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09.01.2007
Norbert Suchanek
Brasilien im Alkohol- und Biodieselrausch
November 2005 verbrannte sich der 65jährige brasilianische Umweltschützer
Francisco Anselmo Gomes de Barros, um zu verhindern, dass neue
Ethanolfabriken in der ökologisch sensiblen Region des Pantanals entstehen.
1982 noch hatten er und seine Mitstreiter ein Gesetz zum Verbot weiterer
Alkoholfabriken durchgesetzt, weil vor allem die Abwässer der Destillerien
das größte Feuchtgebiet der Welt bedrohen. Der Verbrennungstod des
Umweltschützers brachte dem Pantanal allerdings nur 12 Monate Aufschub.
Mitte Dezember 2006 entschieden die Abgeordneten von Mato Grosso do Sul, das
Gesetz zugunsten der Ethanolproduzenten zu ändern, sprich zu entsorgen.
Diese Entscheidung der Parlamentarier des brasilianischen Bundesstaates Moto
Grosso do Sul zeigt exemplarisch, wohin Lateinamerikas größtes Land unter
der Regierung der Partei Lula da Silva steuert: Anbau von Nachwachsenden
Rohstoffen und "Biotreibstoffexport" auf Teufel komm raus.
Alkohol als Treibstoff für täglich immer mehr werdende Autos war bereits ein
Programm der brasilianischen Militärregierung. Ihr rücksichtslos gegen
Kleinbauern, traditionelle Bevölkerungsgruppen und auf Kosten der Ökosysteme
wie Mata Atlantica (Küstenregenwald) und Cerrado (Savanne) durchgesetztes
PROALCOOL-Programm, das der alternative Nobelpreisträger José Lutzenberger
einst als betrügerisch, unmoralisch und verbrecherisch kritisierte, sorgte
zur Ausweitung des großflächigen Zuckerrohranbaus vor allem im Südosten,
Nordosten und Südwesten Brasiliens. Heute wächst Zuckerrohr in Brasilien auf
einer Fläche von fast sieben Millionen Hektar (6.988.990 Hektar -
Prognóstico da produçao agrícola nacional, Outubro de 2006), die in erster
Linie in der Hand von Großgrundbesitzern sind. Aber weil heutzutage Ethanol
auch den Namen Bioalkohol trägt und als angeblich umweltfreundlicher
Treibstoffersatz für Benzin gilt, will Brasilien seine
"Bioalkoholproduktion" noch ausweiten für den Export nach Europa, Japan,
Südasien und in die USA. Bereits 2003 warf der Amazonasstaat rund 1,7
Milliarden Liter Ethanol auf den Weltmarkt. Nach Meinung des
Ex-Landwirtschaftsminister Roberto Rodrigues könne Brasilien die
Zuckerrohranbaufläche "problemlos" um weitere 20 Millionen Hektar erhöhen,
was allerdings bei Menschenrechtlern und Umweltschützern die Warnlampen
aufblinken lässt. "Die Expansion des Zuckerrohrs bedroht dabei vor allem
Kleinbauern und Kleinpächter, die keine Investitionsmöglichkeiten haben und
die mit ihrem Kleinbesitz nicht in den Zuckerrohranbau einsteigen können -
ihre Flächen werden in die agroindustriellen Komplexe einbezogen und wer
nicht freiwillig weicht, wird brutal vertrieben", so das Protokoll der
Arbeitsgruppe 'Außenhandelspolitik am Beispiel Zucker' auf der
Brasilientagung vom 2.-4.12.2005 in Gelnhausen.
Biodiesel aus Palmöl
20 bis 25 Prozent Alkohol im Benzintank ist schon lange Alltag in Brasilien.
