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SAFERCITY.DE informiert: Private (Un)Sicherheit
1.) Das Sicherheitsunternehmen Protex sorgt in Kassel regelmäßig für
Schlagzeilen
2.) Private Sicherheitsdienste sollen Hamburger Polizei schützen
3.) Uni für Polizei und Wachdienste in Hamburg geplant
4.) BVG mahnt "private" Kontrolleure ab
5.) Sicherheitsunternehmen soll Pfahls geholfen haben
6.) Aus der Welt der Türsteher
7.) Sicherheitsunternehmen bespitzelt "Müll-Richter"
8.) Hartz IV/ Arbeitslosengeld II: Arbeitsagenturen beauftagen private
Sicherheitsdienste
9.) Luftsicherheit wird privatisiert
1.)
Urteil gegen Türsteher rechtskräftig
Vorspann:Besucher der Disko A7 verprügelt: Security-Leute akzeptieren
Bewährungsstrafen
KASSEL. Der Vorsitzende Richter blättert in seinen Unterlagen. Vor ihm
liegen die Akten des Prozesses gegen vier Türsteher des Kasseler Musikparks
A7, die im Januar vom Amtsgericht wegen gemeinschaftlicher gefährlicher
Körperverletzung zu achtmonatigen Bewährungsstrafen verurteilt worden
waren. Weil sowohl die Angeklagten als auch die Staatsanwaltschaft in
Berufung gingen, musste sich gestern das Landgericht mit dem Fall
beschäftigen. Es geht um einen Disko-Besucher, den die Angehörigen der
Kasseler Sicherheitsfirma Protex so zusammenschlugen, dass er eine
Schädelprellung, Platzwunden und Hämatome an Kopf und Körper davontrug. Den
als Ecstasy-Dealer verdächtigten Gast hatten die Security-Leute bis auf die
Unterwäsche ausgezogen, verprügelt, mit seinem eigenen Gürtel geschlagen
und getreten. Denn der Mann hatte sich nicht nach Drogen durchsuchen lassen
wollen zu Recht, wie der Vorsitzende Richter gleich zu Beginn der
Verhandlung unterstreicht. Eine erneute Vernehmung aller Zeugen jenes
Vorfalls aus einer Septembernacht des Jahres 2002 möchte der Vorsitzende
Richter am liebsten vermeiden. Was die Männer selbst zugegeben hätten,
reiche für eine Verurteilung zu den von der Vorinstanz verhängten Strafen
völlig aus. Kurz: Billiger wird's nicht. Eher teurer. Die klaren Worte
verfehlen nicht ihr Ziel. Die Angeklagten ziehen ihre Berufung zurück, im
Gegenzug tut das auch die Staatsanwältin. Damit sind erstmals Türsteher des
A7 rechtskräftig verurteilt. Allerdings möglicherweise nicht zum letzten
Mal: Gegen einen der vier Wachleute einen 30-jährigen Kasseler hatte das
Amtsgericht im Februar eine Geldstrafe von 2250 Euro (90 Tagessätze à 25
Euro) verhängt, wegen zwei Fällen von Körperverletzung im Einsatz an der
Diskothek. Die Berufungsverhandlung in diesem Verfahren steht jedoch noch
aus. Ob die verurteilten Türsteher weiter Dienst vor dem A7 tun werden, ist
nicht sicher. Protex-Inhaber Engin Akbag hält das für schwierig nicht wegen
fehlender Eignung, sondern weil er Provokationen von Disko-Besuchern
fürchtet. Der Vorsitzende Richter sieht das anders: Solange die vier
Sicherheitsleute unter Bewährung stünden, wären sie geradezu eine
Idealbesetzung vor dem Eingang. Schließlich seien sie damit zu
Zurückhaltung und friedlicher Konfliktlösung gezwungen. (JFT) (Hessisch
Niedersächsische Allgemeine, 30.06.07)
Mehr Protex-Security...
Ganz tiefer Griff ins Klo
Vorspann: Verschiedene Leser beschweren sich über die Organisation bei der
YOU-FM-Party
Am 8. März wurde in der HNA ausführlich über die große You-FM-Party
berichtet, alles war angeblich fantastisch gelaufen: super Musik, tolle
Stimmung, prima Organisation. Für hunderte junger Menschen sah das ganz
anders aus. Obwohl sie beim Vorverkauf nachgefragt hatten, wurde
verschwiegen, dass Jugendlichen unter 16 Jahren der Einlass untersagt wird.
Das erfuhren die jungen Menschen erst, nachdem sie über eine Stunde in
eisiger Kälte vor der documenta-Halle angestanden hatten. Weder auf den
Eintrittskarten noch auf den Werbeplakaten oder in der Radiowerbung gab es
einen Hinweis auf das Mindestalter. Aber auch eine große Gruppe der über
16-Jährigen wurde bitter enttäuscht: Die intensive Werbung stellte vor
allem den Reggae-Star Patrice als Highlight in den Mittelpunkt, und
hauptsächlich seinetwegen hatten sich viele eine Eintrittskarte gekauft. Er
trat aber erst spät in der Nacht auf, lange nachdem alle unter 18-Jährigen
um Mitternacht die Halle räumen mussten! Auch hierüber gab es keinerlei
Informationen im Vorfeld der Veranstaltung. Rita Jacob-Auth, Kassel
Unter dem Slogan young fresh music sendet der Radiosender YouFM nun schon
einige Zeit, und so war Kassel nun an der Reihe, diesen Einstand zu feiern.
Die böse Überraschung kam erst an der Tür, vor der sich dutzende von
Jugendlichen drängelten um von unfreundlichen Protex-Mitarbeitern
durchgelassen zu werden, falls sie einen Personalausweis dabeihatten, den
sie, wenn unter 18, abgeben mussten um ihn gegen Mitternacht wieder
abzuholen. Die Karten wurden nicht, wie eigentlich üblich, eingerissen,
sondern komplett eingezogen, was ein Verlassen des Geländes ohne Verlust
der Eintrittsberechtigung unmöglich machte. So wünschte man sich zu gehen,
bevor man überhaupt in der documenta-Halle war. Diese war brechend voll,
und der Jugendschutz ertrank in Caipirinha und Jägermeister. Diese Getränke
wurden nämlich, wie alles, vollkommen überteuert, ohne einen Blick auf das
Alter, an jeden abgegeben, der bereit war, für sie zu zahlen. An
Antialkoholischem fanden sich nur Pepsi und Selters auf der Karte.(...)
Ann-Kathrin Mogge, Espenau
Ich begrüße es ausdrücklich, wenn für uns junge Leute große
Konzertveranstaltungen wie die You-FM-Night bei uns in Kassel stattfinden.
