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http://afp.google.com/article/ALeqM5gLdd71CjHld2a5o3jH_TI9yDePDQ
AFP - 06.05.2008
Verbraucherschützer fordern Zulassungspflicht für Nano-Materialien
Berlin (AFP) - Sie finden sich inzwischen in Sonnencreme genauso wie in Socken, doch das Wissen über die winzigen Teilchen ist noch gering: Wegen möglicher Risiken für Gesundheit und Umwelt haben Verbraucherschützer eine bessere Erforschung und eine Zulassungspflicht für Materialien mit sogenannten Nano-Partikeln gefordert. Nur so könne verhindert werden, dass "ein Großexperiment an Verbrauchern" stattfinde, erklärte der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) am Dienstag in Berlin. Es dürften nicht nur die Möglichkeiten der Nano-Technologie für das jeweilige Produkt gesehen werden, sondern auch die Risiken - wie etwa die Folgen, wenn die Teilchen in großer Zahl ins Wasser gelangten.
Nano-Materialien stecken schon jetzt in Sonnencremes als UV-Filter, in schmutzabweisenden Textilien, aber auch in Autolack und Sonnenkollektoren. Ein Nano-Strukturelement verhalte sich zu einem Fußball wie ein Fußball zur Erdkugel. Risiken sehen Verbraucherschützer vor allem darin, dass selbst gut erforschte und bekannte Stoffe wie etwa das Titandioxid im Nano-Format stark veränderte physikalisch-chemische Eigenschaften aufweisen können.
Nur wenige Verbraucher wüssten derzeit überhaupt, was es mit Nano-Technologien auf sich habe, erläuterte vzbv-Vorstand Gerd Billen. Aus dem am Dienstag vorgestellten Zwischenbericht einer Studie dazu geht hervor, dass 60 von 100 Befragten ihren eigenen Wissensstand zu diesem Thema als niedrig einschätzen. Auch wenn die Einstellung zur Nano-Technologie dennoch grundsätzlich positiv ist, gibt es je nach Anwendungsgebiet der Mini-Teilchen große Unterschiede. Demnach sind die Verbraucher vor allem dann kritisch, wenn Nano-Partikel in Lebensmitteln, Kosmetik und Kleidung enthalten sind.
So befürworten die für die Studie befragten Verbraucher zwar den Einsatz von Nano-Teilchen, wenn es um mehr Kratzfestigkeit bei Farben und Lack geht (55 Prozent), entschieden dagegen sind nur vier Prozent. Wenn allerdings Lebensmittel mit Hilfe von Nano-Technologie länger lecker aussehen sollen, so lehnen dies 53 Prozent der Umfrageteilnehmer voll und ganz ab, 31 Prozent lehnen es "eher" ab, und nur sechs Prozent unterstützen es voll und ganz.
Offensichtliche Schäden durch Nano-Partikel für Verbraucher seien noch nicht bekannt geworden, sagte Rolf Buschmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Allerdings hätten sich im Tierversuch mit Nano-Partikeln bereits negative Folgen gezeigt. Beim Menschen durchdringe beispielsweie Titanoxid im Nanoformat - wie es etwa in manchen Kosmetika enthalten ist - zwar die gesunde Haut des Menschen nicht, unklar sei jedoch noch, ob dies auch für vorgeschädigte menschliche Haut gelte.
In Europa sind derzeit nach Angaben der Verbraucherzentralen bis zu 600 Nano-Produkte auf dem Markt. Allerdings sei es für den Verbraucher derzeit unmöglich zu erkennen, ob auch überall, wo Nano draufstehe, tatsächlich Nano-Technologie drin sei. Noch gebe es keine allgemeingültige Definition von Nano-Partikeln und -Materialien und auch keine anerkannte Messmethodik. Selbst den Verbraucherschützern falle es deshalb alles andere als leicht, herauszufinden, ob ein mutmaßlich nanobeschichteter Teppich auch wirklich Nano-Teilchen enthalte. Bestimmte den Nano-Partikeln zugeschriebene Effekte - wie etwa eine wasserabweisende Wirkung - ließen sich auch auf andere Weise erzielen.
http://www.vzbv.de/go/presse/1006/
Verbraucherzentrale Bundesverband - 06.05.2008
Nanotechnologien: Im Reich des Winzigen und Unbekannten
Verbraucherzentralen fordern staatliche Zulassung von Nanomaterialien - Positionspapier für einen verantwortungsvollen Umgang mit Nanotechnologien
06.05.2008 - Zum Einsatz von Nanomaterialien in Verbraucherprodukten fordern der Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) und die Verbraucherzentralen eine Intensivierung der Risiko-Forschung, eine Zulassungs- und Kennzeichnungspflicht für Nanoprodukte sowie mehr Transparenz über potentielle Chancen und Risiken der neuen Technologien. "Die Verbraucher dürfen nicht zum Testballon potentiell riskanter Technologien werden", sagte Vorstand Gerd Billen heute bei einer Tagung des Verbraucherzentrale Bundesverbandes in Berlin. Es müsse sichergestellt werden, dass Nanoprodukte für die Gesundheit der Verbraucher, aber auch für die Umwelt dauerhaft unbedenklich seien.
