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Erste Erfahrungsberichte ueber Jatrophaanbau in Afrika ernuechternd

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http://www.schattenblick.de/infopool/politik/redakt/afka1684.html

Schattenblick - 28. April 2008

Die Jatropha-Täuschung

Die Jatropha-Pflanze ist nicht die Antwort auf Afrikas Armut

Bauern werden vertrieben, Wassermangel wird verstärkt, und kommunales Land gerät in den Besitz ausländischer Investoren, die Jatropha und andere "Energiepflanzen" auf dem afrikanischen Kontinent anbauen

Dem ersten Anschein nach eignet sich die Jatrophapflanze hervorragend zur Herstellung von Biosprit und könnte zu einem regelrechten Entwicklungsmotor für die landwirtschaftlich geprägten Staaten Afrikas werden: Die Pflanze gedeiht auf kargen Böden, auf denen normalerweise keine Landwirtschaft betrieben wird, sie benötigt wenig Wasser, ihre Samen sind überaus ölhaltig, und sie ist ungenießbar, das heißt, sie steht nicht in direkter Konkurrenz zu anderen Nutzpflanzen, die für den menschlichen Verzehr angebaut werden. Für afrikanische Bauern ergäben sich völlig neue Einkommensmöglichkeiten, wenn sie Jatropha anbauten, denn der Bedarf an sogenannten Energiepflanzen wächst, behaupten Wirtschaftsleute. Biosprit werde ein attraktiver Zukunftsmarkt bleiben, auch wenn sich in jüngster Zeit die Warnungen mehren, dass die Herstellung von Biotreibstoffen die Lebensmittelpreise global nach oben getrieben hat. Aber dafür trägt Jatropha nicht die Verantwortung, erklären ihre Anhänger, und verweisen auf die oben genannten Vorteile.

Soviel zur Theorie. Die Praxis dagegen sieht anders aus. Es trifft zwar zu, dass Jatropha wenig Wasser braucht und auf kargen Böden wächst - aber sie gedeiht natürlich wesentlich besser und wirft höhere Erträge ab, wenn sie auf feuchten, nährstoffreichen Böden angebaut wird. Investoren sind in der Regel nicht daran interessiert, Jatrophaplantagen als Flickenteppich an Wegesrändern und in unwirtlichen Bergregionen anzulegen, sondern sie wollen großflächige, einfach zu erreichende und so weit wie möglich maschinell zu bearbeitende Gebiete erwerben. Das schließt nicht aus, dass der eine oder andere afrikanische Kleinbauer mit einem kleinen Fleckchen Land, auf dem er Jatropha anbaut, ein bescheidenes Einkommen erwirtschaften kann, aber solche Fälle sind irrelevant bei der Frage, ob Jatropha die Antwort auf Afrikas Armutskrise sein kann oder nicht. Diese Frage muss mit einem klaren Nein beantwortet werden, wie erste Erfahrungen mit dem Anlegen von Jatrophaplantagen belegen.

Heute wie vor Jahrzehnten, als die Mehrheit der afrikanischen Staaten in die sogenannte Unabhängigkeit entlassen wurde, sorgt der Monokulturanbau dafür, dass sich wenige Personen bereichern, während die Mehrheit unter fortgesetzter Armut leidet. Das gilt auch für die Jatrophaplantagen, die in mehreren afrikanischen Ländern entweder zur direkten Vertreibung der angestammten Bevölkerung geführt oder sie von der Nutzung des Lands ausgeschlossen haben ohne ihr Wissen angelegt wurden. Manchmal wird auch Wasser zu den Jatrophaplantagen umgeleitet, das andernorts dringend für den Anbau von Nahrungspflanzen benötigt würde. Das folgende Beispiel aus Ghana zeigt, wie sich ein norwegisches Unternehmen die Genehmigung zur Rodung von 38.000 Hektar Land allem Anschein nach erschlichen hat - jedenfalls wusste die örtliche Bevölkerung nichts von dem Deal.