Jedoch muss ich die Veranstaltungsleitung sehr kritisieren, da es
erhebliche Organisationsmängel gab. Es fing mit stundenlangem Warten auf
Einlass in eisiger Kälte und Schneefall an, weil es nur eine einzige
Eingangs- schleuse gab. Als man dann endlich am Eingang stand, musste man
seine Karte zeigen und seinen Personalausweis abgeben. Wer ihn vergessen
hatte oder unter 16 war, wurde nicht hineingelassen. Ein einziger Satz in
der Zeitung oder auf der Eintrittskarte hätte genügt. Ein völlig
unverständliches Verhalten bei einer Veranstaltung, die zu einem Großteil
von Jugendlichen unter 16 Jahren besucht wird! Das ist eine große
Unverschämtheit, die an arglistige Täuschung grenzt, insbesondere dann,
wenn man Wochen zuvor eine Eintrittskarte erworben hat.(...) Alina
Schaefers, Kassel
Mit einem sympathischen Ausweis und Karte, ansonsten könnt ihr gleich
wieder gehen, wurde man begrüßt. Ausweis? War irgendwann die Rede von einem
Ausweis in der Ankündigung? Bisher war es auf einem Konzert nicht
erforderlich gewesen, seinen Ausweis zu zeigen. Das bedeutete nun, wer
keinen Ausweis hatte, der hatte Pech. Und wer einen hatte, konnte sich
freuen - dachte man. Denn nun hieß es: Wer unter 18 ist, gibt seinen
Ausweis ab und kann ihn sich dann um 24 Uhr abholen. Der Witz: Einer der
Main Acts, Patrice, war erst für 24 Uhr geplant! Ha! Scherz! Damit habt ihr
Jugendlichen nicht gerechnet, hm? Ihr, die ihr erst 16 oder 17 seid und
kamt, um vor allem Patrice zu sehen! Das Interessante: Im Vorverkauf wurden
Karten auch an unter 16-Jährige verkauft - die kamen aber gar nicht erst
rein. Aber mal ehrlich. Zum Koordinieren einer solchen Veranstaltung gehört
mehr als nur Alle auf einen Haufen, ein paar dutzend Securitys, ordentlich
Promotion, und dann läuft das schon! (...) Mein Fazit, und im Namen vieler
sprechend, wäre also: Idee gut, Auftritte gut, Organisation, Koordination
und Kundenfreundlichkeit: ganz tiefer Griff ins Klo! Karoline Göbel, Kassel
Beim Betreten der Kasseler documenta-Halle stießen mir sogleich die
überhöhten Getränkepreise ins Auge. Diese Tatsache bewog mich dazu, das
Gebäude zu verlassen und in einer nahe gelegenen Lokalität ein Getränk, zu
angemessenem Preis, zu mir zu nehmen. Dieser Vorsatz fand jedoch am Ausgang
sein jähes Ende, als mir einer der für Ein- und Auslass zuständigen
Sicherheitskräfte mitteilte, dass, wenn man das Gebäude erst einmal
verlassen hätte, man auch nicht mehr hineingelänge, ohne erneut den
Eintrittspreis in Höhe von 15 Euro zu bezahlen. (...) Zusammenfassend
möchte ich sagen, dass man auf der Veranstaltung sehr wohl den ein oder
anderen Augenblick genießen konnte, aber aufgrund der überhöhten Preise und
der Unkenntnis beziehungsweise der Unfähigkeit des Personals, die der
Organisation anzulasten sind, kann man auf keinen Fall von einer gelungenen
Werbeaktion sprechen. Marius Klein, Kassel
(Hessisch Niedersächsische Allgemeine, 17.03.04)
Noch mehr Protex-Security...
http://www.safercity.de/2001/pe_2001-08-13.html
2.)
Krisensitzung der Polizeispitze zu Überstunden
Weitere Einsparungen geplant - Präsidium soll von Privatfirmen bewacht
werden - Ausschreibung läuft
von André Zand-Vakili
Wegen des Überstundenboykotts des Personalrates wird sich heute die
Hamburger Polizeiführung zu einem Krisengespräch treffen. Der Personalrat
hatte am Dienstag Mehrarbeit für Großveranstaltungen wie Sommer-Dom oder
HEW-Cyclassics abgelehnt. Damit soll gegen personelle und soziale
Einschnitte bei der Polizei demonstriert werden. Mittlerweile gibt es einen
weiteren Sparplan für die Ordnungshüter. Ab Januar soll demnach das
Polizeipräsidium von privaten Sicherheitsunternehmen bewacht werden.
Bislang bekamen Besucher, die als Zeugen oder Opfer ins Präsidium kamen, am
Eingang auch Ordnungshüter zu Gesicht. Das soll bald nicht mehr so sein.
Zwölf Sicherheitsunternehmen hatten sich in einem
Interessenbekundungsverfahren für Bewachungsaufgaben in Alsterdorf
gemeldet. Das Ergebnis: Die privaten Bewachungsunternehmen sind in der
Lage, ökonomischer als Beamte aber im gleichen Maße wie diese für
Sicherheit zu sorgen. Mittlerweile läuft die Auswertung eines anschließend
ausgeschriebenen Teilnahmewettbewerbs. Die besten der daran beteiligten
Anbieter sollen für eine beschränkte Ausschreibung zugelassen werden.
Peter Leiste, stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft der
Polizei (GdP) steht einer privaten Bewachung der Polizei kritisch
gegenüber. "Für Bürger, die ins Präsidium kommen, ist das doch ein fatales
Signal, wenn man den Eindruck bekommt, dass die Polizei nicht in der Lage
ist im eigenen Laden für Sicherheit zu sorgen." Darüber hinaus glaubt er
nicht, dass private Sicherheitsdienste die Bewachungsstandards halten
werden. Leiste: "Man darf die Mitarbeiter privater Bewachungsunternehmen
nicht alle über einen Kamm scheren. Aber dort gibt es viele Billigjobs. Man
hat ja auch bei den privaten Leibwächtern von Ronald Schill gesehen, was
für Leute da unterkommen." Der Ex-Innensenator hatte vor seiner Ernennung
Leibwächter gehabt, denen Kontakte in die rechtsradikale Szene nachgesagt
wurden.
Für die GdP ist die Privatisierung der Bewachungsaufgaben ein weiterer
Reibungspunkt. "Man muss feststellen, dass innerhalb des Polizeiapparates
wegen der breiten Kritik und den anstehenden rechtlichen
Auseinandersetzungen doch erhebliche Unruhe herrscht", sagt Leiste. "Wir
stehen voll hinter dem Personalrat, der Anordnungen des Polizeipräsidenten
gerichtlich überprüfen lässt." Dabei geht es um die Mehrarbeit, die
Polizeipräsident Werner Jantosch anlässlich des Besuchs der "Queen Mary 2"
ohne Zustimmung des Personalrates angeordnet hatte. Dieser hat die Kanzlei
"Heissner & Struck" für eine Klage vor dem Verwaltungsgericht engagiert.
Rechtsanwalt Dieter Struck sieht gute Chancen. Nach seiner Einschätzung ist
es fraglich, ob eine Ausnahmesituation vorgelegen hat, die die Anordnung
des Polizeipräsidenten rechtfertigt. Insbesondere dürfte die Polizeiführung
gegen das Gebot der rechtzeitigen und umfassenden Unterrichtung des
Personalrates verstoßen haben. Die Mitbestimmungsvorlage sei erst drei Tage
vor dem Eintreffen der "Queen Mary 2" vorgelegt worden, obwohl seit Anfang
Juni der Besuch des Kreuzfahrtriesen amtlich genehmigt war. (Die Welt,
22.07.04)
3.)
Hamburg
Plan: Uni für Polizei und Wachdienste
Die Hamburger Polizei plant, die Ausbildung für Polizeibeamte grundlegend
zu verändern. Im Gespräch ist eine Art Polizei-Universität. Das bestätigte
Vize-Polizeipräsident Michael Daleki dem Abendblatt: "Es sind mehrere
Modelle im Gespräch, entschieden ist noch nichts. Wir beraten seit Mai in
einer Projektgruppe darüber, voraussichtlich bis September soll eine
Entscheidung fallen." Ähnlich äußerte sich auch Bürgermeister Ole von Beust
(CDU): "Diese Pläne gibt es seit längerem. Es ist aber noch nichts
entschieden."