Neu ist Biodiesel an der Tankstelle. Tagtäglich flimmern Werbespots von der
Regierung oder vom brasilianischen Erdölkonzern Petrobras über den
Bildschirm, in denen für Biodiesel geworben wird. Naturlandschaften werden
in den Spots gezeigt, die sich in Windeseile in Soja- oder
Sonnenblumenplantagen bis zum Horizont wandeln, was ausnahmsweise
tatsächlich der Realität entspricht. Die Ausweitung der Monokulturen von
Tausenden von Hektaren für die Pflanzenölproduktion als Basis von Biodiesel
ist spätestens seit 2004 erklärtes Ziel der Regierung Lula da Silva, die
nach eigenen Worten die Welt mit Biodiesel versorgen will.
Angefangen hat der Biodieselrausch mit der Einweihung der ersten
Biodiesel-Fabrik im Amazonas-Bundesstaat Para 2004. Denn an vorderster
Biodiesel-Front steht die 1982 unter der Militärdiktatur gegründete
Konzerngruppe Agropalma (CRAI, Agropalma, AGROPAR, Amapalma und Palmares),
die im Amazonasgebiet die aus Westafrika stammende Ölpalme anbaut. Nach
eigenen Angaben besitzt dieser Konzern derzeit 105.000 Hektar Land im
Amazonasgebiet des brasilianischen Bundesstaates Para und baut Ölpalmen auf
34.000 Hektar an. Zudem laesst er Ölpalmen auf weiteren 5000 Hektaren von
"Kleinbauern" anbauen.
Zusammen mit den Unternehmen Ecomat, Dedini und der brasilianischen
Bundesregierung startete Agropalma 2004 das Nationale Biodieselprogramm -
Programa Nacional de Biodiesel. Agropalma ist Lateinamerikas größter
Palmölproduzent und will im nächsten Jahr seine Produktion von Biodiesel,
auch Palmdiesel genannt, auf 185.000 Tonnen steigern. Gleichzeitig wirbt
Agropalma mit einem vom Instituto Biodinamico, dem brasilianischen
Demeter-Vertreter, ausgestellten Biosiegel, weil es einen kleinen Teil
seiner Plantagen biologisch bewirtschaftet. Peinlich: Das
"Öko-Waschmittel-Unternehmen" Sodasan in Deutschland, das Palmöl von
Agropalma bezieht, bezeichnet den Konzern, der für 80 Prozent der
brasilianischen Palmölproduktion verantwortlich ist, verniedlichend als
"Projekt". Sodasan: "Bereits seit 1982 arbeitet im Nordosten Brasiliens das
Projekt Agropalma, das u.a. Ölpalmen in Demeter-Qualität anbaut. Die Ernten
sind überdurchschnittlich gut, da die klimatischen Bedingungen sehr günstig
sind."
Sojadiesel ist billiger
Der Biodieselboom betrifft ebenso die von wenigen Unternehmen dominierte
Sojabohnenbranche des Landes. Hauptakteur im Soja-Business ist das
gleichfalls noch unter der brasilianischen Militärdiktatur 1977 gegründete
Soja-Unternehmen Grupo André Maggi mit besten Kontakten zu internationalen
Banken und angeblichen Umweltschutzorganisationen wie dem World Wide Fund
for Nature. Nach eigenen Angaben kontrolliert die Grupo Amaggi eine
Anbaufläche von über 60.000 Hektar, arbeitet im Soja-Transportgeschäft und
ist mitverantwortlich für den Straßenbau bis ins Herz Amazoniens für den
Soja-Transport. Die weiteren Hauptakteure im brasilianischen Soja-Business
heißen BUNGE und CARGILL.
2006 wuchsen insgesamt 55 Millionen Tonnen Sojabohnen auf einer Anbaufläche
von über 22 Millionen Hektar in Brasilien. 25 Millionen Tonnen wurden
exportiert. Für 2007 wird geschätzt, dass 1,2 Millionen Tonnen der
Soja-Ernte zu Biodiesel verarbeitet wird. Berechnungen der
Landwirtschaftsschule "Escola Superior de Agricultura Luiz de Queiroz
(Esalq)" zufolge ist die Herstellung von Biodiesel aus Soja am billigsten.