Die ghanaische Zeitung "Public Agenda" berichtete in der vergangenen Woche in einem zweiteiligen Aufsatz [1][2] über die Aktivitäten des norwegischen Biospritunternehmen BioFuel Africa, einem Tochterunternehmen von Bio Fuel Norway. Ihm war es gelungen, die Zustimmung eines örtlichen Chiefs zur Nutzung des Landes für den Anbau der, wie es hieß, weltweit größten Jatrophaplantage zu erlangen. Der Chief ist allerdings Analphabet und hat nicht verstanden, was er da - per Daumenabdruck! - absegnete. Da die betroffene Region wenig besiedelt ist, wurden die Rodungen anfangs nicht bemerkt, wie Bakari Nyari, Mitglied der lokalen Organisation RAINS (Regional Advisory and Information Network Systems) und des African Biodiversity Network Steering Committee in dem Report "Biofuel land grabbing in Northern Ghana" berichtete.

Demnach waren RAINS-Mitglieder im November 2007 auf die massiven Zerstörungen an der natürlichen Vegetation nahe des Dorfs Alipe im Becken des White Volta River, rund 30 Kilometer von der Provinzhauptstadt Tamale in der Nördlichen Region Ghanas entfernt, aufmerksam geworden. Das norwegische Unternehmen war mit schwerem Räumgerät angerückt und hatte systematisch Bäume gefällt und weggeschafft. Betroffen waren vor allem Sheanussbäume, die von den Einheimischen für vielerlei Zwecke genutzt werden und ihnen zu einem bescheidenen, aber unverzichtbaren Einkommen verhelfen.

Die Rodungsarbeiten konnten zwar dank einer gemeinsamen Anstrengung von RAINS, der Bezirksversammlung von Central Gonja und der ghanaischen Umweltschutzbehörde zunächst gestoppt werden, aber da hatte das Unternehmen bereits 2600 Hektar Land dem Erdboden gleichgemacht. Es stellte sich heraus, dass das Projekt von einem Mitglied der Regierung Ghanas genehmigt worden war und dieses auch den Türöffner für das Geschäft mit den Norwegern gespielt hatte, aber dass die örtliche Bevölkerung entgegen den gesetzlichen Bestimmungen nicht zu dem Projekt befragt worden war.

Der norwegische Biosprithersteller reklamiert selbstverständlich, das Geschäft sei mit rechten Dingen zugegangen, und legt als Beweis seiner Lauterkeit jenes mit dem Daumenabdruck eines örtlichen Chiefs unterzeichnete Dokument vor. Zudem wird behauptet, dass der Erwerb lediglich "unproduktivem Land" gelte - was die lokale Bevölkerung jedoch anders sieht. In den meisten Regionen Ghanas befindet sich mehr als 80 Prozent der Landfläche in der Hand der Kommunen, und deren Anteil wird zu 70 Prozent von den traditionellen Chiefs in Vertretung der Einheimischen verwaltet. Auch in diesem Fall handelt es sich um kommunales Land, aber das bedeutet nicht, dass es deswegen in Privathände übergeführt werden kann, ohne die Einheimischen dazu zu befragen. Zudem forderte die Umweltschutzbehörde eine Umweltverträglichkeitsprüfung des Projekts, da diese ebenfalls fehlte.

Während einer öffentlichen Anhörung sagte der Direktor für Landaquisitionen bei BioFuel Africa, Finn Byberg, dass er keine konkreten Zugeständnisse (beispielsweise hinsichtlich der Zahl der von seinem Unternehmen geschaffenen Arbeitsplätze) machen könne, sonst würde man ihn womöglich später des Wortbruchs bezichtigen - eine Aussage, die, wie man sich denken kann, nicht sonderlich gut ankam bei den Menschen.

Selbstverständlich war jener unglückliche Chief nicht so einfältig gewesen, das kommunale Land zu seinen Händen zu verschenken, als er den Daumenabdruck unter das Papier setzte. Er hatte den Versprechungen geglaubt, dass das "unproduktive" Land durch die Plantage enorm gewinnen würde. In einer Region, die monatelang kaum Niederschlag erhält und in der wenig Landwirtschaft betrieben wird, klingt das Versprechen auf ein ganzjähriges Einkommen attraktiv. Doch das Leben der Bevölkerung würde sich grundlegend wandeln. In einer öffentlichen Debatte über das Für und Wider der Jatrophaplantage sind die Menschen zu dem Ergebnis gekommen, dass die absehbaren Nachteile überwiegen werden.

