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Aus CONTRASTE Nr. 274/275 (Sommer 2007)
DEMONSTRANTEN IN GEWAHRSAM UND BEI KONTROLLEN MISSHANDELT UND BEDROHT
"Geh, oder du erlebst den Tag nicht mehr!"
In den Tagen nach dem G8-Protest werden immer mehr Details von
Polizeiübergriffen öffentlich. Betroffene schildern auf Internet-Portalen
ihre Erlebnisberichte. Deutlich wird, dass Polizisten Gipfel-Kritiker in
großem Umfang beschimpft, beleidigt, geschlagen und misshandelt haben.
Nach Bestätigung von Anwälten ist es bei Festnahmen häufig zu brutaler
Gewaltanwendung gekommen. Polizisten weigerten sich, verletzte
Demonstranten zu versorgen. Stattdessen wurden sie teilweise direkt in die
Gefangenen-Sammelstellen gebracht.
Auf der Heimfahrt zum Camp Reddelich ist ein Fahrradkonvoi am 2. Juni
regelrecht überfallen worden. Die 30 Radfahrer wurden mit einem
gefährlichen Manöver
auf der Bundesstraße 105 gestoppt. Aus fahrenden Polizeifahrzeugen wurden
sie geschlagen und mit Reizgas besprüht.
Bei der Demonstration am 4. Juni zum Thema "Migration" wurden Teilnehmer
durch die Polizei bedroht: "Wir werden uns für Samstag rächen, wenn Ihr
hier weiter
demonstriert", "Wollt Ihr sterben?", "Geh, oder du erlebst den heutigen
Tag nicht mehr!". Die Demonstration war angemeldet und nahm seitens der
etwa 10.000 Demonstranten einen störungsfreien Verlauf. Polizeieinheiten
versuchten wiederholt die Teilnehmer zu provozieren. Mehrmals wurde
unangekündigt Pfefferspray eingesetzt.
Noch am Nachmittag verbreitet "Kavala" die Falschmeldung, es seien aus der
Versammlung massiv Steine und Flaschen geworfen worden. Das Gegenteil wurde
allerdings von zahlreich anwesenden Journalisten bestätigt.
Am 5. Juni wurde eine Mutter mit ihrem 3jährigen Kind in einem Shuttle-Bus
zur Demonstration am Flughafen Laage verhaftet. Ihr wurde der absurde
Vorwurf gemacht, sie hätte sich im Reisebus auf der Autobahn vermummt.
Selbst das Kleinkind wurde in der Gefangenensammelstelle
"erkennungsdienstlich behandelt". Erst
als der Kleine immer wieder den Kopf wegdreht, lassen die Beamten vom
fotografieren ab.
Bei der 5. Polizeikontrolle auf dem Weg zum Flughafen wurde ein Auto von
Demonstranten nach einer Durchsuchung von der Polizei manipuliert:
Plötzlich fehlte die
Sicherung der Einspritzpumpe, das Fahrzeug ließ sich nicht mehr starten.
Währenddessen war die Gruppe von grinsenden Beamten umringt.
Wasserwerfer haben zum Teil bei Blockaden ohne Vorwarnung geschossen.
Manche Demonstranten wurden von noch fahrenden Wasserwerfern von hinten
niedergesprüht. Am 7. Juni hat der Einsatz am "West-Tor" bei Hinter
Bollhagen zu mehreren Verletzungen, z.B. des Trommelfells geführt. Zwei
Aktivisten wurden schwer am Auge verletzt, einer liegt noch immer im
Krankenhaus. Aufnahmen zeigen die lachende Besatzung eines eingesetzten
Wasserwerfers. Augenzeugen berichten, die Polizei hätte auf die üblichen 3
Warnungen verzichtet. Lediglich die umstehende Presse sei vom
bevorstehenden Einsatz informiert worden. Trotz mehrfacher Aufforderung
verwehrte die Polizei einen Zugang der Sanitäter zu den Verletzten.
Auch eine "Nackt-Demonstration" wurde mit Pfefferspray angegriffen. Der
CS-Kampfstoff verteilte sich dabei über den ganzen Körper, was zu schweren
Reizungen
führte.
In der gesamten Stadt Rostock fanden massive Kontrollen statt. Personen
wurden in Gewahrsam genommen weil sie z.B. Taschenmesser, G8-kritische
Broschüren
oder Halstücher mitführten. Bei einer der Kontrollen wurde Frauen in den
Schritt gefasst und dabei anzügliche Geräusche gemacht. Auch nahe dem Camp
Wichmannsdorf gab es sexistische Übergriffe. Eine Gruppe von Frauen musste
sich am 5. Juni auf einem Parkplatz vor allen anwesenden Polizisten
ausziehen.
Beim Transport gab es weitere Misshandlungen, schildert ein Betroffener:
"Die Polizisten nahmen mir die eng einschneidenden Handschellen noch mal
ab, um meinen
Rucksack abnehmen zu können und drohten mit Schlägen, sollte ich mich
bewegen. Zur Verdeutlichung rammte einer der Polizisten meinen Kopf mit
Wucht gegen
die Zellenwand. Als die Polizei mich und einen anderen Gefangenen
schließlich in der Zelle ließ, wurden wir gewarnt, nicht miteinander zu
sprechen, sonst würde er
dafür sorgen, 'dass wir nie wieder sprechen können'".
"In einem Fall ist eine Einheit in eine an der Haltestelle stehende
Straßenbahn gestürmt, hat alle verprügelt, die schwarze Kleidungsstücke
trugen und hat die Bahn sofort wieder verlassen", schreibt der
"Ermittlungsausschuss " nach einer Recherche am 4. Juni.
Viele Betroffene erhielten Platzverweise für Rostock und Bad Doberan.
Häufig bekamen sie einen Vordruck ausgehändigt, auf dem die Zeilen "auf
Widerspruch wurde verzichtet" und "rechtliches Gehör wurde gewährt"
bereits angekreuzt waren. Eine Belehrung hat es in diesen Fällen nicht
gegeben.
- Quellen
- Chronik von Übergriffen: http://gipfelsoli.org/
Bilanz Ermittlungsausschuss:
http://de.indymedia.org/ 2007/06/184501.shtml
Weitere Erfahrungsberichte:
http://gipfelsoli.org/Repression
Kommentare von Betroffenen:
http://de.indymedia.org/ 2007/06/184032.shtml
Pressemitteilungen des Anwaltsnotdienst/ Ermittlungsausschuss:
http://gipfelsoli.org/Presse
Pressemitteilung 13. Juni 2007
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