Soja und Regenwaldzerstörung
Die meisten Soja-Plantagen liegen im Süden, Südwesten und in
Zentralbrasilien. Hauptopfer der Sojaexpansion sind deshalb die extrem
artenreichen Cerrado-Trockenwaldökosysteme. Inzwischen dringt die Sojafront
aber auch schon in die Region des Amazonasregenwaldes vor. Das heißt nicht,
dass "direkt" Regenwald in Sojaplantage umgewandelt wird. Das System ist
etwas komplizierter. Man spricht hier vom "Vorantreiben der
Rinderzüchterfront". Zuerst wird der Wald abgeholzt, um Platz für eine
Rinderweide zu machen. Nach einiger Zeit dann übernimmt ein
Soja-Agrounternehmen das Land und pflanzt Soja, der Rinderzüchter wiederum
lässt ein weiteres Stück Regenwald abholzen und so weiter und so fort. Die
Gruppe Amaggi und die Vereinigung der Pflanzenölproduzenten (ABIOVE) sowie
die Vereinigung der Getreidexporteure (ANEC) können deshalb bequem
behaupten, dass sie für ihre Anbauflächen keinen Regenwald abholzen - das
machen die Rinderzüchter für sie - und nur bereits abgeholzte "degradierte"
Flächen nutzen.
Bitteres Rizinusöl
Brasiliens derzeit größter Biodieselproduzent ist das 2003 gegründete
Aktienunternehmen Brasil Ecodiesel, so die Daten der Agência Nacional do
Petróleo, Gás Natural e Biocombustíveis (ANP). Hauptaktionär ist die Firma
Eco Green Solutions, die wiederum dem BT Global Investment Fund gehört, der
wiederum von einem weiteren Unternehmen mit Sitz auf den Cayman-Inseln
kontrolliert wird. Ecodiesel hat keine eigenen Plantagen. Das Unternehmen
lässt anbauen, und zwar Soja und Rizinus von industriellen Agrarbetrieben
und von Kleinbauern vor allem im Nordosten Brasiliens. Die Gesamtanbaufläche
von Rizinus betrug in diesem Jahr 142.899 Hektar.
Weil Ecodiesel sein Rizinusöl von familiären Betrieben anbauen lässt, trägt
das Unternehmen zwar das staatliche Siegel (Selo Combustível Social) für
sozial verantwortliches Biodiesel und genießt deshalb deutliche staatliche
Vergünstigungen. Doch so sozial sind weder Ecodiesel noch Agropalma, das
gleichfalls das selbe Siegel bekommen hat. Das System sei nichts als eine
moderne Form der Sklaverei, sagt die brasilianische Soziologin Marcia Gomes
de Oliveira aus Rio de Janeiro. Denn die vorher selbständig produzierenden
familiären Betriebe begeben sich mit der Umstellung auf Rizinus oder andere
Ölpflanzen in eine gefährliche Abhängigkeit von einem einzigen Abnehmer,
dessen Produkt wiederum langfristig gesehen vom Weltmarktpreis abhängig ist.
Faktisch treibt dies nicht nur die normalerweise Nahrungsmittel für die
lokalen Märkte anbauenden Kleinbauern in eine gefährliche Abhängigkeit vom
Weltmarkt. Auch die von den familiären bäuerlichen Betrieben ursprünglich
versorgte Bevölkerung gerät damit in die Abhängigkeit vom Weltmarkt - oder
besser gesagt in die Abhängigkeit von den Nahrungsmittelkonzernen, weil sie
nun nicht mehr ihre Bohnen, Mais, Kartoffeln, Chili und ihr Gemüse auf dem
Markt oder beim Bauern um die Ecke kaufen können, sondern nur noch in den
Supermarktketten Mundial, Pao de Açcucar, Lidl, Carrefour oder Wal-Mart.
Brasilien im Alkohol- und Biodieselrausch: Das Land wird einen anständigen
Kater haben, wenn es eines Morgens aus dem Rausch erwacht.
Originaltext von Norbert Suchanek, norbert.suchanek@online.de
Veroeffentlicht in "Unabhaengige Bauernstimme", Januar 2007
E-Mail: redaktion@bauernstimme.de, www.abl-ev.de
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