Das Fällen von Bäumen, die von den Einheimischen genutzt werden - aus den ölhaltigen Samen der Sheanussbäume wird unter anderem Butter hergestellt - stellt eine Form der Vertreibung dar. Noch direktere Formen von Vertreibung fanden in Tansania statt, auch dort ging es um das Anlegen von Jatrophaplantagen. Das britische Unternehmen Sun Biofuels PLC hatte von den Behörden die Genehmigung zur Bewirtschaftung von 9.000 Hektar Land im Kisarawe-Distrikt in der Coast Region, 70 Kilometer von Daressalam entfernt, erhalten und lockt mit einer Investition von 20 Mio. Dollar in das Projekt. Mehrere tausend Bauern aus elf Dörfern mussten das Land verlassen.

Gegenüber der Afrikanischen Presse Agentur APA sagte der für Landfragen zuständige Beamte des Kisarawe-Distrikts, Leo Rwegasira, am 13. August 2007, dass 2840 Haushalte Kompensationszahlungen in Höhe von 632.000 Dollar erhalten sollen [3]. Eine einfache Rechnung zeigt allerdings, dass das pro Person lächerliche 222,5 Dollar ausmacht. Dem noch nicht genug, leben dem Zensus aus dem Jahre 2002 zufolge in den elf Dörfern in Wirklichkeit 11.277 Personen. Welche Ansprüche bei der Festlegung der Entschädigungssumme von vornherein ausgeschlossen wurden, dürfte vermutlich nur durch Ermittlungen vor Ort herauszufinden sein.

An dem Jatrophaprojekt ist Sun Biofuels zu 88 Prozent beteiligt. Auf den britischen Investor Julian Ozanne entfällt ein Anteil von zehn Prozent und auf die beiden tansanischen Bürger Daudi Makobore und Herbert Marwa je ein Prozent. In dem ostafrikanischen Land tummeln sich bereits mehrere Biosprit-Unternehmen oder haben zumindest Investitionen ins Auge gefasst, wie Abdallah Mkindi am 25. Juli 2007 in einer Evaluation mit dem Titel "The Socio-economic and environmental impacts of a biofuels industry in Tanzania" [4] berichtete. Zu den genannten Investoren gehören abgesehen von Sun Biofuels das britische Unternehmen D1 oils, das Jatropha und Sonnenblumen anbauen will, das deutsche Unternehmen PROKON, das bereits in der Region Mpanda mit der Einrichtung einer 10.000 Hektar großen Jatrophaplantage begonnen hat, die niederländische Firma Diligent Energy Systems, die in Engaruka, Babati, Chalinze, Pangani und Singida Jatropha anbauen will, sowie eine malaysische Unternehmensgruppe und ein in den USA ansässiges Unternehmen, die mehr als 100.000 Hektar für die Palmölgewinnung erworben haben.

Die tansanischen Organisationen Kakute, TaTedo und FELISA sprächen zwar von der örtlichen Energiesicherheit, zu der sie mit ihren Investitionen beitragen wollen, aber die von ihnen angestrebten Begünstigungen könnten sich als Türöffner für exportorientierte Unternehmen erweisen, befürchtet Abdallah Mkindi. Nach Abwägung der Vor- und Nachteile ist er zu dem Schluss gelangt, das die Biotreibstoffproduktion den Druck auf die tansanische Nahrungsversorgung erhöhen und die Nahrungssicherheit unterhöhlen wird. Die Landwirtschaft Tansanias sei überwiegend von Regen abhängig, mit dem zunehmenden Auftreten von Dürren werde die Regierung gezwungen, um Lebensmittelhilfe zu bitten.

Auf der landwirtschaftlichen Fläche, die für die Nahrungsproduktion geeignet ist, werden nun Energiepflanzen angebaut. Das betrifft letztlich auch Jatropha, selbst wenn diese Pflanze in Tansania nicht die besten Standorte erhalten soll (diese sind für andere Energiepflanzen vorgesehen!). Angesichts der steigenden Lebensmittelpreise und des Nahrungsmangels sollte der Staat zunächst um das Überleben der Bevölkerung besorgt sein. Vor diesem Hintergrund stellt sich sogar die Frage, ob der vermeintlich weniger verheerende Jatrophaanbau in den kargeren tansanischen Regionen Engaruka und Manyara nicht zu der generellen Ablenkung von dem Widerspruch beiträgt, dass in Tansania Menschen Hunger leiden, aber gleichzeitig landwirtschaftliche Fläche von reinen Exportprodukten vereinnahmt wird.