Definieren, Forschen, Kennzeichnen
In einem heute vorgelegten Positionspapier appellieren der Verbraucherzentrale Bundesverband und Verbraucherzentralen an Politik, Wissenschaft, Industrie und Medien, nicht nur die technischen Möglichkeiten und Produktverbesserungen zu sehen, sondern den gesamten Lebenszyklus dieser Produkte. Die Auseinandersetzung um die Chancen und Risiken der Nanotechnologie müsse öffentlich ausgetragen und durch eine umfassende Risiko- und Technologiefolgenforschung begleitet werden. Der Verbraucherzentrale Bundesverband sieht die Zukunft der Nanotechnologien weniger in verbrauchernahen Produkten, sondern vielmehr in Bereichen, die zur Lösung drängender Zukunftsfragen geeignet sind, etwa der Umwelt- und Energietechnik.
Studie zeigt: Trotz Unwissenheit positive Einstellung zu Nano
Die Zwischenergebnisse einer vom Verbraucherzentrale Bundesverband in Auftrag gegebenen Studie "Nanotechnologien. Was Verbraucher wissen wollen" belegen, dass nach wie vor nur wenige Verbraucher überhaupt wissen, was sich hinter Nanotechnologien verbirgt. 60 von 100 Befragten schätzen ihren eigenen Wissenstand als niedrig ein. Dennoch ist die Einstellung zur Nanotechnologie, auch dies ist ein vorläufiges Ergebnis der Studie, in der Öffentlichkeit bisher mehrheitlich positiv. Die Einstellungsmuster variieren jedoch stark in Abhängigkeit der Anwendungsbereiche. Verbraucher sind vor allem dann kritisch, wenn Nanopartikel in Lebensmitteln, Kosmetika und Textilien eingesetzt werden.
Kommunikation nicht der Werbebranche überlassen
"Die positive Grundstimmung könnte rasch schwinden und die Vermittlung der Chancen der Nanotechnologien zunehmend schwieriger werden, wenn die Forschung und die Kommunikation weiterhin der rasanten Produktentwicklung hinterherhinken", befürchtet Billen. "Erst wenn Risiken für Mensch und Umwelt ausgeschlossen werden können, ist ein Produkt marktreif", kritisiert Billen Nanoprodukte, die ohne jegliche Risikoprüfung am Markt erhältlich sind. Derzeit sind europaweit etwa 500 bis 600 Nanoprodukte auf dem Markt. Billen kritisierte, dass die Kommunikation derzeit vor allem der Werbebranche überlassen werde. Der Verbraucherzentrale Bundesverband und Verbraucherzentralen fordern eine zügige Umsetzung der - vom Umweltbundesamt, dem Bundesinstitut für Risikobewertung und dem Bundesamt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin - im Dezember 2007 vorgelegten Forschungsstrategie und die Fortsetzung des vom Bundesumweltministerium initiierten Nano-Dialogs über 2008 hinaus.
Wissen, was drin ist: Verbraucher aktiv informieren
Dr. Rolf Buschmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen geht davon aus, dass die Nanotechnologie sich zu einem stark nachgefragten Beratungsthema entwickeln wird. "Bisher melden sich nur vereinzelt Verbraucher in den Verbraucherzentralen, um etwa nach der Unbedenklichkeit von Nanopartikeln in Zahnpasta oder Kosmetika zu fragen", sagt Buschmann. Aber dies könnte sich mit zunehmender Produktzahl und der nahezu inflationären Verwendung des Begriffs "Nano" rasch ändern. Für Verbraucher sei es derzeit unmöglich zu erkennen, ob derart ausgelobte Produkte tatsächlich auch Nanopartikel enthielten. Ein weiteres Problem sei, dass es noch keine allgemeingültige Definition von Nanopartikeln und Nanomaterialien gibt und keine anerkannte Messmethodik existiert. "Eine aktive Information der Verbraucher durch unabhängige Stellen, die Pflicht zur Zulassung der Technologien und die Kennzeichnung entsprechender Produkte würden der Verunsicherung der Verbraucher entgegenwirken", so Buschmann.