Daleki favorisiert derzeit ein Modell, nach dem die Ausbildung, die bisher
an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung stattfindet, auch für
Außenstehende geöffnet werden soll. Vorstellbar ist demnach etwa eine Art
ein- bis zweisemestriges Grundstudium, bei dem auch der Nachwuchs für
Sicherheitsdienste und Wachschutzunternehmen Theorie und Grundlagen lernen
kann. Polizisten würden in dieser Zeit wie "normale" Studenten behandelt,
bekämen, anders als derzeit, keine Ausbildungsvergütung. "Für Beamte des
mittleren Dienstes, die durch die Ausbildung in ihrer Laufbahn aufsteigen,
würde sich aber nichts ändern: Sie behalten ihren Status als Polizisten",
versicherte Daleki. Dauer und Inhalte der bisherigen Ausbildung sollen
zudem weitgehend unverändert bleiben. Daleki: "Wir werden am Ende keine
Theoretiker, sondern voll einsatzfähige Polizisten haben. Diese
Überlegungen haben nichts mit Sparplänen zu tun." Ob Geld durch die Reform
gespart werde, sei zudem überhaupt noch nicht durchgerechnet worden.
(Hamburger Abendblatt, 31.07.04)
4.)
BVG mahnt Kontrolleure ab
Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben der Arbeitsgemeinschaft BVG,
deren Beschäftigte die meisten Fahrkarten-Kontrollen vornehmen, eine
schriftliche Abmahnung geschickt. "Wir verstehen dieses Schreiben als eine
erste Warnung", hieß es bei der BVG. Ändere sich der Negativtrend in
absehbarer Zeit nicht, könnte das "böse Konsequenzen" für die Arbeitgeber
der Kontrolleure haben. Die BVG war wegen negativer Vorfälle bei Kontrollen
in die Schlagzeilen geraten. Sie kündigte zudem an, dass sie die Jahresnorm
für die Arbeitsgemeinschaft BVG um ein Zehntel senken werde. DPA (taz
Berlin, 02.06.04)
Der BVG-Kontrolleurskandal ausführlich unter:
http://www.workfare.ipn.de/buch/index.php?option=content&task=view&id$&Itemid=2
5.)
Sicherheitsfirma soll Pfahls geholfen haben - Ex-Staatssekretär beantragt
schnelle Auslieferung
Andreas Förster
BERLIN, 28. Juli. Deutsche Ermittlungsbehörden haben neue Hinweise auf
mögliche Fluchthelfer des in Paris gefassten Ex-Rüstungsstaatssekretärs
Ludwig-Holger Pfahls. Nach Informationen der Berliner Zeitung soll ein
kleines bayerisches Sicherheitsunternehmen, das unter anderem die
"Begleitung von Personen im Ausland" als Dienstleistung anbietet, in die
Betreuung des früheren
CSU-Politikers eingebunden gewesen sein.
Die im Großraum München agierende Firma war in den Neunzigerjahren von
ehemaligen Beamten und Agenten des Bundesnachrichtendienstes (BND)
mitgegründet worden. Einer dieser Ex-Beamten soll zu seiner aktiven Zeit
engste Beziehungen in die Münchner Staatskanzlei des damaligen
Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß unterhalten haben.
Die Ermittler haben Hinweise darauf, dass die Sicherheitsfirma Pfahls
bereits kurz nach dessen Flucht im Jahre 1999 zwei Mal vor einem
unmittelbar bevorstehenden Zugriff durch Zielfahnder des
Bundeskriminalamtes bewahrte. Damals hatte sich der Gesuchte im asiatischen
Raum, unter anderem in Thailand, aufgehalten. Das Sicherheitsunternehmen
bekam seinerzeit angeblich über
Informanten beim BKA Hinweise auf die geplanten Festnahmeaktionen.
Paris dämpft Optimismus
Inzwischen hat Pfahls in französischer Haft einem beschleunigten
Auslieferungsverfahren zugestimmt. Wie das Landgericht Augsburg am Mittwoch
mitteilte, sei eine entsprechende Erklärung des Ex-Politikers eingegangen.
Damit könne die von der Augsburger Staatsanwaltschaft beantragte
Auslieferung von Pfahls möglicherweise "umgehend" erfolgen. Eine
Hauptverhandlung gegen den
früheren Staatssekretär sei dann schon im kommenden Herbst denkbar.
Die französischen Justizbehörden dämpften allerdings den deutschen
Optimismus. Das zuständige Pariser Berufungsgericht habe bislang keinerlei
Anhörung zum Fall Pfahls angesetzt, sagte ein Gerichtssprecher der
Nachrichtenagentur AFP. In Pariser Justizkreisen hieß es, das Verfahren
könne auch deshalb "lange" dauern, weil Frankreich der 1995 eingerichteten
vereinfachten Auslieferungs-Prozedur zwischen EU-Staaten nicht zugestimmt
habe. (Berliner Zeitung, 29.07.04)
(...) Angeblich bewahrten Ex-BND-Leute Pfahls vor dem Polizeizugriff
Nach einem Bericht der "Berliner Zeitung" soll ein bayerisches
Sicherheitsunternehmen, das auch die "Begleitung von Personen im Ausland"
anbietet, Pfahls geholfen haben. Die Ermittler haben dem Blatt zufolge
Hinweise dafür, dass eine von ehemaligen Beamten und Agenten des
Bundesnachrichtendienstes (BND) mitgegründete Sicherheitsfirma Pfahls kurz
nach dessen Flucht 1999 zweimal vor einem Zugriff durch Zielfahnder bewahrt
habe.
BND-Sprecherin Michaela Heber sagte, sie habe zu dem von der Zeitung
berichteten Sachverhalt gegenwärtig keine Erkenntnisse. Allerdings würden
ehemalige BND-Mitarbeiter nicht überprüft, es sei denn, sie bewegten sich
im strafrechtlichen Raum. (....) WELT.de/ddp (Die Welt, 29.07.04)
6.)
Aus der Disko in die Intensivstation
Streit mit Security-Personal gipfelt in Schädelbasisbruch - Gericht mit
zahlreichen Versionen konfrontiert
Schwandorf. (mes) Drei Angeklagte, 14 Zeugen und fast ebenso viele
Versionen: Dies scheint ein Rezept für ellenlange Mammut-Verhandlungen zu
sein, das garantiert immer gelingt. So auch, als drei Türsteher einer
Diskothek sich vor dem Schöffengericht wegen gefährlicher Körperverletzung
zu verantworten hatten.
Sie saßen auf der Anklagebank, als könnten sie kein Wässerchen trüben:
Markus A. (Namen geändert), 35, Bernd L., 37, und Oliver H., 27. Alle drei
arbeiten als Security-Männer in einer Hofenstettener Diskothek, und in
dieser Funktion sollten sie eigentlich die Gäste schützen. Nicht sehr
vertrauenerweckend hingegen die Anklageschrift: Das Trio soll kräftig die
Fäuste eingesetzt haben.
Natürlich aber sei es "alles ganz anders" gewesen. Markus A. habe mit einem
Mädchen getanzt, und die beiden hätten sich bestens verstanden, als der
20-jährige Stefan P., ein Bekannter der Dame, sich dazwischen gedrängt und
demzufolge prompt eine kleine Ohrfeige verpasst bekommen hätte, so der
Angeklagte.
Doch dies war erst aller Übel Anfang, denn als Stefan P. blutüberströmt und
mit gebrochener Nase auf die Toilette verschwand, wurde er bei seiner
Rückkehr kurzerhand aus der Disco geworfen. Warum er, nicht aber Markus
A.?