Wie in Mosambik, wo die örtlichen Bauern die geplanten oder bereits verwirklichten Plantagen mit Energiepflanzen ablehnen, weil sie das knappe Wasser der Flüsse für sich abzweigen, werden auch die Kleinbauern in Tansania von der Wasserversorgung abgeschnitten. Beispielsweise wurden im Usangu-Becken 1000 Bauern vertrieben, und der Fluss, der ihre Höfe mit Wasser versorgt hatte, wurde zu einer Farm der Investoren umgeleitet, weiß Abdallah Mkindi zu berichten.

Ihrer Existenzgrundlage beraubt, werden viele Bewohner der ländlichen Regionen gezwungen, ihr weniges Land aufzugeben und sich bei den Großfarmen zu verdingen. Da deren Personalbedarf schnell gestillt ist, ziehen die Bauern mit oder ohne ihre Familien notgedrungen in die Städte, an deren Rändern sie in den sich rasch ausdehnenden Slums siedeln, um sich mit Hilfe von Gelegenheitsjobs das Überleben zu sichern.

Im Februar dieses Jahres hat ein Zusammenschluss von über 30 Nichtregierungsorganisationen aus Afrika ein Moratorium gegen Neuzulassungen von Biospritprojekten gefordert, unter anderem weil die Investoren das zu 70 Prozent in kommunaler Hand befindliche Land aufkauften und nun eine neue Welle der Verarmung und des Hungers drohe.

Die obigen Beispiele belegen, dass Jatropha nicht die Antwort auf das Problem des Hungers ist, sondern umgekehrt Teil der Täuschung, mit der Afrika, das eine riesige Landfläche einnimmt, der Verfügbarkeit von hauptsächlich westlichen Investoren, die westliche Interessen bedienen, unterworfen werden soll. Dabei bedient man sich in der seit der Kolonialzeit bewährten Weise örtlicher Profiteure, die in den Regierungen und Ämtern sitzen und den Weg zum weiteren Ausverkauf des kommunalen Landes freimachen. Unterstützt wurde und wird diese Entwicklung durch IWF, Weltbank und andere, nach der neoliberalen Ideologie handelnde Institutionen des Nordens, die es sich offenbar zum Ziel gesetzt haben, den gesamten Globus zu privatisieren. Erst wenn sich die Opfer dieser Machenschaften erheben, was vor kurzem zum Sturz der haitianischen Regierung geführt hat, zeigt man sich in den Chefetagen der transnationalen Institutionen bestürzt und räumt plötzlich ein, dass die Marktkräfte nicht mehr ausreichen, das Problem der steigenden Lebensmittelpreise zu beheben, und dass jetzt alle an einem Strang ziehen müssten, etc.

Mit solchen Erklärungen wird die Täuschung fortgesetzt: Die sogenannten Marktmechnismen hat es nie gegeben, mit dem Begriff Markt wurde schon immer die Kontrolle des Welthandels durch wenige, systemisch begünstigte und vom Westen dominierte Instanzen verschleiert. Die Jatrophaplantagen von Ghana, Tansania und zahlreichen weiteren afrikanischen Staaten tragen zur Stabilisierung der globalen Ordnung mit wenigen Besitzenden, die zur Erzwingung ihres Verfügungsanspruchs ganze Heere in Bewegung setzen können, und der großen Mehrheit an einflusslosen Menschen, die noch froh darüber sein sollen, wenn sie ihre Arbeitskraft für ein kleines Überlebensentgelt verkaufen dürfen, da die Alternative in Siechtum oder ein Leben in der Illegalität bestünde.

Anmerkungen

[1] http://allafrica.com/stories/200804211722.html
[2] http://allafrica.com/stories/200804250882.html
[3] http://tech.groups.yahoo.com/group/biofuelwatch/message/855 [4] http://www.biofuelwatch.org.uk/UKFG/envirocare.pps

AFRIKA/1684

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01.05.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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