Ansprechpartner
Christian Fronczak
Pressesprecher vzbv
presse ät vzbv.de
Monika Büning
Referentin Umwelt, Produktsicherheit
umwelt ät vzbv.de
Dokumentendownload
http://www.vzbv.de/go/presse/1006/
rechts oben auf der Seite finden Sie
- sendefähige O-Töne mit Monika Büning, Umweltreferentin im vzbv
- das Positionspapier der Verbraucherzentralen zu Nanotechnologien "Nanotechnologien - neue Herausforderungen für den Verbraucherschutz"
- Zwischenergebnisse Studie "Nanotechnologien. Was Verbraucher wissen wollen"
- das Tagungsprogramm
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27863/1.html
TELEPOLIS
Nano. Für viele noch sehr cool...
Karl Kollmann 06.05.2008
Nach der Gentechnik ist die Nanotechnologie der aktuelle Hype in Technik und Wirtschaft - und damit das nächste gesellschaftliche Problem
In der ökonomisch an die Kandare genommenen Technik lernt man nicht mehr aus geschichtlichen Erfahrungen - und die Verbraucher vergessen ebenfalls schnell, hat es den Anschein. Der Einsatz von Nanotechnologie gewinnt langsam an Boden. An größere Vorsichtsmaßnahmen, oder an einer intensiven Risikoabschätzung und Technikbewertung, wie es Aufgabe der staatlichen und gemeinschaftsstaatlichen (EU)-Administrationen wäre, wird derzeit wenig gedacht.
Emotional aufgeladene Verbraucher
Machen wir zuallererst einen Blick auf die aktuelle Verbraucherwahrnehmung. Verbraucher, die von Nanotechnologie schon etwas Näheres gehört haben - allerdings: rund 50 % haben das nicht -, klingen hier durchaus glücklich, sie gehen auch emotional an die Sache heran. Bei Oberflächenveredelungen oder bei Kleidung wären mehr als drei Viertel der deutschen Verbraucher und Verbraucherinnen kaufbereit, bei Lebensmitteln allerdings sind die Konsumenten erheblich skeptischer, die Kaufbereitschaft liegt da nur noch bei 20 %.
--Die Befragten schätzen Nanotechnologie als technische Entwicklung, die in vielen Lebensbereichen Verbesserungen bringen wird. Zwei Drittel versprechen sich von Nanotechnologie mehr Nutzen als Risiken...--
Rolf F. Hertel, 'Wahrnehmung der Nanotechnologie durch Verbraucher', 2. Karlsruher Lebensmittelsymposium 28/29.2.2008, und Presseinformation des Bundesinstituts für Risikobewertung (1)
Mit Gutgläubigkeit reagiert also der schlecht wahrnehmende und schnell vergessende Verbraucher auf die in den Medien von Industrie und Medien gehypten Versprechen.
Überforderte Verbraucherorganisationen?
Auch die Verbraucherorganisationen sind hier bislang zurückhaltend geblieben. Bei aller Skepsis sollten wir die Vorteile für den Verbraucher nicht vergessen, das schien bisher das Motto zu sein. Kennzeichnung: jedenfalls Ja (das entspricht der neoliberalen EU-Politik), lautstarken Widerstand gab es unter den europäischen Verbrauchereinrichtungen nicht.
Ein Umdenken scheint sich jedoch anzubahnen. Mit der Tagung 'Im Reich des Winzigen: Nanotechnologien unter der Lupe' (2) der vzbv (Verbraucherzentrale Bundesverband ) am 6. Mai 2008 in Berlin scheint ein Umdenken zu beginnen.
Technikfreundlichkeit
Schnell vergessen die Menschen in diesen rasanten und globalisierten Zeiten. Irgendwie ähneln sich die Verhältnisse. Nur als ein Beispiel: Asbest. Dieses natürlich vorkommende Mineral wurde als Asbestzement Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem als Baustoff (Dachziegel, Verkleidungen, Markenname "Eternit") immer breiter eingesetzt, da er viele eifrig beworbene Vorteile aufwies: feuerfest, isolierend, witterungsbeständig, preiswert. Erst Jahrzehnte später wurden die Probleme in der breiteren Öffentlichkeit bekannt (Asbestose durch die Fasern, bis hin zu Lungenkrebs). Seit Ende der 70er Jahre ist die Verwendung von Asbestzement mittlerweile EU-weit verboten. In vielen älteren Gebäuden steckt er aber noch immer drin, Beseitigung und Entsorgung sind aufwendig und mühsam.