Einseitiger Rauswurf
Letzterer sei ein Security-Mann in der Disco, an diesem Abend allerdings in
Zivil unterwegs, und deswegen könne man ihn nicht rauswerfen, so die
lapidare Antwort, erinnert sich Stefan P. entrüstet. Man habe sich ein
wenig aufgeregt, habe dann aber die Disco verlassen. Das "Hauptereignis"
jedoch stand Stefan P., besser gesagt seinem Freund, dem 21-jährigen Hannes
F., noch bevor. Als Hannes F., ein wenig angetrunken, mit der Faust gegen
die Tür geschlagen und gerufen habe: "Komm raus, du feiger Hund", ließen
sich die Angeklagten dies einigen Zeugenaussagen zufolge nicht zwei Mal
sagen.
"Einer packte mich an der Schulter, zog mich in die Disco, und als ich dann
in der Ecke lag, schlugen mehrere auf mich ein", erinnert sich der
Geschädigte, der schließlich mit einem Schädelbasisbruch und einem Hämatom
auf der Intensivstation landete. Urheber dieser Schläge waren demnach die
drei auf der Anklagebank.
"Ich habe mich nur gewehrt", sagte dagegen Oliver H., der dem Gast nur zart
auf die Schulter getippt haben will, um vorschriftsmäßig seine Personalien
aufzunehmen. Außerdem sei Hannes F. so betrunken gewesen, dass er wild
fuchtelnd im Eingangsbereich der Diskothek herumlief, ganz von selbst
mehrere Male umfiel und sich auf diese Weise seine nicht gerade
geringfügigen Verletzungen zugezogen habe.
Schenkt man den Zeugenaussagen Glauben, so hat nahezu jeder eine andere
Version des Geschehens erlebt. Grundsätzlich aber spalteten sich die 14
Beobachter in zwei Lager: Eines zugunsten der Angeklagten, eines zugunsten
der Geschädigten. Und überall wurde wohl mächtig ausgeschmückt und an den
richtigen Stellen kräftig über- und untertrieben.
Schlechtes Gedächtnis
Auch wunderten sich Vorsitzender Richter Wolfgang Bauer und Staatsanwalt
Harald Riedl über das "bemerkenswert schlechte Gedächtnis" einiger jungen
Leute. Und dann war da noch der Polizist, der sich auch nicht so richtig
entsinnen konnte, der Zeuge, der sich an eine telefonische Vernehmung beim
besten Willen nicht erinnern konnte, und die Ehefrau Oliver H.s, die zwar
die ganze Zeit neben ihrem Mann gestanden haben will, aber trotzdem "nichts
gesehen" hat.
Fazit der Acht-Stunden-Verhandlung: "Wir müssen wohl noch mindestens zwei
bis drei weitere Termine ansetzen und weitere Zeugen vernehmen", so Bauer.
(Der neue Tag, Oberpfalznet, 28.07.04)
Türsteher machte reinen Tisch
Unter starkem Polizeischutz hat gestern am Landgericht eine Serie von
Strafprozessen gegen etliche Mitglieder einer Bande aus dem Rotlicht- und
Türstehermilieu begonnen. Ein 26-Jähriger wurde zu drei Jahren Haft
verurteilt, unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen
Vereinigung. Die Richter sahen in ihrem Urteil gegen den aus der Türkei
stammenden Angeklagten auch Beihilfe zur Erpressung und Zuhälterei als
erwiesen an.
Ohne Umschweife hatte Hassan B. seine Mitgliedschaft in der hochkriminellen
Gruppierung eingestanden, ohne allerdings Einzelheiten zu deren Strukturen
zu verraten. Seine Verteidigerin Karin Bölter bat um Verständnis, da das
Geständnis für ihren Mandanten alleine schon einen Sprung über den eigenen
Schatten bedeute. Der 26-Jährige gab auch seine Beteiligung an elf Treffen
von Bandenmitgliedern in Köln, aber auch in den Niederlanden und im
Ruhrgebiet zu, bei denen Opfer erpresst oder eingeschüchtert werden
sollten. In Szenekreisen wurde die Türsteher-Gruppe die „Harley
Davidson-Bande“ genannt, weil alle Bandenmitglieder Lederjacken mit
entsprechender Aufschrift trugen.
Nicht zuletzt, weil es sich bei Hassan B. um ein untergeordnetes
Bandenmitglied handelte, das nicht zur Führungsebene gehörte, machte die 1.
Große Strafkammer des Landgerichts gestern buchstäblich kurzen Prozess und
fällte gegen den Angeklagten bereits nach knapp zwei Stunden das Urteil.
Die Aussage von Hassan B. ersparte allen Beteiligten einen Mammutprozess,
der vermutlich nicht unter einem Jahr gedauert hätte. Das kam auch beim
verhältnismäßig milden Strafmaß zur Geltung, dass dem Antrag des
Staatsanwalts entsprach.
Nur „Laufbursche“ des Bandenchefs
Beim Angeklagten, so Richter Heinz Kaiser in der Urteilsbegründung, handle
es sich lediglich um einen der zahlreichen „Laufburschen“ des in Haft
befindlichen Rotlichtpaten Necati A. Gleichwohl habe er eine Rolle gespielt
beim Kettenrasseln der Bande, die so viel Gewaltbereitschaft demonstriert
habe, dass jede Gegenwehr bei den Opfer im Keim erstickt worden sei. Das
Urteil erging auch wegen Zuhälterei, weil Hassan B. eine junge Frau mit
Gewalt zur Prostitution gezwungen hatte. Gleichwohl setzte ihn das Gericht
gestern auf freien Fuß und hob nach zehn Monaten U-Haft den Haftbefehl
gegen ihn auf. Man wolle Hassan B. im Wege des offenen Vollzugs Gelegenheit
geben, seine persönlichen Verhältnisse zu ordnen und eine vollkommene
Abkehr von der kriminellen Szene zu vollziehen, hieß es.
Heute muss sich ein weiteres Bandenmitglied vor Gericht verantworten,
allerdings wiederum nur eine Randfigur der Gruppe. Zur Festung wird das
Landgericht im Herbst, wenn unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen dem
Rotlicht-Paten Necati A. (Spitzname „Neco“) als Kopf der Bande der Prozess
gemacht wird. Dem Staatsanwalt zufolge soll die Verhandlung gegen ihn im
September beginnen. (Kölnische Rundschau, 27.06.04)
Zuschauer prügelten sich im Landgericht
Totschlag-Prozess unterbrochen
Der ehemalige Chef einer Sicherheitsfirma muss sich wegen Totschlags vor
Gericht verantworten. Während der Verhandlung schlugen gestern die
Zuschauer aufeinander ein.
Stadtmitte Als Marco S. gestern nach seiner Zeugenaussage den Saal des
Rostocker Landgerichts verließ, ging er nicht allein. Rund zwanzig
Zuschauer, die den Prozess verfolgt hatten, folgten ihm. Kurz darauf
öffnete sich die Saaltür wieder: Marco S. und einige Zuschauer kehrten
zurück. Plötzlich ein gellender Schrei aus dem Treppenhaus. Dann stürmte
ein Mann herein: „Wir werden angegriffen – tun Sie etwas.“
Eine Gerichtsmitarbeiterin alarmierte die Polizei. „Die haben sich auf uns
gestürzt“, schrie ein Mann vor dem Saal. Ein zweiter kam mit einer
Platzwunde am Kopf hinzu, ein dritter blutete am Mund. Ein Mann schrie den
Anwalt des einen Angeklagten an, beschimpfte ihn. Die Polizei nahm später
eine Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Körperverletzung auf.
Der Zeuge Marco S. ist Inhaber einer Sicherheitsfirma. Der wegen
Totschlags, gefährlicher Körperverletzung und Diebstahls angeklagte Ronny
V. arbeitet für ein anderes Wachschutzunternehmen. Der 30-jährige V. soll
gemeinsam mit dem 21-jährigen Andreas D. am 5. Dezember 2003 in der
Feldstraße das Opfer Jürgen H. so schwer verletzt haben, dass der Mann
starb (OZ berichtete).
