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junge Welt vom 11.08.2004
Nick Brauns
Familienfeier oder Kaderschulung?
Schwere Vorwürfe gegen Polizei nach Razzia auf Campingplatz
»Im ›Rechtsstaat Deutschland‹ ist es nicht möglich, mit Familien
zusammenzukommen und zu campen, wenn die Inhalte nicht stimmen«,
beklagte der »Solidaritätsverein mit den politischen Gefangenen und
ihren Familien in der Türkei« Tayad am Montag in einer Presseerklärung.
Als großer Schlag gegen »türkische Linksextremisten« wurde in deutschen
und türkischen Medien eine zweitägige Polizeioperation gegen
mutmaßliche Anhänger der türkischen Revolutionären
Volksbefreiungsfront-Partei DHKP-C Ende vergangener Woche ausgegeben.
Im baden-württembergischen Eberbach hatten rund 150 Polizeibeamte in
den frühen Morgenstunden des 5. August einen Campingplatz gestürmt und
56 Personen festgenommen. Es habe sich um eine Kaderschulung der DHKP-C
gehandelt, so die Polizei. »Der Nachwuchs sollte auf Linie gebracht und
die leitenden Funktionäre sollten von ihren Vorgesetzten geschult
werden«, erklärte der für politische Straftaten zuständige Kölner
Oberstaatsanwalt Rainer Wolf.
Bei dem Familien- und Jugendcamp habe es sich um eine offizielle
Aktivität der Anatolischen Föderation gehandelt, zu der seit Wochen
öffentlich eingeladen wurde, stellte Tayad dagegen klar. Auf dem Camp
gab es Unterricht zu Themen wie Kindererziehung, Sozialabbau und dem
Rechtssystem in Deutschland. Unter den 56 Festgenommenen befanden sich
auch 13 Kinder zwischen zwei und zwölf Jahren, die in der türkischen
Presse ebenfalls als DHKP-C Mitglieder ausgegeben wurden. Während die
Erwachsenen erkennungsdienstlich behandelt wurden, versuchte die
Polizei, Informationen von den eingeschüchterten Kindern zu bekommen.
Nachdem die Camper einen Platzverweis der Stadt nicht nachkamen, rückte
die Polizei am Freitag erneut mit einem größeren Aufgebot an und zwang
die türkischen Familien gewaltsam zum Verlassen des Platzes. Menschen
seien dabei geschlagen, auf dem Boden geschleift und in Busse gezerrt
worden. Dann habe eine Polizeieskorte die Familien zum Polizeirevier
Heidelberg gebracht. Die Zelte der Camper wurden abgerissen.
In Köln-Ehrenfeld wurden die Räume des Anatolischen Volkskulturhauses
durchsucht, in dem die Anatolische Föderation ihr Büro hat. Dabei
wurden Computer, CDs und Bücher beschlagnahmt. Auch die Privatwohnungen
der Vereinsvorsitzenden wurden von der Polizei gestürmt.
Die Anatolische Föderation ruft für Samstag, 14. August, um 14 Uhr auf
dem Kölner Ebertplatz zu einer Demonstration gegen die Razzien auf.
Die marxistisch-leninistische DHKP-C, die in der Türkei auch bewaffnet
für einen Sturz der »Oligarchie« kämpft, wurde in Deutschland 1998 als
Nachfolgeorganisation der verbotenen Gruppe Dev Sol verboten.
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taz Köln Nr. 7432 vom 11.8.2004, Seite 1
Verein lehnt Terrorverdacht ab
Der in Köln ansässige Verein "Anadolu Federasyonu" will wegen der
gewaltsamen Räumung seines "Feriencamps" in Baden-Württemberg Anzeige
erstatten
Köln taz Der in Köln ansässige Verein "Anadolu Federasyonu" erhebt
schwere Vorwürfe gegen die baden-württembergische Polizei. Bei der
Räumung eines "Familien- und Jugendcamps" der Föderation Ende
vergangener Woche in Eberbach seien die Beamten mit großer Brutalität
vorgegangen. In seiner Ehrenfelder Geschäftsstelle präsentierte der
türkische Verein gestern zahlreiche der inzwischen nach Köln
zurückgekehrten Camp-Teilnehmer, deren blaue Flecken und Schwellungen
unübersehbar waren. Auch gegen Kinder seien die Polizisten vorgegangen.
"Wir werden Anzeige gegen die Verantwortlichen erstatten", kündigte die
Vereinsvorsitzende Nurhan Erdem an.
Der Heidelberger Polizeisprecher Harald Kurzer wies gegenüber der taz
die Vorwürfe entschieden zurück. Die Polizei habe keinerlei
unverhältnismäßige Gewalt eingesetzt. Gegen Mütter und Kinder sei sie
überhaupt nicht vorgegangen. Dass es ansonsten bei der gewaltsamen
Trennung von Untergehakten durchaus zu blauen Flecken kommen könne, sei
für ihn "gut vorstellbar", so Kurzer. Einige Camp-Teilnehmer hätten
auch "getreten, geschlagen und gespuckt". Dabei seien drei Beamte
leicht verletzt worden.
Die Polizei hatte das Treffen in Eberbach gewaltsam aufgelöst, weil die
Karlsruher Staatsanwaltschaft vermutete, dass dort für die
terroristische "Devrimci Halk Kurtulus Partisi - Cephesi" (DHKP-C)
geworben würde. Aufgrund einer Mitteilung des baden-württembergischen
Verfassungsschutzes waren die Beamten Ende letzter Woche gegen das
Zeltlager vorgegangen. Gleichzeitig wurden in Ehrenfeld die Räume des
"Anatolischen Volkskultur Hauses", das auch den Verein beherbergt, und
die Wohnung der Vorsitzenden durchsucht. Laut Bundeskriminalamt besteht
"die hohe Wahrscheinlichkeit", dass es sich bei der Anadolu Federasyonu
"um eine der verbotenen DHKP-C zuzurechnende Vereinigung handelt".
Die DHKP-C wurde 1994 nach der Spaltung der 1983 verbotenen "Devrimci
Sol" gegründet und wird in der Türkei für den Tod von rund hundert
Polizisten und mindestens 80 Zivilisten verantwortlich gemacht. Zu
ihren Opfern zählen Politiker, Geschäftsleute sowie zwei pensionierte
Generäle. Seit 1998 in der Bundesrepublik verboten, setzte sie die EU
im Mai 2002 auf ihre Liste von "Terrororganisationen". Bundesweit
verfügt die DHKP-C über etwa 700 Mitglieder, 200 von ihnen kommen aus
NRW.
Nurhan Erdem, gegen die bereits seit zwei Jahren wegen des Verdachts
der Unterstützung der illegalen Gruppe ermittelt wird, betonte gestern,
weder ihr Verein noch sie persönlich unterstützten die DHKP-C.
Distanzieren wollte sich die resolute junge Frau jedoch auch auf
mehrmalige Nachfrage hin nicht von den marxistisch-leninistischen
Pistoleros." Pascal Beucker
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