|
Presseinfo zum Prozess am 23.2.2008
Ist die Gentechnik rechtswidrig?
Ein Strafprozess in Gießen könnte diese Frage auf bemerkenswerte
Weise klären. Angeklagt sind vier FeldbefreierInnen. Zittern aber
müssen eher die Betreiber eines gentechnischen Versuchsfeldes -
und Bayer, Monsanto & Co.
Am 2. Juni 2006 gelangten vier Personen auf das Versuchsfeld mit
transgener Gerste in Gießen. Dass ihnen dieses Kunststück trotz
vorheriger Ankündigung und intensiver Polizeibewachung gelang, ist
eine der Besonderheiten des Konfliktes zwischen
Gentechnik-BefürworterInnen und den GegnerInnen der
DNA-Manipulationen auf den Feldern. Bedeutender könnte eine andere
werden: Den FeldbefreierInnen, wie sie sich selbst nannten, ging es
nämlich nicht nur um die Beendigung der Freisetzung manipulierter
Pflanzen, sondern darum angeklagt zu werden. "Nur dann kann endlich
geklärt werden, ob die Gentechnik überhaupt rechtmäßig ist",
formulierten sie dieses zusätzliche Motiv.
Nun ist es soweit. Im April 2008 sollen die AktivistInnen vor
Gericht gestellt werden. So bunt diese vierköpfige Gruppe aus
verschiedenen Städten und von der Studentin bis zum Rentner ist, so
brisant sind die Fragen, die sie stellen und klären wollen: "Können
einmal ausgebrachte Gensequenzen unter Kontrolle gehalten werden?
Ist die gesetzlich vorgeschriebene Koexistenz zwischen
gentechnischer und gentechnikfreier Landwirtschaft gewährleistet?
Stellt die Gentechnik einen Verstoß gegen naturschutz- und
grundrechtliche Vorgaben dar? Wurde beim konkreten Versuch
geschummelt, gelogen und nachlässig gearbeitet?"
Der Gießener Prozess kann eine bisher einmalige Verdichtung der
Debatten um Risiken der Gentechnik, der mit ihrer Anwendung
verbundenen Steigerungen von Abhängigkeiten und Machtverhältnissen
sowie der Frage von Koexistenz und des Schutzes konventioneller und
ökologischer LandwirtInnen, ImkerInnen und PflanzenzüchterInnen
bewirken. Zudem spricht viel dafür, dass es noch um mehr gehen
könnte - um die Glaubwürdigkeit der Gentechnikforschung in Gießen
und überall. Mit Prof. Kogel tritt ein sich seriös gebender
Gentechnikforscher in den Zeugenstand, zudem weitere Personen aus
der Versuchsleitung. Die Angeklagten wollen zudem die
Verantwortlichen der Genehmigungs- und Überwachungsbehörden hören,
Sachverständige laden und Gutachten zur Frage der Rechtmäßigkeit
einfordern. "Der bisherige Verlauf vieler Versuche deutet an, dass
hinter der Fassade von Biosicherheitsforschung und moderater Sprache
verschleierte wirtschaftliche Interessen, Täuschung der
Öffentlichkeit und viel Pfusch in der Anwendungspraxis stehen",
werfen die Angeklagten den Versuchsbetreibern vor - unter anderem
dem Team um Prof. Karl-Heinz Kogel aus Gießen. Allein für die
Universität Gießen geht es um viel, denn sie führt neben dem
Gerstenversuch noch zwei Sortenprüfungen mit Mon810-Mais in
Rauischholzhausen und Groß-Gerau durch, zudem ist sie am
umstrittenen Weizenversuch in Gatersleben beteiligt. Ob oder wo was
verschwiegen, getäuscht oder gar gelogen wurde, könnte der
bevorstehende Gerichtsprozess klären. Am 7. April treffen sich die
KontrahentInnen das erste Mal im Amtsgericht Gießen. Weitere Termine
sind für den 14. und 28. April vorgesehen.
Rundherum planen die AktivistInnen ein Programm von Veranstaltungen
und Aktionen, darunter als Höhepunkt eine Demonstration gegen die
Gentechnik am Montag, 7. April, ab 17 Uhr in Gießen. Vom Startpunkt
am Amtsgericht soll es zum beteiligten Regierungspräsidium, zum
Uni-Hauptgebäude und zum umstrittenen Gerstenfeld gehen. Öffentlich
sind aber auch die Gerichtsprozesse - und zudem spannender als jede
bisherige Diskussionsveranstaltung. Denn die GentechnikforscherInnen
treten als ZeugInnen an. Dort werden sie von den Angeklagten und
Anwälten befragt. Das Gesetz schreibt vor, dass sie die Wahrheit
sagen müssen. Sonst droht ein viertel Jahr Mindest-Haftstrafe. Darum
hoffen die Angeklagten und ihre UnterstützerInnen, viele
Hintergründe des Gerstenversuches und der Ziele von
Agrar-Genforschung aufdecken zu können.
Mehr Informationen unter www.gendreck-giessen.de.vu
- Hinweis
- Hintergrundtext zum Gerstenversuch und bevorstehenden Prozess
aktuell erschienen im GID Februar 2008 (Gen-ethischer
Informationsdienst, S. 26 ff.) auf:
www.projektwerkstatt.de/gen/giessen.htm#bedeutung
Download des obigen Pressetextes mit diesem Hintergrundtext über
www.projektwerkstatt.de/gen/downloads/pm23_2_08.pdf
--
FeldbefreierInnen
c/o
Projektwerkstatt Saasen, 06401/90328-3, Fax -5, unterwegs 0152-29990199
Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen-Saasen (20 km östlich Giessen)
www.projektwerkstatt.de/saasen <saasen ät projektwerkstatt.de>
|