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pte080430021
Umwelt/Energie, Forschung/Technologie
Biokunststoffe erschweren Abfallentsorgung
Bezeichnung "biologisch abbaubar" kein ökologisches Qualitätssiegel
London/Brüssel (pte/30.04.2008/12:05) - Die weltweiten Bestrebungen der
Supermärkte und der Industrie, konventionelle Kunststoffe durch
umweltfreundliche pflanzenbasierte Biokunststoffe zu ersetzen, führt zu
Umweltbelastungen und verwirrt zudem die Verbraucher, so das Ergebnis
einer Studie der britischen Zeitung The Guardian.
"Die Ersatzstoffe können zu einem erhöhten Ausstoß an
Kohlendioxid-Emissionen auf Deponien führen. Zur Dekompostierung
benötigen sie hohe Temperaturen und einige Substanzen lassen sich in
Großbritannien überhaupt nicht wiederverwerten", schreibt Umweltredakteur
John Vidal. Der Markt für Biokunststoffe auf der Basis von Mais,
Zuckerrohr, Weizen und anderen Getreidesorten verzeichnet ein jährliches
Wachstum von 20 bis 30 Prozent. Durch den hohen Flächenbedarf für den
Getreideanbau verstärke die Herstellung von Biokunststoffen die globale
Lebensmittelknappheit.
Die Hersteller werben trotz der wissenschaftlichen Zweifel mit
Terminologien wie "nachhaltig", "biologisch abbaubar", "kompostierbar"
und "recycelbar". Sie behaupten sogar, dass Biokunststoffe zu einer
Einsparung von Kohlendioxid zwischen 30 und 80 Prozent im Vergleich zu
den konventionellen ölbasierten Kunststoffen führen. Außerdem wird ihnen
verlängerte Lebensmittelhaltbarkeit zugeschrieben. Anspruch und
Wirklichkeit klaffen allerdings weit auseinander. So konnten auf der
Fachmesse Interpack in Düsseldorf die befragten Branchenvertreter nicht
dokumentieren, wo und in welchen Kompostierwerken das Biomaterial
verwertet wird. Eine Vertreterin nannte sogar die thermische Verwertung
als mögliches Entsorgungsverfahren - was nichts anderes als Verbrennung
heißt.
Ein internationales Wissenschaftlerteam um den niederländischen
Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen
http://www.mpch-mainz.mpg.de/~air/crutzen hat nachgewiesen, dass die zum
Einsatz kommenden Energiepflanzen hochgradig klimaschädlich sind. Durch
die starke Düngung gelangt das gefährliche Stickoxid (N2O) in die
Atmosphäre. Ein Teil dieses Treibhausgases wird durch chemische
Reaktionen in Lachgas umgewandelt - ein über 300 Mal stärker wirkendes
Treibhausgas als Kohlendioxid. Während man dem Rohstoff Polymilchsäure
(Polyactic Acid, PLA) bisher eine größere Vielfalt unterschiedlicher
Abbaumöglichkeiten nachgesagt hat, fand die britische Zeitung The
Guardian jetzt heraus, dass PLA sich lediglich auf Deponien abbauen lässt
und darüber hinaus nur in einer Handvoll anaerobischer
Digestionsverfahren, die in Großbritannien existieren, kompostierbar ist.
Diese Verfahren können jedoch nicht für Verpackungen eingesetzt werden.
Wenn PLA in großen Mengen den britischen Recyclinganlagen zugeführt
werde, könne der Rohstoff den Abfallstrom vergiften und andere recycelte
Kunststoffe vermarktungsunfähig machen. Die Organisation Petcore
http://www.petcore.org sieht nach einem Bericht des Fachdienstes Euwid
http://www.euwid.de das Recycling von PET-Flaschen gefährdet. Bereits
geringe Marktanteile an PLA könnten zu einer ernsthaften Störung der
Infrastruktur für die Verwertung von PET-Flaschen in Europa führen.
In Großbritannien befürchten Umweltexperten, dass die neue Generation
biologisch abbaubarer Kunststoffe auf Deponien landen wird, wo sie sich
ohne Sauerstoff zersetzen. Dabei werde das Treibhausgas Methan
ausgestoßen, das 23 Mal umweltschädlicher als Kohlendioxid ist. Das
nationale Verwaltungskomitee "Ozeanik und Atmosphäre" der US-Regierung
hat über einen starken Anstieg der weltweiten Methan-Emissionen im
vergangenen Jahr berichtet.
"Biologisch abbaubar heißt noch lange nicht dass es gut ist. Wenn es auf
die Deponien gelangt, wird Methangas freigesetzt. Dabei wird nur ein
geringer Prozentsatz abgefangen", erklärt Peter Skelton von Wrap, dem von
der britischen Regierung finanzierten Abfall- und
Ressourcen-Aktionsprogramm. Es gebe eine Reihe von Einschränkungen.
Abfallverwertungsunternehmen behaupten etwa, sie müssten in kostspielige
neue Sortieraggregate investieren, um Biokunststoffe von dem für das
Recycling bestimmten Abfallstrom zu trennen.
"Wenn wir sie identifizieren und herausfiltern könnten, läge die einzige
Möglichkeit darin, sie auf die Deponie zu bringen", konzedierte ein
Vertreter der Recyclingwirtschaft gegenüber dem Guardian und erklärte
weiter: "Die britischen Recycling-Unternehmen und die Kommunen weigern
sich, Biokunststoffe abzunehmen und sich um die Verwertung zu kümmern,
während die britischen Gemeinderäte keine Kunststoffe in der Nähe ihrer
Lebensmittelabholung dulden. Wenn diese biologisch abbaubaren Produkte in
den Recyclingstrom gelangen, tragen sie nur zu dessen Verschmutzung bei.
Wir gehen davon aus, dass sich die Situation verschärfen wird, da die
britische Regierung dem Thema Recycling auf der politischen Agenda einen
großen Stellenwert eingeräumt hat. Parallel dazu werden immer mehr
Biokunststoffe zum Einsatz kommen."
"Die Leute glauben, dass alles, was als biologisch abbaubar deklariert
ist, gut ist, und alles, was nicht biologisch abbaubar ist, per se
schlecht ist. Alles weitere wird nicht mehr gesehen", kommentiert Chris
Goodall, Umweltanalyst und Autor des Buches "How to Live a Low-carbon
Lifestyle". Er habe versucht, mit "biologisch und im heimischen Garten
abbaubar" gekennzeichnete Tragetaschen zu kompostieren. "Das hat
überhaupt nicht funktioniert. Das geht nur, wenn der Komposthaufen sich
selbst extrem erhitzt, und trotzdem verbleiben noch Reste." Der
Europäische Dachverband der Kunststoffverarbeiter EuPC
http://www.plasticsconverters.eu in Brüssel fordert separate
Abfallströme, damit für die Kunststoffverwerter keine zusätzlichen Kosten
für die Verwertung entstehen. "Es wird ebenfalls befürchtet, dass
Biokunststoffe bestehende Recyclingprojekte gefährden können", so EuPC.
Der Verband wendet sich außerdem gegen eine Förderung von Biokunststoffen
durch gesetzgeberische Maßnahmen, wie sie in Deutschland über die
Verpackungsverordnung getroffen wurden. (Ende)
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Redakteur: Gunnar Sohn
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