Was sich mit der Technikeuphorie und den wenig entwickelten Vorsorgeprinzipien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vielleicht noch irgendwie entschuldigen lässt, gilt allerdings heute noch immer. Nanotechnologie wird emsig gepusht, klar, sie wird von der Industrie als Milliardengeschäft gesehen (vgl. Nano-Ethik (3)) und ebenso von den öffentlichen Stellen wie etwa dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (4). Aber wie groß die Risken für Umwelt und Mensch damit sind, weiß man nicht. Und will man offenbar auch nicht wissen.
Die Technik
Nanotechnologie beruht auf dem Einsatz kleinster (unter 100 Nanometer [1 Nanometer ist ein Millionstel Millimeter]) Partikel. Sie können durch Lösungen oder aus Vergasung hergestellt werden.
Das Interessante an diesen Teilchen ist, dass sie durch ihre Kleinheit eine enorm vergrößerte Oberfläche und damit regelmäßig ganz andere Eigenschaften als der konventionelle Ausgangsstoff haben. Genau das scheint sie für die Konsumgüterproduktion - sowohl Lebensmittel wie Nichtlebensmittel - zu einer Wunderwaffe zu machen. Während der Einsatz bei Lebensmitteln noch in der Anfangsphase steckt, gibt es sie schon bei Kosmetika, bei Wachsen und als Beschichtungen.
Die Probleme
Solange Nanopartikel - ähnlich wie Asbest - fest gebunden sind, gibt es, außer bei der Produktion, vorerst einmal keine Probleme. Allerdings können sie freigesetzt, auf die Haut aufgetragen oder gegessen, Probleme verursachen. Eingeatmet, als Lebensmittel aufgenommen, durch die Haut oder Schleimhaut aufgenommen, gelangen sie in den Körper eines Lebewesens und bewegen sich, über das Blut in diesem Körper verteilt, irgendwohin. Sie mögen sich im Gehirn oder in Organen sammeln und es mag für jeden Stoff auch anders sein - Näheres weiß man nicht.
Experten ohne Tunnelblick wie etwa Georg Karlaganis aus dem schweizerischen BAFU (Bundesamt für Umwelt) meinen (5), dass die Anwendungsforschung zwar erheblich gefördert wird, "aber es gibt kaum Geld für die Risikoforschung. Wir würden darum ein Nationales Forschungsprogramm zu möglichen Nebenwirkungen und Risiken der Nanotechnologie sehr begrüssen."
Umweltgruppen sehen das ähnlich (6). Eine Linksammlung von kritischen Naturwissenschaftern findet sich hier (7).
Lösungen
Zwar hat die European Food Safety Authority ( EFSA (8)) eine Working Group zum Thema eingerichtet (9) und einen Hilferuf um wissenschaftliche Daten publiziert (10), aber ob dies zu nachhaltigen Ergebnissen führen wird, ist eine andere Sache.
Die EU-Kommission hatte im Februar 2008 als Empfehlung einen Verhaltenskodex zum Umgang mit Nanotechnologie und Nanoscience (11) publiziert, der aber der Sache nicht gerecht wird. Sinnvoll kann es hier nur mit rechtlichen Vorgaben weitergehen: Wer Produkte mit Nanotechnologie produziert, sollte - in Anbetracht der geografisch breit streuenden und für die den Planeten noch bevölkernden Lebewesen möglicherweise verheerenden Risken - dies nur mit einem Zulassungsverfahren dürfen. Eines, das analog der Arzneimittelzulassung abläuft, wobei hier auch der Produktionsbereich und die Ökologie einzubeziehen wären. Eine Deklaration allein, dass in einem Produkt Nano drin ist, reicht nicht, da die Risken aus der Anwendung Unbeteiligte und darüber hinaus die gesamte Umwelt treffen können.
Links
(1) http://www.bfr.bund.de/cd/10557
(2) http://www.vzbv.de/go/aktuell/140/index.html
(3) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25972/1.html
(4) http://www.bmbf.de/de/nanotechnologie.php
(5) http://www.bafu.admin.ch/dokumentation/fokus/00118/index.html?lang=de
(6) http://www.ecology.at/files/pr476_3.pdf
(7) http://www.ak-anna.org/nano_risiken/nanotechnologie/nanotechnologie_risiko.html
(8) http://www.efsa.europa.eu
(9) http://www.efsa.europa.eu/EFSA/efsa_locale-1178620753812_1178678338323.htm
(10) http://www.efsa.europa.eu/EFSA/efsa_locale-1178620753812_1178680756675.htm
(11) http://ec.europa.eu/nanotechnology/pdf/nanocode-rec_pe0894c_de.pdf
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