Er habe das Opfer gekannt, hatte Marco S. gestern dem Gericht erklärt. Aus
Rostocker Diskotheken. Auch von einer Schlägerei, an der Jürgen H. wenige
Stunden vor seinem Tod beteiligt war, wisse er.
Von dieser Auseinandersetzung wusste auch der Zeuge Klaus S., für dessen
Warnemünder Hotel das Schutzunternehmen von Marco S. arbeitet. In der Nacht
vor dem tödlichen Vorfall in der Feldstraße hatten sich Klaus S. und Jürgen
H. in dem Hotel getroffen. Gegen drei Uhr morgens habe man sich getrennt.
Gegen Mittag habe ihm Marco S. erzählt, dass Jürgen H. tot sei – und dass
Ronny V. damit zu tun habe.
Zu der Zeit, als sich Jürgen H. in Warnemünde aufhielt, besuchte Ronny V.
den LT-Club. Der Angeklagte sei gegen Mitternacht in den Club gekommen,
sagte ein LT-Mitarbeiter. Man habe geredet, V. ein Glas Jim Beam mit Cola
getrunken.
Einige Tage nach dem Besuch habe ein ehemaliger LT-Türsteher angekündigt,
man müsse sich „über die Sache in der Feldstraße unterhalten“. Daraufhin
seien er und vier andere Leute in den Club gekommen. Die Barmänner des LT
sollten bezeugen, dass Ronny V. an dem Abend „sturzbetrunken“ gewesen sei.
„War das für Sie eine bedrohliche Situation?“, fragte der Richter. „Eher
eine unangenehme“, meinte der Mitarbeiter. Eine spätere Vermutung, dass die
Wachschutzfirma des Ronny V. an dem Brandanschlag auf den LT im Januar
beteiligt sei, wollte der Mitarbeiter gestern nicht bestätigen. „Haben Sie
Angst?“, fragte der Richter. „Nein“, antwortete der LT-Mann.
Die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt – mit Sicherheitsmaßnahmen,
wie das Landgericht gestern erklärte. (Ostseezeitung, 28.07.04)
7.)
Rhein-Ahr
Staatsanwalt: Müllskandal-Richter "mafiös bespitzelt"
Martin Baur
Köln - Der Richter im Kölner Müllskandal-Prozess, Martin Baur, ist während
des Verfahrens laut Staatsanwaltschaft in einem "bundesweit vermutlich
erstmaligen Vorgang mafiös bespitzelt" worden. "Er wurde ausspioniert, und
es wurde ein rund 16-seitiges Dossier mit Fotos angelegt - wie man es aus
einem Krimi kennt", sagte Staatsanwalt Günther Feld am Donnerstag und
bestätigte einen Bericht der "Bild"-Zeitung (Donnerstag). "Nahe liegend in
diesem Fall ist, dass er unter Druck gesetzt werden sollte", sagte Feld.
Das Dossier sei von zwei Polizisten aus Rheinland-Pfalz erstellt worden,
die sich mit einer Sicherheitsfirma selbstständig gemacht hatten. Dabei
wollten die beiden Männer vermutlich pikante Einzelheiten aus dem
Privatleben des Richters ausspionieren, um ihn in "Hinblick auf anstehende
oder künftige Entscheidungen" unter Druck setzen zu können.
Die Bespitzelung begann nach Angaben von Feld im März 2003 und zog sich
über "einen längeren Zeitraum" hin. In dieser Zeit lief der Kölner
Müllprozess um Schmiergeldzahlungen in Höhe von elf Millionen Euro beim Bau
einer Müllverbrennungsanlage in den 90er Jahren. Baur hatte darin den
Vorsitz.
"Im Umfeld des Betroffenen war aufgefallen, dass es irgendwelche
Neugierigkeiten gibt", sagte Feld. Der betroffene Richter habe sich dann an
die Polizei gewandt, weil ihn "etwas spanisch" vorkam. Die beiden
ehemaligen Polizisten seien befragt worden, sagten aber nichts zum
Sachverhalt. Zum Stand der Ermittlungen sagte Feld: "Soweit sie sich auf
die Straße stellen und Bilder und Notizen machen, ist das erst mal nicht
strafbar." (dpa) (Kölnische Rundschau 15.07.04)
Richter "mafiös bespitzelt"
Ex-Polizisten beschatten Vorsitzenden im Müllkorruptions-Prozess
Der Strafrichter Martin Baur ist über Monate hinweg von zwei
Privatdetektiven bespitzelt worden. Baur hatte den Vorsitz in dem Prozess
gegen drei der Hauptverantwortlichen im Kölner Müllskandal.
VON INGRID MÜLLER-MÜNCH
Köln · 15. Juli · Die Beschattung des Richters erstreckte sich nach
Informationen der Kölner Staatsanwaltschaft über einen längeren Zeitraum
während des laufenden Müllkorruptions-Verfahrens. Den Ermittlern ist noch
unklar, wer den beiden ehemaligen Polizisten den Auftrag zur Beobachtung
von Baur erteilt hatte, teilte der Pressesprecher der Kölner
Staatsanwaltschaft, Günther Feld, am Donnerstag mit.
Dem Strafrichter war die Bespitzelung selbst aufgefallen. Er schaltete
daraufhin die Polizei ein. In einem der Wohnzimmerbüros der beiden
Ex-Beamten, die in Rheinland-Pfalz eine Privatdetektei gegründet hatten,
wurden die Fahnder fündig. Dort fanden sie ein 16-seitiges Dossier mit
Fotos aus dem Leben des Richters. Offenbar hatte diese Ausforschung zum
Ziel, durch eventuell bekannt werdende Informationen aus Baurs Privatleben
den Richter unter Druck zu setzen. "So etwas hat es bundesweit noch nicht
gegeben", sagte Staatsanwalt Feld. Er habe noch nie davon gehört, "dass so
systematisch vorgegangen wird". Seiner Einschätzung nach wurde Baur
geradezu "mafiös bespitzelt". Aus dem Dossier gehe allerdings lediglich
hervor, "dass Herr Baur ein ehrenwerter Mann ist".
Baur verhängte Haftstrafen
Nach fast siebenmonatiger Beweisaufnahme wurden Mitte Mai die Urteile im
Kölner Korruptionsprozess gesprochen. Die 7. Große Strafkammer unter dem
Vorsitz von Baur sprach den ehemaligen SPD-Chef von Köln, Norbert Rüther,
von sämtlichen Vorwürfen frei. Der ehemalige Geschäftsführer des
Müllofenbetreibers Ulrich Eisermann erhielt drei Jahre und neun Monate Haft
wegen Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung. Der Ex-Manager des
Müllofenbauers Sigfrid Michelfelder zwei Jahre Haft auf Bewährung. In den
Verfahren ging es um elf Millionen Euro Schmiergeld, das beim Bau des
Müllofens geflossen war.
(Frankfurter Rundschau, 16.07.04)
8.)
Zutritt verboten in der "Nachtschicht"
Farbige Studenten wurden vom Sicherheitsdienst der Diskothek abgewiesen –
Angeblich falsch gekleidet
Von Annika Koch
"HipHop-Outfit unerwünscht." Mit diesem Kommentar wiesen die Türsteher der
Diskothek "Nachtschicht" eine Gruppe Wolfsburger Studenten am Wochenende
ab. Arjan Leuschner befürchtet, dass nicht die falsche Kleidung, sondern
die falsche Hautfarbe das Problem sei. Einige seiner Kommilitonen sind
schwarz.
