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Die Stuttgarter "Initiative Sozialproteste" lädt ein zu einer
Veranstaltung mit dem türkischen Gewerkschaftsaktivisten Kamber Saygili
am 2.11. ab 19:00 im "subversiv":
Der Referent Kamber Saygili befindet sich momentan auf einer Rundreise,
um von der Situation der Gewerkschaften in der Türkei zu berichten und
mit anderen Aktiven Erfahrungen auszutauschen. Er ist Bildungssekretär
der türkischen Gewerkschaft Limter-Is, seit den 70er Jahren politisch
aktiv und Mitarbeiter einer sozialistischen Zeitung.
Am 11. Juni 2006 wurde er mit Cem Dinc, dem Vorsitzenden der
Gewerkschaft vom türkischen Staat festgenommen und inhaftiert, da sie
den Arbeiterwiderstand auf der Werft Tuzla/Istanbul, beim Unternehmen
DESAN mit angeführt hatten.
DESAN hatte 55 Arbeitern die Löhne nicht gezahlt, weshalb diese ihre
sofortige Bezahlung einforderten. Auf den Werften von Tuzla wird
intensiv und flexibel gearbeitet, das Unternehmen verdient dort
Millionen. Es kommt aber fast täglich zu Arbeitsunfällen, da nicht
einmal ein Minimum in Schutzmaßnahmen investiert wird. Am 24. Mai 2006
haben die Arbeiter die Arbeit niedergelegt und begannen mit einem
Arbeitskampf. Obwohl DESAN und die lokalen staatlichen Behörden mit
heftiger Repression reagierten, setzten die Arbeiter ihren Widerstand
fort. Sie errichteten Straßenblockaden, organisierten Demonstrationen
auf der Werft und besetzten schließlich, am 07. Juni, das Schiff, das
sie gebaut hatten. Bei all diesen Aktionen griff die Polizei die
Beteiligten mit Tränengas und Schlagstöcken an, prügelte auf sie ein und
verhaftete sie. Auch Cem Dinc und Kamber Saygili wurden vier Mal verhaftet.
Am 11. Juni wollte der Chef der Werft verhindern, dass die Streikenden
vor der Werft stehen, die Polizei griff die Arbeiter und
Gewerkschaftsführer erneut an. Cem Dinc und Kamber Saygili wurden brutal
zusammengeschlagen - offensichtlich sollte vor den Augen der anderen
Arbeiter ein Exempel statuiert werden.
Der Staatsanwalt vor Ort steckte die beiden Gewerkschaftsführer von
Limter-Is mit der Behauptung ins Gefängnis, sie hätten „Widerstand gegen
Polizeibeamte“ geleistet.
Doch trotz des Angriffs der Polizei und der Verhaftung der
Gewerkschaftsführer setzten die Arbeiter gemeinsam mit ihrer
Gewerkschaft Limter-Is ihren Widerstand fort. Am 21.06.2006 sind die
Gewerkschafter und Arbeiter in der Zentrale von Limter-Is in den
Hungerstreik getreten. Zahlreiche Gewerkschaften, demokratische
Organisationen, Vereine und Plattformen haben sich mit der Gewerkschaft
und deren verhaftetem Vorsitzenden und Bildungssekretär solidarisch
gezeigt und einige haben sich dem Hungerstreik angeschlossen. Aufgrund
einer breiten Solidaritätskampagne, sowohl innerhalb des Landes als auch
auf internationaler Ebene, musste der Staat Cem Dinc und Kamber Saygili
einen Monat später wieder freilassen.
Bei der Veranstaltung soll eine Einschätzung der aktuellen Situation der
Türkei und die Voraussetzungen unter denen dort Gewerkschaftsarbeit
gemacht wird geliefert werden. Auch soll der aktuelle Stand der
ArbeiterInnenkämpfe und -organisierungen, sowie das Verhältnis der
Gewerkschaften zu anderen sozialen Bewegungen und politischen
Organisationen beleuchtet werden.
Hintergrundinfos: LIMTER-IS (Hafen-, Schiffsbau- und
Schiffsreparaturarbeiter Gewerkschaft)
Die türkische Gewerkschaft Limter-Is wurde am 17. September 1976
gegründet und gehört seit Juni 1977 der Konföderation Revolutionärer
Arbeitergewerkschaften (DISK), sowie der Internationalen
Metallarbeiterföderation an. Wie auch andere Gewerkschaften, politische
Parteien, demokratische Massenorganisationen und Einrichtungen wurde sie
infolge des Militärputsches am 12. September 1980 verboten und ihr
damaliger Vorsitzender, Emir Babkus, ins Gefängnis geworfen. Im Jahre
1991 nahm Limter-Is ihre Tätigkeit wieder auf, war aber weiterhin stets
im Visier von Staat und Kapital. Am 05. März 1999 wurde der bereits
zuvor mehrmals inhaftierte Bildungssekretär der Gewerkschaft, Süleyman
Yeter, in Untersuchungshaft genommen und in der Antiterrorabteilung in
Istanbul zu Tode gefoltert.
Auf den Werften der Türkei sind Leihfirmen und Angriffe auf die
gewerkschaftliche Organisierung sehr verbreitet. Viele Arbeiter sind
ohne Versicherung beschäftigt und erhalten nur sehr geringe Löhne.
Obwohl die Arbeit des Schiffsbaus höchst gefährlich ist, werden kaum
Sicherheitsvorkehrungen getroffen, weshalb es immer wieder zu Toten und
Verletzten durch Arbeitsunfälle kommt. Limter-Is hat bedeutende Kämpfe
gegen die miserablen Arbeitsbedingungen geführt und die Todesfälle
während der Arbeit auf den Werften von Tuzla thematisiert, bei denen
allein in den letzten sechs Monaten 12 Arbeiter ums Leben kamen. Sie hat
sich aber auch am Kampf für Demokratie, gegen Chauvinismus, Krieg und
Menschenrechtsverletzungen und vielen weiteren Aktivitäten beteiligt.
Freitag, 02. November 2007 um 19 Uhr
Subversiv - Soziales Zentrum Suttgart
Burgstallstr. 54, 70199 Stuttgart-Heslach
http://www.subversiv-stuttgart.de
Die Veranstaltung wird organisiert von der Initiative Sozialproteste
Kontakt: akollontai@yahoo.de
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