es einige Schwellenfaktoren (zum Beispiel senkrechtes Wasservermischen), die zu einer massiven Eisschmelze führen können."

In den vergangenen zwölf Jahren ist die Fläche der Eisdecke im arktischen Becken um 25 bis 27 Prozent zurückgegangen, das Eis selbst ist beträchtlich dünner geworden. Eine krasse, in den 50 Jahren der Forschungszeit beispiellose Veränderung trat zwischen 2006 und 2007 ein: Die Eisfläche schrumpfte um 1,5 Millionen Quadratkilometer. Die Situation erklärt sich mit vielen hydrologischen und hydrophysikalischen Nachwirkungen der globalen Temperaturveränderung."

Das Interesse an der Arktis ist nicht nur auf klimatische, sondern auch auf andere Aspekte zurückzuführen. Gemeint sind die Gewinnung von biologischen Ressourcen im Weltmeer und die gewaltigen Öl- und Gasvorräte auf dem Schelf. Bei voranschreitender Erwärmung kann großer Teil der Arktis-Gegend für die Schifffahrt zugänglich werden, und die Nördliche Seestraße wird ganzjährlich passierbar sein. Dazu Flint: "Es ist kaum vorstellbar, welche Einsparung in der Kommunikation zwischen Amerika und Europa das ergeben kann und wie sehr der Öltransport billiger sein wird." Eine wirtschaftlich wichtige Prognose, und das nicht nur für Russland. Der Weg, sagen wir, von Rotterdam nach Yokohama wird sich gegenüber dem heutigen durch den Suezkanal um 40 Prozent verkürzen.

Ein weiterer Arktis-Faktor ist direkt mit der Energiezukunft des Menschen verbunden: Der Schelf ist eine wahre Schatzkammer, märchenhaft reich an Erdöl und Erdgas. Die Arktis besteht zu 30 Prozent aus seichten Schelfmeeren, wobei 70 Prozent dieses Raums Russland gehören.

Experten behaupten, dass die Vorräte an Gashydraten und Gaskondensaten auf den östlichen arktischen Schelfen allein zu allem kommensurabel sind, was das Festland nur zu bieten hat. Ihre Gewinnung wird allerdings teuer sein, es sind gewaltige materielle Investitionen, ein grundsätzlich neues technisches Potential und innovative Methoden nötig.

Laut Professor Flint gehört zu den interessantesten Entdeckungen der Expedition, dass das Zirkulationssystem in der Karasee anders verläuft, als man früher annahm. Es wurde festgestellt, dass sich die Strömung die meiste Zeit des Jahres (außer dem Winter) längs der Ostküste von Nowaja Semlja bewegt, und zwar aus dem Becken hinaus und nicht, wie früher angenommen wurde, in die "Tasche" der Karasee hinein. Daher der Schluss, dessen Folgen wesentlich sein können: Wenn Russland künftig mit der Förderung auf dem Schelf beginnt, können die Rohstoffe, von der Strömung mitgerissen, in die Arktis hinausgetragen werden.

Sehr besorgt sind die Wissenschaftler über mögliche Folgen der Förderarbeiten auf den Schelfen für die Umwelt. "Das Leben der arktischen Ökosysteme in diesen Breiten dauert lediglich zwei bis 2,5 Monate im Jahr, alle biologischen Produktionen formen sich binnen dieser komprimierten Zeit", betont Flint. "Durch eine ungeregelte Schifffahrt, intensive Bauarbeiten und unvernünftige Gewinnung könnten die sensiblen arktischen Ökosysteme zu einem furchtbaren Müllhaufen ausarten, der dann sehr schwer zu beseitigen sein wird. Hat man einmal an diesen Systemen gerührt, so kann man destruktive Prozesse provozieren. Ein krasses Beispiel sind die Spuren von Geländewagen in der Tundra. Sie bleiben jahrzehntelang bestehen, und in der schmalen Fahrrinne beginnt ein Wärmeaustausch, der sich auf den Frostboden negativ einwirkt. Etwas Ähnliches kann auch im Meer geschehen."

Aber ist die Arktisregion im Prinzip als aussichtsreich zu betrachten für die Schaffung einer mächtigen Infrastruktur der Nördlichen Seestraße und den Aufbau eines Fördersystems für die Energievorkommen? Kann damit sicher von einem langfristigen Wärmewandel gesprochen werden? Möglicherweise sieht man bei der Begründung der wirtschaftlichen Perspektive, dass der Erwärmungsprozess umkehrt und es dann einer anderen Strategie bedarf, mit der eine vorteilhafte und gefahrlose Ausbeutung in den arktischen Gebieten sichern kann. Kaum jemand wird heute wagen, solche Zweifel auszuschließen.

Theoretisch kann die Arktis auftauen. Wissenschaftler, die sich mit der Rekonstruktion des Paläoklimas (von vor Zehntausenden Jahren) beschäftigen, behaupten, dass solche Temperaturschwankungen auch früher vorkamen. Einige von ihnen sind davon überzeugt, dass wir uns jetzt auf dem Höhepunkt einer Erwärmungsschwankung befinden, dieser Prozess global und seine Dauer unbestimmt ist. Fest steht jedoch, dass das Geschehen in der Arktis schon heute von kolossaler Bedeutung für alle ist.

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.


Hallo zusammen,

die Veröffentlichung dieser Meldung von RIA Nowosti erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch

Dmitri Tultschinski,
Leiter des Deutschland-Büros
Russische Informationsagentur Nowosti
tel. (030) 226 05 681
fax 814
eMail tulchin ät t-online.de

Sollte jemand den Beitrag übernehmen wollen, informiert doch bitte Herrn Tultschinski davon und schickt ihm einen Beleg - dankeschön !!

Gruß

Sabine


NADESHDA Mailbox e.V._ / 0211-9053863 (X.75) / 0211-9345453 (V.34) http://www.nadeshda.org / Informationen aus Politik Umwelt Kultur
11.05.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
 Zurück zur Übersicht  Kommentar schreiben  << Aktuellere Nachricht | Frühere Nachricht >>
Forum: cl.politik.umwelt