Am Freitag kurz vor Mitternacht treffen die Wolfsburger Studenten vor der
Diskothek in der Porschestraße ein. Sie wollen feiern, Spaß haben – wie die
übrigen Gäste auch. Zwei Bekannte warten bereits im Inneren der Diskothek
auf sie. Doch für die Gruppe endet der Abend vor der Tür. Arjan Leuschner
schildert den Vorfall: "Die Türsteher verwiesen auf die Kleiderordnung und
ließen uns nicht rein."
Als wenig später ein weiterer Farbiger – nach Arjan Leuschners Worten
"schick angezogen" – versucht, in die Diskothek zu kommen, wird auch er von
den Sicherheitsleuten am Eingang zurückgehalten. Der Grund: sein Hut, ein
Base Cap. "Uns wurde der Abend gründlich vermiest", schimpft der 25-jährige
Student.
Für die Wolfsburger Nachrichten hat Gontran Ongouta noch einmal dasselbe
Outfit wie am Freitag angezogen: weiße Turnschuhe, sportliches T-Shirt und
eine weite Jeans. Sein Freund Arjan Leuschner gibt zu, dass die Kleidung
für die Musikrichtung HipHop typisch sei. Aber: "Dort drinnen laufen viele
so herum." Seiner Meinung nach ist die Kleiderordnung als Grund nur
vorgeschoben. "Die Türsteher stempeln Schwarze in Wolfsburg automatisch als
Kriminelle oder Drogendealer ab", ärgert sich der Wolfsburger.
Solche Vorwürfe gegen die Diskothek stehen nicht zum ersten Mal im Raum.
Vor einem halben Jahr beschwerten sich ein Kenianer und ein Nigerianer, aus
rassistischen Gründen am Eingang abgewiesen worden zu sein. Der
Geschäftsführer Andreas Rohmert will sich auf WN-Anfrage zu den Vorwürfen
allerdings nicht äußern. (Peiner Nachrichten, 13.07.04)
9.)
Wachschutz für Arbeitsagenturen in Sachsen
Chemnitz/Leipzig. In der Chemnitzer Arbeitsagentur schiebt ab sofort ein
privater Sicherheitsdienst Wache. Dies sei eine reine Vorsichtsmaßnahme im
Zusammenhang mit der Arbeitsmarktreform Hartz IV, sagte Agentursprecherin
Karin Einenkel gestern auf Anfrage dieser Zeitung. Sie warnte zugleich vor
Panikmache. "Wir wollen ein neues Sicherheitskonzept ausprobieren. Vorerst
handelt es sich auch nur um eine Person", sagte sie. Das Chemnitzer Amt
folgt damit einem Trend aus Thüringen und Sachsen-Anhalt, wo bereits
Arbeitsagenturen private Sicherheitsdienste angeheuert haben. Einem Trend,
dem sich Sachsen eigentlich verweigern wollte. Zusätzliche
Sicherheitskräfte seien nicht vorgesehen, hatte noch vergangene Woche der
Chef der Landesarbeitsagentur, Karl Peter Fuß, betont. Denn Hysterie sei
nicht angebracht. Arbeitslose sollten nicht pauschal als gewalttätig
diffamiert werden.
Dem stimmt der Leipziger Agenturchef Lothar Meyer zu. Generell dürften
erwerbslose Menschen nicht als Sicherheitsrisiko angesehen werden.
Allerdings will Meyer nicht ausschließen, dass der eine oder andere
Arbeitslose die Agenturen als Prellbock ansieht. "Hartz IV bringt
Einschnitte, das kann man nicht wegdiskutieren", sagte Meyer gestern. Viele
würden vergessen, dass die einstigen Arbeitsämter nur umsetzen, was die
Politik beschlossen habe. Deshalb wird auch in Leipzig - mit 850
Mitarbeitern nach Hamburg und München die drittgrößte Arbeitsagentur in
Deutschland - über ein Sicherheitskonzept mit privatem Wachschutz
nachgedacht. "Wir werden uns mit der Landesarbeitsagentur in Kürze
beraten", so Meyer.
Trotz ihrer Größe kommt die Leipziger Behörde seit Jahren mit zwei zivilen
Ordnungskräfte aus, die für Sicherheit sorgen. Verbale Attacken und auch
tätliche Angriffe gegen Mitarbeiter gebe es hin und wieder, "zum Alltag
gehören Beschimpfungen oder umgestoßene Schreibtische aber keineswegs", so
Meyer. Dass in Mannheim vor Jahren eine Arbeitsamts-Mitarbeiterin mit einem
Baseballschläger krankenhausreif geschlagen oder in Verden sogar ein
Amtschef von einem verwirrten Arbeitslosen erstochen wurde, bringt Meyer
nicht aus der Fassung. "Das sind absolute Ausnahmefälle." Zudem könnten
sich gerade die Mitarbeiter im Leipziger Amt auf die Fahne schreiben, in
den letzten Jahren alles Erdenkliche getan zu haben, um die hohe
Arbeitslosigkeit in der Region abzufedern.
(Dresdner Neuste Nachrichten, 03.07.04)
Einzelne Arbeitsagenturen rüsten wegen Arbeitslosengeld II auf
Wegen der Einführung des neuen Arbeitslosengeldes II und damit verbundenen
Leistungskürzungen warnte die Gewerkschaft der Polizei (GdP) bereits vor
steigender Gewaltbereitschaft. In der Arbeitsagentur im thüringischen
Nordhausen drehen seit vergangener Woche fünf private Wachleute ihre
Runden, "um Unruhen abzufangen", wie Behördenchefin Simone Simon sagt.
Allerdings wollen bisher nur vereinzelt Arbeitsagenturen bei der Sicherheit
aufrüsten. Andere Behörden sehen keinen Anlass für verschärfte
Vorkehrungen: Sie sehen ihr Personal unter anderem durch das standardmäßige
Deeskalationstraining gut vorbereitet.
Den Arbeitsagenturen steht es grundsätzlich frei, zusätzliche Ordner oder
Sicherheitsleute anzuheuern. Angesichts der Warnungen vor allem von
GdP-Chef Konrad Freiberg vor einer wachsenden Zahl von Verbalattacken und
tätlichen Angriffen gegen Mitarbeiter, überlegten einzelne Behörden nicht
lange. "Allein das Ausfüllen der Anträge für das Arbeitslosengeld II könnte
schon Zündstoff bergen", sagt Simon. Die Anwesenheit von Sicherheitsleuten
wirke deeskalierend und gebe den Mitarbeitern und übrigen Kunden ein Gefühl
von Sicherheit. "Wir wissen noch nicht, was mit der Zusammenlegung von
Arbeitslosen- und Sozialhilfe auf uns zukommt und wollen deshalb gewappnet
sein", sagt auch Christina Röpke von der Arbeitsagentur Gera, wo die
Ausschreibung für einen privaten Wachdienst bereits läuft.
"Kein Beratungsgespräch im Beisein von Securitymännern
Andere Arbeitsmarktexperten warnen hingegen vor Panikmache. Es werde
künftig "kein Beratungsgespräch im Beisein von Securitymännern geben",
stellt der Sprecher der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen, Werner
Marquis, klar. "Es sind immer harte Gespräche, denn es geht um Existenzen
und auch um Sanktionen", fügt er hinzu. Dabei sei viel Frust im Spiel.
Allerdings seien die Mitarbeiter ausreichend geschult, um in Gesprächen
deeskalierend zu wirken. Im Notfall können die Mitarbeiter über eine
Alarmtaste am Computer rasch Hilfe holen.
