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03.05.2008
Potemkin in Brasilien
Umweltminister Gabriel holt sich Falschinformation aus erster Hand
Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
Auf seiner fünftägigen Reise in Brasilien machte sich Bundesumweltminister
Sigmar Gabriel (SPD) für die Agrospritproduktion stark.
Seit 2005 haben internationale Investmentfonds, Konzerne und Milliardäre wie
George Soros mehrere Milliarden US-Dollar in brasilianische Ethanol- und
Biodieselprojekte gepumpt. Exporte in die EU - einer der potenziell größten
Abnehmer von Biosprit - sollen diese Investitionen in naher Zukunft
vergolden. Dafür will der nach Brasilien gereiste Bundesumweltminister
Sigmar Gabriel nun den Freibrief geben. Er kündigte ein bilaterales
Energieabkommen mit Brasilien an, das Regierungschefin Angela Merkel am 14.
Mai in Brasilia unterzeichnen soll. Basis des von Gabriel angestrebten
Bioenergiedeals sind die Aussagen der brasilianischen Regierung, dass die
Bioenergieproduktion weder die nationale Nahrungsmittelproduktion noch den
Amazonasregenwald bedrohten.
Den Medien sagte der deutsche Umweltminister in Brasilia, er sei zufrieden
mit den Informationen über die Bioenergie- und besonders die
Ethanolproduktion, die er von seiner Amtskollegin Marina Silva bekommen
habe. Der Amazonasregenwald sei nicht bedroht und in Brasilien gebe es keine
Konkurrenz zwischen Nahrungsmittel- und Biotreibstoffanbau, versicherte
Marina Silva - wider besseres Wissen. Denn in Wirklichkeit hat die
Ausweitung der Energiemonokulturen wie Zuckerrohr und Soja bereits seit
Jahren die nationale Nahrungsmittelproduktion negativ beeinflusst.
Brasiliens wichtigste Grundnahrungsmittel sind Reis und Bohnen. Doch sie
verlieren seit Jahren an Boden, stellt Roberto Malvezzi von der
brasilianischen Landpastorale Comissao Pastoral da Terra (CPT) im
Internetmagazin EcoDebate die Aussagen Marina Silvas richtig. Laut
offiziellen Regierungszahlen (Censo Agropecuário) ging die Reisanbaufläche
von mehr als 4,2 Millionen Hektar 1990 auf drei Millionen Hektar im
vergangnen Jahr zurück. Roberto Malvezzi: "In 15 Jahren verlor Reis quasi 25
Prozent seiner Anbaufläche."
Bei den Bohnen sieht es kaum anders aus. Ihre Anbaufläche reduzierte sich
seit 1990 von 5,5 Millionen Hektar auf 4,3 Millionen. "Brasiliens Bohnen
verloren 12 Prozent an Boden", so Malvezzi. Gleichzeitig verdoppelten sich
die Soja-Flächen von gut 11 Millionen Hektar auf fast 21 Millionen Hektar.
"Aber die brasilianische Bevölkerung isst kein Soja", schreibt Malvezzi. "Es
ist klar, dass sich Zuckerrohr und Soja auf die Anbauflächen von Reis und
Bohnen ausgebreitet haben, vor allem im Süden und Südosten Brasiliens." Aber
auch in Bahia, wo Bohnen für Biodiesel Platz machen mussten. Klare Folge der
Ausweitung der Energiepflanzen sei auch ein weiteres Vordringen der
Rinderzucht in die Amazonasregenwaldgebiete und auf Kosten des artenreichen
Trockenwaldökosystems Cerrado. Roberto Malvezzi: "Und jetzt bedrohen
bewässerte Zuckerrohrplantagen auch noch das Tal des Sao Francisco." Sie
zerstörten den Caatinga-Trockenwald und verbrauchten das restliche Wasser
des Alten Chico.
All dies könnte Bundesumweltminister Gabriel aus erster Hand von den
betroffenen Bevölkerungen vor Ort erfahren. Doch bevorzugt er bei seiner
Reise lieber Gesprächspartner wie den Vizegouverneur des Bundesstaates Pará,
der Umweltschutzgesetze als ein Hindernis für umweltschädliche Goldminen
ansieht. Pará ist nicht nur der Amazonasstaat mit den größten Bauxit- und
Eisenerzminen sowie den seit Jahren schlimmsten Abholzungsraten. Pünktlich
zum Besuch Gabriels in Pará, wo er sich die heile Welt eines Schutzgebiets
zeigen ließ, veröffentlichten Forscher der Organisation Imazon neue
drastische Abholzungszahlen aus Süd- und Südostamazonien. "Die Motorsägen
sind zurückgekehrt", schrieb der Estado de Sao Paulo am 30. April. In Mato
Grosso und Pará habe sich die Waldzerstörung während der ersten drei Monate
gegenüber der Vorjahresperiode quasi verdreifacht.
Und genau dort, in Pará, steht zufällig auch Brasiliens erste
Biodieselfabrik auf Basis von afrikanischen Ölpalmenplantagen - mitten in
Südostamazonien. Doch nicht nur dies finden kritische Forscher und
Umweltschützer bedenklich. Die Regierung Parás will auch das
Riesenstaudammprojekt Belo Monte am Rio Xingu durchsetzen. Vor fast genau 20
Jahren noch musste die damalige brasilianische Regierung dieses
Staudammprojekt - damals trug es noch den Namen Altamira - aufgrund massiver
nationaler und internationaler Proteste zurück in die Schubladen schieben.
Brasiliens Präsident Lula da Silva kramte es nun zu Beginn des 21.
Jahrhunderts wieder hervor.
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