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Glaziologe: Rueckgang der Alpengletscher gefaehrdet Europas Kraftwerke durch Sommer-Niedrigwasser

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http://www.wissen.swr.de/ta/begleit/ta080406.htm

SWR Fernsehen - 06.04.2008

Gletscherschwund und Klimawandel

Dr. Ludwig Braun*

Der Verlust von Gletschermasse ist seit ca. 1980 weltweit beschleunigt. So hat der Vernagtferner in den vergangenen 25 Jahren im Schnitt über die gesamte Gletscherfläche über 15 m an Eis verloren (d.h. in den hohen Lagen typischerweise 5 m, im Zungenbereich über 50 m), und es bräuchte ca. 50 feuchte und kühle Sommer vom Typ der 1970iger Jahre (mit typischerweise 0,3 m Zuwachs pro Jahr), um diese Verluste zu kompensieren.

Da in den hohen Lagen des Gletschers kaum mehr Eismasse aufgebaut wird, kam dadurch die Eisbewegung fast zum Erliegen und hat zum mehrheitlichen Verschwinden der früher überall vorhandenen Gletscherspalten geführt. Dafür haben sich vor allem am Gletscherrand große Eishöhlen gebildet, u.a. dort, wo seitlich Bäche unter den Gletscher fließen. Die so gebildeten Hohlräume können beim Ausdünnen der Eisdecke in sich zusammenfallen und stellen für den Bergsteiger eine neue, echte Gefahr dar. Eine weitere neue Gefahr besteht aufgrund des Auftauens von Permafrost (typischerweise um 3000 m ü NN), was Felsstürze zur Folge hat.

Die starken Massenverluste der Gletscher haben in den vergangenen 25 Jahren zu einer starken Reduktion der hellen Firnflächen geführt (Firn = mehrjähriger Schnee). Demgegenüber ist der Flächenanteil der aperen und damit wesentlich dunkleren Eisfläche angestiegen. Somit ergeben sich auch bei gleichbleibender einfallender Globalstrahlung höhere Schmelzraten, weil das Eis mehr kurzwellige Strahlung absorbiert als Schnee und Firn. Damit beschleunigt sich der Verfallsprozess der Gletscher, sobald die vor der Sonneneinstrahlung schützende Schnee- und Firnauflage abgebaut ist. Zudem fallen sommerliche Niederschläge in einer wärmeren Atmosphäre auch in höheren Lagen in Form von Regen und nicht als Schnee, und damit werden im Sommerhalbjahr "Rückfälle" in winterliche Verhältnisse auf den Gletschern seltener. Sommerliche Schneefälle sind die "effizientesten" Ereignisse, um den Schmelzprozess zu stoppen und damit die Massenverluste zu begrenzen.

Der Verlust der Firnflächen auf den Gletschern hat auch zu einer Reduktion der kurz- und mittelfristigen Zwischenspeicherung von Schmelz- und Regenwasser geführt. Damit sind die Abflusszeiten verkürzt und die täglich beobachteten Abflussspitzen wesentlich erhöht worden im Vergleich zu den Abflussverhältnissen in ausgeglichenen Massenhaushaltsjahren. Die hohe Abflussbereitschaft von stark ausgeaperten Gletschern bewirkt eine wesentlich erhöhte Disposition zu Hochwässern in den vergletscherten Einzugsgebieten. Gefahr von Hochwasser besteht unter den nun aktuell vorliegenden Bedingungen vor allem bei intensiven Gewitterregen oder langanhaltenden Starkniederschlägen (sogenannte Vb-Lagen) verbunden mit einer hohen Nullgradgrenze, d.h. mit flüssigem Niederschlag in große Höhenlagen hinauf.

In den Alpen existieren zur Zeit noch ca. 5000 Gletscher mit einer Gesamtfläche von ca. 2500 km² und einem Volumen von ca. 100 km3. Diese Eismassen stellen nach wie vor eine beachtliche Wasserreserve dar. Mit dem Schwund der vergletscherten Flächen wird in Trockenjahren auf lange Sicht die Wasserspende aus den Hochgebirgsregionen zurückgehen. Die Niedrigwasserstände der großen Flüsse wie Rhein, Donau, Rhone und Po werden in Zukunft noch tiefere Werte annehmen als heute, wo in heißen Sommern durch die starke Gletscherschmelze noch ein relativ hoher Mindestabfluss garantiert wird. Die Auswirkungen von Trockenjahren werden nicht nur die Energieproduktion von Wasserkraftanlagen beeinträchtigen. Auch Kernkraftanlagen und Wärmekraftwerke werden aufgrund des Mangels an Kühlwasser vermehrt ihre Leistungsabgabe drosseln müssen. Die Grundwasserneubildung in Schotterkörpern entlang der großen Flüsse wird bei Niedrigwasser geringer ausfallen und zu Trinkwasserknappheit führen.

  • Wissenschaftlicher Leiter der Kommission für Glaziologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München

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23.04.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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