Auch Karl Peter Fuß, Chef der Arbeitsagentur Sachsen, sieht derzeit keinen
Anlass für ein neues Sicherheitskonzept. In größeren Agenturen wie Leipzig
sind schon seit Jahren Ordnungsleute im Einsatz. Zusätzlich
Wachschutzdienste anzuheuern, ist derzeit nicht geplant. "Die
Arbeitsagentur soll nicht zur Festung werden, wir wollen kein
Sicherheitsglas am Kundenschalter", sagt Fuß. In der kommenden Woche wollen
sich dennoch die Leiter aller sächsischen Arbeitsagenturen treffen, "um den
Bedarf zu ermitteln", was gegebenenfalls zusätzlich zu tun ist.
Hartz-Gegner drohen mit Besetzung von Agenturen
Schließlich haben radikale Hartz-Gegner in Brandenburg sogar schon damit
gedroht, Arbeitsagenturen zu besetzen. Olaf Möller, Sprecher der
Regionaldirektion Berlin-Brandenburg, bleibt dennoch gelassen. Trotz der
Drohungen gebe es derzeit "keine Veranlassung, Sicherheitsdienste
einzukaufen". Hundertprozentig schützen können sich die Mitarbeiter vor
Angriffen ohnehin nicht. Marquis räumt ein: "Dass jemand im Einzelfall
austickt, kann niemand verhindern."
(Rheinische Post 27.07.04)
Sicherheitsdienste sollen Agenturen schützen
Wegen Hartz-IV Angst vor Übergriffen Gera/Jena/Altenburg (OTZ). Thüringer
Arbeitsagenturen wollen die Sicherheit ihrer Mitarbeiter erhöhen.
Nach Informationen von MDR 1 Radio Thüringen sollen die Arbeitsagentur Gera
und ihre Zweigstellen Greiz, Lobenstein, Schleiz und Zeulenroda ab
September von einem Wachdienst beschützt werden. Agentursprecher Stefan
Scholz sagte, die Mitarbeiter sollten vor Übergriffen im Zusammenhang mit
dem Arbeitslosengeld II geschützt werden. Überlegungen zum Einsatz von
privatem Sicherheitspersonal gibt es zudem bei den Agenturen Altenburg und
Gotha. Die Agentur Jena erklärte, der Einsatz von Sicherheitspersonal sei
schon vor dem Erlass von Hartz IV geplant gewesen. Die Agenturen Erfurt und
Nordhausen beschäftigen schon länger eigenes Wachpersonal.
(Ostthüringische zeitung, 25.07.04)
Patrouille auf dem Gang
Die Sorge ist da. Durch die Umstellung auf das Arbeitslosengeld II könnte
sich noch mehr Wut auf den Fluren der Arbeitsämter sammeln.
Sicherheitskonzepte können die Agenturen für Arbeit selbst entwickeln, in
Nordhausen etwa patrouilliert ein gerade engagierter Wachdienst. Ziel ist
aber ruhig zu bleiben, auch nach den scharfen Tönen von der Gewerkschaft
der Polizei.
Zwei bis drei Mal im Jahr kam die Polizei bisher in die Flure der Erfurter
Agentur für Arbeit, sagt Kurt Keiner, der Leiter. "Das soll nicht öfter
werden." Seiner Hoffnung stehen Befürchtungen über Streit um das
Arbeitslosengeld II gegenüber.
Die Hartz-IV-Reform ist in den einzelnen Agenturen für Arbeit angekommen -
und irgendwie auch noch nicht. Seit Anfang der Woche sind die Fragebögen zu
Einkommen und Vermögen verschickt, jetzt werden sie zu Hause gelesen,
kritisiert. Noch gibt es keine Schlangen vor den Türen der
Arbeitslosengeld-Berater.
Im Informationszentrum in Erfurt sitzen sie ruhig, 16- bis 45-Jährige, an
Computern, suchen Jobangebote. Sie sagen: "Das muss ich mir gleich
aufschreiben." Hier will keiner aufspringen und Randale machen. Und hier
steht kein Polizist bereit, um das zu verhindern.
Aber bald kommen dann die Menschen, die weniger Geld bekommen als vorher,
in die Ämter. Unter der Hand sagen Berater, dass sie sich sorgen, "weil der
Druck an der Basis liegt". Es sind Gesetze aus Berlin, die sie umzusetzen
haben. Auch, wenn sie sich selbst über die Einschnitte für ihre Kunden
ärgern, müssen sie ihnen erklären, warum Leistungen nicht mehr möglich
sind.
Solche Entwicklungen rufen nach großen Worten, die es nicht immer einfacher
machen. Konrad Freiberg, der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei
(GdP), erklärte die innere Sicherheit in Gefahr und prophezeite, dass
Anfang nächsten Jahres "Sozialämter oder Arbeitsagenturen um Polizeischutz
bitten werden". Die Bundesagentur für Arbeit stellt ihren Regionalstellen
frei, Sicherheitskonzepte zu entwickeln. Aber die Thüringer Amtsleiter
wollen vor allem eins: Ruhe bewahren. Und auch im Innenministerium will man
"keine kritische Situation herbeireden".
Kurt Keiner sitzt an seinem Schreibtisch in dem geräumigen Büro im obersten
Stock der Agentur für Arbeit in Erfurt. Er hat den Finger nachdenklich am
Mund, bleibt leise, auch wenn er laut werden könnte. "Ich finde diese
Stigmatisierung der Arbeitslosengeld-II-Empfänger traurig", sagt der Leiter
des Hauses. Er wisse nicht, warum die GdP die Diskussion in der Schärfe
gestartet habe. "Wir haben es hier mit Menschen zu tun, die Hilfe brauchen.
Die gehören nicht unter Bewachung."
Das Amt von Kurt Keiner ist in Zukunft in Zusammenarbeit mit Sozialämtern
zuständig für 29 000 Bedarfsgemeinschaften. Das können Singles sein, aber
auch sechsköpfige Familien, die von staatlicher Hilfe abhängig sind - und
viele werden gefrustet sein. "Wir hatten schon immer auch unzufriedene
Kunden", versucht Keiner zu relativieren. "Die Mitarbeiter können damit
umgehen." Kurt Keiner hält nichts von Plänen zu häufigeren Polizeistreifen,
allerdings: In Erfurt ist die Wache auch zwei Ecken neben dem Amt.
Das ist ein Stück Sicherheit für die Angestellten, die ohne Erlaubnis des
Chefs der Öffentlichkeit nichts über die neue Lage sagen dürfen. Er selbst
sagt, es gebe seit einem dreiviertel Jahr in einem Modellprojekt einen
unbewaffneten Sicherheitsmann, der rumgeht und bei brenzligen Situationen
geholt werden kann. "Mehr ist nicht geplant." Bei früheren Gelegenheiten
hatte er sich allerdings nachdenklicher geäußert.
Auch die anderen Thüringer Agenturen haben sich den Übergang in leisen
Tönen zum Ziel gesetzt - und prüfen gleichzeitig Optionen für die
Sicherheit. Noch vor dem Aufkeimen sollen Beratungen Wut ersticken. Aber:
Dass es Ärger gibt, wenn ab 2005 wegen Softwareproblemen Gelder verspätet
ausgezahlt würden, wäre kaum zu verhindern. So ist die Lesart.
In Nordhausen wurde vorsorglich die Sicherheitsstufe erhöht - und ein
Sicherheitsdienst angeheuert, der seit wenigen Tagen seine Runden im
Gebäude dreht. In Gotha wird noch kein zusätzliches Personal für die
Sicherheit beschäftigt. Dafür gibt es zwar schon ein Konzept, aber noch
wird geprüft, ob es finanzierbar ist. Da sind die Geraer einen Schritt
weiter, dort läuft die Ausschreibung. Wie die Aufgaben der Firma "konkret
aussehen sollen", weiß die Agentur-Sprecherin zwar "noch nicht", aber
beruhigend soll sie auf jeden Fall wirken.
Drastischere Maßnahmen, etwa Selbstverteidigungsausbildungen für
Mitarbeiter oder gar bewaffnete Wachen, weisen die Agenturchefs weit von
sich. "Wir wollen Aggressionen abbauen, nicht provozieren", sagt der
Erfurter Keiner. Da könne man am Eingang nicht kontrollieren wie an einem
Flughafen.
Zwei Mitarbeiterinnen stehen an einem Kopierer in der Erfurter Agentur.
Angst? "Woher sollen wir wissen, was passiert? Es ist doch noch keiner mit
seinem Arbeitslosengeld-II-Antrag gekommen", sagen sie.
Der eine Erfurter Wachmann, es ist fast täglich derselbe, geht von der
einen Gebäudehälfte der Agentur hinüber ins Informationszentrum. Auf dem
Hof zwischen den Eingängen wartet eine junge Mutter. Ihre beiden Töchter
spielen Fangen rund um eine Säule. Wer hier aneinander vorbeigeht, grüßt.
Eine stille Solidargemeinschaft.
Im Informationszentrum sitzen 16- bis 45-Jährige an Computern und suchen
Stellenangebote. Niemand will aufspringen und Randale machen. Der Wachmann
mit Erkennungsschild, blauer Hose und Pullover, geht ruhig weiter.
So ruhig, wie er hoffentlich bleiben kann, wenn die Hartz-IV-Reform
vollends in den Agenturen ankommt. (Thüringer Zeitung, 22.07.2004)
Gummiknüppel in der Agentur?
Torgau-Oschatz. Gesetze mit Gewalt durchdrücken? Im Zusammenhang mit dem
Arbeitslosengeld (AlG) II sollen in Arbeitsagenturen, zum Beispiel in
Chemnitz auch Wachmänner eingesetzt werden. Bodyguards, die durch ihre
Präsenz möglichen Aggressionen von betroffenen Bürgern den Wind aus den
Segeln nehmen sollen. Müssen sich AlG-Bezieher aus dem Bereich der
Arbeitsagentur Oschatz auch auf Uniformen einrichten, in denen Männer
stecken, die Kraft ihres Amtes dem Gesetz auch mit Gewalt den Weg bahnen?
"Wir haben momentan noch keine Veranlassung, zu solchen Maßnahmen zu
greifen", sagte Volkmar Beier von der Arbeitsagentur auf OAZ-Anfrage. Die
Sicherheit mit Gummiknüppeln zu signalisieren, sei sicher das falsche
Zeichen.
Die Oschatzer Agentur wehrt sich gegenwärtig gegen den Gedanken, Bodyguards
einzusetzen. "Es gab auch noch keinen Grund", so Beier. Er wies darauf hin,
dass die Region provinziell geprägt sei. Das Aggressionspotenzial von
Bürgern sei in Großstädten wie Chemnitz sicher noch sehr viel größer.
"Aber", lenkt er ein, "wenn sich die Situation ändert, müssen auch wir
reagieren!"
Eine Veranlassung dazu sieht Andreas Obst jedoch nicht. Der 43-Jährige
bezieht selbst derzeit Arbeitslosenhilfe, also wird demnächst mit AlG II
konfrontiert. "Die kleinen Angestellten in den Agenturen können nichts für
das, was die Regierung ausheckt", erklärt der Oschatzer "und das wissen die
AlG-Bezieher". Für Obst hat die Reform bei seinen sehr geringen Bezügen
keine großen Auswirkungen.
"Ich hätte auch Angst, was mit meinem Auto, Haus oder letzten gesparten
Reserven passiert", meint Ulrike Schubert und kann verstehen, falls jemand
vollkommen verärgert im Wartebereich der Agentur sitzt, was aber auch das
Sicherheitspersonal nicht unterdrücken kann. "Die Amtsmitarbeiter führen
die Vorgaben nur aus und müssenausbaden, was sich der Gesetzgeber
ausdenkt", sagt die 27-Jährige. Doch die Agenturen machen derzeit schon
viele Vorberatungen und bereiten die AlG-Bezieher schonend auf die
kommenden Umstellungen vor, so die Dahlenerin. (Leipziger Volkszeitung,
30.07.04)
9.)
Frei zum Abschuss? - Terrorabwehr im Luftraum
Autoren : Helmut Ehmann und Markus Rosch
Anfang Juli Flughafen München. Ein gerade gestarteter Airbus wird entführt.
Der Hijacker droht mit einer Bombe. Alle nur greifbaren Rettungskräfte
werden mobilisiert. Die deutschen Behörden befürchten einen Terroranschlag:
Ziel des Flugzeugs mit seinen 160 Passagieren könnte ein Atomkraftwerk
sein. Damals Wirklichkeit, hier nur eine Übung: Die Alarmrotte der
Bundeswehr im bayerischen Neuburg wird alarmiert. Thomas Koller und seine
Crew sind in ständige Bereitschaft. Zwei Abfangjäger vom Typ Phantom werden
startklar gemacht. Zeit für ein Briefing bleibt im Alarmfall nicht. Wenige
Minuten nach der Entführung sind die Jets des Jagdgeschwaders 74 in der
Luft. Der Befehl: Abdrängen, Erzwingen der Landung oder im Ernstfall
Abschuss der Maschine. (...)
Ganz anderer Meinung ist da der Bundeswehrverband. Hier sieht man sich im
Stich gelassen, fordert deshalb eine wasserdichte Gesetzgebung. Hartmut
Schönmeyer vom Bundeswehrverband fordert:
„Wir stellen uns vor, dass der Artikel 35 des Grundgesetzes dahingehend
geändert wird, dass wir eine Ermächtigung erhalten um ein sogenanntes
Bundeswehraufgabengesetz zu erhalten, was dann alle Dinge des Einsatzes der
Bundeswehr im Innern regeln würde. Das ist bisher ansatzmäßig nicht zu
erkennen.“
Schlampig gearbeitet wurde auch bei anderen Punkten. Bisher noch kaum
wahrgenommen: Im neuen Luftsicherheitsgesetz werden nicht nur
Bundeswehrpiloten zu Vollstreckungsbeamte im Inland. Auch polizeiliche
Aufgaben werden auf private Gesellschaften übertragen, wie zum Beispiel
Sicherheitskontrollen an Flughäfen. Auch hier ist die verfassungsrechtliche
Grundlage bedenklich. Der Chef des Flughafens München, Michael Kerkloh
meint hierzu:
„Sollen wir Dinge die hoheitlich sind, also mit der Sicherheit des Staates
zusammenhängende Aufgaben, sollen wir diese übernehmen, oder ist das nicht
tatsächlich wie bisher Aufgabe des Staates. Diese Pflichten halten wir zum
Teil für verfassungswidrig zum Teil für EU-rechtswidrig.“
Also: Das neue Gesetz hat einige Schwächen. Die Entführung in München ging
noch einmal glimpflich zu Ende. Der Entführer wurden überwältigt, die
Passagiere kamen mit dem Schrecken davon. Auch die Phantom-Jets kehren,
ohne ihre Waffen eingesetzt zu haben, nach Neuburg zurück. Zum Glück, denn:
Die Konsequenzen für Piloten wären im Ernstfall nicht klar gewesen.
(ARD-Report (München), 19.07.04)
Vollständiger Beitrag unter:
http://www.br-online.de/daserste/report/archiv/2004/00157/
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